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Monat: Januar, 2017

Warum Flüchtlinge keine Gefahr für die Sicherheit eines Landes sind

Millionen Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen, um hier Schutz vor Verfolgung im eigenen Land zu suchen. Ein modernes Land, das sich der Menschlichkeit verpflichtet, kann nicht anders als Menschen in Not zu unterstützen. Es gibt da kein Wenn und Aber!

Wenn ich auch an der Merkel-Regierung kaum ein gutes Haar entdecken kann, so hat sie in Form der großzügigen Aufnahme in Not geratener Menschen das getan, was im 21. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit sein muss.

Eine Willkommensbereitschaft mit dem Argument in Frage zu stellen, dass neben Bedürftigen auch Attentäter und so genannte Gefährder ins Land eingereist seien, ist inakzeptabel.

Schon vor Beginn der großen Migrationswelle quollen Berliner Bezirke über vor türkischen, arabischen, russischen und südamerikanischen Einwanderern, die keine Asylanträge gestellt haben. Eine Person ausländischen Hintergrundes mit deutscher Staatsbürgerschaft, aber auch eine solche mit Jahrhunderte langer Verwurzelung in Deutschland kann problemlos durch Heirat Neu-Deutsche aus anderen Herkunftsländern ins Land „importieren“, wovon auch reichlich Gebrauch gemacht wird. Für potentielle Straftäter ist dies eine von mehreren Möglichkeiten, nach Deutschland einzuwandern, auf diese Weise dann ganz unter Umgehung des erniedrigenden deutschen Asylverfahrens.

Täter, die nach Deutschland wollen, finden somit verschiedene Wege, ihr Ziel zu erreichen. Sie sind nicht darauf angewiesen, sich wochenlang unter erheblicher Gefährdung des eigenen Lebens abenteuerlichen Flüchtlingswanderungen anzuschließen.

Daher ist jede pauschale Gleichsetzung nordafrikanischer Flüchtlinge mit Terror-Tätern und Vergewaltigern nichts anderes als ein Zeichen von Inhumanität, Fremdenverachtung und schamloser Dummheit.

Es wird behauptet, auch in der vergangenen Silvesternacht habe es Ströme von Nordafrikanern gegeben, die mit unbekanntem Ziel und nicht nachvollziehbarer Motivation bei den öffentlichen Silvesterfeierlichkeiten aufgetaucht seien.

Ich besuchte die Feierlichkeiten am Berliner Brandenburger Tor, die größte Menschenansammlung der Weltmetropole. Wo sind denn nun all die abertausende deutschen Zeugen, die genauso wie ich beobachtet haben, was das wahre Ansinnen dieser Flüchtlingsgruppen gewesen ist? Ist denn diese Erkenntnis zu banal, um sie öffentlich kundzutun? Sie kamen, um feierlich das Silvester-Ereignis zu begehen, so wie jeder andere auch. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen.

Im dem Bereich, den ich überblicken konnte, und der war groß, ist nur ein Mann dadurch aufgefallen, betrunkener Weise Frauen zu belästigen. Er war ein US-Amerikaner, und die betroffenen Frauen konnten sich seiner selbstbewusst und erfolgreich erwehren.

Schlagzeilen macht derzeit die Agenda des neuen Präsidenten der USA, Donald Trump, gegen grundsätzlich alle muslimischen Immigranten des Landes. Bedarf das wirklich einer Diskussion? Trump richtet seine Agenden gegen alle Menschlichkeit, offenbar davon ausgehend, dass nur dies geeignet sei, um Amerika wieder groß werden zu lassen. Making America great again. Unter dieser neuen Größe leidet sein eigenes Volk, Homosexuelle, Indianer, Muslime, mexikanische Arbeiter, Künstler und Intellektuelle.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Januar 2017

Wie Russland versucht, Ausländer politisch auszunutzen

Der Physiker Stephen Hawking prognostiziert unserem Planeten keine sonderlich lange Lebensdauer mehr. In spätestens tausend Jahren müsse es der Menschheit, so sie denn überdauern wolle, gelungen sein, andere Planeten zu kolonisieren. In der Folge verringerte er seine apokalyptische Sicht auf das Ende der Menschheit jedoch recht drastisch, nämlich auf nur noch einhundert Jahre.

Und doch ist die Erwartung der Endlichkeit lebensfreundlicher Bedingungen auf der Erde ein Graus für alle diejenigen, die wissen und verstehen wollen. Forscher schätzen, dass etwa 8,7 Millionen Arten unseren Planeten bevölkern, von denen gigantische 90 % noch unbekannt sind. Wird die Menschheit mit dieser enormen Unkenntnis des eigenen Lebensraumes eines Tages für immer vergehen?

Wissen um des Wissens Willen genügt eigentlich, um sich der Biodiversitätsforschung zu widmen. Und dennoch gibt es auch angewandte Gründe, mehr über die Lebensvielfalt um uns herum in Erfahrung zu bringen. Denn nachhaltig geschützt werden kann nur erfolgreich, was was auch bekannt ist. Wir Biologen bemühen uns daher händeringend, zum besseren Erkenntnisgewinn beizutragen. Auch wenn die bloße Bemühung alleine nicht ausreicht. Denn etwa 2,2 Millionen aller irdischen Arten bewohnen unsere Gewässer. Um auch die Tiefsee wissenschaftlich erkunden zu können, müssen sich die Technologien noch erheblich verbessern.

Wie alle seriösen Kollegen gehe ich davon aus, dass die Artenvielfalt unabhängig von politischen Grenzen über die Erde verteilt ist. Daher steht mir ganz grundsätzlich nichts im Wege, Forschung in Nordkorea, den durch den IS kontrollierten Ländern, in China, im Putin-Russland oder den Trump-USA zu betreiben. Einzig die Sicherheit ist ein Problem. Könnte man mir absolute Immunität garantieren, einschließlich der Möglichkeit, die Menschenrechtslage kritisch zu kommentieren, würde ich in jedem dieser Länder tätig werden.

Als mir eine Stelle in Sibirien angeboten wurde, habe ich zunächst gezögert, dann jedoch zugesagt, auch ohne eine offizielle Erlaubnis, das Land öffentlich kritisieren zu dürfen. Auf den Spuren großer Entdecker wollte ich wandeln, die unsagbar schönen exotischen Landschaften der Taiga bewundern, Orte beproben, die noch nie näher untersucht wurden. Ich hoffte, ungewöhnliche Lebensräume für Milben zu entdecken und neue Arten zu beschreiben, die durch Evolution in bizarrer Weise an diese widrigen Bedingungen angepasst sind. Doch nichts davon wurde mir ermöglicht. Ich landete in der westsibirischen Provinz-Stadt Tjumen und konnte deren Grenzen nur selten überschreiten. Denn ein Ausländer darf sich in Russland nicht selbstständig frei bewegen. Jede Reise erfordert einen Gastgeber am Zielort, der zuvor eine formelle Einladung zustellen muss. Dort angekommen gilt es dann umgehend, die Ausländerbehörde aufzusuchen, um sich auch bei nur vorübergehenden Aufenthalten bürokratisch anzumelden.

Russland ist wahrlich kein ausländerfreundliches Land. Selbst einfache Bankgeschäfte kann der ausländische Gast nicht alleine verrichten. Als ich beispielsweise einmal in einem beliebig ausgewählten Geldinstitut versuchte, bare Rubel in Euro-Scheine  umzuwechseln, scheiterte dies daran, dass der Bankmitarbeiter die ID-Nummer des Passes in sein Online-Dokument eingeben muss. Die Eingabe einer nicht-russischen Nummer ist nämlich technisch unmöglich. Daher musste ein russischer Begleiter mit dem eigenen Ausweis die Transaktion für mich durchführen. Nicht anders verhält es sich übrigens, wenn der Ausländer in Russland sogar ein eigenes Bankkonto besitzt. Dazu bin ich in der Tat verpflichtet worden, um mein Gehalt entgegennehmen zu können. Im Alleingang Überweisungen zu tätigen, war mir allerdings stets unmöglich.

Auch im Alltag ist ein gewisser Fremdenhass nicht zu übersehen. Obwohl einige Englischkenntnisse bei Einheimischen grundsätzlich vorausgesetzt werden dürfen, werden diese stets geleugnet. Wer sich erfolgreich verständigen will, benötigt daher entweder eine effiziente Zeichensprache oder ein russisches Grundvokabular. Nach einiger Übung vermochte ich, mit einer Mischung aus beidem zu kommunizieren. Wehe dem, der es wagt, womöglich die eigene Sprache einsetzen zu wollen!

Ganz anders verhalten sich russische Neu-Bürger in Berlin. Teile des Bezirks Wedding bersten geradezu über vor russischen Einwanderern, die in der Öffentlichkeit vor allem eine Sprache sprechen: Russisch. In manchen Supermärkten entlang der Müllerstrasse habe ich manchmal das Gefühl, der einzige Nicht-Russe zu sein. Aber nach meinen langen Aufenthalten in Sibirien hat das durchaus etwas Vertrautes.

Als ich meine russischen Fachkollegen, die zu einem Teil Englisch mit mir sprachen und es zu einem anderen Teil bevorzugten, lieber nicht mit mir zu sprechen, zum ersten Mal kennenlernte, wurden mir umgehend Milbenpräparate vorgelegt, die auf der Krim gesammelt worden waren. Selbstverständlich habe ich mir die vorzüglich konservierten Exemplare gerne angeschaut. Sie waren sogar von wissenschaftlichem Interesse. Und doch legte ich sie für unbestimmte Zeit beiseite, denn ich bevorzuge es, mit lebenden Milben zu arbeiten, deren Habitate ich genau kenne, weil ich sie im optimalen Falle dort selbst gesammelt habe.

Erheblich lieber hätte man es natürlich gesehen, wenn ich über das Krim-Material gleich eine Publikation verfasst hätte. Die Krim als Locus typicus einer neuen Art, jene mediterran anmutende und vor allem russische Halbinsel. Ich hätte als deutscher Wissenschaftler die Annexion der Krim legitimiert. Doch dazu war ich grundsätzlich nicht bereit. Allerdings sind mir regelmäßig wissenschaftliche Arbeiten eines Kollegen zur sprachlichen und wissenschaftlichen Durchsicht vorgelegt worden, auch Arbeiten, in denen Krim-Milben, russische Krim-Milben, eine Rolle spielten. Wie allgemein in den Naturwissenschaften üblich, wurde ich hernach für meine Bemühungen namentlich in den Acknowledgements der betreffenden Paper aufgeführt. Und doch habe ich eine Billigung der russischen Weltmachtphantasien stets rigoros abgelehnt.

Ich bin ein Selbstdenker und grundsätzlich nicht in meiner Meinungsbildung beeinflussbar. Mein Blog belegt das hinreichend. Kritische Artikel über die aktuelle deutsche Regierung verfasse ich stets aus eigenem Antrieb. Ich bin weder käuflich noch sonstwie manipulierbar. Was man nicht von allen Deutschen oder Deutsch-Stämmigen behaupten kann, die auf russischen Gehaltslisten stehen. So wurde ich beispielsweise noch von Russland aus in einen Facebook-Chat mit einem Deutschen verwickelt, der in Moskau über eine akademische Anstellung verfügte und sich ein offensichtlich stark beeinflusstes Gedankengut zurecht gelegt hatte. Eine krude Mischung aus Verschwörungstheorien, die westliche Staaten vorgeblich gegen Russland hegten und AfD-Gedankengut bewogen mich damals, diesen Nutzer umgehend zu blocken.

Meine Reputation und Staatsbürgerschaft halfen der Tjumener Forscher-Gruppe immerhin, ein russisches Forschungsstipendium durchzubekommen. In der Folge wurde ich jedoch zunehmend schlecht behandelt, was schließlich dazu führte, dass ich Russland verließ und bis Ablauf der Anstellung von Deutschland aus wissenschaftlich tätig war.

Allerdings betone ich gerne, dass jede Reise, wohin immer sie führt, dann stets eine Bereicherung ist, wenn der Reisende mit Interesse am Fremden und weit offenen Augen Neuland betritt. Während meiner Russland-Aufenthalte habe ich immerhin gleich zwei umfassende wissenschaftliche Fachartikel publiziert, die Beschreibung einer neuen Art aus Sibirien inbegriffen.

Copyrights Stefan F. Wirth, Januar 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Reise durch die Stadt Tjumen

Ich habe aus beruflichen Gründen mehrere Monate in Tjumen verbracht, einer eher unbekannten russischen Stadt in West-Sibirien. Als zoologischer Forscher war ich an der dortigen Universität vorübergehend angestellt. Tjumen, eine kleine Metropole des Wohlstands, und doch ein hässliches Entlein, das niemals zu einem prachtvollen Schwan heranreifen wird. Oder doch?

Die Stadt muss man als neureich bezeichnen, Bodenschätze in der Umgebung haben Industrielle aus allen Ländern der Welt mobilisiert. Das färbt sichtbar auf die Stadt ab.  Golden lackierte Autos glänzen im Sonnenlicht, sind aber zu jeder Jahreszeit meist durch eine Staubschicht bedeckt, die sich bei feuchter Witterung schnell in eine unansehnliche Schlammmaske verwandelt. Keine Frage, man imitiert den offiziell verhassten Westen, insbesondere die USA. Anders als in Deutschland zahlt man auch Pfennigbeträge mit der Kreditkarte. Riesige Einkaufszentren sprießen in die Höhe, in denen zu erstehen ist, was immer der Käufer begehrt. Internationales Niveau. Die Lebensmittelabteilungen borden über vor namhaften Westprodukten. Toilettenartikel – auch für den eitlen Mann – stammen aus Frankreich, Italien und Deutschland, eher ungern aus Russland selbst, nicht selten jedoch auch aus China. Haute Couture, Markenklamotten überall, allerdings im Gegensatz zu Hygieneartikeln und Lebensmitteln auch zum hohen Preis. Da macht man in Berlin leichter ein Schnäppchen.

Tjumen hat eine wunderschöne Altstadt, die sich auszeichnet durch Relikte ursprünglicher Holzwohnhäuser, mit verschnörkelten Fassaden und verzierten Fensterläden. Der Rest der Stadt gleicht Berlin Marzahn. Allerdings darf der Besucher die eintönigen und trostlosen Hochhäuser keinesfalls als Plattenbauten oder sozialen Wohnungsbau bezeichnen. Das beleidigt die Einheimischen, denn was den Eindruck erweckt, aus einer anderen Zeit zu stammen, ist in Wahrheit neu und wird als weithin sichtbares Anzeichen des Wohlstandes verstanden. Wer in einem solchen Hochhaus wohnt, der hat es geschafft, der ist im modernen Zeitalter angelangt, dem geht es gut – etwa so wie in Berlin Marzahn, dort allerdings zu DDR-Zeiten.

Die Stadt wird durch einen Fluss aus dem Ural zweigeteilt, die Tura. Diesseits der Tura befinden sich das historische Stadtzentrum, die Universität, die Hochhäuser, die guten Restaurants, kurz der Wohlstand. Jenseits der Tura lebt die Armut. Die Menschen bewohnen kleine Holzhütten und besitzen nur das Nötigste.

Der Unterschied zwischen diesseits und jenseits ist auch am Fluss selbst nicht zu übersehen. Das diesseitige Ufer ist durch eine pompöse Promenade geschmückt, die sich über mehrere Etagen erstreckt, denn im Frühjahr gibt es starkes Hochwasser, das die unteren Wege dann vollständig verschluckt. Jenseits ist das Ufer verwildert und ein Biotop für brütende Wasservögel. Keine Promenade, nur ein kleiner Trampelpfad, natürlich auch kein Hochwasserschutz.

Mein russischer Vorgesetzter, ein rundlicher Mann mit freundlichem Lachen, erklärte mir einmal, jenseits wohnten vor allem Zigeuner. Er machte dabei eine verächtliche Handbewegung, man solle sich von dort besser fernhalten. Ich akzeptiere allerdings keine No-Go-Areas, nirgendwo, auch nicht in Tjumen. Auch jenseits stand nämlich ein Einkaufszentrum, das man meist nicht trockenen Fußes erreichte, und das ich trotzdem oft besuchte. Einmal widerfuhr mir auf dem Wege dorthin tatsächlich etwas. Ein etwa 18-jähriger Jugendlicher attackierte mich körperlich nach meiner Weigerung, ihm eine Zigarette auszuhändigen. Abgesehen hatte er es bei seinem Angriff auf mein bereits angerauchtes Exemplar, das er mir schließlich erfolgreich entriss. Meist verhielten sich die Menschen jenseits jedoch friedlich, zumindest mir gegenüber.

Friedlich erschien auch das diesseitige Straßenleben, und sehr amerikanisch obendrein, zumindest, was die Aktivitäten der Jugendlichen anbelangte, die fröhlich auf Fahrrädern, Skate- und Hoverboards unterwegs waren. Ohne jemals dabei zu lachen allerdings. Russland ist ein Kontrollstaat, und lachen in der Öffentlichkeit scheint untersagt. Modische junge Männer könnten leicht mit Berlinern verwechselt werden, wären sie nicht so starr und teilnahmslos in sich selbst gefangen. Kälte regiert die Straßen, auch im warmen Frühsommer. Ausgelassene Fröhlichkeit ist nur hinter verschlossenen Türen erlaubt, und es bedarf einiger Gläser Wodka, um sie wirklich aus sich herauszulassen.

Modische junge Frauen erinnern fast nie an Berlin. Und wenn, dann an den dortigen Straßenstrich. Frauen tragen in der Regel alles eher zu dick auf, zu viel Make-Up, zu hohe High-Heels. Ein besonders kalter Gesichtsausdruck scheint die Männer erst recht zu betören, zumindest die heterosexuellen Exemplare. Homosexualität hingegen ist zwar legal, es soll sogar in Tjumen Homo-Bars geben, doch sieht man von alldem nichts auf den Straßen. Denn ein Auftreten in gemischt-geschlechtlichen Paarungen scheint ebenfalls vorgeschrieben. Mann und Mann spazieren niemals über die Uferpromenade, und falls doch, laufen stets zwei Frauen hinterdrein.

An moderner Kunst scheint der Stadt nicht sehr gelegen zu sein. Der imposante Neubau des Kunstmuseums ist seit Jahren unvollendet. Straßenkunst ist selten, manchmal spielt ein junger Musikstudent auf einer Geige. Staatlich verordnete Kunst ist klassizistisch, muss gegenständlich sein, die zahlreichen Büsten und Statuen entlang der Uferpromenade sind nie verrückt, schrill oder abstrakt. Es ist eher die Ästhetik einer frühen Leni Riefenstahl oder eines Albert Speer.

Überhaupt ist die Nazi-Zeit noch immer ein wichtiges Ereignis, das jedes Jahr erneut in den Fokus der Erinnerung rückt. Höhepunkt eines Jahres ist die große Militärparade zu Ehren des Sieges über Nazi-Deutschland. Die Fernsehkameras übertragen eher die große Militärschau aus Moskau. Doch auch in Tjumen werden Besuchertribünen aufgebaut und Straßen gesperrt. Das Volksfest, bei dem selbstverständlich nicht gelacht werden darf, wird über Wochen vorbereitet, und die Bevölkerung so eingestimmt. Kinder in Soldatenkostümen flanieren durch die Gassen, die Straßenlaternen entlang der Uferpromenade spielen militärische Marschmusik aus kleinen Lautsprechern, Big Brother is everywhere. Freiluft-Fotoausstellungen zeigen Aufnahmen des zerstörten Berlins. Die Vorfreude auf die Panzer-Parade ist groß.

Natürlich gibt es auch andere Volksfeste, jedoch nur für Kinder, und die dürfen dort auch nicht lachen. So beherbergt das diesseitige Stadtzentrum einen dauerhaft eingerichteten Rummelplatz mit zahlreichen Karussellen, die stetig in Betrieb sind. Ausgelassene Stimmung, Gekreische? Natürlich absolut Fehl am Platze. Die Ruine des stillgelegten Rummelplatzes im Berliner Plänterwald wirkt lebendiger, wenn sich bei sanftem Wind das alte, rostige Riesenrad knarzend von selbst in Bewegung setzt.

Mein russischer Chef reist gerne, obwohl er Ausländer nicht allzu sehr schätzt. Reisen ist für ihn Zeichen des besonderen Privilegs. Ein Russe lässt sich zudem nur im Ausland richtig gehen, wir Berliner beobachten dieses Phänomen immer wieder, wenn zugedrogte russische Reisende das frivole Vergnügen in den Clubs unserer Metropole suchen, um es dort richtig krachen zu lassen.

Er isst auch gerne, und lädt dazu immer wieder freundlich ein. Und in der Tat sind die Restaurants gut. Man legt generell Wert auf frische Zutaten, Instant-Suppen und amerikanisches Fastfood sind in Tjumen stark verpönt. Und man verweist stolz auf die traditionelle Küche. Damit ist oft Tatarisch gemeint. Einmal waren wir sogar in einem echten tatarischen Restaurant, natürlich außerhalb der Stadt. Russland möchte nicht nur weltweit, sondern auch national volle Kontrolle ausüben, ganz nach US-amerikanischem Vorbild. Dazu gehört freilich nicht nur der Einsatz von Plastikgeld, der an jedem Kiosk möglich ist, auch bei der Frage nach dem Umgang mit der Urbevölkerung hat man weit gen Westen geschielt. Ein Land kann nur beherrschen, wer die ursprünglichen Besitzer kontrolliert. Nicht, dass es gleich Reservationen gäbe. Doch in der sauberen Stadt möchte man keine schmutzigen Tataren sehen. Man hat sie einfach ausquartiert, wo sie in sehr armen Siedlungen zusammengepfercht versuchen, ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf ihres kulturellen Erbes zu bestreiten.

Tjumen selbst spielt in der Geschichte kaum eine Rolle. Die Umgebung ist hingegen sehr berühmt. Nur wenige Kilometer weiter östlich befindet sich das Geburtshaus Rasputins, des großen Wahrsagers, der das letzte Zarenpaar allzu sehr in seinen Bann zog. Jene wiederum wurden im weiter westlich gelegenen Jekatarinburg samt Familienanhang durch kommunistische Aktivisten ermordet.

Mit dem düsteren Einzelgänger Rasputin brüstet man sich in der Region gerne. Erst recht mit dem Entdecker, Biologen und Ethnologen Georg Wilhelm Steller, der in Tjumen gestorben ist. Dass man ihn schäbig auf einem Feld begaben hat, da er nicht orthodoxen Glaubens war, wird in diesem Zusammenhang freilich eher verschwiegen. Auch die genauen Todesumstände beleuchtet man nicht allzu gerne, ist er doch vermutlich aufgrund wiederholter russischer Schikanen überhaupt erst an seinem tödlichen Fieber erkrankt. Heute jedenfalls gedenkt man seiner ungeniert öffentlich und hat jüngst sogar eine Rekonstruktion seines Antlitzes in Öl der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Bei der feierlichen Präsentation war ich zufällig zugegen. Beeindruckt hat mich dabei vor allem die Rede eines russischen Historikers, der mehrfach betonte, dass Steller im Grunde ein Russe gewesen sei. Nun ja, in Wahrheit war er ein Deutscher.

Gesteht man im Russland der Putin-Ära historischen Figuren gerne ihren besonderen Individualismus zu, ist selbiger natürlich für die moderne Bevölkerung nicht denkbar. Auch eine moderne und eher gemäßigte Diktator fürchtet die Selbstdenker. Mein Chef erklärte es mir ohne Umschweife, Individualismus sei in Tjumen nicht erwünscht, in Russland generell nicht. Akademiker von Rang, die ich in Tjumen kennenlernte, sind grundsätzlich sehr linientreu, sie folgen den Gedanken ihres Präsidenten, und zwar ohne Abwege. So wurde die Krim befreit und nicht völkerrechtswidrig besetzt. Und nicht nur die Ukraine, sondern alle ehemaligen Sowjetstaaten wurden widerrechtlich dem Schoße Mütterchen Russlands entrissen. Insbesondere die EU ist daher ein gemeiner Dieb, den es zu maßregeln gilt. Zum Beispiel, indem europafeindliche Gruppierung des europäischen Auslandes gezielt gefördert werden.

Bei geselligen Zusammentreffen spricht man nicht über Politik. Übrigens auch nicht über Wissenschaft. Ersteres ist hinfällig, da die Denk-Linie ohnehin vorgegeben ist. Letztere ist redundant, da sich russische Forscher schnell als „Leading-Scientists“ wahrnehmen, die schon alles wissen und daher nichts dazuzulernen brauchen. Doch über den Besuch der deutschen AfD auf der Halbinsel Krim, darüber hat man gesprochen. Das ist nämlich die Strategie Russlands, die Feinde Europas zu unterstützen. Und davor müssen wir uns vorsehen. Ich glaube allerdings nicht, dass Russland imstande ist, Wahlen in anderen Ländern direkt beeinflussen zu können, nicht in Deutschland und auch nicht in den USA.

Meine Tyumen-Aufenthalte waren trotz allem die Reise wert. Wer das Schöne sucht, so wie ich, der kann es überall finden, auch in Westsibirien. Wissenschaftlich ist die Region eine wahre Fundgrube. Ich habe gleich eine interessante neue Milbenart beschrieben.

Und die Hoffnung auf Veränderungen stirbt stets zuletzt. Einmal wartete ich in der Schlange vor einer Supermarkt-Kasse, die nur langsam voranschritt, da auch russische Kassiererinnen inzwischen angehalten sind, ihre Käufer nach Punkte- und Rabattkarten zu befragen, so wie bei „Real“ in Berlin. Auf einmal tauchten zwei exotisch anmutende Gestalten hinter mir auf. Ein Gothic-Pärchen, in düstere Gewänder gekleidet mit schwarz geschminkten Augen- und Lippenpartien. Und, oh wunder, sie wurden toleriert, kein Getuschel, keine abfälligen Blicke.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin 18.01.2017