Der Selbsthass der Tschetschenien-Führer führt zu Mord und Inhaftierung Homosexueller

Gemäß eines Artikels in der russischen und regierungskritischen Zeitschrift Nowaja Gaseta geschehen derzeit im Nordkaukasus grauenvolle Dinge. Schwule Männer sind in Tschetschenien in einer großangelegten Razzia „aufgrund nicht traditioneller sexueller Orientierung“ verhaftet, misshandelt und an einen unbekannten Ort verbracht worden. Die Autorin des Artikels, Jelena Milaschina, spricht von um die hundert Festnahmen und mindestens drei Toten.

Da die bedrohliche Klaue des religiösen Fanatismus seit jeher die autonome Region im Kaukasus gefangen hält, ist es nicht einmal leicht, Homosexuelle ausfindig zu machen. Öffentlich würde niemand seine erotischen Vorlieben bekennen. Daher sind die Opfer Milaschina zufolge in einschlägigen sozialen Netzwerken ausfindig gemacht und unter dem Vorwand einer erotischen Verabredung in die Falle gelockt worden.

Unter den Verschwundenen seien auch Prominente. Dabei beruft sich die investigative Journalistin auf Hilferufe, die User in sozialen Netzwerken gepostet haben. In einem solchen Post auf VKontakte werde beispielsweise geschildert, wie ein 16-Jähriger seinen Angehörigen oder Freunden zurück übergeben wurde. Der junge Mann sei nach seiner Verhaftung als „ein Sack voller Knochen….vor die Tür geworfen worden“, und zwar mit dem Hinweis, man möge ihn nun töten.

Nach Anfrage durch die Nachrichtenagentur Interfax äußerste der Sprecher des lokalen Machthabers Ramsan Kadyrow ein Statement, das menschenfeindlicher nicht sein könnte. „Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt.“ Und falls solche Leute existierten, so Alwi Karimov weiter, „müssten sich die Sicherheitsbehörden keine Sorgen um sie machen, denn ihre Verwandten würden sie schon an einen Ort geschickt haben, von dem sie nie wiederkehren könnten.“

Tschetschenien ist nicht als Hort der Wahrung von Menschenrechten bekannt. Dies liegt nicht zuletzt am religiösen Traditionalismus, denn die Mehrheit der Tschetschenen gehört dem sunnitischen Islam an. Religiöser Fanatismus tritt die Menschlichkeit bekanntlich schon immer mit Füßen.

Von den homophoben Vorfällen in Tschetschenien berichten unter anderem Die Zeit online und die New York Times. Erstere verweist in ihrem Artikel darauf, dass Tschetschenien ein Teil Russlands sei und daher all diese brutalen Geschehnisse im Nordkaukasus durch Putin selbst stillschweigend gebilligt würden.

Zwar ist Russland in der Tat kein Homo-freundliches Land. Die diesbezügliche Gesetzgebung mit dem sogenannten Propaganda-Verbot wird international auch zurecht kritisiert. Dennoch ist Homosexualität in Russland legal. Russische Besucher in Berlin berichteten mir regelmäßig von Schwulenclubs und Homobars, die in den Metropolen Moskau und St. Petersburg besucht werden können, ganz selbstverständlich, so wie in westlichen Ländern auch.

So scheint mir die geballte Menschenverachtung, die Schwule in Tschetschenien ertragen müssen, doch vorwiegend ein regionales Problem zu sein. Doch was sind die Ursachen hierfür? Schürt wirklich allein der religiöse Fanatismus Hass und Intoleranz gegen abweichende Lebensentwürfe?

Aus biologischer Sicht beruhen Hass und Vernichtungswille gegen das eigene Geschlecht zumeist auf einem ausgeprägten Konkurrenzdruck. Wenn es dabei nicht um Besitz oder Territorien geht, dann haben wir es in der Regel mit dem Aspekt der Spermienkonkurrenz zu tun, ein Phänomen, das im Tierreich häufig auftritt. Um die eigene Erbinformation möglichst häufig weitergeben zu können, werden andere Männchen bekämpft, vertrieben oder vernichtet.

Gibt es hingegen keine Konkurrenz, weder in Form von limitiertem Besitz noch einer begrenzten Anzahl an Weibchen, sind Kampf und Vernichtungswille Energieverschwendung. Rein heterosexuell ausgerichtete Männer haben daher auch kein Problem mit rein homoerotischen Geschlechtsgenossen, denn man kommt sich ja schlicht nicht in die Quere.

Doch die Situation für Männchen der Art Homo sapiens ist in Wahrheit weitaus komplexer. Denn gemäß meiner Literaturrecherche sowie meiner Gespräche mit Männern unterschiedlicher Lebensentwürfe zeigt sich, dass die Bisexualität unter Männern einen großen Stellenwert einnimmt. Nach derzeitigem Stand kann ich nicht anders, als davon auszugehen, dass Homophilie in unterschiedlich starker Ausprägung ein fester Bestandteil des männlichen Erotik-Verhaltens ist. Männer mit rein heterosexueller Veranlagung und solche mit rein homosexueller Ausrichtung stellen demzufolge offenbar lediglich Minderheiten dar.

Daher stehen bisexuelle Männer grundsätzlich in Konkurrenz mit homosexuellen Geschlechtsgenossen. Da es hierbei jedoch nicht wirklich um biologische Spermienkonkurrenz gehen kann, müssen potentielle männliche Erotik-Partner als eine Art begrenzte „Ressourcen“ angesehen werden, um die herum sich ein Wettbewerb aufbaut.

Sind nun bisexuelle Männer aufgrund religiöser Dogmen dazu verdammt, sich ihre natürliche Neigung mit Gewalt zu unterdrücken, kommt zu alledem noch der Aspekt des Neids hinzu. Denn Selbsthass und die unnatürliche Bekämpfung der eigenen biologischen (homoerotischen) Triebe führen dazu, dass Betroffene untätig mitansehen müssen, wenn wenn weniger konservative Geschlechtsgenossen „die Ressource“ eines männlichen Sexpartners zur Erfüllung ihrer erotischen Bedürfnisse ganz unkompliziert „nutzen“. Diejenigen, die aufgrund der selbst auferlegten Enthaltsamkeit nichts vom Kuchen abbekommen können, reagieren auf dieses vermeintliche Unrecht nicht selten mit blindem und zerstörerischem Hass.

Copyrights Stefan F. Wirth, April 2017

 

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