Eine Nicht Gewollte Geburt

von wirthstef

Normalerweise besteht schon früh im Mutterleib eine innige Bindung zwischen Mutter und ungeborenem Kind. Über die Plazenta steht der Fötus mit dem Stoffwechsel der Mutter in direktem Kontakt. Später, wenn das neue Lebewesen prinzipiell fertig ausgereift ist, wenn alle Sinnesorgane funktionieren, dann reagiert der kleine Mensch auch auf liebevolle Berührungen, man sagt, sogar Geräusche wie Musik könnten wahrgenommen werden.

Die Mutter hat bis zu diesem Stadium schweren körperlichen Einsatz erbracht, hat für zwei gelebt, geatmet, gegessen und getrunken. Ihr Unterleib ist bis zur Schmerzgrenze aufgebläht, und doch ist sie meist voller Vorfreude, voller Liebe für das neue Menschlein, das sie in sich trägt.

Und das noch nicht geborene Kind kann dies spüren. Womöglich kann auch es so etwas wie eine freudige Erwartung in seinem noch unreifen kleinen Gehirn wahrnehmen, ein angenehmes, wohlig warmes Empfinden, das es darauf einstimmt, bald das Licht dieser Welt erblicken zu dürfen. So ist es meistens. Kann man das so sagen? Ich möchte mich vorsichtig ausdrücken und sage daher lieber: So ist es oft.

Doch was, wenn die Mutter sich nicht freut? Was, wenn ihr der Fremdkörper im Leib unbehaglich erscheint, wenn sie noch nicht so recht verstanden hat, wie er da überhaupt hineingelangen konnte, was also, wenn die Mutter, das, was sich hier anschickt, geboren zu werden, möglichst schnell wieder loswerden möchte, womöglich sogar muss?

Eine kleine Zeitreise: Frühe 1970er Jahre im Südwesten Deutschlands, unweit der deutsch-französischen Grenze nach Elsass-Lothringen. Sie ist hübsch, etwa 18 Jahre alt. Schönes langes braunes Haar soll sie noch heute haben, damals kann es nur noch schöner gewesen sein. Sie ist klug und wollte schnell ins Arbeitsleben überwechseln. Daher ist sie Verkäuferin geworden.  Zwar sieht sie nicht wirklich südländisch aus, doch sie fällt auf, ist als Tochter einer italienischen Einwandererfamilie sozusagen Exotin inmitten einer provinziellen deutschen Bürgerschaft.

Die 68er Bewegung liegt noch nicht lange zurück, Flowerpower flirrt durch die Luft, eine gute Zeit, eine endlich aufgeklärte und tolerante Zeit ist angebrochen. Junge Menschen starten mit neuen Ideen ins Leben, mit moderneren Idealen. Aus ist es mit der biederen Nachkriegszeit, den miefigen dunklen Wohnungen, in denen Frauen den Haushalt führen und Männer das Sagen haben. Farben sind in die Wohnzimmer eingekehrt, um auch optisch einen Wandel anzukündigen, knallige, bunte Farben, in großflächigen Mustern und blumenartigen Motiven.

Konventionen sollen gebrochen werden. Männer tragen lange Haare und Frauen enge Jeans. Man tanzt bis in die Morgenstunden, kifft Marihuana, trinkt Wein und Bier, ist intellektuell und liest Foucault. Sexualität ist kein Tabuthema mehr, Sex wird nicht mehr versteckt unter der Bettdecke und nur mit dem Ziele der Reproduktion betrieben, sondern aus Spaß und Lust und manchmal auch im Rausch.

Der Beginn einer modernen Zeit, die uns heute längst vertraut ist. Zumindest in Berlin, damals wie heute.

Doch was geschah nun vor über vierzig Jahren weit, weit im Westen Deutschlands mit unserer brünetten, jungen Schönheit? In welcher Welt lebte sie in jener Zeit dort am Rande der Republik, wo Männer üblicherweise als Bergarbeiter oder in der Eisenhüttenindustrie ihre Arbeitskraft verloren und Frauen deren Hemden bügelten und die gemeinsamen Kinder fütterten? Es war eine kleine und geordnete Welt, an deren Fundament die neue Zeit kaum zu rütteln vermochte. Und das blieb so, in die 80er hinein, so lange, bis die Industrie aufhörte zu existieren, im Grunde bis heute. Eine kleinbürgerliche Gesellschaft war es, als unsere junge Italienerin eine Bekanntschaft machte, mit einem Mann, womöglich ebenfalls ein Gastarbeiter-Sprössling, ein Pole vielleicht? Woher sonst diese slawischen Züge in meinem Gesicht?

Sie haben Sex miteinander, es ist vermutlich ihr erstes Mal. Als er sie umarmt, fühlt sie sich geborgen, als er auf ihr liegt und ihr die Beine spreizt, fühlt sie sich schwach und als er in sie eindringt, da ist sie mutig, frei, eine junge Frau der Siebziger, die sich auflehnt, die tut, was ihr gefällt, die ihre Lust genießt und sich dem Abenteuer ausliefert. Mit ihm zusammen fühlt sie sich stark, stark genug, um mit Verachtung an die Blicke der  alten Bäckerin, des treuen Briefträgers, der anständigen  Eltern und Großeltern zu denken. Es ist  dann auch nur ein kurzer Augenblick, in dem die kleine Welt an der Saar für unsere Protagonistin Kopf steht, in dem in der Luft bunte Lichter tanzen und sich der Geruch ihres Schweißes mit seinen starken Pheromonen mischt, ein verführerischer Cocktail der Sinne, der sie vollends berauscht, so dass sie nicht mehr denkt, sondern nur noch empfindet.

Warum ich all dies schildere? Nun, ich war sozusagen dabei, ein größerer Teil von mir steckte in ihr, ein kleinerer in ihm überwand schier unermessliche Hürden, in dem er abertausende Konkurrenten erfolgreich im Wettkampf des Lebens bezwang.

Die Idee der Zeit, der Freiheit, der Selbstbestimmtheit, der Ungezwungenheit und der Toleranz, die war damals überall. Tragfähig war diese Idee jedoch  nur hier und dort, vielleicht in Hamburg und Köln, ganz sicher in Westberlin, auf keinen Fall allerdings an der Saar.

Männer haben tagsüber gearbeitet, in ihrer Freizeit besuchten sie den Kegelclub, gingen zur Jagd oder fanden sich zum gepflegten Besäufnis an einem der zahlreichen Stammtische zusammen. Frauen taten eher nicht viel, zum Glück war das Fernsehen schon erfunden. Die Grenzen der Städte einzuhalten, das war ganz wichtig, damals wie heute. Ein „Neunkircher“ ist „e Neinkejer“ und ein Saarbrücker „e Saarbrigger“. Das ist zweierlei, versteht sich. Es ist das Reich des Konservatismus, der Kleinbürgerlichkeit, sozusagen eine absurde Tim-Burton-Welt, in der für jenen Edward, der Scheren anstatt Fingern trägt, kein Platz ist. Nun gut, wenn überhaupt irgendwo, dann vielleicht in Saarbrücken. Niemals jedoch in „Neinkeje“.

Und dort, ausgerechnet dort, ist unsere Protagonistin schwanger geworden und hatte sich damit zunächst nichts vorzuwerfen, ein befreiendes Erlebnis, ein Akt des Sich-Auflehnens, des Andersseins, ganz im Sinne des allgemeinen Zeitgeistes, zumindest desjenigen in Hamburg oder West-Berlin, vielleicht sogar in München.  In „Neinkeje“ jedoch murmelt schon bald die erste Nachbarin „ei die is doch gar net verheiraat“, während die nächste, freilich hinter vorgehaltener Hand, das obligate „ei, die is doch noch selba e Kind“ äußert.  Wenn sie über die Straße geht, erlebt sie, was wir in solchen Gesellschaften alle nur zu gut kennen. Alle gaffen, doch niemand will es gewesen sein. Ihre glotzenden Fratzen bleiben daher fast unsichtbar, wären da nicht überall die gleichen verräterischen Bewegungen der Vorhänge. Wenn sie nur genau hinschaut, kann sie die stumpfen Visagen dahinter erkennen, die entsetzt ihre leeren Köpfe schütteln.

Und die Familie? Kann unsere brünette Schönheit dort auf Verständnis und Unterstützung hoffen? In der modernen Zeit immerhin, hinter den betont bunten Vorhängen und den vor Farbenpracht nur so strotzenden Tapeten? Sie kann natürlich nicht. Jede Familie will hier eine anständige Familie sein. Das ist hier schon immer so gewesen.

Ungewollte Kinder werden daher ebenso anständig wie unauffällig „entsorgt“. Dass da etwas gewesen ist, das hat die Nachbarschaft dann schnell vergessen. Auf dieses Vergessen kommt es an. Das Kind wurde per offiziellem Dokument zur Adoption freigegeben, direkt nach der Geburt.

Ich habe eine glückliche Kindheit verbracht, aufgezogen durch liebevolle Eltern, die auch heute noch für mich da sind. Unsere Protagonistin habe ich nie kennengelernt. Mein Bild von ihr entstammt allein meiner Fantasie. Sie trägt keine Schuld, obgleich ich fürchte, dass ein ungewolltes Kind eventuell auch mit dem instinktiven Gefühl des Unerwünschtseins geboren wird.

Das Saarland habe ich unmittelbar nach Beendigung der Schulzeit verlassen. Ich konnte es kaum erwarten. Wenn ich ausnahmsweise einmal dort zu Besuch bin, wenn ich dann in der Nachbarschaft des Elternhauses die Straße entlang laufe, dann kann ich sie sehen, ihre verstohlenen Fratzen, hinter sich zurückziehenden Vorhängen. Sie starren mich an.

 

© aller Textpassagen Stefan F. Wirth. Alle Rechte der Textpassagen vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieser Seite darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung von Stefan F. Wirth reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. 

 

Werbeanzeigen