Eine Reise durch die Stadt Tjumen

von wirthstef

Ich habe aus beruflichen Gründen mehrere Monate in Tjumen verbracht, einer eher unbekannten russischen Stadt in West-Sibirien. Als zoologischer Forscher war ich an der dortigen Universität vorübergehend angestellt. Tjumen, eine kleine Metropole des Wohlstands, und doch ein hässliches Entlein, das niemals zu einem prachtvollen Schwan heranreifen wird. Oder doch?

Die Stadt muss man als neureich bezeichnen, Bodenschätze in der Umgebung haben Industrielle aus allen Ländern der Welt mobilisiert. Das färbt sichtbar auf die Stadt ab.  Golden lackierte Autos glänzen im Sonnenlicht, sind aber zu jeder Jahreszeit meist durch eine Staubschicht bedeckt, die sich bei feuchter Witterung schnell in eine unansehnliche Schlammmaske verwandelt. Keine Frage, man imitiert den offiziell verhassten Westen, insbesondere die USA. Anders als in Deutschland zahlt man auch Pfennigbeträge mit der Kreditkarte. Riesige Einkaufszentren sprießen in die Höhe, in denen zu erstehen ist, was immer der Käufer begehrt. Internationales Niveau. Die Lebensmittelabteilungen borden über vor namhaften Westprodukten. Toilettenartikel – auch für den eitlen Mann – stammen aus Frankreich, Italien und Deutschland, eher ungern aus Russland selbst, nicht selten jedoch auch aus China. Haute Couture, Markenklamotten überall, allerdings im Gegensatz zu Hygieneartikeln und Lebensmitteln auch zum hohen Preis. Da macht man in Berlin leichter ein Schnäppchen.

Tjumen hat eine wunderschöne Altstadt, die sich auszeichnet durch Relikte ursprünglicher Holzwohnhäuser, mit verschnörkelten Fassaden und verzierten Fensterläden. Der Rest der Stadt gleicht Berlin Marzahn. Allerdings darf der Besucher die eintönigen und trostlosen Hochhäuser keinesfalls als Plattenbauten oder sozialen Wohnungsbau bezeichnen. Das beleidigt die Einheimischen, denn was den Eindruck erweckt, aus einer anderen Zeit zu stammen, ist in Wahrheit neu und wird als weithin sichtbares Anzeichen des Wohlstandes verstanden. Wer in einem solchen Hochhaus wohnt, der hat es geschafft, der ist im modernen Zeitalter angelangt, dem geht es gut – etwa so wie in Berlin Marzahn, dort allerdings zu DDR-Zeiten.

Die Stadt wird durch einen Fluss aus dem Ural zweigeteilt, die Tura. Diesseits der Tura befinden sich das historische Stadtzentrum, die Universität, die Hochhäuser, die guten Restaurants, kurz der Wohlstand. Jenseits der Tura lebt die Armut. Die Menschen bewohnen kleine Holzhütten und besitzen nur das Nötigste.

Der Unterschied zwischen diesseits und jenseits ist auch am Fluss selbst nicht zu übersehen. Das diesseitige Ufer ist durch eine pompöse Promenade geschmückt, die sich über mehrere Etagen erstreckt, denn im Frühjahr gibt es starkes Hochwasser, das die unteren Wege dann vollständig verschluckt. Jenseits ist das Ufer verwildert und ein Biotop für brütende Wasservögel. Keine Promenade, nur ein kleiner Trampelpfad, natürlich auch kein Hochwasserschutz.

Mein russischer Vorgesetzter, ein rundlicher Mann mit freundlichem Lachen, erklärte mir einmal, jenseits wohnten vor allem Zigeuner. Er machte dabei eine verächtliche Handbewegung, man solle sich von dort besser fernhalten. Ich akzeptiere allerdings keine No-Go-Areas, nirgendwo, auch nicht in Tjumen. Auch jenseits stand nämlich ein Einkaufszentrum, das man meist nicht trockenen Fußes erreichte, und das ich trotzdem oft besuchte. Einmal widerfuhr mir auf dem Wege dorthin tatsächlich etwas. Ein etwa 18-jähriger Jugendlicher attackierte mich körperlich nach meiner Weigerung, ihm eine Zigarette auszuhändigen. Abgesehen hatte er es bei seinem Angriff auf mein bereits angerauchtes Exemplar, das er mir schließlich erfolgreich entriss. Meist verhielten sich die Menschen jenseits jedoch friedlich, zumindest mir gegenüber.

Friedlich erschien auch das diesseitige Straßenleben, und sehr amerikanisch obendrein, zumindest, was die Aktivitäten der Jugendlichen anbelangte, die fröhlich auf Fahrrädern, Skate- und Hoverboards unterwegs waren. Ohne jemals dabei zu lachen allerdings. Russland ist ein Kontrollstaat, und lachen in der Öffentlichkeit scheint untersagt. Modische junge Männer könnten leicht mit Berlinern verwechselt werden, wären sie nicht so starr und teilnahmslos in sich selbst gefangen. Kälte regiert die Straßen, auch im warmen Frühsommer. Ausgelassene Fröhlichkeit ist nur hinter verschlossenen Türen erlaubt, und es bedarf einiger Gläser Wodka, um sie wirklich aus sich herauszulassen.

Modische junge Frauen erinnern fast nie an Berlin. Und wenn, dann an den dortigen Straßenstrich. Frauen tragen in der Regel alles eher zu dick auf, zu viel Make-Up, zu hohe High-Heels. Ein besonders kalter Gesichtsausdruck scheint die Männer erst recht zu betören, zumindest die heterosexuellen Exemplare. Homosexualität hingegen ist zwar legal, es soll sogar in Tjumen Homo-Bars geben, doch sieht man von alldem nichts auf den Straßen. Denn ein Auftreten in gemischt-geschlechtlichen Paarungen scheint ebenfalls vorgeschrieben. Mann und Mann spazieren niemals über die Uferpromenade, und falls doch, laufen stets zwei Frauen hinterdrein.

An moderner Kunst scheint der Stadt nicht sehr gelegen zu sein. Der imposante Neubau des Kunstmuseums ist seit Jahren unvollendet. Straßenkunst ist selten, manchmal spielt ein junger Musikstudent auf einer Geige. Staatlich verordnete Kunst ist klassizistisch, muss gegenständlich sein, die zahlreichen Büsten und Statuen entlang der Uferpromenade sind nie verrückt, schrill oder abstrakt. Es ist eher die Ästhetik einer frühen Leni Riefenstahl oder eines Albert Speer.

Überhaupt ist die Nazi-Zeit noch immer ein wichtiges Ereignis, das jedes Jahr erneut in den Fokus der Erinnerung rückt. Höhepunkt eines Jahres ist die große Militärparade zu Ehren des Sieges über Nazi-Deutschland. Die Fernsehkameras übertragen eher die große Militärschau aus Moskau. Doch auch in Tjumen werden Besuchertribünen aufgebaut und Straßen gesperrt. Das Volksfest, bei dem selbstverständlich nicht gelacht werden darf, wird über Wochen vorbereitet, und die Bevölkerung so eingestimmt. Kinder in Soldatenkostümen flanieren durch die Gassen, die Straßenlaternen entlang der Uferpromenade spielen militärische Marschmusik aus kleinen Lautsprechern, Big Brother is everywhere. Freiluft-Fotoausstellungen zeigen Aufnahmen des zerstörten Berlins. Die Vorfreude auf die Panzer-Parade ist groß.

Natürlich gibt es auch andere Volksfeste, jedoch nur für Kinder, und die dürfen dort auch nicht lachen. So beherbergt das diesseitige Stadtzentrum einen dauerhaft eingerichteten Rummelplatz mit zahlreichen Karussellen, die stetig in Betrieb sind. Ausgelassene Stimmung, Gekreische? Natürlich absolut Fehl am Platze. Die Ruine des stillgelegten Rummelplatzes im Berliner Plänterwald wirkt lebendiger, wenn sich bei sanftem Wind das alte, rostige Riesenrad knarzend von selbst in Bewegung setzt.

Mein russischer Chef reist gerne, obwohl er Ausländer nicht allzu sehr schätzt. Reisen ist für ihn Zeichen des besonderen Privilegs. Ein Russe lässt sich zudem nur im Ausland richtig gehen, wir Berliner beobachten dieses Phänomen immer wieder, wenn zugedrogte russische Reisende das frivole Vergnügen in den Clubs unserer Metropole suchen, um es dort richtig krachen zu lassen.

Er isst auch gerne, und lädt dazu immer wieder freundlich ein. Und in der Tat sind die Restaurants gut. Man legt generell Wert auf frische Zutaten, Instant-Suppen und amerikanisches Fastfood sind in Tjumen stark verpönt. Und man verweist stolz auf die traditionelle Küche. Damit ist oft Tatarisch gemeint. Einmal waren wir sogar in einem echten tatarischen Restaurant, natürlich außerhalb der Stadt. Russland möchte nicht nur weltweit, sondern auch national volle Kontrolle ausüben, ganz nach US-amerikanischem Vorbild. Dazu gehört freilich nicht nur der Einsatz von Plastikgeld, der an jedem Kiosk möglich ist, auch bei der Frage nach dem Umgang mit der Urbevölkerung hat man weit gen Westen geschielt. Ein Land kann nur beherrschen, wer die ursprünglichen Besitzer kontrolliert. Nicht, dass es gleich Reservationen gäbe. Doch in der sauberen Stadt möchte man keine schmutzigen Tataren sehen. Man hat sie einfach ausquartiert, wo sie in sehr armen Siedlungen zusammengepfercht versuchen, ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf ihres kulturellen Erbes zu bestreiten.

Tjumen selbst spielt in der Geschichte kaum eine Rolle. Die Umgebung ist hingegen sehr berühmt. Nur wenige Kilometer weiter östlich befindet sich das Geburtshaus Rasputins, des großen Wahrsagers, der das letzte Zarenpaar allzu sehr in seinen Bann zog. Jene wiederum wurden im weiter westlich gelegenen Jekatarinburg samt Familienanhang durch kommunistische Aktivisten ermordet.

Mit dem düsteren Einzelgänger Rasputin brüstet man sich in der Region gerne. Erst recht mit dem Entdecker, Biologen und Ethnologen Georg Wilhelm Steller, der in Tjumen gestorben ist. Dass man ihn schäbig auf einem Feld begaben hat, da er nicht orthodoxen Glaubens war, wird in diesem Zusammenhang freilich eher verschwiegen. Auch die genauen Todesumstände beleuchtet man nicht allzu gerne, ist er doch vermutlich aufgrund wiederholter russischer Schikanen überhaupt erst an seinem tödlichen Fieber erkrankt. Heute jedenfalls gedenkt man seiner ungeniert öffentlich und hat jüngst sogar eine Rekonstruktion seines Antlitzes in Öl der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Bei der feierlichen Präsentation war ich zufällig zugegen. Beeindruckt hat mich dabei vor allem die Rede eines russischen Historikers, der mehrfach betonte, dass Steller im Grunde ein Russe gewesen sei. Nun ja, in Wahrheit war er ein Deutscher.

Gesteht man im Russland der Putin-Ära historischen Figuren gerne ihren besonderen Individualismus zu, ist selbiger natürlich für die moderne Bevölkerung nicht denkbar. Auch eine moderne und eher gemäßigte Diktator fürchtet die Selbstdenker. Mein Chef erklärte es mir ohne Umschweife, Individualismus sei in Tjumen nicht erwünscht, in Russland generell nicht. Akademiker von Rang, die ich in Tjumen kennenlernte, sind grundsätzlich sehr linientreu, sie folgen den Gedanken ihres Präsidenten, und zwar ohne Abwege. So wurde die Krim befreit und nicht völkerrechtswidrig besetzt. Und nicht nur die Ukraine, sondern alle ehemaligen Sowjetstaaten wurden widerrechtlich dem Schoße Mütterchen Russlands entrissen. Insbesondere die EU ist daher ein gemeiner Dieb, den es zu maßregeln gilt. Zum Beispiel, indem europafeindliche Gruppierung des europäischen Auslandes gezielt gefördert werden.

Bei geselligen Zusammentreffen spricht man nicht über Politik. Übrigens auch nicht über Wissenschaft. Ersteres ist hinfällig, da die Denk-Linie ohnehin vorgegeben ist. Letztere ist redundant, da sich russische Forscher schnell als „Leading-Scientists“ wahrnehmen, die schon alles wissen und daher nichts dazuzulernen brauchen. Doch über den Besuch der deutschen AfD auf der Halbinsel Krim, darüber hat man gesprochen. Das ist nämlich die Strategie Russlands, die Feinde Europas zu unterstützen. Und davor müssen wir uns vorsehen. Ich glaube allerdings nicht, dass Russland imstande ist, Wahlen in anderen Ländern direkt beeinflussen zu können, nicht in Deutschland und auch nicht in den USA.

Meine Tyumen-Aufenthalte waren trotz allem die Reise wert. Wer das Schöne sucht, so wie ich, der kann es überall finden, auch in Westsibirien. Wissenschaftlich ist die Region eine wahre Fundgrube. Ich habe gleich eine interessante neue Milbenart beschrieben.

Und die Hoffnung auf Veränderungen stirbt stets zuletzt. Einmal wartete ich in der Schlange vor einer Supermarkt-Kasse, die nur langsam voranschritt, da auch russische Kassiererinnen inzwischen angehalten sind, ihre Käufer nach Punkte- und Rabattkarten zu befragen, so wie bei „Real“ in Berlin. Auf einmal tauchten zwei exotisch anmutende Gestalten hinter mir auf. Ein Gothic-Pärchen, in düstere Gewänder gekleidet mit schwarz geschminkten Augen- und Lippenpartien. Und, oh wunder, sie wurden toleriert, kein Getuschel, keine abfälligen Blicke.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin 18.01.2017