Wie Russland versucht, Ausländer politisch auszunutzen

von wirthstef

Der Physiker Stephen Hawking prognostiziert unserem Planeten keine sonderlich lange Lebensdauer mehr. In spätestens tausend Jahren müsse es der Menschheit, so sie denn überdauern wolle, gelungen sein, andere Planeten zu kolonisieren. In der Folge verringerte er seine apokalyptische Sicht auf das Ende der Menschheit jedoch recht drastisch, nämlich auf nur noch einhundert Jahre.

Und doch ist die Erwartung der Endlichkeit lebensfreundlicher Bedingungen auf der Erde ein Graus für alle diejenigen, die wissen und verstehen wollen. Forscher schätzen, dass etwa 8,7 Millionen Arten unseren Planeten bevölkern, von denen gigantische 90 % noch unbekannt sind. Wird die Menschheit mit dieser enormen Unkenntnis des eigenen Lebensraumes eines Tages für immer vergehen?

Wissen um des Wissens Willen genügt eigentlich, um sich der Biodiversitätsforschung zu widmen. Und dennoch gibt es auch angewandte Gründe, mehr über die Lebensvielfalt um uns herum in Erfahrung zu bringen. Denn nachhaltig geschützt werden kann nur erfolgreich, was was auch bekannt ist. Wir Biologen bemühen uns daher händeringend, zum besseren Erkenntnisgewinn beizutragen. Auch wenn die bloße Bemühung alleine nicht ausreicht. Denn etwa 2,2 Millionen aller irdischen Arten bewohnen unsere Gewässer. Um auch die Tiefsee wissenschaftlich erkunden zu können, müssen sich die Technologien noch erheblich verbessern.

Wie alle seriösen Kollegen gehe ich davon aus, dass die Artenvielfalt unabhängig von politischen Grenzen über die Erde verteilt ist. Daher steht mir ganz grundsätzlich nichts im Wege, Forschung in Nordkorea, den durch den IS kontrollierten Ländern, in China, im Putin-Russland oder den Trump-USA zu betreiben. Einzig die Sicherheit ist ein Problem. Könnte man mir absolute Immunität garantieren, einschließlich der Möglichkeit, die Menschenrechtslage kritisch zu kommentieren, würde ich in jedem dieser Länder tätig werden.

Als mir eine Stelle in Sibirien angeboten wurde, habe ich zunächst gezögert, dann jedoch zugesagt, auch ohne eine offizielle Erlaubnis, das Land öffentlich kritisieren zu dürfen. Auf den Spuren großer Entdecker wollte ich wandeln, die unsagbar schönen exotischen Landschaften der Taiga bewundern, Orte beproben, die noch nie näher untersucht wurden. Ich hoffte, ungewöhnliche Lebensräume für Milben zu entdecken und neue Arten zu beschreiben, die durch Evolution in bizarrer Weise an diese widrigen Bedingungen angepasst sind. Doch nichts davon wurde mir ermöglicht. Ich landete in der westsibirischen Provinz-Stadt Tjumen und konnte deren Grenzen nur selten überschreiten. Denn ein Ausländer darf sich in Russland nicht selbstständig frei bewegen. Jede Reise erfordert einen Gastgeber am Zielort, der zuvor eine formelle Einladung zustellen muss. Dort angekommen gilt es dann umgehend, die Ausländerbehörde aufzusuchen, um sich auch bei nur vorübergehenden Aufenthalten bürokratisch anzumelden.

Russland ist wahrlich kein ausländerfreundliches Land. Selbst einfache Bankgeschäfte kann der ausländische Gast nicht alleine verrichten. Als ich beispielsweise einmal in einem beliebig ausgewählten Geldinstitut versuchte, bare Rubel in Euro-Scheine  umzuwechseln, scheiterte dies daran, dass der Bankmitarbeiter die ID-Nummer des Passes in sein Online-Dokument eingeben muss. Die Eingabe einer nicht-russischen Nummer ist nämlich technisch unmöglich. Daher musste ein russischer Begleiter mit dem eigenen Ausweis die Transaktion für mich durchführen. Nicht anders verhält es sich übrigens, wenn der Ausländer in Russland sogar ein eigenes Bankkonto besitzt. Dazu bin ich in der Tat verpflichtet worden, um mein Gehalt entgegennehmen zu können. Im Alleingang Überweisungen zu tätigen, war mir allerdings stets unmöglich.

Auch im Alltag ist ein gewisser Fremdenhass nicht zu übersehen. Obwohl einige Englischkenntnisse bei Einheimischen grundsätzlich vorausgesetzt werden dürfen, werden diese stets geleugnet. Wer sich erfolgreich verständigen will, benötigt daher entweder eine effiziente Zeichensprache oder ein russisches Grundvokabular. Nach einiger Übung vermochte ich, mit einer Mischung aus beidem zu kommunizieren. Wehe dem, der es wagt, womöglich die eigene Sprache einsetzen zu wollen!

Ganz anders verhalten sich russische Neu-Bürger in Berlin. Teile des Bezirks Wedding bersten geradezu über vor russischen Einwanderern, die in der Öffentlichkeit vor allem eine Sprache sprechen: Russisch. In manchen Supermärkten entlang der Müllerstrasse habe ich manchmal das Gefühl, der einzige Nicht-Russe zu sein. Aber nach meinen langen Aufenthalten in Sibirien hat das durchaus etwas Vertrautes.

Als ich meine russischen Fachkollegen, die zu einem Teil Englisch mit mir sprachen und es zu einem anderen Teil bevorzugten, lieber nicht mit mir zu sprechen, zum ersten Mal kennenlernte, wurden mir umgehend Milbenpräparate vorgelegt, die auf der Krim gesammelt worden waren. Selbstverständlich habe ich mir die vorzüglich konservierten Exemplare gerne angeschaut. Sie waren sogar von wissenschaftlichem Interesse. Und doch legte ich sie für unbestimmte Zeit beiseite, denn ich bevorzuge es, mit lebenden Milben zu arbeiten, deren Habitate ich genau kenne, weil ich sie im optimalen Falle dort selbst gesammelt habe.

Erheblich lieber hätte man es natürlich gesehen, wenn ich über das Krim-Material gleich eine Publikation verfasst hätte. Die Krim als Locus typicus einer neuen Art, jene mediterran anmutende und vor allem russische Halbinsel. Ich hätte als deutscher Wissenschaftler die Annexion der Krim legitimiert. Doch dazu war ich grundsätzlich nicht bereit. Allerdings sind mir regelmäßig wissenschaftliche Arbeiten eines Kollegen zur sprachlichen und wissenschaftlichen Durchsicht vorgelegt worden, auch Arbeiten, in denen Krim-Milben, russische Krim-Milben, eine Rolle spielten. Wie allgemein in den Naturwissenschaften üblich, wurde ich hernach für meine Bemühungen namentlich in den Acknowledgements der betreffenden Paper aufgeführt. Und doch habe ich eine Billigung der russischen Weltmachtphantasien stets rigoros abgelehnt.

Ich bin ein Selbstdenker und grundsätzlich nicht in meiner Meinungsbildung beeinflussbar. Mein Blog belegt das hinreichend. Kritische Artikel über die aktuelle deutsche Regierung verfasse ich stets aus eigenem Antrieb. Ich bin weder käuflich noch sonstwie manipulierbar. Was man nicht von allen Deutschen oder Deutsch-Stämmigen behaupten kann, die auf russischen Gehaltslisten stehen. So wurde ich beispielsweise noch von Russland aus in einen Facebook-Chat mit einem Deutschen verwickelt, der in Moskau über eine akademische Anstellung verfügte und sich ein offensichtlich stark beeinflusstes Gedankengut zurecht gelegt hatte. Eine krude Mischung aus Verschwörungstheorien, die westliche Staaten vorgeblich gegen Russland hegten und AfD-Gedankengut bewogen mich damals, diesen Nutzer umgehend zu blocken.

Meine Reputation und Staatsbürgerschaft halfen der Tjumener Forscher-Gruppe immerhin, ein russisches Forschungsstipendium durchzubekommen. In der Folge wurde ich jedoch zunehmend schlecht behandelt, was schließlich dazu führte, dass ich Russland verließ und bis Ablauf der Anstellung von Deutschland aus wissenschaftlich tätig war.

Allerdings betone ich gerne, dass jede Reise, wohin immer sie führt, dann stets eine Bereicherung ist, wenn der Reisende mit Interesse am Fremden und weit offenen Augen Neuland betritt. Während meiner Russland-Aufenthalte habe ich immerhin gleich zwei umfassende wissenschaftliche Fachartikel publiziert, die Beschreibung einer neuen Art aus Sibirien inbegriffen.

Copyrights Stefan F. Wirth, Januar 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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