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Kategorie: Abhandlung

Tod den Naturwissenschaften – Es lebe „Inter“? Warum das individuelle Geschlechtsempfinden zwar staatlichen Schutz verdient, jedoch nicht zum biologischen Fakt erhoben werden darf

Im letzten Jahr bereits beschließt das Bundesverfassungsgericht, dass es in Deutschland als Diskriminierung anzusehen sei, wenn von Bürgern verlangt werde, sich in offiziellen Dokumenten entweder dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen. Konsequenter Weise entschied der Bundestag nun, dass etwa im Zusammenhang mit Wahlunterlagen neben der Einordnung in männlich oder weiblich als dritte Möglichkeit „divers“ eingeräumt werden solle.

 

Geburten ohne eindeutige Geschlechterzugehörigkeit

 

Klingt absurd, ist aber nicht aus der Luft gegriffen, denn in der Tat ist es biologischer Fakt, dass statistisch bei etwa einer von tausend Geburten beide Geschlechtsmerkmale gleichzeitig ausgebildet sind. Aufgrund dieser äußerlich klar nachweisbaren Merkmalszusammensetzung ist der betroffene Mensch weder ein Mann noch eine Frau. Das bereits seit der Antike gut bekannte Phänomen wird umgangssprachlich daher auch etwa als „Zwitter“ oder „Hermaphrodit“ bezeichnet. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind jedoch beide Begriffe unzutreffend. Hermaphroditismus ist in der Pflanzen- und Tierwelt nämlich ein durchaus häufig auftretendes Phänomen. Per Definitionem wird aber vorausgesetzt, dass betroffene Individuen reproduktionsfähig sind. Dies ist bei Menschen, die mit beiderlei Geschlechtsanlagen auf die Welt kommen, hingegen nicht der Fall.

Ein echter Hermaphrodit: der Regenwurm. Copyrights Stefan F. Wirth

 

Es war bislang übliches Procedere, dass Menschen mit beiden Geschlechtsanlagen im selben Körper noch im Kleinkindalter einer sogenannten geschlechtsangleichenden Operation unterzogen wurden. Dabei wird das in Folge äußerlich auszumachende Geschlecht häufig nach rein pragmatischen Überlegungen ausgewählt, nämlich gemäß der leichteren medizinischen Praktikabilität in Bezug auf den Prozess des operativen Eingriffs. Damit geschieht den Betroffenen möglicherweise Unrecht. Dass überhaupt die Entscheidung getroffen wird, Menschen ohne eindeutige Geschlechtsanlagen auf eine männliche oder weibliche Erscheinung umzuformen, wird mit psychologischen Argumenten begründet. So könne sich ein betroffenes Kind leichter in eine Welt einleben, die durch zwei klar unterscheidbare Geschlechter dominiert werde. Obwohl mir dieser Ansatz sehr plausibel erscheint, liegt eindeutig eine Diskriminierung derjenigen vor, deren Eltern sich entweder gegen die frühzeitige geschlechtsangleichende Operation entschieden haben oder die nach Erreichen der gesetzlichen Mündigkeit die Entscheidung treffen, diese wieder rückgängig machen zu lassen.

Der Entschluss des Deutschen Bundestages ist daher richtig, wird allerdings einem Phänomen gerecht, das nur selten auftritt.

 

Einfluss sozialer und psychischer Faktoren auf die Geschlechterbestimmung?

 

Erwartungsgemäß wird die Thematik jedoch politisch instrumentalisiert. Etwa vom Lesben- und Schwulenverband LSVD, dessen Vorstand, Henny Engels, zu dem Schluss kommt „, dass sich das Geschlecht nicht allein nach körperlichen Merkmalen bestimmen lässt, sondern von sozialen und psychischen Faktoren mitbestimmt wird“. Dies ist faktisch falsch und mit den Kenntnissen der modernen Naturwissenschaften nicht in Übereinstimmung zu bringen. Zwar ist es Fakt, dass es vergleichsweise häufig vorkommt, dass Menschen an sich selbst subjektiv ein anderes als ihr biologisches Geschlecht wahrnehmen, dies hat jedoch keinen Einfluss auf das faktische biologische Geschlecht. Eine biologische Frau etwa, die sich jedoch männlich oder „inter“ fühlt, bleibt faktisch zumindest dann ganz eindeutig Frau, wenn sie weiterhin empfängnis- und gebärfähig ist. Führt diese Person beispielsweise eine geschlechtsangleichende Operation zum Mann durch, handelt es sich de facto um eine Frau, die infolge eines medizinischen Eingriffs juristisch zu einem Mann geworden ist. Das Geschlecht kann aus biologischer Sicht nicht gewechselt werden. Es handelt sich lediglich um eine körperliche Angleichung, die der psychischen Wahrnehmung der betroffenen Person gerechter wird. Dass es diese Möglichkeiten gibt, ist richtig. Dass Betroffene durch Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze geschützt werden müssen, erst recht.

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Verschwimmen die Geschlechtergrenzen? Copyrights Stefan F. Wirth

 

Auch ist zu strikter Biologismus zu kritisieren, zum Beispiel dann, wenn es um die Frage geht, ob es sich bei einem Menschen, der mit der körperlichen Ausstattung einer Frau geboren wurde und sich auch weiblich fühlt, jedoch aus welchen Gründen auch immer unfruchtbar ist, um eine biologisch „vollwertige“ Frau handelt. Wäre der Ansatz aus wissenschaftlicher Sicht eventuell zwar vertretbar, würde er der Lebensrealität moderner Gesellschaften allerdings nicht einmal im Ansatz gerecht werden. Allzu schnell gelangte man zu Denkweisen, die nur als unmenschlich bezeichnet werden können  und beispielsweise integraler Bestandteil des menschenverachtenden Systems des Nationalsozialismus gewesen sind.

Es ist daher allgemein grundsätzlich richtig, nicht nur im Alltag, sondern auch per Gesetz der individuellen Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmung ein Stück weit Rechnung zu tragen. Es ist dabei allerdings äußerste Vorsicht geboten. Grenzen müssen eingehalten werden. Ließe sich die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht künftig durch ein Individuum willkürlich festlegen, käme das dem Niedergang der Naturwissenschaften und somit dem inzwischen Jahrhunderte alten Geist der Aufklärung gleich.

 

Zukunft der Naturwissenschaften

 

Was sollte denn dann der Biologie-Lehrer seinen Schülern, was der Biologie-Professor seinen Studenten vermitteln? Dass die Geschlechterdeterminierung im Tierreich allgemein Folge naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten sei, es sich beim Menschen jedoch um eine Glaubensangelegenheit handele? So weit dürfen wir nicht kommen! Daher ist es aus meiner Sicht bereits ein falscher Weg, dass die geplanten Reformen der großen Koalition vorsehen, dass in bestimmten Ausnahmefällen kein ärztliches Attest, sondern eine eidesstattliche Versicherung des Betroffenen ausreichen solle.

 

Das naturwissenschaftliche Verständnis der AfD

 

Das Thema erhitzt die Gemüter. Und so fühlen sich nicht nur eher linke Verbände zu kritischen Äußerungen genötigt. Auch das rechte Lager wittert umgehend ein Podium, um politisch konservatives Gedankengut zu verteidigen. So äußert die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD: „Die Geschlechtszugehörigkeit ist seit Bestehen der Menschheit ein objektives Faktum – so wie Alter und Körpergröße auch.“ Ein objektives Faktum ist vielmehr, wie sachlich unzutreffend diese Äußerung ist. Die Stellungnahme der Frau von Storch verwundert allerdings auch nicht weiter, hat sie doch bereits an anderen Stellen ihr fragwürdiges naturwissenschaftliches Verständnis vorgeführt, etwa, als sie in einem Interview forderte, es müsse erst einmal bewiesen werden, dass der Mensch Einfluss auf die zunehmende Klimaerwärmung ausübe.

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin Dezember 2018

 

 

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Bildungsministerin Karliczek hinterfragt altbacken die gleichgeschlechtliche Familie und wird dafür zurecht, aber zu irrational kritisiert

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In modernen westlichen Gesellschaften lösen sich konservative Dogmen zur Definition, was als Familie zu betrachten ist, zunehmend auf. Urheberrecht Stefan F. Wirth

 

In modernen westlichen Gesellschaften herrschen Toleranz und Gleichberechtigung. Zumindest, wenn es darum geht, welche Geschlechter einander das Ja-Wort geben oder gar, wie das einzelne Individuum sein biologisches Geschlecht überhaupt interpretiert und tituliert haben möchte. Doch auch diese in Liebesangelegenheiten so offenen Gesellschaften sind von einem Komplettpaket zeitgemäß aufgeklärter Lebensführung oft noch weit entfernt. In den USA erinnern drakonische Bestrafungssysteme und dubiose Gesetze zum Waffengebrauch an mittelalterliche Szenarien, während viele europäische Länder vor Nationalempfinden, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in einer Weise geradezu überborden, die vermutlich selbst das Mittelalter so nicht kannte.

 

Politisch korrekte Dogmen und die Biologie des Menschen

 

Es gibt also viele Themen, die in den Fernsehshows dieser Welt für Zündstoff sorgen können. Und dennoch erhitzt die Frage, wer mit wem eine Ehe abschließen darf und welche Rolle Kinder dabei spielen, die Gemüter immer wieder in ganz besonderer Weise. Die Gründe für solche Befindlichkeiten sind steinalt, so alt wie unsere Biologie selbst. Denn wie bei anderen Säugetieren auch, ist die Erhaltung unserer Art davon abhängig, wie erfolgreich unser Nachwuchs heran wächst. Die Frage nach einem geeigneten familiären Umfeld berührt uns dabei zumeist sehr emotional, schließlich geht es nicht in erster Linie um Wissen, sondern schlicht um einen angeborenen Instinkt.

Doch Instinkte allein taugen nicht als sachliche Argumente. Auch Dogmen, die autokratisch festlegen, was gerade als politisch korrekt anzusehen ist, verhindern oft auf Fakten basierende, ernstzunehmende Diskussionen. Dabei gilt jedoch die präzise Suche nach fundiertem Wissen in vielen – ursprünglich – aufgeklärten Kreisen heutzutage oft nicht mehr als „en vogue“ . Und das, obwohl es ein fester Bestandteil der speziellen Biologie des Homo sapiens ist, Zusammenhänge verstehen zu wollen. Unsere im Vergleich zu nächst verwandten Primaten voluminöse Großhirnrinde ist bestens dafür ausgestattet, komplexe und auch widersprüchliche Befunde zu ordnen und sinnvoll zu analysieren.

 

Eine Bildungsministerin fordert mehr Wissenschaft

 

Und hier kommt die Bildungsministerin Anja Karliczek ins Spiel, die im Format „Klamroths Konter“ des Fernsehsenders n-tv ihrem politischen Amt gerecht werdend mehr Wissen einforderte und dafür nun mächtig Kritik einstecken muss. Wer nach wissenschaftlich haltbaren Argumenten fragt, hat zunächst einmal grundsätzlich  gar nichts falsch gemacht. Der sofort in Gang gebrachte linkspolitische Shitstorm ist daher zu relativieren. So bezeichnet beispielsweise die Politikerin Doris Achelwilm der Partei „Die Linke“ den Wissensdrang der Bildungsministerin als „ärgerliche Realitätsverweigerung“. Der Grünen-Abgeordnete Sven Lehmann spricht von „hinterwäldlerischer Haltung“ und davon, dass es längst hinreichend viel Wissen gebe. Die Ministerin habe „offenbar die letzten Jahrzehnte geschlafen“.

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Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert mehr Forschung zur Auswirkung gleichgeschlechtlicher Eltern auf ihre Kinder. Quelle Foto: Wikipedia

 

Die Form der Kritik seitens der genannten linken Parteien führt anschaulich vor, dass es derzeit offenbar im Trend liegt, in Phrasen anstelle der Zuhilfenahme von Fakten zu debattieren. Wissen wird zur Seifenblase degradiert, zu einer Blackbox. Agiert wird nach dem Prinzip: Unser Wissen ist besser als Deins, oder: Unsere Kenntnisse sind zeitgemäßer als Deine. Wissen darf jedoch nicht zur Glaubensangelegenheit verkommen. Richtig wäre es hingegen, zu erwidern: Ich kenne zum Beispiel die Studie soundso, derzufolge Wissenschaftler auf die und die Weise zu folgenden Erkenntnissen gelangt sind, die Deine Fragen aus meiner Sicht hinreichend beantworten. Doch leider treibt der manchmal fragwürdige moderne Zeitgeist mitunter gar absurde Blüten. Denn nicht alles, was sich selbst heutzutage als Wissenschaft bezeichnet und hierfür in der Tat mit exorbitant hohen Forschungsgeldern ausgestattet wird, ist seriös. Das betrifft nicht nur bestimmte Richtungen der Geschichtsforschung. So wurde beispielsweise ein naher Verwandter von mir für eine historische Arbeit promoviert und sitzt dennoch rechts außen innerhalb der AfD im Bundestag. Es betrifft auch Teile der so genannten Genderforschung, in denen eine vorwiegend glaubensbasierte Wissensfindung stattfindet, die beispielsweise die biologischen Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen des Homo sapiens negiert.

 

Welche Auswirkungen üben gleichgeschlechtliche Eltern auf ihre Kinder aus?

 

Und damit wären wir zurück beim eigentlichen Thema. Worüber hat sich Frau Karliczek in besagter Fernsehsendung eigentlich inhaltlich geäußert? Die sogenannten Forscher des Gender-Mainstreaming würden wohl sagen, es ging um eine „Gender-Thematik“. Dass die Ministerin ihre von Beginn an eher negative Beurteilung der Homo-Ehe einräumte, war dabei keineswegs vorrangig Stein des Anstoßes. Vielmehr ging es um ihre Äußerung, es sei noch immer eine „spannende Forschungsfrage“, welche Auswirkung gleichgeschlechtliche Eltern auf ihre Kinder ausüben.

Damit geht sie aus meiner Sicht unzweifelhaft über das reine Einfordern wissenschaftlicher Erkenntnisse hinaus, indem sie kaum verhohlen die Befähigung gleichgeschlechtlicher Elternpaare zur gesunden Erziehung ihrer Kinder von vornherein bezweifelt. Ihr pauschaler gedanklicher Ansatz verrät, dass neben einer rein wissenschaftlichen Hinterfragung in der Tat auch eine gewisse hinterwäldlerische Haltung verborgen ist. Frau Karliczek ist eine römisch-katholische CDU-Politikerin. Als solche pflegt sie offenkundig ein Weltbild, das auf dogmatischen Konstrukten der katholischen Kirche basiert. Die Position deren Oberhauptes ist unmissverständlich. So sagte Papst Franziskus im Juni 2018 gemäß der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, nur Mann und Frau seien zur Bildung einer Familie imstande. Belege hierfür benötigt ein Papst nicht, denn er betrachtet sich als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Sein Wort ist daher Gottes Wort und somit ein Beleg an sich.

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Papst Franziskus sieht nur in der Verbindung aus Frau und Mann eine Familie. Quelle Foto: Wikipedia

 

Männer und der Mutterinstinkt, allein erziehende Väter

 

Mehr sachliche Fachkenntnis und echten Wissensdurst hätte Frau Karliczek zum Ausdruck gebracht, wenn sie beispielsweise die Frage aufgeworfen hätte, inwieweit speziell zwei Männern die Erziehung ihrer Kinder zuzumuten sei, ist doch schließlich der Mutterinstinkt – wie der Name bereits andeutet – ein Merkmal, das bei Männern weniger stark ausgeprägt ist. Seriöse Forschungsberichte hierüber sind nämlich in der Tat rar bis nicht existent. Allerdings ist eine inhaltlich beinahe gleichwertige Fragestellung diejenige, ob Männer generell die Erziehung ihrer Kinder im Alleingang bewältigen Können. Hierzu gibt es sehr wohl Forschungsberichte. So beschreibt der Wissenschaftler Dr. Christoph Paulus aus dem Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Saarbrücken, der akademisch unter anderem in den Bereichen pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften ausgebildet wurde, dass sich über 90 Prozent der alleinerziehenden Väter aus einer wissenschaftlichen Stichprobe von ihren Kindern akzeptiert fühlen. Allerdings wird seinen Studien zufolge das Bedürfnis der Kinder nach Schutz und Geborgenheit weiterhin vorwiegend durch die getrennt lebenden Mütter befriedigt. Allgemein kommt er in seiner Studie jedoch zu dem Schluss, dass Kinder allein erziehender Väter eine emotionale Stabilität aufwiesen, die sich im Vergleich mit Kindern gemischter Elternpaare und geordnet nach Altersgruppen stets im Durchschnittsbereich bewegte.

https://www.familienhandbuch.de/familie-leben/familienformen/alleinerziehend/entwickelnsichkinderalleinerziehendervaeteranders.php

Der Forschung zufolge erreichen auch allein erziehende Väter eine emotionale Stabilität ihrer Kinder

 

Der zitierten Forschung ist auch zu entnehmen, dass mit dem Eintritt der Funktion als allein erziehender Vater Veränderungen der Vater-Kind-Beziehung einhergingen. So sei die Bindung „viel enger“ geworden und die Aufmerksamkeit des Vaters gegenüber den Kindern werde „viel aktiver“ zur Verfügung gestellt. Allerdings sei die materielle Situation allgemein als eher „unbefriedigend“ beschrieben worden.

Interessant wären Studien an solchen allein erziehenden Vätern, die in vollständiger Abwesenheit weiblicher Bezugspersonen auch den kindlichen Drang nach Schutz und Geborgenheit erfüllen müssen. Solche Studien sind mir ebenso wenig bekannt wie ernst zu nehmende Forschung an der Situation zweier Väter, die gemeinsam ihre Kinder großziehen. Ich würde allerdings erwarten, dass ein schwules Elternpaar imstande ist, wirtschaftliche Defizite effizienter zu vermeiden als ein Single-Mann. Da eine Rollenteilung im Männer-Doppelpack leichter einzurichten ist, könnte unabhängig von der natürlichen Wesensnatur des Mannes mit Jäger- und Kämpfer-Natur womöglich auch die Vermittlung von Geborgenheit an Kinder leichter umgesetzt werden.

 

Allein erziehende Mütter

 

Forschungen zur Befähigung zweier Mütter, erfolgreich Kinder zu erziehen, sind aus biologischer Sicht eher weniger notwendig. Denn die Beteiligung mehrerer Frauen an der Betreuung von Kindern, besonders der jüngeren Altersgruppen, wurde bereits in urzeitlichen Hominiden-Gruppen praktiziert.

Das konventionelle Familienbild mit Mann, Frau und Kindern, wie es beispielsweise die katholische Kirche predigt, ist aus evolutionsbiologischer Sicht ein künstliches Konstrukt. In archaischen Hominiden-Gruppen lebten Männer- und Frauengruppen in ihrem Alltag weitgehend voneinander isoliert. Während die Männer etwa jagten und Kriege führten, versorgten Frauen in Gruppen den Nachwuchs und gingen auch darüber hinaus anderen Tätigkeiten nach als die Väter ihrer Kinder. Dies kann unter anderem dem starken Geschlechtsdimorphismus entnommen werden, der bei Homo sapiens erheblich deutlicher ausgeprägt ist als bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen. Weibchen-Gruppen des modernen Menschen verfügen daher über mehr als 315.000 Jahre Erfahrung in der gemeinschaftlichen Erziehung ihrer Kinder. Väter müssen dabei nicht anwesend sein.

 

Unsere nächsten Verwandten im Reich der Primaten

 

Auf sogenannten phylogenetischen Stammbäumen erscheinen die Schimpansenarten gemeiner Schimpanse und Bonobo beide zusammen als Schwestergruppe des Menschen. Die Erforschung ihrer Verhaltensweisen kann daher unter bestimmten Bedingungen Aufschluss darüber geben, wie die Stammart des Menschen in etwa gelebt haben muss. Diese Rekonstruktion ist allerdings nur dann möglich, wenn es gelingt, spezielle Eigenarten, die nur in den jeweiligen Schimpasenarten ausgeprägt sind, von jenen zu unterscheiden, die bereits auf der Ahnenlinie zum Menschen hin evolvierten und die sich daher die Stammarten von Schimpanse und Mensch teilten.

Generell ist das Sozialverhalten des gemeinen Schimpansen Pan troglodytes dem des Menschen ähnlicher als jenes des Bonobos Pan paniscus. Letzterer weist diesbezüglich also Merkmalskonstellationen auf, die im Verhältnis zur gemeinsamen Stammart beider Schimpansenarten „weiter abgeleitet“ sind, wie Evolutionsbiologen es ausdrücken würden. Gemeint ist, dass sie in Bezug auf bestimmte Systeme von Merkmalen häufiger  Neuerungen evolvierten, die nur ihnen eigen sind, als sich dies beim gemeinen Schimpansen vollzog. Der kann daher in mancher Hinsicht leichter Hinweise auf die frühe Evolution des Homo sapiens liefern. Ein solches Merkmal, das er möglicherweise mit ursprünglichen Menschenarten teilt, ist eventuell die Tatsache, dass mehrere weibliche Schimpansen auch ohne Männer Jungtiere effizient zu komplexen Handlungen erziehen können, und zwar unabhängig davon, ob es sich um die eigenen Kinder handelt oder nicht.

Ein Beispiel hierfür liefern die Forscher S. Hirata und M. L. Celli in ihrer Arbeit aus dem Jahre 2003, die im Wissenschaft-Journal Animal Cognition veröffentlicht wurde. Darin wurde die Rolle von Müttern bei der Vermittlung des Werkzeug-Gebrauchs an Jungtiere untersucht. Dem Ergebnis der Studien zufolge sind junge Schimpansen bereits ab einem Alter von 20 bis 22 Monaten dazu in der Lage, den Vorgang der Nutzung eines Tools zur Gewinnung von Honig perfekt zu imitieren. Dies funktionierte auch, wenn das Weibchen, das die Handlung im Experiment vorführte, nicht leiblich mit dem Jungtier verwandt war. Ein Befund, der meiner Ansicht nach darauf hinweisen könnte, dass die gemeinsame Erziehung von Jungtieren durch Weibchen-Gruppen beim Homo-sapiens deutlich älter ist als der Mensch selbst.

Ein Schimpansen-Junges hat erfolgreich einen Werkzeuggebrauch erlernt, indem es das Verhalten erwachsener Weibchen imitiert. Das lehrende Weibchen muss dabei nicht unbedingt die leibliche Mutter sein. Quelle und Urheberrecht: S. Hirata und M. L. Celli, Wissenschafts-Journal Animal Cognition.

 

 

https://langint.pri.kyoto-u.ac.jp/ai/en/publication/SatoshiHirata/Hirata_and_Celli_2003.html

Studie zum Lernverhalten bei Schimpansen-Jungtieren durch Imitation des Werkzeuggebrauchs erwachsener Weibchen

 

Homosexualität in beiden Geschlechtern ist keine Erfindung des Homo sapiens

 

Homoerotische Verhaltensweisen zwischen Männern oder Frauen sind keine Ausgeburt moderner dekadenter Lebensart. Dies beweisen Beispiele aus der Antike, in der insbesondere auch die männliche Homosexualität in verschiedensten Kulturkreisen weit verbreitet war. Doch auch das Tierreich ist voller Beispiele gleichgeschlechtlicher Akte. Dabei müssen wir uns keineswegs auf jene Tiergruppen fixieren, deren Reproduktionsbiologie generell verschieden von der unsrigen ist. Organismen wie Regenwürmer, Schnecken oder Nematoden oder gar Milben können in diesem Zusammenhang getrost außer Acht gelassen werden. Allein innerhalb der Säugetiere tritt Homoerotik in beiden Geschlechtern häufig genug auf. Doch ist das ein Hinweis auf eine einmalige evolutive Entstehung des Homo-Sex und der entsprechenden Beibehaltung in den verschiedensten Säugetiergruppen? Davon ist aus evolutionsbiologischer Sicht eher nicht auszugehen. Hilfreicher zur Beantwortung der Frage, ob menschliche Homosexualität ein altes Merkmal darstellt, das in der gemeinsamen Ahnenschaft mit rezenten Primaten entstand, ist natürlich die Betrachtung der Verhaltensweisen der mit uns nächst verwandten Menschenaffen.

Berühmt ist die homoerotische Vielfalt an Aktivitäten bei Bonobos. Regelmäßige und manchmal sehr spontane Erotik-Kontakte in allen Lebenslagen sind bei ihnen Normalität. Sexuelle Handlungen dienen bei Pan paniscus nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Förderung sozialer Bindungen und dem Abbau aggressiver Stimmungen. Bei all dem tritt insbesondere homosexuelles Verhalten besonders häufig auf, sowohl unter Männchen wie auch unter Weibchen. Bonobos sind somit vorwiegend bisexuell veranlagt. Wie häufig und ob überhaupt bei ihnen rein homosexuell lebende Individuen auftreten können, ist mir allerdings nicht bekannt.

Homoerotik tritt beim Bonobo in beiden Geschlechtern häufig auf und dient der Bindung sozialer Kontakte sowie dem Abbau von Spannungen in der Gruppe. Homosexualität ist allgemein häufig im Tierreich anzutreffen. Quelle und Urheberrecht: J. Menendez et al.

 

Über homoerotisches Verhalten beim gemeinen Schimpansen hingegen weiß man meinen Recherchen gemäß erstaunlich wenig. Jedoch gibt es Beobachtungen gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Gorilla-Weibchen. Es ist aus evolutionsbiologischer Sicht daher durchaus nahe liegend anzunehmen, dass der Trieb des Homo sapiens nach gleichgeschlechtlicher Erotik ein altes Erbe aus dem Reich der Menschenaffen darstellt. Denn ihn betrieb womöglich bereits die letzte gemeinsame Stammart von Gorillas und der geschlossenen Gruppe aus Schimpansen und Mensch.

Lesbische Kontakte könnten dabei eine besonders große Rolle gespielt haben, was bedeuten würde, dass die Jungenaufzucht in Gegenwart von Müttern, die zumindest unter anderem gleichgeschlechtliche Beziehungen zueinander pflegten, bereits unseren menschlichen Urahnen eine Selbstverständlichkeit war. Dass verhältnismäßig wenig über männliche Homosexualität bei Menschenaffen bekannt ist, muss jedoch nicht unbedingt dem tatsächlichen Zustand geschuldet sein. Sex unter Männern ist auch heute noch häufiger ein Tabu-Thema als Lesben-Erotik, und zwar, weil der Akt aus anatomischen Gründen heraus immer besonders explizit ausfällt. Eine instinktive Neigung, aus moralischem Entsetzen heraus wegzuschauen, wenn zwei Affen-Männer miteinander zur Sache kommen, könnte auch modernen Primatologen immer wieder unterlaufen sein. Bei Bonobos, die geradezu in allen Lebenslagen nur so vor Sex strotzen, ist ein Übersehen hingegen schon allein aufgrund der Häufigkeit der Akte gar nicht möglich.

Hinweise auf einen ahnengeschichtlichen Zusammenhang zwischen männlicher Homo-Sex-Paare und Kindererziehung werden aber wohl auch bei aufmerksamen Studien an gemeinen Schimpansen und dem Gorilla eher wenig erhellend sein, da bei ihnen die Kindererziehung vorwiegend Frauensache ist. Dennoch wäre es spannend zu wissen, inwieweit es auch in den beiden Schimpansenarten und dem Gorilla erfolgreich alleinerziehende Väter geben kann, zum Beispiel wenn die zugehörigen Weibchen aufgrund von Unfällen, Bejagung durch den Menschen oder Seuchen alle verstorben sind.

 

Das Konzept der Queer-Family und Geschlechterrollen beim modernen Menschen

 

Auch trotz des Fehlens von Langzeitstudien zur Auswirkung gleichgeschlechtlicher Eltern auf den Erfolg der Erziehung ihrer Kinder: Die Existenz der sogenannten Regenbogenfamilien ist längst Realität. Zwar halte ich wissenschaftliche seriöse Studien für wichtig, um das Phänomen in Gänze beurteilen zu können.

Jedoch können wir Zusammenhänge manchmal auch korrekt intuitiv bewerten. Der Mutterinstinkt erlaubt es Frauen in ganz besonderem Maße, durch bloßes Beobachten feststellen zu können, ob sich ein Kind wohlfühlt oder nicht. Das hat nichts mit Glauben oder faulem Zauber zu tun, sondern ist eine durch Evolution entstandene Fähigkeit, zu der weibliche Gehirne unter normalen Bedingungen nun einmal befähigt sind. Aber wie ist das mit den Männern? Können auch sie stumme Signale eines fremden Kleinkindes richtig beurteilen? Die weiter oben zitierte Studie des Forschers C. Paulus weist darauf hin, dass auch Männer mit dem Grad ihrer Anforderungen gegenüber Kindern wachsen können. Wenn nötig, erwacht daher unter Umständen auch im Mann eine Art Muttergefühl, wenn er das leidvolle Gesicht eines Kindes erblickt. Zumindest wäre gemäß der Publikation von solchen Männern, die aufgrund ihrer speziellen Lebenssituation besonders eng an die eigenen Kinder gebunden sind, eventuell auch zu erwarten, dass irgendwann eine Prägung einsetzt, mit Hilfe derer letztlich auch der Zustand fremder Kinder beurteilt werden kann. Schwule Väter und lesbische Mütter zeigen sich und ihren Nachwuchs heutzutage stolz der Öffentlichkeit. Frau und eventuell auch Mann können sich unter Zuhilfenahme ihrer Instinkte und Prägungen dabei ein Bild machen, ob ein Kind glücklich gedeiht oder leidet. Und dazu muss man Fremde nicht einmal auffällig im Supermarkt anstarren. Zahlreiche queere Familien gehen auch vor die Kameras. So gibt beispielsweise die unten aufgeführte Reportage des Senders N24, der jetzt in „Welt“ heißt, recht ausführliche Einblicke in den Alltag lesbischer Mütter und schwuler Väter.

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Regenbogenfamilie: schwule Väter. Quelle: Wikipedia

 

https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/wenn-schwule-maenner-eltern-werden-vaeter-sein-dagegen-sehr/12931662.html

Wenn schwule Väter Eltern werden, Quelle und Urheberrecht: Der Spiegel

 

Ursprünglich lebende weitgehend isolierte Ethnien

 

Nützliche Hinweise auf das natürliche n- also durch Evolution beeinflusste – Verhaltensspektrum des Menschen, liefern nicht nur wissenschaftliche Befragungen oder Betrachtungen der nächst verwandten Primatenarten. Auch das Studium vollständig oder weitgehend isoliert lebender Ethnien der Jetzt-Zeit kann Aufschluss über die Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen der Vergangenheit gewähren, die sich unter wissenschaftlich sinnvollen Voraussetzungen hierdurch manchmal rekonstruieren lassen.

So ist beispielsweise bekannt, dass Homosexualität in zahlreichen afrikanischen Ethnien eine lange Geschichte hat. Absurde Theorien, denen zufolge afrikanische Homo-Neigungen erst durch weiße Kolonialherren auf den Kontinent eingeführt wurden, sind natürlich nicht im Mindesten haltbar.

Stattdessen sind homoerotische Spielarten in unterschiedlichen afrikanischen Stämmen fest verwurzelt. Die Bandbreite entspricht derjenigen, die aus modernen westlichen Sozietäten bekannt sind. So haben bereits die ersten Erforscher des afrikanischen Kontinents, Portugiesen, aus ihrer Sicht „unnatürlichen“ Sex unter Männern im Kongo beobachtet. Der englische Reisende Andrew Battell entrüstete sich in den 1590-er Jahren über eine Ethnie in Angola: „Sie leben wie wilde Tiere, so haben sie Männer, die wie Frauen auftreten, und die sie auch zusammen mit ihren Frauen halten“.

 

https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/mar/08/african-homosexuality-colonial-import-myth

Homosexualität bei Urvölkern des afrikanischen Kontinents ist häufig und entspricht ihrem natürlichen Verhaltensspektrum. Quelle und Copyrights: The Guardian

 

Und wie sieht es eigentlich mit den Geschlechterrollen in isolierten Volksgruppen aus. Unterstützen sie das prähistorische Szenario, das ich weiter oben beschrieben habe, demzufolge Männer und Frauen häufig und jeweils für längere Zeit voneinander getrennt lebten und dabei unterschiedlichen Tätigkeiten nachgingen?

Recherchiert habe ich den Wissensstand über Geschlechterrollen in separierten Volksgruppen nicht. Jedoch ist mir eine interessante Filmszene ins Auge gesprungen, die ich einen Bericht wert finde.

So ist der besonders abgeschottet lebende Stamm der Sentinelesen, die auf der indischen Andamanen-Insel North Sentinel Island beheimatet sind, jüngst in die Schlagzeilen geraten. Trotz eines Kontaktverbotes durch die indische Regierung hat ein junger US-Amerikaner den Versuch unternommen, den gegenüber Fremden als besonders feindselig geltenden Stamm aufzusuchen. Diese Kontaktaufnahme hat er nicht überlebt.

In diesem Zusammenhang interessierte ich mich dafür, alte Filmaufnahmen zu sichten, auf denen Miglieder der Sentinelesen zu sehen sind. Viel Material gibt es allerdings nicht zu entdecken, denn seit den 1990-er Jahren lebt der Volksstamm in völliger selbstgewählter Isolation. Gemäß Wikipedia handelt es sich bei ihm offenbar um direkte Nachfahren, die der ersten Welle der großen Auswanderungen aus Afrika vor etwa 100000 Jahren entstammen. Fast nichts ist über ihre Lebensweise bekannt, außer dass sie Jäger, Sammler und Fischer sind. Eindringlinge werden häufig unverzüglich attackiert.

Dennoch gelang es verschiedenen Expeditionen, sich den Sentinelesen zu nähern. Ein im Internet kursierendes Video zeigt eine Kontaktaufnahme durch Vertreter indischer Behörden in den 1990-er Jahren, in deren Verlauf versucht wurde, das indigene Volk mit Kokosnuss-Geschenken gütlich zu stimmen.

Der isolierte Volksstamm der Sentinelesen auf der Andamaneninsel North Sentinel Island. Das Video zeigt eine Kontaktaufnahme der indischen Regierung aus den 1990-er Jahren, bei der den Ureinwohnern Kokosnuss-Geschenke überreicht wurden. Die Aufnahmen zeigen auch ein wenig über die Geschlechterrollen des Volksstamms auf. Quelle: Wikipedia-Nutzer „VVeerla“, Urheberrecht mir unbekannt

 

Die kaum geschnittenen Szenen zeigen männliche und weibliche Vertreter der Sentinelesen, die am Strand die ihnen angebotenen Kokosnüsse entgegen nehmen, beziehungsweise aufsammeln. Manches, was man von archaisch lebenden Volksstämmen erwarten würde, ist in dem Filmmaterial auch zu sehen. Die Männer treten als durchtrainierte und kraftstrotzende Kämpfer auf, die mit Pfeil und Bogen stets kampfbereit zu sein scheinen. Auch uns bekannte Gebärden lassen sich ausmachen. Wie zeigt ein stolzer und Testosteron-schwangerer Krieger denn bei uns seinen seinen Triumph an? Er fasst sich mitten auf der Straße in den Schritt. Das ist nicht ungezogen und vulgär, sondern eher schlichtweg ein evolutionsgeschichtlich urtümliches Verhalten zur Präsentation der reifen Mannbarkeit, das in frappierend ähnlicher Weise auch die Sentinelesen beherrschen. In der Szene 3:57 zeigt ein Krieger den Besuchern nämlich deutlich und unmissverständlich, was er von ihnen hält, indem er seinen ohnehin offen liegenden Penis mit einer gekonnten Geste kurz in die Höhe hält.

Wie sehr sich Männer und Frauen der Sentinelesen im Alltagsleben voneinander durch unterschiedliche Tätigkeiten isolieren oder auch nicht, ist – wie so vieles an ihnen – auch weiterhin unbekannt. Unterdrückt werden Frauen jedoch ganz offensichtlich nicht, sondern scheinen ihren Männern sichtbar auf Augenhöhe zu begegnen. Manchmal gewinnt der Zuschauer sogar den Eindruck, als seien eher – wenn überhaupt- dann die sehr selbstbewusst auftretenden Frauen die Unterdrückerinnen.  Szene 1:34 zeigt, wie eine aufgebrachte amazonenhaft wirkende junge Frau einen irgendwie hilflos umher stehenden Krieger resolut, ja geradezu unter Anwendung körperlicher Gewalt, zur Umkehr zwingt.

Auch unabhängig von derlei Einzelbeobachtungen kenne ich aus evolutionsbiologischer Sicht ganz allgemein keine Indizien für eine biologische Natur der Frauen-Diskriminierung durch ihre Männer. Eher halte ich es für eine sehr ursprüngliche biologische Besonderheit des Menschen – ganz im Gegensatz zu seiner Menschenaffen-Verwandtschaft – dass sich seine Geschlechter zwar erheblich unterscheiden, sich im Gruppen-Ranking jedoch gleichermaßen behaupten können. Dass geradezu frauenfeindliche Kulturkreise weltweit dennoch so verbreitet sind, legt aus meiner Sicht nahe, dass Traditionen zur Unterdrückung von Frauen mehrfach sekundär entstanden, und zwar nachdem die wichtigsten Schritte in der Evolution des Homo sapiens längst abgeschlossen waren. Unmündigkeit müssen Frauen daher nicht als ihr Schicksal betrachten, sondern sollten weltweit selbstbewusst dagegen aufbegehren. Ebenso wenig besteht nicht der geringste Anlass für gleichgeschlechtliche Paare, diffamierende und unwahre Charakterisierungen wie „widernatürlich“ oder „Familien-untauglich“ hinzunehmen. Auch ist mir bislang kein vernünftiger wissenschaftlicher Grund dafür bekannt, warum sich Homo-Paare die Fürsorge für eigene Kinder versagen lassen sollten.

 

Berlin, 22.11.2018, Copyrights für den Text Stefan F. Wirth

 

 

 

Neozoen sind in Berlin längst allgegenwärtig, doch Grund zur Panik besteht nicht

Wer mit offenen und kundigen Augen über Berliner Sommerwiesen wandert, wird dort auch Tiere und Pflanzen finden, die hier nicht ursprünglich beheimatet waren. Sogenannte Neozoen oder Neophyten entstammen anderen Teilen Europas oder der Welt und sind irgendwie durch Menscheneinwirkung verschleppt und dann freigesetzt worden. Dies geschieht zumeist durch menschliche Handelsaktivitäten. Dabei geht der Transport einer Art aus ihrem ursprünglichen in einen fremden Lebensraum in der Regel ungewollt vonstatten. Der Tier- und Pflanzenhandel verbreitet Arten jedoch mitunter auch vorsätzlich. Eine dauerhafte Etablierung der Arten ist meist jedoch unbeabsichtigt.

Die Auswirkungen der Verschleppung können höchst unterschiedlich ausfallen. So sind einige Organismen bekannt, die sich aus tropischen Regionen über den internationalen Pflanzenhandel weltweit verbreitet haben, die jedoch aufgrund ihrer ökologischen Vorlieben nur in Gewächshäusern überleben können.

Derlei Neozoen können daher die heimische Fauna der Region, in die sie verschleppt wurden, und somit das dortige Ökosystem nicht schädigen. Sie sind in gewisser Hinsicht und unter bestimmten Umständen sogar nützlich. So beherbergt beispielsweise das „Tropical Islands“ südlich von Berlin, ein riesiges Freizeitbad mit tropischer Vegetation unter der Glaskuppel einer ehemaligen Produktionsstätte für Luftschiffe, neben verschiedenen Organismen, die man typischer Weise in Gewächshäusern antrifft (tropische Schaben, Hundertfüßer, Tausendfüßer, kleine Springspinnen) auch sogenannte Zwerggeißelskorpione (Schizomida, Spinnentiere). Diese findet man keineswegs in jedem beliebigen Gewächshaus, wohl weil sie (unbekannte) besondere Ansprüche an ihre Umgebung stellen. Ich durfte im Tropical Islands mehrfach zusammen mit meinen damaligen Studenten der FU Milben und Schizomiden aufsammeln. So war es mir möglich, meinen Bildungsauftrag in besonderer Weise zu erfüllen und meinen Studenten mit den gefundenen Zwerggeißelskorpionen hinsichtlich Gestalt und Biologie äußerst ungewöhnliche Spinnentiere vorzuführen. Dabei muss man berücksichtigen, dass so mancher ausgewachsene Spinnentierforscher diese Tiere noch nie lebend zu Gesicht bekam. Ich nutzte die besondere Gelegenheit auch gleich, um hochauflösende Videos zu Verhaltensaspekten dieser bizarren und grazilen Tiere zu erstellen. Diese haben mehrfach die Aufmerksamkeit von Schizomiden-Forschern erregt, die ihrer Arbeit zwar in den ursprünglichen Verbreitungsgebieten der Tiere nachgehen, jedoch offenbar außerstande sind, qualitativ vergleichbares Videomaterial zu erstellen. Wie auch zoologische Gärten können Neozoen in Gewächshäusern also die Bildung bereichern.

 

alle Urheberrechte des Videos liegen bei Stefan F. Wirth, Berlin 2018

 

Im Übrigen muss betont werden, dass alle hier im Zusammenhang mit Gewächshäusern allgemein und dem „Tropical Island“ im Speziellen genannten Organismen für Menschen ungefährlich und meist mikroskopisch klein sind. Sie stellen in künstlichen „Regenwäldern“ einen für das Gedeihen der Flora notwendigen Bestandteil deren Ökosystems dar.

Generell sind aber auch Fälle von Pflanzen oder Tieren bekannt, die den Weg aus Gewächshäusern oder Aquarien in den angrenzenden, ihnen unbekannten Lebensraum fanden und dort (zumindest zeitweise) bestehen konnten. So wurde beispielsweise der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis), der ursprünglich im östlichen Asien beheimatet ist, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gewächshauskulturen zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, und zwar zunächst in den USA, wo er entkam und sich auch im Freien etablieren konnte. Inzwischen ist der Käfer auch im Freiland Südamerikas, Afrikas und Europas ansässig geworden und schadet unter anderem einheimischen Marienkäferarten. Denn als Konkurrent ist er nahezu unbesiegbar. So ist sein Appetit nach Blattläusen kaum zu stoppen, doch auch gegen Infektionen erweist er sich deutlich resistenter als beispielsweise deutsche Marienkäferarten. Erschwerend kommt hinzu, dass er die Sporen eines parasitischen Einzellers, sogenannte Mikrosporidien, an heimische Arten weitergeben kann, die im Gegensatz zu H. axyridis keine oder eine herabgesetzte Immunität gegen diesen Parasiten besitzen.

Der Käfer ist häufig auf Berliner Wiesen im Sommer anzutreffen, wo er mit oder ohne deutlich sichtbaren Punkten auf den Flügeldecken auftreten kann. Wie er dorthin kommt? Zunächst einmal haben Forscher mithilfe genetischer Marker herausgefunden, dass die meisten Käferpopulationen in Europa, Südamerika oder Afrika auf Tiere aus den USA zurückzuführen sind. Sie sind daher international vorwiegend durch den Menschen verbreitet worden. Darüber hinaus kann die Art, die ja effizient in der heimischen Natur bestehen kann, natürlich auch aus eigener Kraft neue, nah gelegene Lebensräume erschließen.

Gemäß den Aussagen des Leiters der NABU-FG Entomologie in Berlin, Thomas Ziska, wurde der Asiatische Marienkäfer 2004 erstmals in Berlin nachgewiesen. Zwischen 2005 und 2008 hat die genannte Fachgruppe den Käfer zudem regelmäßig im Bereich des Tegeler Fließtals angetroffen.

Das nämlich war genau der Anlass meiner Kontaktaufnahme mit dem NABU. Im Rahmen eines eigenen kleinen Forschungs- und Kunstprojektes habe ich im Sommer 2018 Beobachtungen zur Insektenvielfalt (vorwiegend Blütenbesucher) auf Berliner Sommerwiesen gemacht. Schwerpunktmäßig ging es mir dabei auch um Fotografie. So besuchte ich regelmäßig das Tempelhofer Feld, das Teufelsberg-Gebiet sowie das Areal des Nord-Berliner Köppchensees, das einen Teil des Tegeler Fließtals darstellt. Der Köppchensee sowie seine angrenzenden Ökosysteme werden naturkundlich durch die NABU Berlin betreut, die in vorbildlicher Weise dafür Sorge trägt, dass der Besucher dieses Natur-Refugiums über zoologische Besonderheiten ausführlich in Form von Informationsplakaten informiert wird.

Von besonderem Interesse für alle Naturliebhaber und Naturkenner ist das Gebiet aufgrund eines Mosaiks aus verschiedenen Feuchtgebiet-Typen sowie sandiger Areale mit entsprechender Sandlückenfauna, ergänzt durch Trockenwiesen, die zum Teil auf einer Anhöhe gelegen und mit alten Obstbaumpflanzungen versehen sind. Diese gedeihen aufgrund einer exponierten Sonnenlage ausgezeichnet und liefern vor allem verschiedene Pflaumen- und Apfelsorten.

 

Das gesamte Köppchensee-Gebiet zeichnet sich durch eine artenreiche Flora und Fauna aus. Zudem ist es ein Refugium für zahlreiche Vogelarten. So lassen sich beispielsweise auf den Obst-Trockenwiesen im frühen Sommer Neuntöter bei der Jagd und der Aufzucht der Jungtiere beobachten.

Im Vergleich zu den Arealen Teufelsberg und Tempelhofer Feld waren mir nicht nur asiatische Marienkäfer am Köppchensee besonders häufig aufgefallen, freilich ohne eine Statistik angefertigt zu haben. Auch ein weiteres Neozoon aus dem östlichen Asien scheint sich um den Köppchensee auffällig etabliert zu haben, nämlich der Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis).

 

Der auffällige Schmetterling war mir mehrfach ausschließlich am Köppchensee, und zwar auf der Trockenwiese in Höhe der Aussichtsplattform vor die Kameralinse geflattert, nicht am Teufelsberg und nicht auf dem Tempelhofer Feld. Dies mag allerdings Zufall sein, da der Buchsbaumzünsler gemäß der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz bereits seit 2017 „flächig im Stadtgebiet Berlin vertreten“ ist.

Hinzu kommt, dass erwachsene Falter zwar zur Nahrungsaufnahme verschiedene Blütenpflanzen ansteuern, die Larven jedoch strikt auf die Anwesenheit von Buchsbäumen (Buxus) angewiesen sind, die es laut Thomas Ziska von der NABU-FG Entomologie am Köppchensee direkt gar nicht gibt. So ist davon auszugehen, dass die von mir beobachteten Falter in angrenzenden privaten Gärten geschlüpft sind.

Vermutlich durch den Handel mit Zier- und Nutzbäumen konnte sich der Buchsbaumzünsler aus seiner eigentlichen Heimat in Ostasien nach Europa verbreiten, wo er sich inzwischen auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich etabliert hat. Auch aus Belgien und einigen osteuropäischen Ländern gibt es entsprechende Meldungen.

Die Schadwirkung des Schmetterlings beschränkt sich auf Buchsbaumbestände in Parkanlagen und privaten Gärten sowie wilden Exemplaren in naturbelassenen Gebieten. Die können bei Befall jedoch vollständig kahl gefressen werden. Inwiefern heimische Insekten, die an das Leben an Buchsbäumen angepasst sind, durch das Neozoon in Mitleidenschaft gezogen werden, habe ich nicht recherchiert.

Direkt am Holzzaun der Aussichtsplattform, die von einer Anhöhe aus einen beeindruckenden Überblick über den Köppchensee verschafft, habe ich ein weiteres Tier entdeckt, das offenbar ein Neozoon darstellt, nämlich die marmorierte Baumwanze Halyomorpha halys. Allerdings bin ich bis heute unsicher, ob ich als Nicht-Wanzenkundler die eigentlich auffällige Baumwanze anhand des einzigen Fotos, das mir zur Verfügung stand, korrekt bestimmt habe. Thomas Ziska bestätigt dies jedoch in seiner Email mit den Worten: „Der Nachweis von H. halys am Köppchensee ist neu.“

Auch die marmorierte Baumwanze ist ursprünglich im Osten Asiens beheimatet und fand über Transportkisten erst Anfang dieses Jahrtausends ihren Weg aus China nach Nordamerika, wo sie sich etablieren und rasant ausbreiten konnte. Nachweise aus Europa liegen erst seit 2007 vor. Es ist mir nicht bekannt, ob die Verschleppung direkt aus China erfolgte oder über den Umweg durch die USA. Seit 2016 jedenfalls verbreitet sich die Art zunehmend in Deutschland, allerdings eher in südlichen Bundesländern. Gemäß Informationen durch Th. Ziska trat die Wanze auch 2016 erstmals in Berlin auf.

H. halys tritt aufgrund ihrer biologischen Neigungen vorwiegend als Pflanzenschädling in Erscheinung. Wie üblich für Baumwanzen saugt die Art an Pflanzensäften. Hierbei verursacht sie wirtschaftlichen Schaden, indem sie verschiedene Nutzhölzer attackiert. So werden beispielsweise die Fruchtanlagen von Apfel, Birne, Pfirsisch oder Haselnuss angestochen, was die Entwicklung der Früchte stört, so dass Missbildungen die Folge sein können.

Ein weiteres Neozoon, das mir bei meinen Foto-Exkursionen häufiger aufgefallen ist, stellt die Büffelzikade Stictocephala bisonia dar. Allerdings fand ich diese gerade nicht am Köppchensee, dafür aber auf dem Tempelhofer Feld und im Schillerpark im Berliner Bezirk Wedding.

Die faszinierende kleine Buckelzikade stammt ursprünglich aus Nordamerika und scheint der Literatur zufolge über Triebe zur Veredelung von Obstbäumen nach Europa eingeführt worden zu sein, wo eine flächige Ausbreitung ab spätestens 1912 erfolgte. Waren zunächst der Mittelmeerraum, Mittelasien und Nordafrika betroffen, begann die Art seit den 1960er Jahren nordwärts gen Mitteleuropa zu wandern. Hier breitet sich die Zikade seit etwa 2000 in Deutschland aus, Nachweise aus Brandenburg liegen seit 2004 vor.

Die Pflanzensauger scheinen der Literatur zufolge hinsichtlich ihrer Wirte nicht sehr wählerisch zu sein. So werden neben Rosengewächsen, wo ich sie zumeist antraf, auch Obstbäume oder Pappeln befallen. Die wirtschaftlich relevanten Schäden entstehen weniger durch die Saugaktivitäten der erwachsenen Insekten als vielmehr durch die Eiablage. Denn die erfolgt in dichten Abständen zueinander. Da Pflanzenteile, die über den Eiern liegen, zumeist absterben, kann hierdurch ein beträchtliches Schadbild an den Wirtspflanzen entstehen. Auch in diesem Zusammenhang ist mir nicht bekannt, inwieweit das Neozoon eine ernsthafte Konkurrenz für ursprünglich einheimische Zikadenarten darstellt.

Es ist übrigens kalendarisch definiert worden, ab wann eine Pflanze oder ein Tier als Neozoon oder Neophyt zu bezeichnen ist. Als festgelegtes Datum gilt die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492. Arten, die davor mit menschlicher Hilfe verbreitet wurden, werden als Archäobiota, also Archäozoen oder Archäophyten bezeichnet. Danach wird die Vorsilbe Neo- zur Anwendung gebracht.

Ein Beispiel für ein Archäophyt ist die Wilde Karde Dipsacus fullonum, die man beispielsweise in den Trockenwiesen am Berliner Köppchensee bestaunen kann. Das dekorativ erscheinende Geißblattgewächs stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Die Pflanze gilt als eher nützlich und findet zum Beispiel in der Volksheilkunde Verwendung.

 

Andere Neozoen, die in Berlin häufig anzutreffen sind, sollen hier nicht weiter erläutert werden. Hierzu gehören beispielsweise der Waschbär Procyon lotor oder der Louisiana-Flußkrebs Procambarus clarkii. Auch die Süßwasserqualle Craspedacusta sowerbii und die Chinesische Wollhandkrabbe Eriocheir sinensis sind neozoische Einwanderer in Deutschland und tauchen immer wieder in Berlin auf.

Wasserlebende Neozoen, wie beispielsweise die Wollhandkrabbe, werden häufig durch den Frachtschiffverkehr über große Distanzen transportiert. Ballastwasser kann eine Quelle der Verschleppung sein. Jedoch ist der Effekt solcher unplanmäßigen Tiertransporte keineswegs immer ein Desaster. Denn manche Organismen überleben nur kurzzeitig in der hierzulande warmen Jahreszeit und können daher auch keine eigenständigen Populationen entwickeln.

 

Sind Neobiota grundsätzliche durch Menschen verursachte Naturkatastrophen?

 

Der Mensch als Vektor für die Verschleppung von Organismen, so viel muss festgehalten werden, kann seiner Umwelt Schaden zufügen, so wie viele andere seiner Aktivitäten auch.

Und doch ist ein Artensterben, beispielsweise hervorgerufen durch neu etablierte Tiere, die verwandte einheimische Arten verdrängen, ein Prozess, den es nicht erst seit der Evolution des Homo sapiens gibt.

Dass Arten aussterben und neue Arten entstehen ist das Prinzip der Evolution auf unserem Planeten. Neben tektonischen spielen hierbei auch klimatische Veränderungen eine große Rolle. Klimaerwärmungen beispielsweise ermöglichen wärmeliebenden Arten grundsätzlich, zuvor lebensfeindliche Gebiete besiedeln zu können. Dabei gibt es neben der Verschleppung durch den Menschen auch natürliche Wege der Verbreitung über große Distanzen, beispielsweise durch Zugvögel oder Treibgut auf Ozeanen.

Dennoch formt der Mensch seine Natur in einer Weise, die es vor seinem Erscheinen auf diesem Planeten nicht gegeben hat. Daher kann man sich nicht zurücklegen und sagen: Arten kommen und andere vergehen, das ist nun einmal der Lauf der Natur. Ein effizienter Naturschutz, der auch die Bekämpfung mancher Neobiota beinhaltet, ist unerlässlich.

Berlin, 12.11.2018

All Copyrights Stefan F. Wirth

 

 

 

Fall aus Rendsburg: Dürfen Schulen ihre Schüler zum Besuch von Kirchen nötigen?

Medienberichten zufolge hat das Amtsgericht Meldorf in Schleswig-Holstein die Eltern eines dreizehn-jährigen Jungen zu einem Bußgeld in Höhe von zwei mal 25 Euro wegen eines vorsätzlichen Verstoßes gegen das Schulgesetz verurteilt. Der verhandelte Fall ereignete sich bereits in 2016: Aufgrund der Befürchtung einer religiösen Indoktrination hatten die Eltern ihrem Sohn die Teilnahme an einer Moschee-Besichtigung, die von der organisiert wurde, untersagt.

Gemäß den Einlassungen des väterlichen Anwalts sei der Besuch der Moschee als Religionsunterricht eingestuft worden, zu dessen Teilnahme keine Verpflichtung bestehe. Die Eltern seien jedoch Atheisten und befürchteten durch den Schulausflug eine religiöse Beeinflussung ihres Sohnes. Darüber hinaus kritisiere man allgemein einen „Umbau“ der Bundesrepublik in eine „multikulturelle Wertegesellschaft“.

Das Gericht folgte diesen Einschätzungen jedoch nicht. Werbung für den Islam habe es nicht gegeben, weswegen der Moschee-Besuch dem Schüler zumutbar gewesen sei. Das Gericht ließ jedoch die Möglichkeit einer Rechtsbeschwerde zu. Es berichteten unter anderem die Kieler Nachrichten.

Die Schule selbst legte dar, dass Religionsunterricht nur dann vorliege, wenn Religionen als „wahr“ dargestellt würden, dies sei aber hier nicht der Fall gewesen.

Spiritualität und Gottesglaube haben menschliche Kulturen seit jeher erheblich beeinflusst. Viele menschliche Errungenschaften stehen im engen Bezug zur Religiosität. Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Architekturgeschichte, und das weltweit und keineswegs nur im europäischen Raum. Generell gilt: Wenn wir eine Kultur verstehen wollen, das betrifft auch längst vergangene Kulturen, ist das Verständnis des spirituellen Lebens von zentraler Bedeutung. Denn in den meisten Kulturen der Welt gibt und gab es keine Unterscheidung zwischen Weltlichkeit und Glaube.

Daher kann der Besuch auch eines aktiven Gotteshauses in unserer Zeit, welcher Religion auch immer zugehörig, eine Bereicherung sein, die das allgemeine Bildungsniveau erhöht. Ich beispielsweise besuche als religionsloser Wissenschaftler und Künstler gerne Kirchen, insbesondere alte und geschichtsträchtige Gebäude. Dabei beeindrucken mich nicht nur die Entwicklung architektonischer Errungenschaften, sondern natürlich auch die der bildenden Kunst. Zudem weisen Gotteshäuser häufig besondere akustische Eigenschaften auf, die jedes Konzert zu einem wahren Erlebnis werden lassen.

Und dennoch stellt sich die Frage, ob es Bürgern im Deutschland des 21. Jahrhunderts frei stehen sollte, ob sie eine Kirche betreten möchten oder nicht. Indoktrinieren aktive Gotteshäuser nun per se, oder tun sie das nicht? Jede aktive Kirche in moderner Zeit ist darauf aus, Gläubige an sich zu binden. Daher konfrontiert eine Kirche immer jeden Besucher mit Ansätzen der Beeinflussung, also der Indoktrination.

Anders als in fast allen vergangenen und der Mehrheit moderner Kulturen sind im modernen Deutschland Glaube und Weltlichkeit strikt voneinander getrennt, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob dies der Kanzlerin bekannt ist. Es ist daher aus meiner Sicht nicht zu vertreten, dass Menschen gegen ihren Willen zum Kirchgang verpflichtet werden. Ein Bildungsdefizit hierdurch ist heutzutage längst nicht mehr gegeben. Die digitale Revolution macht es leicht möglich, Aspekte kirchlicher Kunst oder Architektur auch virtuell in hinreichender Qualität erleben zu können. Daher ist mir die hier vorliegende gerichtliche Entscheidung zur Gänze nicht nachvollziehbar.

Die Welt und unser Bildungsniveau leiden derzeit unter einer ganz neuartigen Welle religiösen Wahns. Der fanatische Islamismus mag eine Ausprägung davon sein, die verschiedenen Facetten ursprünglich christlicher Schöpfungsmythen sind jedoch mit Sicherheit eine andere, und zwar eine nicht unbedingt minder bedrohliche. Vorwiegend aus den USA kommend stellen Kreationismus und Intelligent Design Wissen und Erkenntnisse aus den seriösen Wissenschaften der letzten zweihundert Jahre in Frage. Gläubigen wird so geschickt die Befähigung zur selbstständigen Hinterfragung von Sachverhalten des täglichen Lebens genommen. Das macht Menschen zwar leichter kontrollierbar, der Fortschritt der wissenschaftlichen Forschung jedoch wird erheblich beeinträchtigt.

Dabei müssen spirituelle Glaubensdogmen in heutiger Zeit keineswegs deutlich sichtbar das Etikett einer Religionsgemeinschaft tragen. Ein Beispiel hierfür sind bestimmte Denkansätze des Gender-Mainstreamings, die unter anderem den genetisch und hormonell determinierten Geschlechtsdimorphismus beim Menschen bestreiten. Es handelt sich um Pseudo-Naturwissenschaften, basierend auf Glaubensentwürfen, die derzeit in Deutschland zum Nachteil der echten Naturwissenschaften mit erheblichen Forschungsgeldern ausgestattet werden.

Es ist besonders vor diesem Hintergrund hervorzuheben, dass die Aufgabe unserer Schulen vor allem darin besteht, Wissen und nicht Glauben zu vermitteln, um beispielsweise seriösen wissenschaftlichen Nachwuchs heranzuziehen. Doch diesem Bildungsauftrag kommen deutsche Schulen bereits seit Jahren nicht mehr hinreichend nach. Es hapert bei jungen Studenten mitunter ganz erheblich an jeder grundlegenden Allgemeinbildung, wovon ich mich als universitärer Dozent immer wieder überzeugen konnte.

Gerade in diesem Zusammenhang erscheint mir der hier verhandelte Fall als lächerliche Farce, die aus meiner Sicht die Seriosität deutscher Schulen an sich in Frage stellt.

Das soll allerdings nicht bedeuten, dass ich den Ausführungen der väterlichen Seite bei Gericht folgen möchte, denen zufolge Deutschland sich im Umbau hin zu einer multikulturellen Wertegesellschaft befinde. Als seien multikulturelle, also durch verschiedene Ethnien geprägte Gesellschaften etwas Besonderes. Ohne die permanente Vermischung von Populationen hätte nämlich der moderne Mensch die letzten 300 000 Jahre aufgrund der Notwendigkeit genetischer Vielfalt nicht überleben können.

Berlin, Juli 2018

Copyrights Stefan F. Wirth

 

 

 

The mite Histiostoma blomquisti and creationism in Louisiana/ USA

New Orleans is a dynamic and a very lively city, a city full of freedom and tolerance, a city of life style and of a unique cuisine. A mix-up of ethic groups and cultures, New Orleans, the modern city, a world metropolis.

But this is not Louisiana, it is an island, an exception, New Orleans is not even the capital of this Southern Federal State. The rest of Louisiana is landscape, swamps, wetlands, pine woods, red sand, even a Red River, harmless snakes and a touch of music, not any kind of music, Louisiana is the birthplace of Jazz.

LA is unfortunately also home land of a strict two class society, with the white race in a top position and the native Americans and the blacks on a level much further below. The latter inhabit usually the so called „no go-areas“. That’s where poverty lives, where a permanent existential emergency dominates the daily routine, and yes, where based on all this distress also criminality finds a new home again and again.

It’s a land, where racism is still alive, where colored people take over the minor jobs, while the whites reign over in high positions. A land of injustice, of inconsistency, a land of religious fanaticism.

Nevertheless, beauty can be found everywhere. When the setting sun illuminates the colorful water of the Red river or shines on lying around rusty metal scrap, then a  spectacle of glowing colors blinds the eyes of the audience. When I walked across the fields and forests, then I found an inspiring silence, a flood of harmonic nature impressions, giant millipedes of Polydesmida hiding under freely lying stone chunks, butterflies colonizing rotting fruits and fluttering with a gentle noise in the air, colorful water turtles taking their sun baths around ponds, and under suitable weather conditions I witnessed wedding celebrations of a very special kind: winged ants rose in the air to mate for their first and only time.

The most common ant species is the Red Imported fire Ant, Solenopsis invicta, a fascinating social insect, but far away from being native to Louisiana. It is a so called invasive species, which was transferred to the Southern US via ballast substrate of ships coming from Southern America. The high frequency of ant colonies in Louisiana makes that species to a worthwhile research object, and even especially being an unwelcome invader, which needs to be better understood to successfully be fought.

As most known ant species, also S. invicta is characterized by hosting a remarkable number of non-ant-inhabitants in their nests, for example mites. One mite species attracted a special attention due to its habit to appear in great numbers on winged ant females and rarely also on their males. Nobody was competent to describe it taxonomically, but I was, that’s why I travelled in 2009 to the Southern Research Station of the USDA Forest Service in Pineville, funded by the German DFG (German Research Foundation). I was very friendly and courteously hosted by the 80 years old colleague John C. Moser, who supported my research by providing access to a microscope and preparation equipment. Although he did not participate directly in my taxonomic work, I honored his contributions of ideas and his interest in my work by offering him a co-authorship.

After the species description was already almost finished and the discussion was about the species‘ name, he unexpectedly insisted in the epitheton „blomquisti“, to honor his assistant Stacy Blomquist. Although he surely was depending on her young dynamic power, I was certainly not amused about this choice. Mrs. Blomquist appeared me being too much involved into the kind of spiritual devoutness, which seemed me to be typical for the whole land. But there was no way out, the species was finally named Histiostoma blomquisti Wirth & Moser, 2010. As a consequence, my name would be forever  connected with hers, an immutable fact. But I still have the freedom to emphasize that I until today think that a biological assistant without a high and internationally well known scientific reputation never deserves a species being named after her. I additionally insist in the fact that I unsolicited would never honor somebody I consider a religious activist with my scientific work. Thus I announce herwith my strict distance to Mrs. Blomquist, who accidentally became namesake of my species.

As all Southern US-States, Louisiana is a land dominated by the creationism, being part of the so called bible belt. I was told that the separation between blacks and whites even goes thus far that there exist black and white churches, but I experienced for sure that Chinese inhabitants are priviledged to be considered white, thus visiting the white churches.

Once I was invited to a private video evening. It was organized by a Chinese assistant of the research institute and a white colleague of him, a hobby marathon runner. They presented the 2003 US/ German/ British co-production „Luther“ with Joseph Fiennes in the main role. Directed by the British Eric Till, this very average movie with a Martin Luther, attractive, slim, completely unlike the historical original, fat with a strong penchant for alcohol, was a strange choice for me as a cineaste, but I expected an entertaining popcorn evening with discussions about good and bad movies. But what I then witnessed was very unexpected.

It was so silent that I could hear the air breath, the flies buzzing around, a mysterious expectation filled the room, while my two hosts stared to the screen, awaiting the first appearance of „Martin Luther“ with religious reverence and deistic adoration. I landed in a private divine service, and when Joseph Fiennes appeared for the first time, both raised their arms ecstatically into the air, praising Luther as the great only one. It kept going on like this, no popcorn for me, but very frequent cigarette breaks instead, I fled outside as often as I could.

It is a well known phenomenon that in areas of unjustice worldwide natives tend to protect their own conscience with an unfounded belief to stand under a special supervision by a god. Only a god of immorality and misanthropy claimes to have created the planet and all life on it within six days, only such a god supports the inequality of races and the discrimination of minorities.

Berlin, November 2017

Histiostoma blomquisti on fire ant queens

Copyrights Stefan F. Wirth

 

Wird die Biodiversitätsforschung zunehmend in Zweit- und Drittweltländer verlagert und verliert dort durch Massenpublikationen mäßig vorgebildeter Forscher an Wert?

 

Es erscheint zunächst plausibel: Ein sinnvoller Naturschutz muss zwingend an genaue Kenntnisse unserer Natur anknüpfen. Da unsere natürliche Umwelt zu erheblichen Teilen biologisch belebt ist, ist die Artenkenntnis eine wichtige Grundlage, um unsere irdischen Ökosysteme und damit auch uns selbst zu erhalten.

Forscher gehen von insgesamt über acht Millionen Arten weltweit aus. Hierbei zeigen vor allem die Tiere eine hohe Artenvielfalt auf. Ein erheblicher Prozentsatz der Biodiversität, so der Fachterminus für Artenvielfalt, ist jedoch noch immer unbekannt.

Jeder vernünftige Mensch würde doch an dieser Stelle schlussfolgern, dass Biologen und insbesondere Zoologen händeringend benötigt würden, um zu dem Mammutprojekt „Biodiversitätsforschung“ Beiträge leisten zu können. Doch weit gefehlt! Deutsche Stellenangebote suchen in der Regel nach Pharma-Mitarbeitern oder versuchen stellenlose Wissenschaftler unter ihrem Leistungsniveau in Großlaboratorien der medizinischen Forschung unterzubringen. Der Rest bleibt ohne Anstellung und muss mitunter als Hatz-IV-Bezieher ein klägliches Dasein fristen.

Und die Biodiversitätsforschung? Die ist längst nicht mehr in Deutschland zuhause. Nur wenige Grüppchen sind bundesweit verteilt übrig geblieben, und die investieren mehr Zeit damit, ihre Ellbogen zu stärken, um ihre Fördermittel gegen Konkurrenten zu verteidigen, als in gute Forschung.

Machtregierungen denken an nichts anderes als an ihren Machterhalt, kurzsichtiges Agieren, denn was nach ihnen passiert, ist ihnen völlig gleichgültig. Steuergelder wandern in die Geldbörsen gieriger Politiker, und das in rauen Mengen, und nicht dahin, wo sie hingehören: in die langfristige Sicherung der Zukunft.

In der Zwischenzeit sterben Arten zu Hunderten aus, noch bevor sie überhaupt entdeckt und beschrieben werden können, und mit ihnen vergehen mitunter ganze Ökosysteme.

Dabei verfügte Deutschland über eine seit Jahrhunderten gewachsene Tradition in qualitativ hochwertiger Forschung in den Naturwissenschaften. Gerade in der Biologie waren deutsche Wissenschaftler weltweit bekannt für präzise Gedanken und sorgfältige Terminologien sowie gründlich durchdachte Hypothesen.

Inzwischen sind deutsche Spezialisten im Umfeld der Biologie entweder auf Dauer arbeitslos oder zu Überlebenskünstlern geworden. Die USA haben das Feld übernommen, sie investieren immense Forschungsgelder in die Grundlagenforschung. Und das doch mit für das Land typischen Einschränkungen. Wer sich einen US-Wahlkampf anschaut, wer Hollywood-Action-Filme konsumiert, der weiß, dass subtiles Gedankengut oft nicht Sache der US-Amerikaner ist. So auch allzu häufig nicht in den Naturwissenschaften.

Terminologien, die wir sorgsam voneinander abgrenzen, werden gerne lax pauschalisiert verwendet. Feinheiten des Artbegriffes? Für manche Systematiker völlig uninteressant! Die USA sequenziert vorwiegend, das ist zeitgemäß und erfasst die Artenvielfalt objektiv und genau, so jedenfalls glaubt man. Einwände werden nicht selten als unmodern verworfen. Aber welches Gen kodiert denn nun für die Artgrenze? Blöde Frage, kein bekanntes natürlich,  die Grenzen, die legen wir einfach willkürlich fest. Aber wer um alles in der Welt wählt denn dann das Material nach sinnvollen Kriterien aus, das überhaupt zur Sequenzierung gelangt? Gute Frage, so die Antwort, hier werden nach wie vor Spezialisten benötigt, aber bitte, günstig müssen sie sein und produktiv im Akkord. Ich berichte hier aus meinen eigenen Erfahrungen im Bereich der systematischen Milbenforschung.

Der Einwand „Qualität gibt es nicht günstig“ wird kaltlächelnd in den Wind geschlagen. Geld spart man, indem man diese Forschungsleistung in Zweit- und Drittweltländer verlagert. Ich habe selbst miterlebt, dass einflussreiche US-amerikanische Forscher die Arbeit nicht hinreichend vorgebildeter russischer Kollegen explizit motivieren und gutheißen, denn diese Sorte Forscher macht häufig, was ihr gesagt wird, ohne kritische Rückfragen, ohne eigene Einfälle und innovative Ansätze. Wer in Zweit- und Drittweltländern forscht (das gilt auch für die russischen Milbenforscher, die ich kennenlernte) wird aus landeseigenen Kassen verhältnismäßig fürstlich entlohnt. Umfassende Kompetenz ist oft nur eingeschränkt wichtig. Vor allem nämlich gilt es, dem jeweiligen politischen System freundlich gesonnen zu sein, denn ansonsten kommt es erst gar nicht zum Studium.

Auf entsprechendem Niveau befindet sich die Forschung nicht nur im fernen Sibirien, sondern auch in Ägypten oder etwa dem Iran. Ich mache wohl Witze? Nein, nein, ich habe das alles selbst gesehen. Zeckenforschung in Kairo: Mir verschlug es den Atem, schon alleine, weil der Begriff der Tierethik dort völlig unbekannt zu sein schien. In Russland war ich angestellt. Ja zumindest kann man sich im westsibirischen Tjumen vernünftige und hochwertige Mikroskope leisten, auch wenn es mitunter an der Fähigkeit, diese adäquat zu bedienen, hapert. Ergänzende sinnvolle Arbeitsmaterialien hat man hingegen oft nicht und kennt man auch nicht. Manches Zeiss- oder Leica-Mikroskop, einst neuwertig erstanden, sieht nun aus, als entstamme es einem Second-Hand-Markt. Auf Nachfrage heißt es dann, man habe mit der Zange diese und jene Schraube gelöst und diese anschließend nicht mehr dran bekommen. Mikroskop-Kameras sind vorhanden, es kann sie aber keiner bedienen, weder für qualitative hochauflösende Fotografie noch für ebensolche Videografie.

Während also russische Forscher der Stadt Tjumen in maroden Räumlichkeiten aus Zeiten des Kalten Krieges unter undichten Decken ihrer Arbeit nachgehen, diese regelmäßig unterbrechen müssen, um die Eimer unter dem tropfenden Dach auszutauschen, freut sich der US-amerikanische Protecteur. Denn der glaubt allen Ernstes, dass die enorme Herausforderung, neue Arten zu entdecken und zu beschreiben, am besten von denen erfüllt werden kann, die über kein weitreichendes biologisches Grundwissen verfügen, die keine kritischen Fragen stellen, die niemals eigene Ansätze entwickeln und sich die Bohne scheren um läppische uninteressante Phänomene wie kryptische Artengruppen oder Zwillingsarten. Stattdessen wird hohe Quantität geboten. Pro Forscher fünfzehn bis zu dreißig Artbeschreibungen im Jahr sind Ehrensache. Was noch vor zehn Jahren in Deutschland für harsche Kritik gesorgt hätte, macht den Milbenforscher aus Tjumen zum „Leading Scientist“. Eine durchaus angenehme Position, denn ein „Leading-Scientist“ muss sich um wenig sorgen. Sogar die private Wohnung wird ihm mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Russe, der sich in derart existenzieller Wohlbehütung weiß, kaum Gründe sieht, irgendetwas an seiner Arbeitsweise zu ändern. Im Gegenteil soll alles wie gehabt bleiben. Deswegen werden die Texte einer Artbeschreibung für jede neue Art auch nur geringfügig abgewandelt. Ich habe das nicht nur selbst gesehen, sondern mir wurden diese Arbeiten auch regelmäßig zur sprachlichen Bearbeitung vorgelegt. Denn, auch Ehrensache, Russen beherrschen die englische Sprache in der Regel nicht, obwohl es sich dabei um die internationale Wissenschaftssprache handelt. Wen wundert’s, dass meine Korrekturen immer dieselben waren, es existierte nicht einmal die Flexibilität, um schon mehrfach kritisierte Mängel in der Folge zu beherzigen.

Artbeschreibungen ohne die geringste Kenntnis zur Biologie und Ökologie der betroffenen Spezies sind im Grunde ohne Aussage und daher kein Beitrag zu einer sinnvollen Biodiversitätsforschung. Biologische Untersuchungen wurden in meinem sibirischen Forschungsinstitut vorsätzlich, oft mit dem Argument der Undurchführbarkeit, verweigert, in Wahrheit, weil der Zeitaufwand zu groß wäre. Schließlich sollen pro Jahr akkordweise Publikationen veröffentlicht werden, ansonsten wäre man schließlich kein „Leading-Scientist“ mehr. Meine Nachfragen zur Arbeitsweise wurden oft erstaunlich beantwortet. Warum man die lebend zur Verfügung stehende Art nicht gleich auch in Kultur bringe, oder wenigstens zur Lebendbeobachtung erhalte, wollte ich wissen. Die Antwort: „Womit soll ich die Milben denn füttern?“. Auf meinen Hinweis, dass man auch mithilfe des normalen Lichtmikroskops hochqualitative Videos lebender Tiere aufzeichnen kann, wurde schroff entgegnet: „mit dem Lichtmikroskop? Das geht nicht!“.

Ich habe während meines Aufenthaltes in Russland „nur“ drei Publikationen veröffentlicht, mich an einer weiteren zudem maßgeblich beteiligt, dann aber aufgrund der schlechten Qualität des Endwerkes meine Benennung als Coautor explizit untersagt. Im Gegensatz zu den russischen Kollegen habe ich alle Milbenarten, an denen ich forschte, immer auch gezüchtet und biologisch untersucht, und hierzu jeweils gigabyte-weise Videomaterial erstellt. Aus russischer Sicht eine lachhafte Zeitverschwendung, die man sich im Nachhinein aber durchaus zunutze gemacht hat. So wurden meine Beobachtungen zum Verhalten der Deutonymphen der von mir beschriebenen Art Bonomoia sibirica in einem russischen Stipendien-Zwischenbericht frech und schamlos als Ergebnisse russischer Forschungsarbeit ausgegeben, ohne Nennung meiner Urheberschaft. Dass es sich um Beobachtungen handelt, die im Rahmen meiner Artbeschreibung publiziert wurden, in der ich alleiniger Autor war, schien hierbei unerheblich zu sein.

 

Die Biodiversitätsforschung kann nicht eben mal schnell und am Fließband durch weitgehend unkundige Forscher erledigt werden, die nie eine hochqualifizierende Ausbildung in den Bereichen Artbegriff und Ökologie erfahren haben. Ich appelliere an die deutsche Regierung, zu erkennen, dass hierzulande im Gegensatz zur unbekümmerten Arbeitsweise anderswo– noch – qualifizierte Wissenschaftler vorhanden sind. Diese gilt es nicht auszuhungern und dadurch auszumerzen, sondern zu fördern. Denn was gibt es Wichtigeres als ein Verständnis unserer Umwelt, um diese durch sinnvolle Maßnahmen erhalten zu können. Diese Menschen können hierzu wichtige Beiträge liefern!

Es ist kurzsichtig, stattdessen ausschließlich in die Entwicklung moderner Technologien zu investieren. Kürzlich lese ich, dass man sich derzeit lieber Fragen widmet wie: Wie können wir uns die Goldvorkommen der Weltmeere nutzbar machen, Stichwort Tiefseeuntertagebau. Gier anstelle wissenschaftlicher Verantwortung!

Einflussreiche US-Forscher denken allerdings weitaus pragmatischer als ich. Warum neben Russland nicht auch Drittweltländer in die Biodiversitätsforschung einbeziehen? So wurde ich vor etwa einem halben Jahr durch einen jungen iranischen Forscher angeschrieben, der seine Kontaktaufnahme mit der Empfehlung eines einflussreichen US-amerikanischen Kollegen begründete. Ich sollte ihn ehrenamtlich dabei unterstützen, eine Publikation in einem internationalen Peer-Review-Journal unterzubringen. Im Grunde nicht die schlechteste Idee, wenn man berücksichtigt, dass man hierdurch Zugriff auf Artenmaterial erhält, das aus Krisenregionen stammt, in die westliche Forscher nur ungern einen Fuß setzen würden. Der Kollege hat dann auch gleich mit Milben aufwarten können, die in Kriegsgebieten des Irak gesammelt wurden. Da will man dann auch großzügig sein und fragt lieber nicht nach, warum nur ein Entwicklungsstadium zur Verfügung steht und warum nicht der Versuch unternommen wurde, die Art lebend in Kultur zu bringen. Tatsächlich habe ich mich über mehrere Monate hinweg ehrenamtlich auf den jungen Forscher aus dem Iran eingelassen, um dann aber festzustellen, dass dort scheinbar alle mir wichtigen akademischen Grundvoraussetzungen fehlten. Eine mit aller Kraft gerade so durchgeboxte internationale Publikation hätte folgende Konsequenzen gehabt: Für mich keine, ihm hingegen wäre dafür vermutlich umgehend eine Professur verliehen worden. Ich habe meine Kooperationsbereitschaft daher inzwischen eingestellt.

Copyrights Stefan F. Wirth, September/ Oktober 2017

 

 

Eine absurde Bestrafung für den Tatbestand der Geschichtsverfälschung?

Im alltäglichen Leben muss grob zwischen zwei verschiedenen Formen von Thesen unterschieden werden: Die einen sind durch nachprüfbare Fakten begründet, die anderen durch Glauben. Die Existenz eines christlichen Gottes und der wundersame Niedergang des Heiligen Geistes über die Jünger Jesu Christi gehören dabei eindeutig zu Letzterem.

Nun ist in der deutschen Gesetzgebung ein Paragraph verankert, der die so genannte Volksverhetzung unter Strafe stellt. Wo jedoch beginnt jene strafbare Hetze? Die Grauzone ist groß. Überschritten wird sie ganz eindeutig durch die absurde Behauptung, die über den Religionsunterricht an Kinder weitergegeben wird, eine Jungfrau irgendwo im heutigen Israel habe vor rund 2020 Jahren in Form einer Jungfernzeugung ein Kind durch Gott empfangen. Dieses Kind sei schließlich im Erwachsenenalter zum Tode durch Kreuzigung verurteilt worden, hernach jedoch von den Toten auferstanden.

Die Lehre im Zusammenhang mit dieser fantasievollen Hokuspokus-Geschichte wird auch heute noch ungehindert an deutschen Schulen, Universitäten und kirchlichen Einrichtungen gelehrt. Opfer dieser Volksverhetzung sind vor allem Kinder, die aufgrund ihrer nicht vorhandenen Lebenserfahrung besonders leicht vom Wahrheitsgehalt eines Märchens überzeugt werden können. Und doch bestraft niemand die Verantwortlichen wegen des Vergehens der Volksverhetzung .

Märchen kann jeder fantasiebegabte Mensch leicht erfinden, durch klare Fakten gestützte Hypothesen aufzustellen, das hingegen erfordert besondere Erfahrung und ein adäquates Bildungsniveau.

Jeder könnte beispielsweise die frei erfundene Hypothese verbreiten, in Berliner Wäldern gäbe es keine Eichen. Niemand würde dieser Lüge jedoch besondere Beachtung schenken, denn alle kundigen Berliner können das Gegenteil leicht beweisen, in dem sie einfach die nächst beste Eiche durch geeignete Mittel dokumentieren.

Es unterscheidet allerdings die deutsche Gesetzgebung im Unterschied zur Biologie ganz klar zwischen Pflanze, Tier und Mensch. Wenn also Ursula Haverbeck (87) eine absurde Geschichte erfindet, die der törichten Leugnung der Existenz Berliner Eichen im Grunde sehr ähnlich ist, gehen die möglichen Konsequenzen ihres Aktivismus jedoch deutlich über diejenigen aus meinem Baum-Beispiel hinaus. Denn hier sind die Opfer der Falschbehauptung nicht Pflanzen, sondern reale Menschen. Es könnte nämlich Menschen geben, die Haverbecks Geschichten Glauben schenken, ohne nach den zugrunde liegenden Fakten überhaupt nur zu fragen. Im Falle der Holocaust-Leugnung durch Frau Haverbeck könnte es also geschehen, dass leichtgläubige Zuhörer und Leser ihrer Vorträge und Publikationen die Nicht-Existenz des Holocaust als wahre Tatsache missinterpretieren und somit einer ethnischen Volksgruppe, den Juden nämlich, konkretes Unrecht zufügen. Wäre nämlich der Holocaust in Zeiten des deutschen Nationalsozialismus kein historischer Fakt, hätte man zahllose Menschen zu Unrecht für ihre Beteiligung an diesem frei erfundenen Holocaust bestraft. Eine wichtige treibende Kraft der Holocaust-Verfahren waren jüdische Kläger und jüdische Zeitzeugen. Gemäß der Haverbeck’schen Thesen wären diese dann nicht Opfer und rechtmäßige Kläger, sondern menschenverachtende Täter.

Frau Haverbeck erklärt also unschuldige Menschen zu Verbrechern gegen die Menschlichkeit, was ihre frei erfundene Holocaust-Leugnung ganz grundsätzlich zu einem sehr folgenschweren Vergehen macht. Und dennoch ist Haverbeck’sches Gedankengut durchaus gut mit meinem Beispiel der Leugnung der Berliner Eichenbestände vergleichbar. Nämlich durch die leichte Widerlegbarkeit einer fantastischen Behauptung.  Hinsichtlich seiner schwerwiegenden Konsequenzen für heute lebende Menschen ist das Gedanken-Konstrukt Haverbecks allerdings eher den christlichen Wunder-Dichtungen ähnlich. Wer tatsächlich dem spirituellen Mumpitz Glauben schenkt, mit dessen Erfindung der Vatikan in Rom seit beinahe zweitausend Jahren befasst ist, der geht auch davon aus, dass Masturbation eine Sünde und gleichgeschlechtliche Liebe wider Gottes Willen sei oder dass die Frau dem Manne Untertan sein und jeder Andersgläubige in der Hölle schmoren müsse. Der religiöse Wahn kann nicht anders, als Unwissen, Unfriede, Misstrauen und Hass in der menschlichen Gemeinschaft zu schüren. Und doch hilft dagegen nicht, die Verantwortlichen ins Gefängnis zu schicken.

Stattdessen muss die Glaubensbereitschaft in der deutschen Gesellschaft durch eine bessere Bildung verringert werden. Bildung ist dabei zu definieren als durch Fakten begründete Erkenntnis. Es ist eine moderne Geisteshaltung in der Bevölkerung erforderlich, die nicht nach Glauben, sondern nach Wissen fragt. Seriöses Wissen kann sich immer nur auf nachprüfbare Argumente stützen.

Warum also Frau Haverbeck ins Gefängnis schicken, wo doch ihre Holocaust-Leugnung so leicht zu widerlegen ist wie die Existenz der Berliner Eichen aus meinem Beispiel für eine nicht belegbare und daher unseriöse Hypothese?

Statt mit fundierter Aufklärung auf ihre willkürlichen Thesen zu reagieren, verurteilt man Haverbeck aufgrund eines dogmatischen Gesetzes. Der Holocaust ist aber kein Dogma, sondern eine belegbare historische Tatsache. Dies der Bevölkerung immer wieder im Detail vorzuführen ist doch wesentlich hilfreicher, als ein mittelalterlicher Hexenprozess in moderner Zeit.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, September 2016

Das Zeitalter des Menschen – Homo sapiens im Konflikt mit seiner Umwelt im Anthropozän

blue blossom signiert

 

Der Mensch kontrolliert zunehmend seinen Planeten. Ist es daher richtig, ihm namentlich ein neues geologisches Zeitalter zu widmen? Das gut lesbare Buch „Die Welt im Anthropozän“ gibt hierauf Antworten, beleuchtet darüber hinaus aber auch, welche Verantwortung dem Menschen für die Gestaltung seiner eigenen Zukunft obliegt.

Der übergeordnete erdgeschichtliche Zeitabschnitt, in dem wir uns jetzt gerade befinden, ist das Quartär. Es handelt sich dabei um ein vergleichsweise lächerlich kurzes Zeitalter, das „erst“ vor etwa 2,6 Millionen Jahren begann. In seinem Verlauf vollzogen sich Änderungen an der Erdoberfläche, die gemessen an allen vorausgehenden Ereignissen auf der Erde seit ihrer Entstehung vor etwa 4,6 Milliarden Jahren allenfalls graduell sind.

Und doch ist innerhalb des Quartärs etwas geschehen, das für ein künftiges Fortbestehen der Erde von immenser Bedeutung sein wird: Die Evolution des intellektuell begabten modernen Menschen, ausgehend von urtümlicheren Vertretern der Gattung Homo.

Es ist wissenschaftlich gesichert, dass sich wesentliche Abschnitte der Menschwerdung in Afrika zugetragen haben. Hierzu gehört die Evolution des aufrechten Ganges, aber vor allem auch die nachfolgende Vergrößerung der Großhirnrinde, die in die Zeit des Quartärs fällt. Erst mit frühen Vertretern der Gattung Homo haben Ausbreitungsereignisse auf den eurasischen Kontinent und in der Folge auch auf andere Kontinente stattgefunden.

Ein bedeutender Teil der Evolution des Menschen ist mit dem Quartär in eine äußerst wechselhafte Zeitperiode gefallen. Die Besonderheit des Quartärs besteht nämlich darin, dass Kalt- und Warmzeiten einander immer wieder abwechselten. Was für widrige Umstände für das Leben früher Hominiden, mag sich der Leser jetzt denken, doch aus evolutionsbiologischer Sicht ist dem keineswegs so. Denn je unsteter die Umweltbedingungen sind, desto leichter werden Artbildungsprozesse in Gang gesetzt. Nur so konnten wir in unserer heutigen Form evolvieren. Insbesondere die Existenz eiszeitlicher Gletscher ist für sogenannte allopatrische Artneuentstehungen sehr bedeutsam, denn sie fungierten nachweislich für zahlreiche Tiergruppen als nicht überwindbare Barrieren, so dass die Evolution neuer Arten begünstigt wurde. Die späte Evolution des Menschen war also geprägt durch diese starken globalen klimatischen Veränderungen.

Heute trägt der Mensch erheblich selbst zur Entstehung des Klimas auf der Erde und dem Fortbestand ihrer Artenvielfalt bei. Und zwar in einer Effizienz, zu der vor ihm kein einziger tierischer Erdenbewohner jemals imstande war.

Doch ist die besondere Einwirkung des modernen Menschen auf das Weltklima auch dazu geeignet, von den üblichen Kriterien zur Benennung von Erdzeitabschnitten abzuweichen und das neueste Zeitalter nach dem Menschen selbst zu benennen? Sind die Auswirkungen menschlicher Aktivität auf das Weltklima tatsächlich mit gravierenden geologischen Veränderungen der Erde gleichzusetzen, die üblicher Weise zur Benennung von Erdzeitaltern herangezogen werden? Ist also die Einführung eines Zeitalters namens Anthropozän gerechtfertigt? Eine Frage, die keineswegs erst infolge einer aktuell nachweisbaren und scheinbar durch den Menschen hervorgerufenen Klimaerwärmung laut wird. Der Zoologe und Philosoph Ernst Haeckel äußert sich bereits 1870 weitsichtig und realistisch: „Aus diesem Grunde…können wir mit vollem Rechte die Ausbreitung des Menschen mit seiner Cultur als Beginn eines besonderen letzten Hauptabschnitts der organischen Erdgeschichte bezeichnen.“

In dem Buch „Die Welt im Anthropozän, Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität“ der Herausgeber Wolfgang Haber, Martin Held und Markus Vogt wird die historische Entwicklung des Begriffes „Anthropozän“ zusammengefasst. Namhafte Geistes- und Naturwissenschaftler diskutieren darüberhinaus, wie der Mensch am besten seine Verantwortung für die Zukunft der Erde wahrnehmen kann.

Dass der moderne Mensch heutzutage starken Einfluss auf das Weltklima ausübt und dadurch erheblich an einer Klimaerwärmung und dem damit verbundenen Aussterben von Arten verantwortlich sei, ist ein breiter Konsens unter vielen zeitgenössischen Wissenschaftlern. In den 1980er Jahren hat der Biologe Eugene F. Stoermer aus diesem Grunde bereits den Begriff Anthropozän in seinen Veröffentlichungen verwendet. Der Erdsystem-Forscher Paul J. Crutzen rät in einer Publikation aus dem Jahre 2000 ergänzend, das derzeitige Zeitalter sogar offiziell durch das Anthropozän abzulösen.

Formell befinden wir uns derzeit jedoch noch immer im jüngsten Zeitabschnitt innerhalb des Quartärs, der als Holozän bezeichnet wird und vor etwa 11700 Jahren begann. Auch diese Periode ist nach rein geologischen Gesichtspunkten definiert worden. Sie beginnt mit dem Ende der sogenannten jüngeren Tundrenzeit, einer kürzeren Eiszeit, die auf die letzte große Kaltzeit, zu der in Nordeuropa das Weichsel-Glazial gezählt wird, folgte.

Der Beginn des Holozäns wird mit einer nachweisbaren ungewöhnlich schnellen Wiedererwärmung nach der Tundrenzeit begründet. Als Beleg hierfür dient ein Eisbohrkern aus fast 1500 m Tiefe, der in Form seiner Isotopenchemie aufzeigt, dass sich eine merkliche Klimaerwärmung zu jener Zeit innerhalb von wenigen Jahren vollzogen haben muss. Er wird in Kopenhagen aufbewahrt.

Doch wie könnte es gelingen, möglichst präzise den Beginn eines neuen Zeitalters festzulegen, das eben nicht aufgrund rein geologischer Abläufe, sondern nach der Aktivität einer besonderen Tierart, nämlich dem Menschen, benannt werden soll? Hierüber herrscht noch Uneinigkeit, wie dem Buch „Die Welt im Anthropozän“ zu entnehmen ist. Forscher haben schon den Beginn der industriellen Revolution, aber auch die große Akzeleration um 1950 als möglichen Startpunkt des Anthropozäns vorgeschlagen, jedoch sogar ganz konkret auch den 16. Juli 1945 (den Tag des ersten Atombombentestversuchs).

Um den Begriff des Anthropozäns aber letztlich erfolgreich als offizielles Erdzeitalter etablieren zu können, ist vor allem auch eines wichtig: der Nachweis, dass der moderne Mensch inzwischen tatsächlich die Hauptverantwortung für die aktuell einsetzende Klimaerwärmung und ein damit einhergehendes Aussterben von Arten trägt. Hierzu kann allein die naturwissenschaftliche Forschung beitragen, während es die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist, sich mit ethischen Gesichtspunkten im Umgang des Menschen mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen.

Es ist unter Wissenschaftlern durchaus umstritten, ob die derzeitige weltweite Klimaerwärmung vollständig oder zumindest zu einem beträchtlichen Teil auf menschliche Aktivitäten, so etwa seine hohen CO2-Emissionen, zurückgeführt werden kann. Denn seit Anbeginn des Quartärs hat sich das Klima nach Kaltzeiten immer wieder aufs Neue erwärmt, und zwar zunächst völlig ohne Zutun des Homo sapiens.

In dem Kapitel „Der Mensch und das Anthropozän – Hat das sechste Massenaussterben bereits begonnen?“ widmet sich der Evolutionsbiologe und Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera der Frage, ob Klimaveränderung und ein aktuelles Aussterben von Arten mit menschlichen Aktivitäten korrelieren. Ist der Mensch sogar imstande, künftig ein neues Massenaussterben von Arten zu verursachen? Unter anderem legt der Autor bezugnehmend auf seine eigene Forschung dar, dass sehr aktuelle Aussterbeereignisse überhaupt nachweisbar seien. Allerdings präsentiert der Autor lediglich zwei Fall-Beispiele. Wir erfahren leider nicht, ob es ein bloßer persönlicher Eindruck des Forschers ist, diese Tiere seien im Vorkommen seltener geworden oder ob repräsentative wissenschaftliche Studien zugrunde liegen. So ist der Europäische Landegel (Xerobdella lecomptei), eine kälteliebende und ohnehin seltene Art aus der Gruppe der Ringelwürmer, in seinem ursprünglichen Lebensraum kaum mehr anzutreffen. Die Klimaerwärmung brachte gemäß Kutscheras Forschungserkenntnissen aber auch einen Vertreter einer ganz anderen Tiergruppe an den Rand des Aussterbens. Der kalifornische Baumsalamander (Aneides lugubris) wird nämlich zunehmend seltener, da die zu seiner Brutpflege benötigten feuchten Baumhöhlen aufgrund anhaltender Trockenheit kaum mehr zur Verfügung stehen.

Der Autor legt einen Zusammenhang mit modernen Aussterbeereignissen und der Technologisierung des Menschen nahe. Insbesondere das Treibhausgas Kohlendioxid, das seit Jahrzehnten in großer Menge, zum Beispiel durch die Automobilindustrie, ausgeschieden wird, habe eine erhebliche Mitschuld an der globalen Klimaerwärmung. Der Zusammenhang wird jedoch mit keinem Wort nachvollziehbar begründet. Der Leser muss sich also mit einer Behauptung zufrieden geben. Der Begriff des katastrophenartigen Massenaussterbens von Arten kann übrigens auf den französischen Naturforscher Georges Cuvier (1769-1832) zurückgeführt werden, der anhand wechselnder Artenzusammensetzungen in Sedimentschichten Katastrophentheorien aufstellte. Kutschera stellt uns nun eine weitere Aussterbe-Katastrophe in Aussicht, die womöglich allein durch den Homo sapiens verschuldet wäre. Aufgrund ihrer extremen Anpassungsfähigkeit sei dann zu erwarten, dass fast ausschließlich Bakterien unbeschadet aus einem solchen Szenario hervorgingen.

Schon jetzt, so berichtet der Anthropologe Volker Sommer, seien nicht nur Avertebraten und urtümliche Wirbeltiere, sondern auch verschiedenste Affenarten ernsthaft in ihrem Fortbestehen bedroht,  also des Menschen nächste Verwandtschaft. Wilderei, aber vor allem auch die Nutzbarmachung vormals naturbelassener Landschaften, lassen den Lebensraum der Affen-Arten zunehmend schrumpfen. In der Folge werden wohl ganze Primatengruppen die Zukunft unseres Planeten nicht mehr erleben können.

Doch das Buch hegt den Anspruch, nicht nur düstere Prognosen für die Zukunft unserer Umwelt zu stellen und die Definition eines neuen Zeitalters zu diskutieren. Es geht auch um die Frage, wie der Mensch seiner besonderen Verantwortung gegenüber der Welt, in der er lebt, gerecht werden kann und sollte. So befasst sich die Wissenschaftlerin Ute Eser mit dem Konflikt zwischen Humanität und Natur. Die Forscherin, die einen Tätigkeitsschwerpunkt auf den Bereich der Umweltethik legt, wendet die Frage „guten und richtigen Handelns unter gegebenen Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten…auf die Haltungen von Personen und Institutionen“ (Definition der Ethik nach Mieth 1995) auf den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt an. Sie betont, dass es eine unzulässige Vereinfachung sei, in der Existenz einer ständig anwachsenden Weltbevölkerung, nichts anderes als eine „Krankheit“, vergleichbar einem „Krebsgeschwür“, zu sehen. Stattdessen sei ein „inklusives Verständnis von Menschsein“ notwendig, das die Spannung zwischen den Polen aushalten solle, „statt sie einseitig zugunsten einer Seite aufzulösen“. So gehe es nicht darum, ein negatives Menschenbild aufrecht zu erhalten, sondern die Vor- und Nachteile aus der Nutzung der Natur weltweit gerechter an die gesamte Weltbevölkerung zu verteilen und dabei eine emotionale Naturverbundenheit zu entwickeln.

Ethische Aspekte verfolgen auch die Theologen Markus Vogt, Wolfgang Schürger und Hans Jürgen Münk. Vogt betont den Begriff der Humanökologie, der zufolge die Beziehungen des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt einerseits und zu seiner kulturellen Umwelt andererseits konsequenter miteinander zu verknüpfen seien. Schürger prägt den Begriff der „Mitgeschöpflichkeit“ und appeliert für mehr Respekt anderen Arten gegenüber. Der Schweizer Münk leitet den Begriff der „Würde der Kreatur“ als Rechtsbegriff aus dessen Geschichte als Bestandteil der schweizerischen Bundesverfassung her. Der Terminus wurde 1992 im Zusammenhang mit den Fortschritten der Gentechnologie und der Reproduktionsmedizin via Volksentscheid in einen neuen Verfassungsartikel aufgenommen. Juristisch wird die „Kreatur“ jedoch nur auf die belebte Umwelt bezogen. Daher empfiehlt der Autor die künftige Einbindung von einer „Würde der Natur“. Die formal-juristischen Ausführungen werden anschließend auch theologisch kommentiert. Dabei möchte Münk klar abgegrenzt wissen, welchen Lebewesen überhaupt Würde zukommen könne. Zu berücksichtigen sei zwar, dass in Gen1,26-28 dem Menschen immerhin eine Sonderstellung eingeräumt werde. Dessen Gemeinsamkeit mit der belebten und unbelebten Natur liege aber immerhin „im Bezug zum gleichen Schöpfer, im Merkmal der Mitgeschöpflichkeit“.

Die theologisch motivierten Kapitel lesen sich aus Sicht eines Naturwissenschaftlers und Humanisten furchtbar, und ich möchte sie daher erst gar nicht zur Lektüre empfehlen. Das Gedankengut der göttlichen Schöpfung, also der Kreationismus, hat in der Moderne, einer aufgeklärten Zeit, schlicht keinen Platz. Weder Bibelworte noch Begriffe wie „Mitgeschöpflichkeit“ sind geeignet, den sachlichen und sehr konkreten Konflikt des Menschen mit seiner Umwelt zu lösen. Eine hoffentlich rosige Zukunft auf der Erde erfordert hingegen Wissen, technologischen Fortschritt und freies Denken. Der christlich motivierte Kreationismus hingegen fördert Unwissen und eine naive und unkritische Glaubensbereitschaft. Wohin auch immer sich die Kirche mit missionarischem Eifer in den vergangenen Jahrhunderten ausgebreitet hat, brachte sie schlimme durch den Menschen verursachte Umwelt-Katastrophen sowie unerträgliches menschliches Leid hervor. Ich will der Theologie daher die Fähigkeit einer konstruktiven Mitgestaltung unserer bedrohten Zukunft rigoros absprechen.

Viel interessanter ist doch die seriöse wissenschaftliche Diskussion, die beispielsweise die Frage aufwirft, inwieweit wir technisch überhaupt imstande sind, die zunehmende Erderwärmung einzudämmen. Welche Möglichkeiten hierzu werden diskutiert? Und ist es sinnvoll, von ihnen überhaupt Gebrauch zu machen? Der Autor, Claudio Caviezel ist Mitarbeiter im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag und stellt aktuelle Konzepte eines Climate Engineerings vor. Zur Diskussion stehen demnach derzeit zwei Verfahren, um die zunehmende Klimaerwärmung künstlich abmildern zu können. Das Carbon-Dioxide-Removal (CDR) legt es darauf an, erhöhte Konzentrationen an CO2 „aus der Atmosphäre zu entfernen“. Eine Reduktion der eintreffenden Sonneneinstrahlung versprechen zudem die Verfahren des Radiation-Managements (RM).

Beide Verfahren sind derzeit noch nicht einsatzbereit und werden zunächst in Form von Computersimulationen getestet. Dabei wurden jedoch auch drohende Nebenwirkungen ersichtlich, die mitunter schwerwiegende ökologische Schädigungen zur Folge haben können. Aber auch drohende gesellschaftliche Konflikte lässt der Autor nicht unberücksichtigt. Verschiedene CDR-Ansätze existieren, am häufigsten jedoch wird die Möglichkeit diskutiert, die Ozeane mit Nährstoffen zu düngen, um die Biomasse an Algen erheblich zu erhöhen, die dann CO2 aus der Atmosphäre in beträchtlicher Weise binden könnten. Naheliegend ist allerdings die gut begründete Befürchtung, dass der künstlich hervorgerufene Erfolg bestimmter Arten den Misserfolg anderer Arten mit sich führen würde. Doch auch die Verbringung von Schwefelpartikeln in höhere Atmosphären-Schichten (eine Version des RM) führt zwar eventuell zu einer so starken Rückreflektion der Sonneneinstrahlung, dass die Erdoberfläche vor einer Überhitzung geschützt würde, jedoch wäre der Effekt nicht selektiv einsetzbar und könnte daher zu weitreichen klimatischen Veränderungen auf globaler Ebene führen. Außerdem hätte ein plötzliches Aussetzen der Technologie einen abrupten Klimaanstieg zur Folge, und zwar mit praktisch unkontrollierbaren Konsequenzen.

Doch auch negative geopolitische Konsequenzen beschäftigen den Autoren, denn das Climate-Engineering ermögliche es nur „potenten“ Staaten, dem Problem des Klimawandels entgegen zu arbeiten. Dabei seien sie nicht „auf die Kooperation mit oder die Zustimmung von anderen Staaten angewiesen. „Ein fundamentaler Gegensatz zur bisherigen Klimapolitik“, der zufolge nämlich in der globalen Gemeinschaftlichkeit die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren sei.

Interessant ist zudem, dass die Thematik des Climate Engineering in der politischen und medialen Landschaft noch kaum bekannt ist, weswegen die differenzierte Einführung in diese neue Forschungsdisziplin durch den Autor Caviezel aus meiner Sicht wichtig für konstruktive Diskussionen um die globale Klimaerwärmung sein kann.

Der Erhalt einer stabilen Umwelt hängt natürlich auch von der Frage ab, wie viel Lebensraum künftig anderen Arten überlassen werden sollte, bzw. wie viel Platz wir selbst benötigen und einnehmen dürfen, ohne Klima und Artenvielfalt nachhaltig zu schädigen. Dieser Thematik nimmt sich Christina von Haaren an, deren Forschungsschwerpunkte unter anderem Umweltethik und Naturschutzkommunikation sind. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Naturwissenschaften keine ausreichenden und daher verbindlichen Normen, insbesondere im Hinblick auf unsere Zukunft, liefern können. Daher würden gesellschaftliche Normen benötigt, die durch Volksvertreter in Form von Gesetzen zu verankern seien. Diese sind der Autorin zufolge so zu formulieren und zu begründen, dass sie für jeden Bürger „im Prinzip nachvollziehbar“ seien, „auch wenn die persönlichen Interessen im konkreten Fall konträr sein mögen“.

Kurz kommt sie sogar auf die Bedeutung der Religionen für den Umweltschutz zu sprechen. So schreibt von Haaren, es sei hilfreich, dass der Papst in seiner letzten Enzyklika von 2015 deutlich zum Umweltschutz aufrufe. Sie schlussfolgert aber: „Grundsätzlich müssen jedoch religiöse Begründungen nicht für alle Mitglieder unserer Gesellschaft im Prinzip nachvollziehbar sein“.

Abgesehen von seinem unverhältnismäßig starken Schwerpunkt in den Bereichen der Theologie, der immerhin gleich drei Kapitel füllt, ist das Buch „Die Welt im Anthropozän“ auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und befasst sich in kontroverser Diskussion und aus den Blickwinkeln ganz verschiedener Wissenschaftsdisziplinen mit nichts Geringerem als unserer Zukunft auf der Erde. Die Lektüre bildet, ist gut verständlich und daher empfehlenswert.

 

 

 

 

Biologie des Menschen und politisch korrektes Gender-Mainstreaming, ein Konflikt?

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Am vierzehnten Mai 1429 geschieht etwas Ungewöhnliches. Französische Truppen, denen einige Tage zuvor der Durchbruch in das von englischen Soldaten umzingelte Orléans gelungen war, wagen  einen halsbrecherischen Angriff auf die Belagerer. Vornweg reitet eine siebzehnjährige Frau:  Jeanne d’Arc, auch bekannt als die „Jungfrau von Orléans“ (1412 – 1431). Trotz einer Verwundung und eines Sturzes vom Pferd kämpft die wackere Jugendliche auf dem Schlachtfeld und motiviert ihre Truppen dadurch, eigentlich Unmögliches zu vollbringen. Bereits einen Tag später verlassen die besiegten Engländer ihre Stellung.

In der Endphase des Spätmittelalters sind Frauen eigentlich noch weit davon entfernt, sich als große Kämpferinnen in Augenhöhe mit männlichen Zeitgenossen zu verwirklichen. Jeanne ist eine Ausnahmeerscheinung. Nur durch Vortäuschung göttlicher Visionen und einer nachweisbaren Jungfräulichkeit gelang es ihr nach einem dreiwöchigen Prüfungsverfahren, den französischen Kronrat davon zu überzeugen, sie in militärischem Auftrag zu entsenden.

Wer als Frau keinen göttlichen Auftrag glaubhaft machen kann, lebt in Europas Mittelalter allerdings unter unangenehmen Bedingungen. Frauen sind unter anderem aufgrund des religiösen Dogmas dem Manne Untertan, insbesondere in der Ehe. Die übliche Trauungsformel betonte dies wortwörtlich, um in den zwangsverheirateten sehr jungen Mädchen auch ja keine Missverständnisse aufkeimen zu lassen. Die Ehefrau unterstand der  Vormundschaft ihres Gatten, er kontrollierte in der Regel über ihr volles Vermögen und konnte sie nach Lust und Laune züchtigen oder verstoßen. An ein weibliches Mitspracherecht in Fragen der Politik war schon überhaupt nicht zu denken

Bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dauerte die Versklavung der Frau in der europäischen Gesellschaft an, ohne auch nur im Mindesten für ernsthafte kontroverse Diskussionen unter Männern zu sorgen. Erst 1865 bewegte sich etwas, das die Situation der Frau in der deutschen Gesellschaft schrittweise verbessern sollte.  Der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) wurde gegründet und war stark beeinflusst durch das intellektuelle Wirken der Frauenrechtlerin und Pazifistin Hedwig Dom, die sich besonders für ein Recht der Frau auf Bildung und Arbeit engagierte. Doch die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau war ein langwieriger und steiniger Prozess. Vom Wahlrecht für Frauen war noch gar nicht die Rede. Diesbezügliche Forderungen durch den Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) stießen erst nach Ende des Ersten Weltkrieges auf fruchtbaren Boden. In der Folge erließ der Rat der Volksbeauftragten ein Dekret, das das Frauenwahlrecht im Gesetz verankerte.

Das Dritte Reich jedoch erwies sich zunehmend als erneuter Tiefpunkt  der Emanzipation der Frau, ein ideologisches Frauenbild wurde umgesetzt, das weibliche Bürger zu Gebärmaschinen und Putzzofen männlicher Haushalte degradierte. Zwar wurde unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges in Westdeutschland das Grundgesetzt erschaffen, das die Gleichberechtigung von Mann und Frau verbindlich vorschrieb, jedoch konnte der moderne Feminismus erst ab 1968 in Folge der Studentenbewegung  Fuß fassen. Umzusetzende Forderungen zur Ent-Diskriminierung  der weiblichen Bevölkerung gab es nämlich noch immer zuhauf. Dazu gehörten das Recht auf Abtreibung oder eine geschlechtsunabhängige Gleichsetzung  der Löhne.

Anders als Frauen, die auch in der römischen und griechischen Antike Unterdrückung durch die Männerwelt erfuhren, war  männliche Homoerotik in jenen Epochen durchaus gesellschaftlich akzeptiert, wenn auch seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert in Rom per Gesetz unter bestimmten Bedingungen unter Geldstrafe gestellt. Der größte Feldherr der Antike, Alexander der Große (356 – 323 v. Chr.), liebte Hephaistion (um 360 – 324/23 v. Chr.) . Und über die Liaison Julius Cäsars (100 – 44 v. Chr.) mit dem bithynischen König Nikomedes IV (bis 74 v. Chr.) wurde zwar  bereits von den Zeitgenossen getratscht, was jedoch über ein gehässiges Spötteln nicht hinausreichte.

Erst ab dem frühen Mittelalter, einhergehend mit der gesellschaftlichen Vormachtstellung der christlichen Kirche, wurde praktizierte Homoerotik als todeswürdiges Verbrechen behandelt.

Nahezu nahtlos wurde die Diffamierung gleichgeschlechtlicher Liebe, insbesondere der männlichen, in der Neuzeit in Form eines Gesetzesparagraphen übernommen. So erschuf das Deutsche Kaiserreich im Jahre 1872 den Paragraphen 175, der den Beischlaf unter Männern mit einer Gefängnisstrafe ahndete. In einer abgemilderten Form war dasselbe Gesetz immerhin bis zum 10. März 1994 in Kraft.

Die moderne Gleichstellung der Geschlechter und die gesellschaftliche Akzeptanz  gleichgeschlechtlicher Lebensformen sind das Resultat  eines politischen Kampfes, den mutige Streiter zu Gunsten einer gerechten,  bunteren und harmonischeren Gemeinschaft ausgefochten haben. Alle Belange der Gleichstellung werden heutzutage unter dem Begriff Genderismus oder Gender-Mainstreaming zusammengefasst.

Allerdings sind menschliches Sexualverhalten und die Geschlechterrollen grundsätzlich Folgen der Biologie des Menschen, und so ist ein Verständnis ihrer Zusammenhänge abhängig von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, explizit der biologischen Forschung.

Daher wehren sich Naturwissenschaftler zunehmend zurecht gegen Trends des modernen Gender-Mainstreamings, die nicht mehr darauf ausgerichtet sind, durch die Gesellschaft begangenes Unrecht zu beseitigen, sondern inzwischen bedauerlicher Weise quasi-religiöse Züge angenommen haben. Es ist für Aktivisten offenbar problematisch, sich das vollständige Erreichen ihrer ursprünglichen Ziele eingestehen zu müssen. In der Folge entbehren Forderungen jeder argumentativen Grundlage und verkommen zu idealisierten Überzeichnungen mit kreationistisch-dogmatischem Charakter.

Aktivistische Organisationen wie LGBT lösen den Menschen aus seiner Biologie und der Systematik des Tierreichs heraus und formulieren Thesen, denen zufolge der Homo sapiens mystische Fähigkeiten besitzen soll. Es wird ihm unterstellt, sein Geschlecht und seine erotischen Präferenzen frei wählen zu können.  Doch genauso wenig wie sich der Hahn durch Willenskraft in eine Henne verwandeln kann, ist es dem Menschen möglich, sich sein Geschlecht selbst zu erschaffen. In der Tat gesteht das Gender-Mainstreaming dem Menschen schöpferische, im Sinne göttlicher Fähigkeiten zu.

Daher überzeugt der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera mit seiner Schlussfolgerung, dass der Genderismus eine moderne Form des Kreationismus sei.

Wie Kutschera in seinem Buch „Das Gender-Paradoxon“ kompetent und mit einer Kaskade naturwissenschaftlicher Argumente darlegt, sind es genetische, hormonelle, anatomische und neurologische Determinanten, die bei H. sapiens sowohl für die Ausprägung der erotischen Präferenzen wie auch für die Ausbildung des biologischen Geschlechts verantwortlich sind.

Längst übt der Genderismus weltliche Macht aus und vermag sich daher effizient gegen begründete Einwände zur Wehr zu setzen, ohne selbst jemals auch nur den Hauch eines Arguments dargelegt zu haben. Wer die Genderismus-Bewegung unter Vorweisung naturwissenschaftlicher Fakten kritisiert, wird isoliert, hämisch der Diskriminierung von Minderheiten beschuldigt oder gar  demonstrativ in das rechtsextremistische politische Umfeld eingeordnet.

Und in der Tat wird eine Genderismus-Kritik beispielsweise gerne in den rechtsextremistischen Kreisen des AfD vorgetragen. Es gilt jedoch stets, dass wenn zwei Menschen mehr oder weniger dasselbe sagen, keineswegs notwendiger Weise dasselbe gemeint ist. Der Rechtsextremismus möchte eine multikulturelle Lebensvielfalt mit allen Mitteln diffamieren und diskreditieren, wozu keine neutralen Argumente vonnöten sind. Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie werden ganz im Gegenteil durch  leicht eingängige und innen hohle Parolen propagiert. Pauschaler Hass benötigt keine aufzuführenden Fakten.

Seriösen Naturwissenschaftlern wie Herrn Kutschera oder mir liegen jedoch Diskriminierungen und Diffamierungen aller Art vollständig fern. So bin ich beispielsweise bekannt dafür, selbst einer der genannten Minderheiten zugehörig zu sein und außerdem ausschließlich der Partei Die Linke eine sozial-gerechte Regierung zuzutrauen.

Ulrich Kutschera ist bekennend heterosexuell, parteilos und Nicht-Wähler. Er betont, dass ihn stets nur Fakten interessierten und belegt diese Aussage auch eindrucksvoll in seinem hervorragend recherchierten Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“.

Kein seriöser Wissenschaftler bezweifelt, dass Frauen dem Mann juristisch gleichgestellt sein müssen. Daraus jedoch zu schlussfolgern, Mann und Frau seien auch biologisch gleich, ist falsch. Kutschera erklärt detailreich, dass der Homo sapiens  einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus aufweist.

Neben den bekannten genetischen, hormonellen und morphologischen Geschlechtsunterschieden wird auch auf die Hypothese der „primären Weiblichkeit des Menschen“ mit dem Mann als sekundärem Geschlecht ausführlich eingegangen. Es geht hierbei beispielsweise um die Existenz der männlichen Brustwarzen, die einer wissenschaftlichen Hypothese aus dem Jahre 2014 zufolge auf einen Entwicklungsweg in der frühen Embryogenese hinweisen, der erst später in die „männliche Linie umprogrammiert“ werde. Genau genommen handelt es sich um das sogenannte SRY-Gen, das im Verlaufe der frühen Embryonalentwicklung aktiviert wird und einen Anstieg des Testosterons zur Folge hat.

Nachweislich zeigen die beiden Geschlechter des Menschen auch unabhängig von einer elterlichen Prägung signifikante geschlechtstypische Verhaltensweisen, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Völlig anders hingegen lautet die Erklärungsweise zur Existenz zweier menschlicher Geschlechter aus der Feder des Genderismus. So äußerst sich beispielsweise die US-Gender- und Sprachforscherin Judith Butler wie folgt zur von ihr postulierten Festlegung des Geschlechtes nach der Geburt: Die Geschlechtsfeststellung durch die Hebamme sei  keineswegs „eine Beschreibung oder bloße Feststellung, sondern zugleich eine Anweisung, ein weibliches Geschlecht zu sein“. Ein Baby ohne Geschlecht wird hernach durch einen Sprechakt einem bestimmten Geschlecht zugewiesen. Butler folgt dabei  in ihrer Denkweise dem Moneyismus, der auf den US-Psychologen und Erziehungswissenschaftler John Money (1921 – 2006) zurück geht. Der vorgebliche Wissenschaftler gelangte zu dem Schluss, dass geschlechtsneutrale Wesen erst ab dem zweiten Lebensjahr über Erziehungsmaßnahmen und kulturelle Einflüsse einem Geschlecht zugeordnet würden und dass davon auszugehen sei, dass der Schöpfergott der Bibel nur ein Hermaphrodit gewesen sein könne.

Ähnliche bizarre Genderismus-Thesen werden auch auf das Erotikverhalten des Menschen übertragen. So sei die erotische Präferenz für ein Geschlecht, beispielsweise das eigene, völlig willkürlich wählbar. Seriöse Forschungsansätze in den letzten hundert Jahren haben jedoch klar dargelegt, dass beispielsweise die homoerotische Veranlagung bei Männern genetisch determiniert ist. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang auf die Forschung an eineiigen Zwillingen durch den Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) verwiesen werden.

Bis heute ist allerdings das Phänomen der Bisexualität bei Männern wissenschaftlich schlecht untersucht, weswegen in seriösen Fachpublikationen Häufigkeit und Vielfalt des Auftretens dieser Erotik-Präferenz aus meiner Sicht eventuell unterschätzt wird. Herr Kutschera verkennt die Vielfalt in der Welt der gleichgeschlechtlichen männlichen Liebe, in der die Bisexualität meiner Erfahrung gemäß eine wichtige Rolle spielt. Es klingt daher diffamierend, die Existenz von Männern, die zunächst Kinder gezeugt haben, sich dann aber ausschließlich oder  vorwiegend der Homophilie widmen, zu leugnen. Fehlende seriöse Publikationen zum Thema weisen nicht hin auf dessen Nicht-Relevanz. Aus meiner Berliner Erfahrung sind homophil veranlagte Männer, die eigene Kinder gezeugt haben, häufig. Dass sie in wissenschaftlichen Studien kaum oder gar nicht auftauchen, liegt daran, dass Betroffene nicht selten ein Doppelleben führen und ihre Homophilie bei wissenschaftlichen Befragungen nie eingestehen würden. Auch bisexuelle Männer folgen, was den Grad ihrer Veranlagung zum einen und zum anderen Geschlecht angeht, vorwiegend einer genetischen Information. Die freie Wählbarkeit der erotischen Vorliebe bleibt ein unbegründetes Märchen.

Das detailierte, dabei aber leicht verständliche Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“ erlaubt vielseitige und kompetent dargestellte Einblicke in die Biologie des Menschen, jedoch auch in die relevante Wissenschaftsgeschichte und legt nachvollziehbar und gut begründet dar, wieso Wissen und Erkenntnis einem religiösen Dogma, das also allein auf Glauben beruht, vorzuziehen ist.

Autoren wie Kutschera, die mit unerbittlichem Engagement und klaren Argumenten gegen den derzeit überall auf der Welt populären spirituell motivierten Mainstream vorgehen, verdienen meinen Respekt. Als ein Verfechter der Wissenschaft befindet man sich heutzutage immer häufiger in einer Höhle des Löwen, so wie einst der italienische Dichter, Priester und Philosoph Giordano Bruno (1548 – 1600), der in einer Zeit des Glaubens trotz der drohenden Hinrichtung  an seinen Erkenntnissen, es gäbe keine Gottessohnschaft Christi und auch kein jüngstes Gericht, festhielt. Zudem beharrte er auf dem Ergebnis seiner astronomischen Beobachtungen und postulierte auch im Angesicht des Todes seine wahre These, dass nicht eine, sondern viele Welten existierten.

 

 

 

 

 

 

Mein Plädoyer gegen die Todesstrafe

Der US-Bundesstaat Utah erregt erneut Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem Todesurteil. Ein Gericht hat befunden, dass die neuerliche Durchführung der Giftinjektion an einem verurteilten Mörder nicht gegen das Gesetz verstoße, demzufolge ein Straftäter für dasselbe Vergehen nicht zweimal bestraft werden dürfe.

Eine Umsetzung des Todesurteils musste nämlich 2009 abgebrochen werden, nachdem es den Ärzten nicht gelungen war, geeignete Blutgefäße zum Ansetzen der Injektionsnadel zu finden. Einer erneuten Umsetzung der Strafe stehe nun jedoch nichts mehr im Wege, da im Jahre 2009 ja zu keinem Zeitpunkt Gift injiziert worden sei. Eine Bestrafung habe daher zu jenem Zeitpunkt gar nicht stattgefunden.

Als humanistisch gebildetem Europäer erscheinen mir solche „juristischen“ Geplänkel in den USA als höchst bizarr. Ich halte, wie allgemein zahlreiche moderne Zivilisationen auch, die Todesstrafe in der westlichen Welt für einen barbarischen Akt gegen die Menschlichkeit.

Es ist ein Akt, der dazu dient, Rache für die kapitale Straftat, die ein Mensch begangen hat, auszuüben, im Namen des Opferkreises und auch im Namen der Staatsgewalt. Die tatsächliche Motivation geht dabei noch weit über die Befriedigung dieser Bedürfnisse hinaus. Das Anhängsel „Strafe“ ist daher lediglich ein inhaltsleeres Füllwort.

Die Todesstrafe hat eine lange Geschichte, die bereits in frühzeitlichen Kulturen beginnt. Die Faszination des gesellschaftlich begangenen Mordens war damals wie heute dieselbe: Machthaber und Voyeure ergötzten sich an einem Tabubruch, zu dem der Mensch aufgrund seiner willentlichen Selbstbestimmung ab einem gewissen Zeitpunkt der Evolution seines Gehirns in der Lage war. Ein Urinstinkt, nämlich die angeborene Hemmung, einen Artgenossen zu töten, konnte nun bewusst unterdrückt werden. Das Ergebnis diente seit jeher nicht nur einer absoluten Machtdemonstration, die Untergebene einschüchtern sollte, sondern erfüllte auch stets erotische Gelüste.

Denn legale Tötungen gingen schon immer einher mit einer erniedrigenden Zur-Schau-Stellung des Delinquenten, und zwar vor den Augen einer möglichst großen Öffentlichkeit. Die totale Erniedrigung eines Artgenossen als ein Phänomen, das im Alltag unter normalen Umständen nicht öffentlich stattfinden durfte, da ein fruchtbares soziales Miteinander dadurch behindert wurde, findet und fand nur im Rahmen der privaten Erotik eine regelmäßige Umsetzung. Der Mensch ist daher darauf geprägt, Erniedrigung mit Erotik in Verbindung zu bringen.

In frühzeitlichen menschlichen Kulturen waren solche Schauveranstaltungen zumeist offizieller Ausdruck einer Spiritualität. So wurden Delinquenten in der Regel Göttern geopfert. In damaligen Zeiten konnten die Vorzüge solcher Opferungen gut kommuniziert werden, war doch alles zu erhoffende Wohlergehen einer Gesellschaft ausschließlich Ausdruck gut gestimmter Götter.

Doch bereits in der Antike verstand man es, die Aspekte Genuss und erotische Befriedigung ganz offiziell mit öffentlichen Exekutionen in Verbindung zu bringen. So wurden die Opfer in den römischen Schauarenen in der Regel entkleidet und in Form besonders grausamer Inszenierungen vor ekstatisch geifernder Zuschauerschar dem Tode zugeführt.

Spätestens von da an blieb die legale öffentliche Tötung von Menschen bis heute in der westlichen Welt entkoppelt von spirituellem Rausch, der sowohl Tätern wie auch Opfern in urtümlichen Gesellschaften noch eine gewisse Eintracht verlieh.

Zwar steht gerade das düstere Mittelalter für viele Menschen häufig im Zusammenhang mit religiös motivierten Massentötungen im Namen Jesu Christi. Doch die Geschichte der katholischen Kirche offenbart bis heute, dass es sich bei den vermeintlich christlichen Orden und ihren Würdenträgern, die viele Morde an ihren Bevölkerungen beauftragt haben, spätestens seit dem Mittelalter vorwiegend um elitäre (homo-) erotische Gruppierungen handelte.

Hinrichtung und Folter waren daher wie schon in der römischen Antike auch zu jenen Zeiten nichts anderes als Ausdruck eines ganz besonderen erotischen Thrills, der umso erfolgreicher befriedigt werden konnte, je grausamer und erniedrigender die öffentliche Strafe ausfiel.

Die Geschichte der Todesstrafe in der westlichen Welt geht seit Jahrhunderten einher mit der Befriedigung niederer erotisch-sadistischer Gelüste.

Daher haben moderne westliche Gesellschaften dieses Töten längst abgeschafft, weil die Todesstrafe selbst ein Verbrechen darstellt, ein aus Lust begangenes Verbrechen. Ein Verbrechen, das in einer echten Rechtsstaatlichkeit keinen Platz hat. Straftäter verdienen in einem gerechten Staat dasselbe Recht auf körperliche Unversehrtheit wie ihre Opfer.

In modernen westlichen Gesellschaften gehört die Befriedigung niederer Triebe daher in die Schlafzimmer, die Sexbars und SM-Clubs der großen Städte, jedoch nicht in die öffentliche Rechtsprechung.

Konsequenter Weise muss man jenen Staaten der USA, die noch immer prinzipiell durchaus in antiker Manier die Todesstrafe praktizieren, den Rang einer modernen westlichen Zivilisation in Abrede stellen.