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Monat: Juni, 2014

Louisiana, New Orleans und der Bible Belt

Wer aus dem Landesinnere Louisianas bis an die Südspitze nach New Orleans gelangen will, benötigt ein Auto. Das Bahnnetz ist nicht ausgebaut, und die Busse benötigen eine halbe Ewigkeit.

Überhaupt ist Louisiana ein typischer US-Bundesstaat, in dem das Auto eines der wichtigsten und am häufigsten genutzten Besitztümer der Menschen ist. Wer läuft, ist verdächtig, verdächtig, ein Krimineller oder sogar ein Obdachloser zu sein.

Ersterer hätte in einem Land mit harter Justiz, in dem sogar die Todesstrafe verhängt werden kann, schlechte Karten, letzterer hingegen könnte auf Unterstützung und Wohlwollen derjenigen hoffen, die im sozialen Gefüge besser situiert sind. Zwar wird man in Louisiana nicht gerne an Missstände und gesellschaftliche Probleme erinnert (es gilt das Prinzip des Wegschauens ), da jedoch das Sozialsystem der USA verglichen mit dem  Deutschlands oder auch Frankreichs als rückständig gilt, zeigt zumindest der US-amerikanische Mittelstand gerne die Bereitschaft, durch Mitfahrangebote mit dem Auto oder Essens-Angebote auszuhelfen.

So wurde ich während meines dreimonatigen Aufenthaltes gleich mehrfach, jeweils trotz  meines freundlichen Protestes,  in ein fremdes Auto hinein komplimentiert, um abends bei strömendem Tropen- Regen die halbstündige Strecke vom Kaufmarkt zurück zu meinem rustikalen Holz-Apartment nicht als Fußgänger zurücklegen zu müssen. Denn auf ein Leihauto hatte ich meist verzichtet, aus finanziellem Kalkül und, um die wunderschöne Natur nicht von einem Autofenster aus bewundern zu müssen.

Mein hauptsächlicher Aufenthaltsort in Louisiana war, wie der Leser sicher bereits vermutet, eben nicht New Orleans, sondern im Landesinneren gelegen, unweit von Alexandria, um genau zu sein am ländlichen Rande der Kleinstadt Pineville, die von ungewöhnlich konservativer Religiosität geprägt ist. So hatte Pineville im Alleingang ein generelles Alkoholverkaufsverbot eingeführt, dass Berichten zufolge erst Anfang 2014 gelockert wurde. Die leeren Bierdosen, die sich dennoch überall am Straßenrand fanden,  stammten aus dem benachbarten Alexandria, das durch eine Brücke über den Red River mit Pineville in Verbindung steht. Hier gabt es ausnahmsweise einen recht regen Fußgängerverkehr.

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Red River Brücke (Copyrights Stefan F. Wirth)

Tagsüber und bei Sonnenschein hielten die Autos eher nicht an, um mich als einsamen Fußgänger irgendwohin mitnehmen zu wollen. Denn zu dieser Tageszeit wurde ich bevorzugt als dubioser Landstreicher wahrgenommen, der scheinbar unmotiviert in den Wäldern,  auf den Wiesen und entlang der Straßen herumstreunte, gelegentlich innehielt und wie unter Drogeneinwirkung den Boden unter sich anstarrte, um anschließend mit Stöcken darin herumzustochern. Wie sollten die Beobachter auch erahnen, dass ich als Milbenforscher die Nester der roten Feuerameise Solenopsis invicta öffnete, um an die geflügelten Jungköniginnen zu gelangen, die unter bestimmten klimatischen Bedingungen dort auf ihren Hochzeitsflug warteten. Denn die Milbenart, die an diesen Kopulations-Manövern in luftiger Höhe regelmäßig, sozusagen als blinder Passagier, teilnahm, war das Ziel meiner Forschungsaktivitäten. Meine etwa ein halbes Jahr später und mit einem amerikanischen Kollegen zusammen publizierte Artbeschreibung gab dieser Milbe als neuer Art erstmals einen wissenschaftlichen Namen.

Als ich einmal an einem klaren schönen Sommertag, es war flirrend heiß, die hohe Luftfeuchtigkeit ließ mir warme Schweißperlen auf der Stirn entstehen, auf einer kleinen Brücke stand und auf die bunte Vegetation hinabblickte, war mir das Polizeiauto mit der Aufschrift „Sheriff“ erst aufgefallen, als es sich in betont langsamer Geschwindigkeit hinter meinem Rücken vorbei schob. Die Brücke war eng und bot im Grunde nur Platz für die passierenden Fahrzeuge. Fußgänger hingegen sind bis heute auf den Brücken der Region nicht berücksichtigt. Offenbar nur für Notfälle im Zusammenhang mit Autopannen ist ein erhobener und  etwa fünfzig Zentimeter breiter Gehsteig vorhanden, auf dem ich gerade mit Mühe das Gleichgewicht hielt, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die kleine kompakte Digitalkamera in der Hosentasche auf Bereitschaft, die Augen mit aufmerksamem Interesse in das blühende und vor Insektengeschwirr wimmelnde Grün unter mir gerichtet.

Die neugierigen und verständnislosen Augen der beiden Polizisten in dem Auto, das der Behörde des Sheriffs gehörte, spürte ich im Rücken, ohne mich umdrehen zu müssen. Mit einem kurzen Blick zur linken Seite konnte ich erkennen, dass das Gefährt jenseits der Brücke am Straßenrand stehengeblieben war, von wo aus man mich offenbar weiterhin beobachtete. Ein unbehagliches Gefühl, das mich jedoch nicht daran hinderte, meine Zigarette in Ruhe aufzurauchen. Einige Minuten später hatte ich das Sheriff-Auto zu Fuß erreicht und erkundigte mich höflich nach dem Grund der freundlichen Aufmerksamkeit, worauf man mir ebenso höflich entgegnete, man habe befürchtet, dass ich mit suizidaler Absicht womöglich habe springen wollen.

Ich bedankte mich kurz angebunden und Kopf schüttelnd und wusste sofort, dass die Beamten nicht zugeben wollten, mich nur unter Beobachtung gestellt zu haben, weil ich am hellichten Tage auf zwei Beinen unterwegs gewesen war. Zumindest hoffte ich, dass diese Interpretation der Wahrheit entspräche, konnte ich mir doch nicht vorstellen, dass US-Polizisten tatenlos einen Selbstmord beobachten würden. Ohnehin handelte es sich um die niedrigste Brücke weit und breit, die für einen Suizid nicht hätte ungeeigneter sein können.

Das banale Ereignis führte dazu, dass mich mein Weg künftig nicht mehr über diese Brücke, sondern neben ihr vorbei führte, was ein wesentlich intensiveres Naturerleben  zur Folge hatte. Das eigentliche Feuchtgebiet um das niedrige Rinnsal herum, das ich mit Leichtigkeit überspringen konnte, war mit dichtem Gestrüpp umwachsen, blieb jedoch eng begrenzt und ging mehr oder weniger abrupt an beiden Seiten der Brücke in Sandhänge mit Trockenvegetation über. Wie für die Region üblich hat der Sand, der an den Hängen teilweise feucht bleibt, eine rötliche Färbung, durch eisenhaltige Einlagerungen hervorgerufen. Krötenwinzlinge, gerade ihrer Metamorphose entsprungen, hüpften um diese Jahreszeit vor meinen Füßen umher, während der vollkommen trockene und lockere Sand  direkt unter der niedrigen Fahrbahn ein symmetrisches Muster kleiner Krater aufwies, an deren Basis die Larven der Ameisenjungfern mit giftigen Mandibeln auf Beute lauerten. Ich gewöhnte mir an, mich gelegentlich zu ihnen zu gesellen, um im Schatten ein wenig abzukühlen und den Geräuschen der Autos auf der Straße über mir zu lauschen, ein beruhigendes dumpfes, mehrstimmiges Rauschen, das unregelmäßig an- und abschwoll.

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Die kleine Brücke von unten gesehen (Copyrights Stefan F. Wirth)

Mein Weg führte mich häufig an jener Brücke vorbei, und es wurde mir zur Angewohnheit, unter ihr zu verweilen, kleine Insekten in die Fallen der Ameisenlöwen purzeln zu sehen, dem Gesang der Frösche zuzuhören und die bunten Tagfalter zu beobachten, die um die Blüten der Büsche herum tanzten. Eigentlich war es ein kleiner, unscheinbarer Ort, der den meisten Menschen nicht weiter aufgefallen wäre. Doch mir war er zunehmend zu einem inspirierenden Mini-Paradies geworden, an das ich mich noch lange erinnern wollte. Daher zeigen zahlreihe Fotoaufnahmen eine leicht marode, eher unscheinbare kleine Brücke aus allen denkbaren Perspektiven. Doch war es mir darüberhinaus wichtig, dass dieses Natur-Idyll auch eine Erinnerung an mich behalten sollte, weswegen ich mich mit einem meiner Schlüssel irgendwo im Beton mit Namen und Datum verewigte.

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Brücke als Natur-Idyll (Copyrights Stefan F. Wirth)

Rassismus, Weiß gegen Schwarz, ist in Louisiana leider kein Thema von gestern, zumindest nicht auf dem Lande und in den Kleinstädten. Die Ortschaften, in denen Farbige meist in unübersehbarer Armut leben, werden als „No-Go-Areas“ für Touristen und sonstige Reisende ausgewiesen. Der Besucher empfindet dies zurecht als Attacke gegen alle modernen gesellschaftlichen Werte. Und doch verbirgt sich offenbar ein Teufelskreis dahinter, der für alle Beteiligten schwer zu durchbrechen ist. Es gäbe durchaus eine gegenseitige Separation beider Seiten voneinander, zumindest heutzutage, berichtete mir eine ungewöhnlich gesprächige Frau, der ich beim Einkauf im Supermarkt begegnete und die mich durch ihren Mitteilungsdrang mindestens fünfundvierzig Minuten zwischen Pasta und Salzbrezeln festhielt. Das Gespräch vermittelte mir zwar kein wirkliches Verständnis der vorherrschenden, unterschwellig überall bemerkbaren Rassendiskriminierung,  erklärte aber immerhin die Wahrnehmung der Einheimischen bezüglich dieses unsympathischen gesellschaftlichen Phänomens.

Ich jedoch, dem Charakter nach immun gegen Massentrends seiend, missachtete den „No-Go“-Hinweis und fuhr mit einem Leihwagen im Armenviertel Alexandrias vor.

Das Auto hatte ich nur für kurze Zeit,  für etwa drei bis vier Tage, ein schwarzer PKW, die Marke habe ich vergessen, auf jeden Fall zu auffällig für Alexandrias verbotene Zone. Doch dessen war ich mir damals aus Dummheit nicht hinreichend bewusst. Dass man den Weg über die Hauptstraße des Viertels bei zügiger Weiterfahrt bedenkenlos nehmen konnte, war mir nach einigen Tagen des Herumfahrens, um die Gegend zu erkunden, bekannt. An jenem Tage jedoch blitzte mir dort kurz vor Sonnenuntergang rot leuchtender Metallschrott entgegen, Regale, Gestelle, Autoteile und kleinere Container. So parkte ich spontan mein Fahrzeug auf einem dafür vorgesehenen markierten Bereich ab, nahm die Fotokamera unter den Arm und lief um den alten Schrott herum, der so lebendig in der Sonne funkelte, um zu fotografieren. Zig Bilder habe ich dort aufgenommen, manche Motive im Sekundenrhythmus gleich mehrfach abgelichtet, da sich die Lichtverhältnisse stetig geringfügig veränderten und ich im Nachhinein die schönste Version am Computer auszuwählen gedachte. Die großen Container ganz im Hintergrund habe ich auch fotografiert, doch sie waren mir die Mühe einer direkten Annäherung, um auch die Rückseiten betrachten zu können, nicht wert. Auffällig die Löcher inmitten des stark korrodierten Bleches, die nicht durch natürliche Zerfallsprozesse entstanden waren.

Das Schrottmaterial, tief rostrot verfärbt, wurde durch den roten Boden in seiner dynamischen Leuchtkraft zusätzlich verstärkt, inmitten der zunehmenden Düsternis des Abends. Es schien, als stünde ich inmitten einer schönen, jedoch lichterloh brennenden Landschaft.

Ich wähnte mich zunächst vollkommen alleine, doch in Wirklichkeit wurde ich beobachtet. Als ich mich umsah, war da etwas entfernt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehend, ein Mann. Um nicht noch mehr Aufmerksam auf mich zu ziehen, entschloss ich mich zum gemütlichen Rückzug. Wieder im Auto sitzend und fast abfahrtbereit klopfte es an das Fenster meiner Fahrerseite, das ich daraufhin mit Hilfe der Elektronik öffnete. Ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters, groß und kräftig gebaut, sprach mich sichtlich erregt an, warum ich hier parkte, ich hätte hier nichts verloren. Worauf ich entgegnete, meine Gründe hierfür seien vollkommen harmlos und freundlich, ich hätte nur einige Fotos machen wollen, was der Mann keineswegs als akzeptable Entschuldigung für meinen unerwünschten Aufenthalt durchgehen ließ. Er geriet zunehmend in Rage. Sollte ich es jemals erneut wagen, mein Auto hier zu parken und auszusteigen, würde er umgehend seine Pistole auf mich richten, „richten“ hat er gesagt, nicht „mich erschießen“, und doch erschien mir dies fast gleichbedeutend, insbesondere, da sich sein Gesicht immer weiter verkrampfte, er die Stirn in Zornesfalten zusammenpresste, hastig und deutlich hörbar durch den Mund atmend,  und er plötzlich geradezu hysterisch in seiner Jacke herumkramte.  Eine Situation, die mir niemals zuvor widerfahren war. Ich hatte Angst und spürte mein Adrenalin wie ein Feuerwerk durch meinen gesamten Körper schießen. Er suchte nach seiner Waffe;  was konnte ich tun? Mein Körper zitterte, auf meine Vernunft, überhaupt den gesamten vorderen Hirnlappen, hatte ich keinen Zugriff mehr. Ich reagierte daher instinktiv. Mein Überlebensinstinkt führte mich.  Hastig verschloss  ich ohne ein weiteres Wort das Fenster und fuhr zügig von dannen.

Wahrscheinlich hatte ich versehentlich auf privatem Grund geparkt, ein im Grunde unverzeihlicher Fehler. Wusste ich doch, dass in nicht wenigen Teilen der USA Privatgrundstücke durch Waffengewalt verteidigt werden dürfen.

Tage später betrachtete ich die Schrottplatz- Fotos auf meinem Laptop. Keines ist richtig gut geworden, jedenfalls nicht vom künstlerisch-ästhetischen Standpunkt aus gesehen. Doch die Container im Hintergrund, im Bild besser zu sehen als vor Ort, wirkten dennoch unerklärlich geheimnisvoll. Eine Bilderreihe zeigte immer wieder denselben Container mit unveränderter Perspektive. Allerdings erst bei zügigem Vor- und Zurückklicken der Aufnahmen wurde erkennbar, dass sich hinter den großen Öffnungen im Container etwas veränderte. So etwas wie ein Vorhang wanderte vor und zurück. Auf dem letzten Foto war jedoch gar kein Vorhang mehr zu sehen, stattdessen war da ein Gesicht, unscharf, etwas überbelichtet, doch eindeutig ein Menschenkopf. Jemand musste sich dort aufgehalten, womöglich versteckt haben, zumindest jedoch wird derjenige  meinen Besuch eher nicht als begrüßenswert empfunden haben. Die befremdliche Wut des alten Mannes an meinem Auto war so zudem vielleicht besser erklärbar geworden.  Eigentlich ist mir dieses Erlebnis peinlich, denn irgendwie hatte mich mein Leichtsinn an diesem Tage offenbar zum Porzellanladen-Elefanten werden lassen.

Als Wissenschaftler und Evolutionsbiologe interessierte ich mich dafür, wie die enge Verknüpfung der Lebensstrategien von Feuerameise und Milben wohl entstanden sein mochte. Eher ungewöhnliche Fragestellungen in dieser Region, denn Louisiana liegt mitten auf dem Bible Belt, der im Grunde alle Südstaaten der USA umfasst. Evangelikaler Protestantismus und das Wort der Bibel bestimmen beträchtliche Aspekte des Alltagslebens,  ist integraler Bestandteil im Selbstverständnis aller Ethnien vor Ort.  Die Religion verbindet auch Schwarz und Weiß, jedoch bevorzugt man häufig getrennte Kirchen. Die Vielfalt an Freizeitbeschäftigungen ist in den ländlichen Regionen eher begrenzt und kann oft eingeschränkt werden auf Fischen, Jagen und soziales Engagement. Letzteres meint fast immer kirchliche Tätigkeiten, die ehrenamtlich ausgeführt werden. Das Wort „Evolution“ hört man nicht gerne, denn zumeist ist die biblische Schöpfungsgeschichte  fest verwurzelt in einer Logik,  die so im Grunde alles erklären kann, soziale Phänomene, ethnische und kulturelle Unterschiede, die Vielfalt des Lebens.

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Verbreitungsstadium der Milbe Histiostoma blomquisti (Copyrights Stefan F. Wirth)

Für Einheimische scheint es zwingend zu sein, einer Kirche anzugehören, üblich sind dabei verschiedene Versionen des Protestantismus, baptistisch, lutherisch oder anglikanisch. Notfalls sind auch nicht-konfessionelle oder über-konfessionelle Kirchengruppierungen erlaubt. Atheismus jedoch gilt als inakzeptabel exzentrisch.

Mein US-amerikanischer Kollege und Kooperationspartner vor Ort war damals bereits achtzig Jahre alt, kam ursprünglich nicht aus dem Süden und galt durchaus als komischer Kauz, vor allem sicherlich, weil er sich hartnäckig weigerte, trotz langjährigen Ruhestandes auf die tägliche Forschungsarbeit zu verzichten. Er war derjenige, der mich zum ersten Mal überhaupt darauf hingewiesen hatte, dass  es den Bibel-Gürtel gibt. Kreationismus, der wörtliche Glaube an die Schöpfung Gottes, wird hier von vielen Menschen erschreckend wörtlich genommen. Wenn im ersten Buch Mose (2,4b-3,24) steht: „Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute…„, so wird das tatsächlich Wort für Wort als Tatsachenbericht angenommen, sogar dann noch , wenn es im selben Abschnitt des Mose-Buches weiter heißt, Gott habe dem Menschen „den Odem des Lebens in seine Nase geblasen„. Wer an blasende Götter glauben möchte, nimmt allgemein vieles als gegeben hin, die Komplexität des Lebens muss nicht überdacht werden, gesellschaftliche Ordnungen werden kritiklos als gottgegeben akzeptiert. Wer auf die Bibel verweist, wenn er nach den Prinzipien des Lebens gefragt wird, benötigt keine differenzierten Gedankengänge. Kreationismus fördert fördert Unmündigkeit und Denkfaulheit.

Die Schlange kommt in der Bibel leider nicht gut weg. Steht sie doch für Unvollkommenheit, das Teuflische und die Hinterlist. Ihre Beliebtheit innerhalb des Bible Belts hält sich daher auch sehr in Grenzen. In Lousiana habe ich einige kennengelernt, die sich nur bei Regen und Kälte nach draußen wagen, denn dann haben sich die schlängelnden Reptilien in ihre Verstecke zurückgezogen. Eine hysterische Angst, so albern wie unbegründet. Nur zwei Arten gelten hier als giftig, ich habe überall nach ihnen gesucht, sie jedoch nirgends gefunden.

Sie sind selten, denn die Landschaft hier wird durch den Menschen recht stark manipuliert. Wilde Wiesen werden gemäht und Wälder durch Brandrodung kontrolliert. Das hält nicht nur die Schlangen fern, sondern auch die Alligatoren, die hier eigentlich überall sein müssten. Gewässer gibt es genug. Doch nur in den Swamps bei New Orleans kann man sie zahlreich entdecken. Doch wer will schon ein Krokodil im Swimmingpool? Nein, Schlangen und Krokodile will man hier lieber nicht. Ich hörte, dass Klapperschlangen erschlagen werden, wenn sie sich unkluger Weise zu nahe an die Behausungen heran schlängeln. Ob man auf Alligatoren schießt?

Andere Tiere entdeckte ich allerdings häufig, tot am Straßenrand, und ich muss gestehen, den ersten Kadaver, dr mir begegnete, für einen Alligatoren gehalten zu haben. Doch in Wirklichkeit handelte es sich um einen Säuger, ein Gürteltier, die man hier Armadillo nennt.  Leider sieht man sie niemals lebendig, denn sie sind streng nachtaktiv. Bizarre Tiere, scheinbar eine Mischung aus Schildkröte, Alligator, Igel und Saftkugler.

Das Wandern entlang der Straßen in Louisiana ist überhaupt sehr spannend, denn überfahrene oder sonst wie verendete Tiere werden nicht weggeräumt. So findet man auch Schlangen, Stinktiere, Schildkröten und Riesenheuschrecken. Vor allem jedoch Gürteltiere. Das Warum trieb mich an, weswegen ich umgehend meinen älteren Kollegen bezüglich der vielen Gürteltier-Kadaver konsultierte. Die Gürteltiere besäßen ein ganz besonderes Verhalten, so erläuterte er mir, sie hüpften bei Gefahr instinktiv in die Höhe, was eben auf der befahrenen Straße eine äußerst ungünstige Form der Problembewältigung sei. So stellten sie nämlich sicher, von jedem sich nähernden Auto tatsächlich auch getötet zu werden. Gürteltiere gebe es recht viele hier in Louisiana, Autos leider auch.

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Gürteltierkadaver am Straßenrand (Copyrights Stefan F. Wirth)

Es ist dies ein gewagter Themenwechsel, nach Berichten über verwesende Tierkadaver am Straßenrand auf kulinarische Genüsse zu sprechen zu kommen. Doch da wir ausgehend von lebenden Alligatoren in den Sümpfen von New Orleans rhetorisch geschickt überleiten konnten zu zerfetzten Gürteltier-Kadavern in Pineville, ist es nun dem Leser sicherlich gut nachvollziehbar, im Folgenden zu den Alligatoren zurückzufinden und uns diese quasi ebenfalls in zerteilter Erscheinungsweise vorzustellen, in dem Falle nicht breitgefahren auf einem Trottoir, sondern hübsch arrangiert auf dem Essgeschirr eines Feinschmeckerrestaurants. Am Beispiel frittierter Alligatorenfilets möchte ich an dieser Stelle nämlich verdeutlichen, dass die Kunst der Haute Cuisine nicht darin liegt, besonders exklusive Objekte aufzutischen, sondern darin, diese exklusiv zuzubereiten. In unserem Falle stehen diesem Prinzip leider die Bedürfnisse ländlich geprägter Gaumen entgegen, die offenbar nach einem starken Wiedererkennungseffekt verlangen und lieber auf Experimente verzichten. Das Risiko, ein neues Geschmackserlebnis als unangenehm zu empfinden, wird nämlich minimiert bei gleichzeitiger Reduzierung der Fremdartigkeit, die den Geschmackssensillen der Zunge zugemutet wird. Viel Panade und ranziges Fett lassen tatsächlich Auster, Alligatorenfilet, Kartoffelstreifen und Pilze geschmacklich eins werden. Die Bekömmlichkeit ist dem Fremden dabei keineswegs garantiert, jedoch meiner Erfahrung gemäß zumindest Gewöhnungssache.

Nun könnte man glauben, meinen Ausführungen entnehmen zu müssen, in Louisiana verstünde man nichts von guter Küche. Ganz so stimmt das jedoch nicht. Wenn man irgendwo auf der Welt hervorragend zubereiteten Flusskrebs speisen kann, dann vermutlich hier. Die hummerartigen Süßwasser-Crustaceen der Art Procambarus clarkii kommen hier nicht nur überall vor, sondern werden auch genauso regelmäßig und  in großer Zahl zum Verzehr angeboten, eine wahre Gaumenfreude, die vorangegangene und unangenehme Erlebnisse mit schmierigen Panade-Champions schnell in Vergessenheit geraten lässt. Es ist ein „must“ für Louisiana-Reisende, den „crayfish“ , wie die Tiere hier heißen, zu kosten.

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Flußkrebs in Pineville, Louisiana (Copyrights Stefan F. Wirth)

Wenn wir schon einmal bei landestypischen Speisen angelangt sind, ist die Frage nach dem Verbleib derjenigen Menschen, die sie vermutlich als erste überhaupt jemals gekostet haben, nicht abwegig. So erkundigte ich mich einmal voller Neugierde, was denn eigentlich aus den Indianern des Landes geworden sei, ob es Reservate gäbe und wo sich diese befänden. Doch zu meiner Überraschung wurde die Existenz von Indianern zunächst resolut verneint. Ungläubig und verwundert nahm ich sogleich die nächste Gelegenheit wahr, dies mithilfe der Internetrecherche zu überprüfen, die sofort Gegenteiliges zutage förderte. So sind zum Beispiel die Chitimacha aus der Sprachfamilie der Algonkin-Indianer vor allem im Bereich des Grand Lake in Reservationen angesiedelt worden, einer Region des Landes, die im übrigen ursprünglich einmal vollständig ihnen gehört hatte. Der zuvor Gefragte, nun mit meinen Google-Ergebnissen konfrontiert, winkte geringschätzig ab und entgegnete mir ein: “ Ach die…, ja die gibt es, … die wollen aber lieber unter sich sein…“.

Derselbe schwarz glänzende Leihwagen, der mich in Alexandria beinahe dem Lauf einer auf mein Gesicht gezielten Pistole ausgeliefert hätte, brachte mich nun wohlbehalten nach New Orleans, runter an den Golf von Mexiko, eine etwa dreistündige Autofahrt, vorbei an zurecht gestutzten und niedrig gemähten Waldrändern auf der einen und Sumpfgebieten mit Kleingewässern, wie an einer Perlenkette miteinander in Verbindung stehend, auf der anderen Seite. Die Stadt selbst ist von Wasser umgeben, weshalb mehrere Brücken passiert werden müssen, um schließlich in die „Wiege des Jazz“ gelangen zu können.

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Typisches Feuchtgebiet in Louisiana (Copyrights Stefan F. Wirth)

Man kann die berühmte Bourbon Street im French Quarter auch als Touristen-Meile bezeichnen, die dazu dient, den Reisenden davon abzuhalten, einen Blick auf andere Stadtteile zu werfen, die man dann als weniger attraktiv empfinden würde. Doch damit tut man der berühmten Straße und dem dazu gehörigen Viertel Unrecht.

Es war später Vormittag, die Sonne brannte über New Orleans, die Luft war feucht, alles Bunte funkelte im Tageslicht, es roch nach Menschen-Schweiß, wohlriechendem Körpergeruch, der pheromongeschwängert war, viele Schwarze Männer mit freien Oberkörpern auf der Straße, Gelächter und Stimmengewirr von allen Seiten. Die Bourbon Street köchelt vor Energie, Lebendigkeit, Erotik flirrt durch die Luft. Menschen saßen auf Terrassen in den oberen Stockwerken der Bars. Große Deckenventilatoren surrten über ihnen, während fröhliche Augen das Treiben auf den Straßen beobachteten. Der Geruch nach lebendigem Wasser, aber auch Fäulnis, Algen und toten Fischen drang vom nahegelegenen Mississippi herüber. Jazzige Töne raunten in allen Ecken, Live-Musik aus den benachbarten Gaststätten unter freiem Himmel.

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Alligator aus den Sümpfen bei New Orleans (Copyrights Stefan F. Wirth)

Ich erreichte einen Kunstmarkt, auf dem Malerei durch die Urheber ihrer Werke höchst selbst feilgeboten wurde. Ein durchaus hohes Niveau, die Künstler waren gesprächsbereit, und ich erfuhr, dass die meisten von ihnen auch in Galerien ausstellten, dort zum höheren Preis, versteht sich. Ich kaufte das dynamische und farbenprächtige Gemälde eines Saxophon-Spielers für etwa hundert Dollar, mehr, als mich mir eigentlich leisten konnte, doch ich liebe Kunst.

Irgendwo traf ich schließlich einen alten Mann, ein Schwarzer, ein beeindruckender Typ, ein Maler, doch sein Werk, das mir so gut gefiel, wollte er mir partout nicht verkaufen, Fragen dazu ignorierte er konsequent, lieber wollte er erzählen und fand in mir einen geduldigen und interessierten Zuhörer. Seine Erzählung war mindestens so lebendig wie seine Malerei, dabei erschien es mir unerheblich, ob seine schier unglaubliche Geschichte der Wahrheit entsprach oder ob er einfach ein begnadeter Märchenerzähler war. Er berichtete von seinen Erlebnissen während einer gewaltigen Naturkatastrophe, die vor vier Jahren die Region um New Orleans heimgesucht hatte, nämlich im August 2005 (der hier vorliegende Erlebnisbericht, bezieht sich demnach also auf eine Reise, die ich 2009 unternommen habe). Er lebte allein mit seinem Hund, einem größeren Mischling, in einem kleinen Holzhaus auf dem Lande, mit angrenzendem Garten und einigen Bäumen, das ganze auf einer gewissen Erhöhung stehend, einem Hügel vielleicht, als Hurrikan Katrina wie eine gnadenlose Furie das Land verwüstete und zahlreiche Bewohner tötete. Die verstörenden Fernsehbilder gingen um die Welt. Und aus dem Holzhaus mit dem Garten war eine Insel geworden. Nichts darauf hat größeren Schaden genommen, nicht das Eigenheim, nicht seine beiden Bewohner und auch nicht der Garten. Doch die gesamte Umgebung war nicht mehr. So blieb nur noch die Rettung per Helikopter, wusste man doch schließlich nicht, was noch kommen würde, außerdem war man vollständig von der Versorgung abgeschnitten. Die Rettung für den Maler erfolgte nach eigener Aussage auch prompt auf diesem Wege, jedoch musste der Hund zurückbleiben. Es dauerte Wochen, bis das Hochwasser zurückgegangen war. Als dann der Künstler, der die Zeit in New Orleans verbracht hatte, zurückkehrte, schon im Vorfeld trauernd um den vermutlich verstorbenen Vierbeiner, der ihm stets ein sehr treuer Begleiter gewesen war, befand dieser sich völlig unerwartet bei bester Gesundheit.

Eine andere Künstlerin, offenbar betucht, meinte hierzu, der alte Mann erzähle Lügengeschichten. Sie ließ es sich jedoch nicht nehmen, nun auch ihre eigenen Erfahrungen der Katastrophe kund zu tun. Mit schickem Haus und Swimmingpool wohnte sie direkt in New Orleans. Als in Folge des Hurrikans Strom- und Wasserversorgung versagten, hätten die Nachbarn, zuvor Unbekannte, plötzlich Schlange gestanden, um dringend benötigtes Trinkwasser ihrem Pool entnehmen zu können. Überall seien plötzlich Fremde gewesen, ihr Grundstück so faktisch zu einem öffentlichen Gebäude geworden. Wohlwollend habe sie alles an ihre Mitmenschen abgegeben, vor allem das Wasser. Ob die Bedürftigen allerdings dabei in ihrer Not gechlortes Wasser zu sich nehmen mussten, blieb indes offen.

Über den Sturm gibt es noch viele Geschichten mehr. Gerne erzählt man sie, insbesondere den Touristen, denn Katrina „sells“, könnte man sagen. Überall von Hand geschriebene Werbeschilder und dazu gehörige Souvenir-Shops.

Das berühmte Aquarium von New Orleans nahm sich von diesem Werbetrend keineswegs aus. Neu eröffnet, war es doch während des Hurrikans schwer beschädigt worden, lud es dazu ein, die wenigen inzwischen legendenumwobenen tierischen Überlebenden der Katastrophe in Augenschein zu nehmen, zum Beispiel den großen Albino-Alligator.

Ungeschönt hatte ich mir hingegen während meines vorherigen Aufenthaltes vor zwei Jahren ein Bild der Katastrophe machen können. Ein Kollege brachte mich zu einem Armenviertel, das vollständig zerstört worden war. 2007 standen dort die meisten Häuser leer, eine Geisterstadt, nur wenige Gebäude waren provisorisch repariert worden, Plastikfolien schützten dort die löchrigen Dächer vor Wassereinfall. Einmal hatte ich gegen den Rat meines Begleiters das Auto verlassen und kurz eines der Häuser betreten, war durch das völlig leerstehende und zudem ausgebrannte Gemäuer in den dahinter liegenden Garten gelangt und hatte dort einen leeren Grill vorgefunden, teilweise von Geröll beladen, daneben die Grillwerkzeuge, noch immer fein säuberlich angeordnet, noch immer vergeblich auf ihren Einsatz wartend. Die Momentaufnahme eines Unglücks. Die Wiese verwildert, das Gesumme der Bienen und das Geknarre der Heuschrecken in der Luft.

Im Grunde ist New Orleans eine moderne und tolerante Stadt. Die Hautfarben mischen sich, zumindest im French Quarter, und die europäischen Einflüsse sind überall spürbar (wer sich auskennt, findet hervorragende Restaurants. Ich empfehle dem Reisenden, die „Softshell Crab“ zu kosten. Man isst den zarten Panzer einfach mit). Minderheiten stellen eine Selbstverständlichkeit dar, und bereits am ersten Tage waren mir mehrere Mini-Gay-Paraden aufgefallen, die sich offenbar zu spontanen Kundgebungen zusammengefunden hatten. Überhaupt scheint die halbe Bourbon Street (der hintere Bereich) aus Gaybars zu bestehen. Als an meinem ersten Abend vor Ort, ich war in Feierlaune, plötzlich im unteren Areal der Ausgehmeile das Licht ausging, war weit und breit kein Lamentieren zu hören. Die Massen wanderten einfach Straße aufwärts und nahmen dort ihre Plätze ein, und zwar in den zahlreichen nebeneinander aufgereihten Schwulenbars, die als einzige noch über Strom verfügten, denn ein Brand weiter unten hatte einen zentralen Stromverteiler-Kasten beschädigt. Die Reparaturen dauerten die ganze Nacht über an. Die Feier-Stimmung unter allen Anwesenden, ob gay oder nicht, war dennoch prächtig. Gogo-Boys tanzen, auf den Tresen stehend, ausdauernd auf und ab, manche von ihnen schienen Drogen eingenommen zu haben.

New Orleans ist auch eine magische Stadt. Wie schon mit Katrina wird auch mit diesem Image geschäftstüchtig Geld umgesetzt. Überall bieten Voodoo-Läden feil, was sich der Reisende so unter Voodoo-Utensilien vorstellt.

Es ist die Stadt, in der Anne Rice noch vor einigen Jahre lebte und auch geboren worden war, in der ihre Vampirromane spielen. Sie schildert in ihren Werken all das, was der Reisende tatsächlich vorfindet, die Hitze, die Erotik, die Homosexualität, und Orte ihrer Erzählungen sind häufig die Gruften und gewaltigen Friedhöfe. Und die wirken, wenn man sie besucht, vor allem deshalb so wuchtig und beeindruckend, weil Erdgräber unüblich sind. Zu feucht ist der Boden, weswegen man die Verstorbenen stattdessen in Mausoleen bestattet. Zwischen ihnen hindurch zu laufen war, als befinde man sich in einer wahrhaftigen Stadt der Toten. Vereinzelt blühendes Gestrüpp zwischen ansonsten kahlem, oft rissigem Stein und Beton. Subtropische Schmetterlinge tanzten scheinbar bedächtig um die Totenhäuser.

© aller Textpassagen Stefan F. Wirth. Alle Rechte der Textpassagen vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieser Seite darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung von Stefan F. Wirth reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Die Weiterverwendung der Fotos erfortert ebenfalls der Zustimmung von S. F. Wirth, der das alleinige Urheberrecht besitzt . 

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Frau Karo hat Probleme und entschließt sich zum Mobbing

Frau Karo, eine fiktive Akademikerin, steht vor dem Spiegel und legt sich mit einer hastigen Handbewegung das strähnige Haar zurecht. Kurz bleckt sie die Zähne und zieht dabei die Mundwinkel weit zur Seite. Doch die freiliegenden Zahnhälse, durch Zahnbelag leicht dunkel gefärbt, die so sichtbar werden, sind doch eher nicht, was Frau Karo heute gerne an sich selbst sehen möchte. Reflexartig schließt sie daher den Mund, wodurch sich ihre Gemütsverfassung ungewollt verschlechtert.

Schließlich wollte sie sich selbst Mut machen, neues Selbstbewusstsein in sich erwecken, sich an ihrem eigenen, triumphalen Lächeln erstarken, was nun leider missglückt ist. Jetzt wirkt ihr zusammengezogener Mund mit den schmalen Lippen klein und verloren, ernst, ein wenig hilflos und eher unsicher. Das Gegenteil von dem, was Frau Karo in ihrer jetzigen Verfassung gut täte.

Enttäuscht wendet sie sich von ihrem Spiegelbild ab und setzt sich auf einen Holzschemel ganz in der Nähe. Dort stützt sie die Ellbogen auf ihre Knie und legt das Kinn vorsichtig auf ihre gefalteten Hände. Dabei kitzelt der zarte Damenbart leicht an ihren Handknöcheln.

Sie ist nachdenklich, denn sie hat Probleme. Eigentlich müsste sie bei ihrem Werdegang längst Professorin sein, doch irgendwann hat sich der früher weithin geebnete Weg scheinbar grundlos vor ihr verschlossen. Viel kann sie in ihrem Alter nun nicht mehr erwarten.

Als Historikerin Ende vierzig an einer fiktiven norddeutschen Universität scheint sie nun dazu verdammt zu sein, sich für den Rest ihres Lebens von einer befristeten Stelle zur nächsten zu hangeln. Krampfartig presst Frau Karo ihre großen Augenlider gegeneinander, als könne der dadurch entstehende Druck in ihrem Gehirn einen Funken entfachen, um das neuronale Netzwerk ihres für heute schon recht müden Denkapparats in ein produktives Feuerwerk der Impulse zu versetzen. Ideen. Sie braucht neue Ideen!

Der legere Hosenanzug, den sie sich von ihrem Mann ausgeborgt hat, schlägt Falten im Rücken, unangenehmer Weise an der Stelle, mit der sie sich gegen die Wand lehnt. Also versetzt sie, weiterhin sitzend, ihr Becken in rhythmische Schwingungen, bewegt dabei ihre Schultern abwechselnd nach rechts und nach links und erinnert dabei auf durchaus sympathische Weise an einen gestrandeten Hering. Dummerweise vergisst sie, das lockere Oberteil ihres Freizeit-Anzugs zur Glättung nach unten zu ziehen. Allzu unwohl fühlt sie sich in ihrer Haut und seit einiger Zeit lässt sie sich zu schnell durch alle möglichen Reize von ihren wahren Problemen ablenken. Der eingewachsene Nagel ihrer rechten Großzehe drückt, ein juckendes Ziepen an der Zehenspitze ist die Folge. Genervt drückt sie mit der Ferse des anderen Fußes, in der Tat sitzt sie barfuß da, auf den unangenehmen Unruheherd, wodurch es ihr vorübergehend gelingt, sich wieder auf ihre wichtigeren Sorgen konzentrieren zu können.

Kann es ihr gelingen, durch grundlegende Änderungen ihre künftige Berufskarriere positiv zu beeinflussen? Wenn sie vielleicht zusätzliche Fertigkeiten mit einbringen würde, freilich neben ihrer erlernten Fähigkeit, spezifische historische Quellen besonders differenziert lesen und interpretieren zu können. Würde sie vielleicht ihre Zukunft auf breiteren Sockeln positionieren können, wenn sie sich zudem vielleicht künstlerisch betätigte?

Jeder Mensch verfügt über Begabungen. Frau Karo zum Beispiel kann komplizierte Socken stricken, und das ganz ohne Strickmustervorlage! Außerdem kocht sie leidlich gut, den beiden Kindern jedenfalls schmeckt es meistens. Doch wenn man ehrlich ist, sind darüberhinaus keinerlei Talente vorhanden.

Traurig senkt sie für einen Moment den Kopf zur Brust und atmet tief ein. Wie konnte sie eigentlich dort hingelangen, wo sie heute steht? Sie als durchaus fleißige Wissenschaftlerin, die allerdings genau weiß, dass ihr kaum jemand je eine besondere Leidenschaft für ihre Arbeit unterstellen würde. Wo sollte die auch herkommen? Sie musste schliesslich nie viel kämpfen, sondern hatte einfach ohne jemals zu zögern den Weg beschritten, der ihr zuvor geebnet worden war. Allerdings konnte all dies nur Dank der Fürsorge ihres Mentors geschehen, dem fiktiven Professor Dr. Hubmeier, der heute ärgerlicher Weise längst im Ruhestand ist.

Wenn sie daran denkt, wie sie den berühmten Ägyptologen damals kennengelernt hatte, muss Frau Karo kurz schmunzeln. Eigentlich hat sie zunächst, es ist nunmehr über zwanzig Jahre her, vorwiegend durch ihr Interesse, sich mit dem Ungewöhnlichen, dem kleinen Detail, das man allzu schnell übersehen kann, näher befassen zu wollen, überzeugt. Doch nicht nur exotische Interessen profilierten Frau Karo in jener Zeit, sondern – sie schüttelt ihr langes, doch irgendwie unvorteilhaft liegendes Haar, als könne sie sich so von einer Last befreien – auch ihre Fähigkeit, sich geduldig und bedingungslos unterzuordnen, eine Eigenschaft, die Professor Hubmeier stets sehr begrüßte.

Unser fiktiver Prof. Hubmeier ist seit Jahren eine bekannte Koryphäe von weltweiter Bekanntheit. Er hat eine neue, antike Schrift entdeckt und wird dafür von Fachkollegen hoch geachtet. Ein kleiner Mann von gedrungener, stämmiger Gestalt, der stets eine polierte Vollglatze und trotz des hohen Alters einen noch immer schwarzen Kinnbart trägt, von der Spitze her teilweise in zwei Hälften zerfallend und bis zur Brust hinab reichend. Herr Hubmeier ist seit langem Pegelalkoholiker und gibt, wenn er in guter Stimmung ist, jungen Studentinnen gerne mal einen kecken Klaps auf den Allerwertesten. Er ist stets sehr ehrgeizig gewesen und durch seinen augenfälligen Geltungsdrang in Verbindung mit seiner besonderen Expertise schnell zu Erfolg gelangt.

Er verfügt außerdem über eine ziemlich herrische Ader, an der sich Frau Karo nie störte, im Gegenteil, irgendwie war es ihr auch angenehm, wenn sie nicht selbst entscheiden musste, welches Forschungsprojekt als nächstes anzusteuern sei und wie die neue Vorlesung angelegt werden müsse. So war sie stets eine ausdauernde und verlässliche Assistentin, was Prof. Hubmeier mit nicht enden zu wollenden Fördermitteln für Frau Karo honorierte.

Frau Karo atmet tief ein, wobei sie unglücklicher Weise ein Staubkorn durch die Nase bis hinein in die Luftröhre verfrachtet, die sich durch ein lautes, kehliges Husten dieser Last zu entledigen sucht. Unsere Forscherin kann nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr auf effiziente Unterstützung durch ihren wissenschaftlichen Ziehvater hoffen. Erstmalig seit über 20 Jahren ist Frau Karo beinahe auf sich ganz allein gestellt. Eine Zumutung, die auf äußerst unangenehme Weise dadurch verschärft wird, dass die Konkurrenz nicht schläft. Es gilt jetzt, Forschungsplätze zu besetzen und von sicherer Position aus konsequent gegen potentielle Eindringlinge zu verteidigen!

Frau Karo versucht sich kurz vergeblich an einem Schmollmund. Zu klein sind ihre Lippen und zu unangenehm sind ihr die Zornesfalten, die dabei ihre niedrige Stirn durchsetzen. Nervös kratzt sie sich unterhalb ihres Bauchnabels.

Bedrohliche Konkurrenten kennt sie nicht allzu viele, was ein Glück.  Die meisten haben sich freiwillig zurückgezogen, nicht um Frau Karos Fort- und Auskommen (eine weitere „Karriere“ wird wohl nicht mehr stattfinden) zu erleichtern, sondern weil die Regeln in der akademischen Welt recht rigoros sind. Entweder man hat gut geklüngelt und so einflussreiche und meist ältere Kollegen zu seinen unmittelbaren Förderern gemacht oder man ist einfach weg vom Fenster. Ein schlichtes Prinzip, das leider Ausnahmen kennt. Frau Karo atmet hörbar tief ein. Ein Dorn im Auge ist ihr schon seit längerem ein etwa zehn Jahre jüngerer Kollege namens Jens Rohn, ein fiktiver Historiker, der sich ebenfalls mit der Antike befasst, doch Ägyptologe ist er nicht.

Frau Karo atmet nun wieder aus, durch den Mund, wodurch ein flatternder Laut entsteht, der größere Lippen nachhaltig in Vibrationen versetzt hätte. Herr Rohn ist ihr unheimlich. Nie hat er die Taschen einflussreicher Professoren getragen, nie hat er sich darum bemüht, unauffällig, dienstbar und angepasst zu sein. Meist verfügt er nicht einmal über vorübergehende Stellen oder Förderungen, sondern arbeitet ehrenamtlich.

Verständnislos und vor lauter Antipathie schüttelt sie ihren ganzen Körper und purzelt dabei versehentlich vornüber vom Schemel. Rücklings bleibt sie am Boden liegen und starrt die Decke an. Herr Rohn strahlt eine irgendwie auffällige Andersartigkeit aus, er ist zudem eigenwillig, Eigenschaften, die Frau Karo zur Gänze fremd sind. Er forscht aus Passion und publiziert auch ganz ohne finanzielles Einkommen in durchaus hochrangigen Journals. Die Konzepte seiner Lehr-Module gelten als unkonventionell, seine Vorlesungen trägt er mit Feuer in den Augen vor, was die Studenten anspricht und ihm seit Jahren stets zunehmenden Zulauf zu seinen Kursen beschert. Die Studenten drängen sich auf den wenigen Plätzen während seiner Vorlesungen, weil ihnen zu Ohren gekommen ist, wie interessant und inspirierend die Rohn’sche Lehre für heranwachsende Jung-Wissenschaftler sei.

Das ist Frau Karo noch nie passiert. Ihre Studenten kommen der Leistungspunkte wegen und schlafen häufig ein. Es wird geschwänzt, so oft es geht. Niemand belagert sie nach Ende ihrer Vorlesung, um noch weiter in die Tiefe zu fragen, worüber sie recht erfreut ist, sie hätte ohnehin keine Antworten parat. Und genau so stellt sich Frau Karo übliche Lehre vor: Der Dozent rattert Maschinen-artig sein Programm ab und überprüft das Wissen der Studenten anschließend im einfachen Multiple-Choice-Verfahren, eine Massenabfertigung, die sich leicht per Kontrollfolie auswerten lässt. Auch fachliche Fragen durch Kollegen beantwortet Frau Karo meist sehr zögerlich. Im Grunde macht sie ja nur routiniert  ihren Job und möchte dabei nicht allzu sehr gefordert sein. Sie freut sich insgeheim schon jetzt auf die Rente.

Begeisterung für Forschung und Wissensvermittlung hat Frau Karo noch nie verspürt. Dank Prof. Hubmeier hatte sie stets trotzdem ihr Einkommen. Und das soll nun auch so bleiben! Ruckartig winkelt Frau Karo Arme und Beine an und wirkt nun wie eine Schildkröte, die auf den Rücken gefallen ist. Frau Karo schließt von sich auf andere und hält fest, dass Talent, Tatendrag, Passion für eine Sache und die Fähigkeit, andere damit zu begeistern, unnatürliche Wesenszüge sind.

Und schlimmer noch: Grundlage für einen möglicher Konkurrenzkonflikt! Schließlich ist Herr Rohn immerhin Wissenschaftler in einem nahestehenden Fachgebiet. Nein, für so etwas hat Frau Karo bestimmt nicht ihr Leben lang gebuckelt und Prof. Hubmeier seine Taschen hinterher getragen!

Frau Karo schaukelt, weiterhin auf dem Rücken liegend, rhythmisch vor und zurück. Zu mehr Akrobatik fühlt sie sich körperlich in ihrem Alter nicht mehr in der Lage. Eigentlich hätte sie sich gerne durch einen Ruck von der liegenden in die hockende Position verbracht, doch sie hat vergessen, wie sie dabei vorgehen müsste und krabbelt daher mühsam und nicht ganz so elegant auf alle Viere, die Beine kniend angewinkelt, die krummen Arme mühsam als Gegenstütze auf den Boden gestemmt.

Gelegentlich begegnet ihr Herr Rohn im Treppenhaus des Institutes und blickt ihr dann mit freundlichen Grüßen entgegen. Frau Karo erwidert dieses Lächeln dann immer nur gequält. Denn in Herrn Rohn sieht sie eine Bedrohung für ihr weiteres Einkommen als Wissenschaftlerin. Was, wenn Herr Rohns Erfolg bei den Studenten von einem der Hubmeier-Nachfolger bemerkt würde? Da würde Frau Karo auch ihre Untertänigkeit nicht mehr weiterhelfen können. Die nächste Stelle hätte dann womöglich er inne.

Mit erhobener Brust setzt sich Frau Karo in einen aufrechten Schneidersitz, auch wenn die Beine dabei nicht wirklich ineinander passen, als von der Decke plötzlich einige Wassertropfen herabregnen und klatschend auf ihren Nacken treffen. Frau Karo hat eine Idee!

Bevor sie am nächsten Tag ihr Büro betrat, ist sie emsig durch das gesamte Institut gelaufen, um ein wenig zu sozialisieren. Dabei hat sie jedem, der ihr begegnete, ob er es hören wollte oder nicht, etwas über Herrn Rohn erzählt.

Es geht um den Satz, der drei Abschnitte weiter oben zu lesen ist, die Aussage zum Thema Bedrohung, die freilich ursprünglich allein auf Frau Karos Selbstprognose bezüglich einer womöglich durch Konkurrenz  bedrohten Zukunft ihres Berufslebens bezogen war. Doch Frau Karo hatte an diesem Morgen beschlossen, dass dies eindeutig zu viel der Differenziertheit und Ausführlichkeit sei und hat ihr Statement daher aufs Wesentliche reduziert. Bedroht fühle sie sich durch Herrn Rohn, hat sie an diesem Morgen allen erzählt. Da sie schon fürchtete, dass ihr niemand glauben würde, hat sie noch was drauf gesetzt. Nicht nur sie persönlich sei durch Herrn Rohn bedroht, sondern womöglich bestünde sogar für das ganze Institut eine sehr reelle Gefahr in Form physischer Gewalt durch Herrn Rohn. Schließlich müsse man auch bedenken, dass Herr Rohn einen ungewöhnlichen Lebenswandel führe (sie hat das neulich während eines Gesprächs zweier Kollegen zufällig aufgeschnappt), was ihn zusätzlich zu einem unberechenbaren Faktoren werden ließe.

Sicherheitshalber hat Frau Karo ihre Äußerungen noch mehrfach an den Folgetagen wiederholt. Mit vollem Erfolg! Einige Wochen später war Herr Rohn nicht mehr im Institut beschäftigt, und auch seine ehrenamtlichen Tätigkeiten wurden von nun an als unerwünscht abgewiesen. Unehrenhaft entlassen, dank Frau Karos Engagement.

Wenig später steht Frau Karo wieder leicht bekleidet vor ihrem Spiegel. Keck zwinkert sie ihrem Spiegelbild zu: Das wäre geschafft! Mit einem gezielten, selbstsicheren und gnadenlosen Griff entfernt sie die Alters-Akne, die sich gerade auf ihrem Kinn breitmachen möchte und grinst.

Auf einmal jedoch wechselt ihr Gesicht die Farbe. Beginnend mit einem zarten Rosé verfärbt sich ihre Haut in ein tiefes Kaminrot. Diese unwillkürliche und unerwartete Scham ist Frau Karo wahrlich peinlich. Sie habe ja schließlich nichts Unrechtes getan, trägt sie ihrem Spiegelbild in versöhnlicher Stimmlage vor. Das Spiegelbild jedoch reagiert verärgert über die Lüge mit zusätzlichen neuen Farbnuancen: Bäckchen und Nase erröten in einem tiefen Rot-Violett. Wäre Frau Karo Pinocchio, ihre Nase hätte sich ins Unermessliche verlängert.

Doch Frau Karo hat Glück, dass ihre schiefe, nach unten gewölbte Nase nicht zum Längenwachstum befähigt ist. Sie hätte sich sonst glatt ihre Brust damit durchbohrt.

 

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Eine Nicht Gewollte Geburt

Normalerweise besteht schon früh im Mutterleib eine innige Bindung zwischen Mutter und ungeborenem Kind. Über die Plazenta steht der Fötus mit dem Stoffwechsel der Mutter in direktem Kontakt. Später, wenn das neue Lebewesen prinzipiell fertig ausgereift ist, wenn alle Sinnesorgane funktionieren, dann reagiert der kleine Mensch auch auf liebevolle Berührungen, man sagt, sogar Geräusche wie Musik könnten wahrgenommen werden.

Die Mutter hat bis zu diesem Stadium schweren körperlichen Einsatz erbracht, hat für zwei gelebt, geatmet, gegessen und getrunken. Ihr Unterleib ist bis zur Schmerzgrenze aufgebläht, und doch ist sie meist voller Vorfreude, voller Liebe für das neue Menschlein, das sie in sich trägt.

Und das noch nicht geborene Kind kann dies spüren. Womöglich kann auch es so etwas wie eine freudige Erwartung in seinem noch unreifen kleinen Gehirn wahrnehmen, ein angenehmes, wohlig warmes Empfinden, das es darauf einstimmt, bald das Licht dieser Welt erblicken zu dürfen. So ist es meistens. Kann man das so sagen? Ich möchte mich vorsichtig ausdrücken und sage daher lieber: So ist es oft.

Doch was, wenn die Mutter sich nicht freut? Was, wenn ihr der Fremdkörper im Leib unbehaglich erscheint, wenn sie noch nicht so recht verstanden hat, wie er da überhaupt hineingelangen konnte, was also, wenn die Mutter, das, was sich hier anschickt, geboren zu werden, möglichst schnell wieder loswerden möchte, womöglich sogar muss?

Eine kleine Zeitreise: Frühe 1970er Jahre im Südwesten Deutschlands, unweit der deutsch-französischen Grenze nach Elsass-Lothringen. Sie ist hübsch, etwa 18 Jahre alt. Schönes langes braunes Haar soll sie noch heute haben, damals kann es nur noch schöner gewesen sein. Sie ist klug und wollte schnell ins Arbeitsleben überwechseln. Daher ist sie Verkäuferin geworden.  Zwar sieht sie nicht wirklich südländisch aus, doch sie fällt auf, ist als Tochter einer italienischen Einwandererfamilie sozusagen Exotin inmitten einer provinziellen deutschen Bürgerschaft.

Die 68er Bewegung liegt noch nicht lange zurück, Flowerpower flirrt durch die Luft, eine gute Zeit, eine endlich aufgeklärte und tolerante Zeit ist angebrochen. Junge Menschen starten mit neuen Ideen ins Leben, mit moderneren Idealen. Aus ist es mit der biederen Nachkriegszeit, den miefigen dunklen Wohnungen, in denen Frauen den Haushalt führen und Männer das Sagen haben. Farben sind in die Wohnzimmer eingekehrt, um auch optisch einen Wandel anzukündigen, knallige, bunte Farben, in großflächigen Mustern und blumenartigen Motiven.

Konventionen sollen gebrochen werden. Männer tragen lange Haare und Frauen enge Jeans. Man tanzt bis in die Morgenstunden, kifft Marihuana, trinkt Wein und Bier, ist intellektuell und liest Foucault. Sexualität ist kein Tabuthema mehr, Sex wird nicht mehr versteckt unter der Bettdecke und nur mit dem Ziele der Reproduktion betrieben, sondern aus Spaß und Lust und manchmal auch im Rausch.

Der Beginn einer modernen Zeit, die uns heute längst vertraut ist. Zumindest in Berlin, damals wie heute.

Doch was geschah nun vor über vierzig Jahren weit, weit im Westen Deutschlands mit unserer brünetten, jungen Schönheit? In welcher Welt lebte sie in jener Zeit dort am Rande der Republik, wo Männer üblicherweise als Bergarbeiter oder in der Eisenhüttenindustrie ihre Arbeitskraft verloren und Frauen deren Hemden bügelten und die gemeinsamen Kinder fütterten? Es war eine kleine und geordnete Welt, an deren Fundament die neue Zeit kaum zu rütteln vermochte. Und das blieb so, in die 80er hinein, so lange, bis die Industrie aufhörte zu existieren, im Grunde bis heute. Eine kleinbürgerliche Gesellschaft war es, als unsere junge Italienerin eine Bekanntschaft machte, mit einem Mann, womöglich ebenfalls ein Gastarbeiter-Sprössling, ein Pole vielleicht? Woher sonst diese slawischen Züge in meinem Gesicht?

Sie haben Sex miteinander, es ist vermutlich ihr erstes Mal. Als er sie umarmt, fühlt sie sich geborgen, als er auf ihr liegt und ihr die Beine spreizt, fühlt sie sich schwach und als er in sie eindringt, da ist sie mutig, frei, eine junge Frau der Siebziger, die sich auflehnt, die tut, was ihr gefällt, die ihre Lust genießt und sich dem Abenteuer ausliefert. Mit ihm zusammen fühlt sie sich stark, stark genug, um mit Verachtung an die Blicke der  alten Bäckerin, des treuen Briefträgers, der anständigen  Eltern und Großeltern zu denken. Es ist  dann auch nur ein kurzer Augenblick, in dem die kleine Welt an der Saar für unsere Protagonistin Kopf steht, in dem in der Luft bunte Lichter tanzen und sich der Geruch ihres Schweißes mit seinen starken Pheromonen mischt, ein verführerischer Cocktail der Sinne, der sie vollends berauscht, so dass sie nicht mehr denkt, sondern nur noch empfindet.

Warum ich all dies schildere? Nun, ich war sozusagen dabei, ein größerer Teil von mir steckte in ihr, ein kleinerer in ihm überwand schier unermessliche Hürden, in dem er abertausende Konkurrenten erfolgreich im Wettkampf des Lebens bezwang.

Die Idee der Zeit, der Freiheit, der Selbstbestimmtheit, der Ungezwungenheit und der Toleranz, die war damals überall. Tragfähig war diese Idee jedoch  nur hier und dort, vielleicht in Hamburg und Köln, ganz sicher in Westberlin, auf keinen Fall allerdings an der Saar.

Männer haben tagsüber gearbeitet, in ihrer Freizeit besuchten sie den Kegelclub, gingen zur Jagd oder fanden sich zum gepflegten Besäufnis an einem der zahlreichen Stammtische zusammen. Frauen taten eher nicht viel, zum Glück war das Fernsehen schon erfunden. Die Grenzen der Städte einzuhalten, das war ganz wichtig, damals wie heute. Ein „Neunkircher“ ist „e Neinkejer“ und ein Saarbrücker „e Saarbrigger“. Das ist zweierlei, versteht sich. Es ist das Reich des Konservatismus, der Kleinbürgerlichkeit, sozusagen eine absurde Tim-Burton-Welt, in der für jenen Edward, der Scheren anstatt Fingern trägt, kein Platz ist. Nun gut, wenn überhaupt irgendwo, dann vielleicht in Saarbrücken. Niemals jedoch in „Neinkeje“.

Und dort, ausgerechnet dort, ist unsere Protagonistin schwanger geworden und hatte sich damit zunächst nichts vorzuwerfen, ein befreiendes Erlebnis, ein Akt des Sich-Auflehnens, des Andersseins, ganz im Sinne des allgemeinen Zeitgeistes, zumindest desjenigen in Hamburg oder West-Berlin, vielleicht sogar in München.  In „Neinkeje“ jedoch murmelt schon bald die erste Nachbarin „ei die is doch gar net verheiraat“, während die nächste, freilich hinter vorgehaltener Hand, das obligate „ei, die is doch noch selba e Kind“ äußert.  Wenn sie über die Straße geht, erlebt sie, was wir in solchen Gesellschaften alle nur zu gut kennen. Alle gaffen, doch niemand will es gewesen sein. Ihre glotzenden Fratzen bleiben daher fast unsichtbar, wären da nicht überall die gleichen verräterischen Bewegungen der Vorhänge. Wenn sie nur genau hinschaut, kann sie die stumpfen Visagen dahinter erkennen, die entsetzt ihre leeren Köpfe schütteln.

Und die Familie? Kann unsere brünette Schönheit dort auf Verständnis und Unterstützung hoffen? In der modernen Zeit immerhin, hinter den betont bunten Vorhängen und den vor Farbenpracht nur so strotzenden Tapeten? Sie kann natürlich nicht. Jede Familie will hier eine anständige Familie sein. Das ist hier schon immer so gewesen.

Ungewollte Kinder werden daher ebenso anständig wie unauffällig „entsorgt“. Dass da etwas gewesen ist, das hat die Nachbarschaft dann schnell vergessen. Auf dieses Vergessen kommt es an. Das Kind wurde per offiziellem Dokument zur Adoption freigegeben, direkt nach der Geburt.

Ich habe eine glückliche Kindheit verbracht, aufgezogen durch liebevolle Eltern, die auch heute noch für mich da sind. Unsere Protagonistin habe ich nie kennengelernt. Mein Bild von ihr entstammt allein meiner Fantasie. Sie trägt keine Schuld, obgleich ich fürchte, dass ein ungewolltes Kind eventuell auch mit dem instinktiven Gefühl des Unerwünschtseins geboren wird.

Das Saarland habe ich unmittelbar nach Beendigung der Schulzeit verlassen. Ich konnte es kaum erwarten. Wenn ich ausnahmsweise einmal dort zu Besuch bin, wenn ich dann in der Nachbarschaft des Elternhauses die Straße entlang laufe, dann kann ich sie sehen, ihre verstohlenen Fratzen, hinter sich zurückziehenden Vorhängen. Sie starren mich an.

 

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