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Kategorie: Fakten

Locomotion behavior of Schizomida (Arachnida)

They look without magnification more like very motile and fast running ants or very tiny grasshoppers than like arachnids. But they indeed represent relatives of the web spiders and scorpions: Schizomida, a clade of whip scorpions. They are the sister taxon of Thelyphonida, the rather well known „big whip scorpions“, which are often kept as pets in terraria around the world. Schizomida are only rarely filmed in a higher resolution quality, which is due to their small size and their almost invisibility due to their semi-transparent cuticle and their very fast way of walking or even jumping. They are additionally difficult to be filmed as they strictly avoid all lights and tend to dry out quickly, when they cannot hide themselves by time in a slightly moist substrate.

 

Closeups of behaviors of a Schizomid species from a greenhouse in Germany. Copyrights Stefan F. Wirth

 

Schizomida in Greenhouses

 

Schizomids represent mostly tropical or subtropical organisms. But some species are regularly dispersed into greenhouses around the world. The filmed species might be Stenochrus portoricensis, but was not systematically studied in detail so far. As all known species, which appear in greenhouses, also S. portoricensis reproduces (apart from their original habitats) parthenogenetically with females producing females without mating procedures (thelytoky). I never found males so far.

 

 S. portoricensis: native to subtropical Zones

 

The specimens, which I kept since months in a small terrarium, were collected in autumn 2016 at the famous fun and wellness bath „Tropical Islands“ South of Berlin. There they are a natural part of the world’s biggest indoor rainforest. The species S. portoricensis is originally native to Florida, Mexico, Cuba, Nicaragua, Porto Rico and other localities in similar tropical zones. These microscopical tiny organisms are predators and do not harm human beings at all. According to the available organisms in a suitable size in my terrarium, they might feed on the numerous collembolans and/or mites. Especially mites of the Gamasina appear in greater numbers in my substrate, which represents the original substrate from the greenhouse. I enriched this substrate regularly by smaller pieces of fruits or vegetables to stimulate the growth of microorganisms. I keep them at room temperature (about 20°C) and with not too much moisture. I do not know, whether they reproduced within these months, but the specimens of my recent video footage represent all sub-adults.

 

Film set and topic locomotion

 

Focus of my film is to present the different ways of locomotion, cleaning behaviors and burrowing activities of these fascinating animals. During the filming procedure, I used two cold-light-lamps for a suitable illumination and an ILCE-6300 (internal 4K mode), connected to a stereomicroscope and a lightmicroscope (with uplight).

 

Berlin December 2019/ March 2017, Copyrights Stefan F. Wirth

Die neue Salonfähigkeit geschickt frisierter Neonazis, die ihre eigene Sprache nicht beherrschen

Eine wohl dosierte Portion aus Fremdenhass, rechtem Patriotismus, naiver Weltanschauung, gepaart mit einer fröhlichen Neigung zu populistischen Verschwörungstheorien und nationalsozialistischer Rhetorik, wird vorwiegend in ländlichen Regionen unseres schönen Landes zunehmend zu einem Menü intellektueller Verblödung, das man nicht mehr aus Scham verbergen muss.

 

 

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Ein demaskierter reptiloider Unruhestifter, der es auf die deutsche Rechtschaffenheit abgesehen hat, Urheberrecht des Fotos: Stefan F. Wirth

 

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Blick in die dunklen Abgründe unserer Erdenscheibe, Urheberrecht Foto: Stefan F. Wirth

 

 

Keine Macht den Reptiloiden, die absichtlich Sachen in unser Land rein holen, die wir nicht kennen und auch nicht mögen

 

 

Da werden absichtlich Schwerverbrecher und Vergewaltiger nach Deutschland importiert, sagen wir „rein gelassen“, um das Idyll aus deutscher Rechtschaffenheit und Nächstenliebe ein für alle mal zu zersetzen. Nur eine versiffte linke Weichbirne käme auf den Gedanken, zu fragen, welche geheimen Mächte all diese Fäden führen und vor allem warum. Nein, mit primitiver Hinterfragung und versiffter Antifa-Rhetorik braucht man einem braunen Schrumpfhirn von heute wahrlich nicht zu nahe zu treten. Schließlich weiß doch jeder, dass es die außerirdischen Reptiloide sind, die versteckt in jenem dunklen Höhlenlabyrinth zwischen der oberen und der unteren Erdenscheibe hausen, die aus blanker extraterrestrischer Bösartigkeit heraus das naturgegeben reine und friedfertige Idyll deutscher Bräsigkeit mit einer ungeheuerlichen Katastrophe überziehen, nämlich der Veränderung von Dingen, die doch seit jeher gleich geblieben waren. Also zumindest seit jenen Zeiten, in denen der Besitzer des jüngst versteigerten schwarzen Faltzylinders noch das Sagen hatte.

 

Links-rot-grün versiffte Zero-Hirne

 

 

Das ist doch alles glasklar und bedarf keiner weiteren konstruktiven Nachfrage stinkender links-roter Zero-Hirne. So kryptisch wie die Hieroglyphen-gleichen Muster der bedrohlichen Chemtrails am Himmel, mit denen uns die fiesen Reptilien-Aliens ihre vernichtenden Absichten unter Beweis stellen, erscheint dem aufgeweckten deutschen Neu-Nazi allerdings leider zunehmend das Wirrwarr der eigenen Sprache, die dem aufrechten Alemannen mit ihren Regeln der Orthographie, der Grammatik und der Zeichensetzung geradezu den letzten Funken Verstand rauben kann. Zum Glück ein sehr geringer Diebstahl, der gut zu verschmerzen ist, solange man noch stolz und mit erhobener Brust laut genug ausrufen kann: Tod den Reptiloiden, die immer mehr Sachen rein holen, die wir nicht kennen und auch nicht verstehen! Wir haben das perfide Spiel durchschaut, das uns weismachen will, dass Ausländer mit andren Hautfarben gleichwertige Menschen seien und es auf unserer schönen Erdenscheibe ein durch menschliche Emmissionen veränderliches Klima oder gar einen Treibhauseffekt gäbe (Dreibhausefegd, Traubhaußeffekht, Draibhaussäphegght??? Egal!).

 

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Untrüglicher Nachweis ihrer Existenz: brauner Reptiloiden-Kot auf einem Stein, Urheberrecht Foto: Stefan F. Wirth

 

German written article against right-winged ideologies.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin November 2019

 

Arapaima gigas, einer der größten Süßwasserfische – doch was sind Fische eigentlich?

Sie sind beeindruckende Fische, nicht nur aufgrund ihrer Größe. Und doch kennen die meisten Menschen sie nur aus den Aquarienhäusern zoologischer Gärten. Arapaima gigas wird mindestens zwei Meter lang und erreicht in Ausnahmefällen sogar Längen von über drei Metern. Beheimatet ist die Art im Bereich des Amazonas-Beckens und ist in Peru, Brasilien und Guyana verbreitet.

 

Arapaima gigas, einer der größten bekannten Süßwasserfische aus dem Amazonas-Gebiet

 

Arapaima ist ein Räuber. Erwachsene Fische ernähren sich von anderen Fischen sowie Tieren in vergleichbarer Größe, wie zum Beispiel auch kleineren Säugern. Besonders auffällig sind die kräftig gestalteten großen Schuppen, die den Körper der Tiere umschließen. Sie dienen unter anderem als mechanischer Schutz gegen Angriffe durch Feinde. So können sie beispielsweise den Attacken der im selben Lebensraum beheimateten Piranhas, die zwar wesentlich kleiner sind, aber bekanntlich empfindliche Beißwerkzeuge besitzen, wirkungsvoll widerstehen. Das schützt Arapaima freilich nicht vor seinem größten Feind, dem Menschen. Er ist ein beliebter Speisefisch, der durch massenhafte Bejagung in seinem Bestand immer wieder gefährdet wird.

Arapaima gigas wird häufig als größter Süßwasserfisch der Welt bezeichnet. Dies basiert jedoch auf Übertreibungen. In Wahrheit befindet er sich in der Größenordnung des Europäischen Welses, dem größten europäischen Süßwasserfisch.

 

„Fische“ ist keine spezielle systematische Gruppierung

 

Ich verwendete bislang stets unkommentiert den Begriff „Fisch“. Was sind Fische eigentlich?Welche sogenannte Fische kennt man noch? Wie verhält es sich beispielsweise mit dem Bullenhai, der über drei Meter lang werden kann und neben marinen Habitaten auch im Süßwasser auftreten kann. Kann er als Gigant des Süßwassers mit dem Arapaima, dem Gigant aus dem Amazonas verglichen werden? Nach evolutionsbiologisch-systematischen (=phylogenetisch) Gesichtspunkten kann er das nicht. Der Begriff „Fisch“ bezeichnet nämlich keine spezielle, systematisch in sich geschlossene Gruppe. Stattdessen haben wir es mit einem deskriptiven Begriff zu tun, der alle Tiere umfasst, die in ihrer Gestalt ganz grundsätzlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Goldfisch aufweisen.

Wenn wir außer Acht lassen, dass auch „Tintenfische“ und „Walfische“ nach demselben Muster benannt wurden, die bekanntlich zu den Mollusken und Säugetieren gehören, weist die Fischgestalt zumindest in den meisten Fällen auf eine irgendwie gestaltete Verwandtschaft hin. Jedoch sind Haie und Arapaima dennoch nicht sonderlich nahe miteinander verwandt.

 

Arapaima gigas im Aquarium des Zoos Berlin, ein gigantischer Süßwasserfisch, der regelmäßig atmosphärische Luft an der Wasseroberfläche aufnehmen muss. Copyrights Stefan F. Wirth

 

Bei den „Fischen“ handelt es sich nämlich um eine sogenannte paraphyletische Gruppe. Das heißt, sie umschließt zwar eine ihnen allen gemeinsame Stammart, jedoch keineswegs alle dazu gehörigen Tochtergruppen. Dazu würden nämlich auch alle Landwirbeltiere gehören. Eine vergleichbare paraphyletische Gruppe stellen beispielsweise die „Reptilien“ dar, zu denen Eidechsen/Schlangen, Schildkröten, Krokodile und alle Dinosaurier gehören. Da die Vögel aus den Dinosauriern hervorgingen, jedoch nicht zu den „Reptilien“ gezählt werden, haben wir es unter dieser Bezeichnung wieder mit einer Stammart und nur einem Teil aller Tochtergruppen zu tun, die allerdings im Stammbaum der Tiere nebeneinander stehen und daher näher miteinander verwandt sind, so wie auch bei den „Fischen“.

Im Falle der „Fische“ (paraphyletische Gruppen werden häufig in Anführungszeichen gesetzt) verhält es sich so, dass die verschiedenen als Fische bezeichneten Gruppen neben nur ihnen eigenen Merkmalen auch unterschiedliche Merkmale aufweisen, die auf eine Ahnenlinie hin zu den Wirbeltieren zurückgeführt werden müssen. Was unterscheidet also Knorpelfische (zum Beispiel Haie) und Strahlenflosser (Actinopterygii = echte Fische) voneinander? Eine Frage, die so in der modernen Systematik, die stets nach Gemeinsamkeiten sucht, eigentlich nicht gestellt wird. Richtiger ist es, zu fragen: Welche Merkmale teilen die Knorpelfische mit den Landwirbeltieren (z. B. knöcherner Schädel, Kiefer) und welche die Strahlenflosser (z.B. Lunge). Wenn man dennoch über Unterschiede sprechen möchte, ist festzustellen, dass Knorpelfische noch keine Lunge, die mit jener der Landwirbeltiere homolog ist, besitzen, Strahlenflosser aber schon. Die Lunge ist also auf der Ahnenlinie der Knorpelfische hin zu den Strahlenflossern evolviert. Anders als die „Fische“ sind die Strahlenflosser, die ich hier auch als echte Fische bezeichne, sehr wohl eine geschlossene systematische Einheit (=Monophylum), die auf Merkmale einer gemeinsamen Stammart zurückgeführt werden kann, die nur dieser Gruppe eigen sind. Ein Beispiel ist die namengebende Gestalt der Flossen, die durch Flossenstrahlen durchsetzt sind.

 

Zuerst gab es Lungen, aus denen Schwimmblasen evolvierten

 

Die Strahlenflosser (Actinopterygii), zu denen neben unzähligen Arten auch Arapaima gehört, besitzen also in der Tat ursprünglich paarige Lungen als Respirationsorgane. Diese sind demzufolge nicht erst vor dem Abzweig der Lungenfische entstanden, die als nächste Verwandte der Landwirbeltiere gelten. Die dortige Neuerung betrifft, anders als der Name Lungenfisch vermuten lässt, die Evolution eines Lungenkreislaufs, den es bei urtümlichen „Fischen“ mit Lunge noch nicht gegeben hat.

Aber besitzen echte Fische (Actinopteryii) nicht Schwimmblasen und atmen ausschließlich durch Kiemen? Mitnichten. Ursprüngliche Vertreter der echten Fische werden beispielsweise durch die Flösselhechte (Polypteriformes) representiert, die paarige sackförmige Lungen besitzen und neben der Kiemenatmung daher auch atmosphärische Luft veratmen können. Diese beeindruckenden Tiere können sich mithilfe ihrer Flossen nicht nur an Land fortbewegen, sondern lassen sich (es gibt Experimente an Senegal-Flösselhechten) auch unter vorwiegend terrestrischen Bedingungen in Terrarien halten.

Erst innerhalb der echten Fische ist die Schwimmblase entstanden, die sich durch Evolution aus den Lungen heraus bildete. Die fachgerechte Beschreibung lautet daher: Lunge und Schwimmblase sind einander homologe Organe. Innerhalb der Actinopterygii gibt es einen evolutiven Trend, demzufolge die Schwimmblase bei urtümlicheren Vertretern (noch) der Atmung dient, bei evolutiv weiter abgeleiteten Vertretern hingegen nur noch die Funktion der Austarierung im Wasser übernimmt.

Allerdings ist es innerhalb der echten Fische oftmals schwierig zu entschlüsseln und noch immer Gegenstand phylogenetischer Studien, ob die Lungenfunktion einer Schwimmblase einen Hinweis auf Urtümlichkeit darstellt, oder ob sekundär aus einer Schwimmblase mit Tarierfunktion erneut ein Atmungsorgan entstanden ist. In der Evolutionsbiologie werden im Übrigen unabhängige Entwicklungsschritte stets als Konvergenzen bezeichnet.

 

Arapaima gigas veratmet mithilfe seiner Schwimmblase atmosphärische Luft

 

Auch Arapaima gigas ist ein Luftatmer, der auf den Einsatz seines zusätzlichen Atmungsorgans in Form einer Schwimmblase sogar angewiesen ist. Er ist ein obligater Schwimmblasenatmer, der atmosphärische Luft an der Wasseroberfläche mithilfe seiner Mundöffnung aufnehmen muss. Dies wird als Anpassung an den häufig sauerstoffarmen Lebensraum der Tiere interpretiert, die sich häufig in Überflutungszonen des Amazonasbeckens aufhalten, wo wenig im Wasser gelöster Sauerstoff zur Verfügung steht. Der Literatur zufolge muss Arapaima gigas alle fünf bis fünfzehn Minuten die Wasseroberfläche aufsuchen, um dort mit seinem oberständigen Maul Luft einzuschnappen.

 

Berlin, Februar 2019, copyrights Stefan F. Wirth

Bildungsministerin Karliczek hinterfragt altbacken die gleichgeschlechtliche Familie und wird dafür zurecht, aber zu irrational kritisiert

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In modernen westlichen Gesellschaften lösen sich konservative Dogmen zur Definition, was als Familie zu betrachten ist, zunehmend auf. Urheberrecht Stefan F. Wirth

 

In modernen westlichen Gesellschaften herrschen Toleranz und Gleichberechtigung. Zumindest, wenn es darum geht, welche Geschlechter einander das Ja-Wort geben oder gar, wie das einzelne Individuum sein biologisches Geschlecht überhaupt interpretiert und tituliert haben möchte. Doch auch diese in Liebesangelegenheiten so offenen Gesellschaften sind von einem Komplettpaket zeitgemäß aufgeklärter Lebensführung oft noch weit entfernt. In den USA erinnern drakonische Bestrafungssysteme und dubiose Gesetze zum Waffengebrauch an mittelalterliche Szenarien, während viele europäische Länder vor Nationalempfinden, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in einer Weise geradezu überborden, die vermutlich selbst das Mittelalter so nicht kannte.

 

Politisch korrekte Dogmen und die Biologie des Menschen

 

Es gibt also viele Themen, die in den Fernsehshows dieser Welt für Zündstoff sorgen können. Und dennoch erhitzt die Frage, wer mit wem eine Ehe abschließen darf und welche Rolle Kinder dabei spielen, die Gemüter immer wieder in ganz besonderer Weise. Die Gründe für solche Befindlichkeiten sind steinalt, so alt wie unsere Biologie selbst. Denn wie bei anderen Säugetieren auch, ist die Erhaltung unserer Art davon abhängig, wie erfolgreich unser Nachwuchs heran wächst. Die Frage nach einem geeigneten familiären Umfeld berührt uns dabei zumeist sehr emotional, schließlich geht es nicht in erster Linie um Wissen, sondern schlicht um einen angeborenen Instinkt.

Doch Instinkte allein taugen nicht als sachliche Argumente. Auch Dogmen, die autokratisch festlegen, was gerade als politisch korrekt anzusehen ist, verhindern oft auf Fakten basierende, ernstzunehmende Diskussionen. Dabei gilt jedoch die präzise Suche nach fundiertem Wissen in vielen – ursprünglich – aufgeklärten Kreisen heutzutage oft nicht mehr als „en vogue“ . Und das, obwohl es ein fester Bestandteil der speziellen Biologie des Homo sapiens ist, Zusammenhänge verstehen zu wollen. Unsere im Vergleich zu nächst verwandten Primaten voluminöse Großhirnrinde ist bestens dafür ausgestattet, komplexe und auch widersprüchliche Befunde zu ordnen und sinnvoll zu analysieren.

 

Eine Bildungsministerin fordert mehr Wissenschaft

 

Und hier kommt die Bildungsministerin Anja Karliczek ins Spiel, die im Format „Klamroths Konter“ des Fernsehsenders n-tv ihrem politischen Amt gerecht werdend mehr Wissen einforderte und dafür nun mächtig Kritik einstecken muss. Wer nach wissenschaftlich haltbaren Argumenten fragt, hat zunächst einmal grundsätzlich  gar nichts falsch gemacht. Der sofort in Gang gebrachte linkspolitische Shitstorm ist daher zu relativieren. So bezeichnet beispielsweise die Politikerin Doris Achelwilm der Partei „Die Linke“ den Wissensdrang der Bildungsministerin als „ärgerliche Realitätsverweigerung“. Der Grünen-Abgeordnete Sven Lehmann spricht von „hinterwäldlerischer Haltung“ und davon, dass es längst hinreichend viel Wissen gebe. Die Ministerin habe „offenbar die letzten Jahrzehnte geschlafen“.

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Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert mehr Forschung zur Auswirkung gleichgeschlechtlicher Eltern auf ihre Kinder. Quelle Foto: Wikipedia

 

Die Form der Kritik seitens der genannten linken Parteien führt anschaulich vor, dass es derzeit offenbar im Trend liegt, in Phrasen anstelle der Zuhilfenahme von Fakten zu debattieren. Wissen wird zur Seifenblase degradiert, zu einer Blackbox. Agiert wird nach dem Prinzip: Unser Wissen ist besser als Deins, oder: Unsere Kenntnisse sind zeitgemäßer als Deine. Wissen darf jedoch nicht zur Glaubensangelegenheit verkommen. Richtig wäre es hingegen, zu erwidern: Ich kenne zum Beispiel die Studie soundso, derzufolge Wissenschaftler auf die und die Weise zu folgenden Erkenntnissen gelangt sind, die Deine Fragen aus meiner Sicht hinreichend beantworten. Doch leider treibt der manchmal fragwürdige moderne Zeitgeist mitunter gar absurde Blüten. Denn nicht alles, was sich selbst heutzutage als Wissenschaft bezeichnet und hierfür in der Tat mit exorbitant hohen Forschungsgeldern ausgestattet wird, ist seriös. Das betrifft nicht nur bestimmte Richtungen der Geschichtsforschung. So wurde beispielsweise ein naher Verwandter von mir für eine historische Arbeit promoviert und sitzt dennoch rechts außen innerhalb der AfD im Bundestag. Es betrifft auch Teile der so genannten Genderforschung, in denen eine vorwiegend glaubensbasierte Wissensfindung stattfindet, die beispielsweise die biologischen Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen des Homo sapiens negiert.

 

Welche Auswirkungen üben gleichgeschlechtliche Eltern auf ihre Kinder aus?

 

Und damit wären wir zurück beim eigentlichen Thema. Worüber hat sich Frau Karliczek in besagter Fernsehsendung eigentlich inhaltlich geäußert? Die sogenannten Forscher des Gender-Mainstreaming würden wohl sagen, es ging um eine „Gender-Thematik“. Dass die Ministerin ihre von Beginn an eher negative Beurteilung der Homo-Ehe einräumte, war dabei keineswegs vorrangig Stein des Anstoßes. Vielmehr ging es um ihre Äußerung, es sei noch immer eine „spannende Forschungsfrage“, welche Auswirkung gleichgeschlechtliche Eltern auf ihre Kinder ausüben.

Damit geht sie aus meiner Sicht unzweifelhaft über das reine Einfordern wissenschaftlicher Erkenntnisse hinaus, indem sie kaum verhohlen die Befähigung gleichgeschlechtlicher Elternpaare zur gesunden Erziehung ihrer Kinder von vornherein bezweifelt. Ihr pauschaler gedanklicher Ansatz verrät, dass neben einer rein wissenschaftlichen Hinterfragung in der Tat auch eine gewisse hinterwäldlerische Haltung verborgen ist. Frau Karliczek ist eine römisch-katholische CDU-Politikerin. Als solche pflegt sie offenkundig ein Weltbild, das auf dogmatischen Konstrukten der katholischen Kirche basiert. Die Position deren Oberhauptes ist unmissverständlich. So sagte Papst Franziskus im Juni 2018 gemäß der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, nur Mann und Frau seien zur Bildung einer Familie imstande. Belege hierfür benötigt ein Papst nicht, denn er betrachtet sich als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Sein Wort ist daher Gottes Wort und somit ein Beleg an sich.

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Papst Franziskus sieht nur in der Verbindung aus Frau und Mann eine Familie. Quelle Foto: Wikipedia

 

Männer und der Mutterinstinkt, allein erziehende Väter

 

Mehr sachliche Fachkenntnis und echten Wissensdurst hätte Frau Karliczek zum Ausdruck gebracht, wenn sie beispielsweise die Frage aufgeworfen hätte, inwieweit speziell zwei Männern die Erziehung ihrer Kinder zuzumuten sei, ist doch schließlich der Mutterinstinkt – wie der Name bereits andeutet – ein Merkmal, das bei Männern weniger stark ausgeprägt ist. Seriöse Forschungsberichte hierüber sind nämlich in der Tat rar bis nicht existent. Allerdings ist eine inhaltlich beinahe gleichwertige Fragestellung diejenige, ob Männer generell die Erziehung ihrer Kinder im Alleingang bewältigen Können. Hierzu gibt es sehr wohl Forschungsberichte. So beschreibt der Wissenschaftler Dr. Christoph Paulus aus dem Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Saarbrücken, der akademisch unter anderem in den Bereichen pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften ausgebildet wurde, dass sich über 90 Prozent der alleinerziehenden Väter aus einer wissenschaftlichen Stichprobe von ihren Kindern akzeptiert fühlen. Allerdings wird seinen Studien zufolge das Bedürfnis der Kinder nach Schutz und Geborgenheit weiterhin vorwiegend durch die getrennt lebenden Mütter befriedigt. Allgemein kommt er in seiner Studie jedoch zu dem Schluss, dass Kinder allein erziehender Väter eine emotionale Stabilität aufwiesen, die sich im Vergleich mit Kindern gemischter Elternpaare und geordnet nach Altersgruppen stets im Durchschnittsbereich bewegte.

https://www.familienhandbuch.de/familie-leben/familienformen/alleinerziehend/entwickelnsichkinderalleinerziehendervaeteranders.php

Der Forschung zufolge erreichen auch allein erziehende Väter eine emotionale Stabilität ihrer Kinder

 

Der zitierten Forschung ist auch zu entnehmen, dass mit dem Eintritt der Funktion als allein erziehender Vater Veränderungen der Vater-Kind-Beziehung einhergingen. So sei die Bindung „viel enger“ geworden und die Aufmerksamkeit des Vaters gegenüber den Kindern werde „viel aktiver“ zur Verfügung gestellt. Allerdings sei die materielle Situation allgemein als eher „unbefriedigend“ beschrieben worden.

Interessant wären Studien an solchen allein erziehenden Vätern, die in vollständiger Abwesenheit weiblicher Bezugspersonen auch den kindlichen Drang nach Schutz und Geborgenheit erfüllen müssen. Solche Studien sind mir ebenso wenig bekannt wie ernst zu nehmende Forschung an der Situation zweier Väter, die gemeinsam ihre Kinder großziehen. Ich würde allerdings erwarten, dass ein schwules Elternpaar imstande ist, wirtschaftliche Defizite effizienter zu vermeiden als ein Single-Mann. Da eine Rollenteilung im Männer-Doppelpack leichter einzurichten ist, könnte unabhängig von der natürlichen Wesensnatur des Mannes mit Jäger- und Kämpfer-Natur womöglich auch die Vermittlung von Geborgenheit an Kinder leichter umgesetzt werden.

 

Allein erziehende Mütter

 

Forschungen zur Befähigung zweier Mütter, erfolgreich Kinder zu erziehen, sind aus biologischer Sicht eher weniger notwendig. Denn die Beteiligung mehrerer Frauen an der Betreuung von Kindern, besonders der jüngeren Altersgruppen, wurde bereits in urzeitlichen Hominiden-Gruppen praktiziert.

Das konventionelle Familienbild mit Mann, Frau und Kindern, wie es beispielsweise die katholische Kirche predigt, ist aus evolutionsbiologischer Sicht ein künstliches Konstrukt. In archaischen Hominiden-Gruppen lebten Männer- und Frauengruppen in ihrem Alltag weitgehend voneinander isoliert. Während die Männer etwa jagten und Kriege führten, versorgten Frauen in Gruppen den Nachwuchs und gingen auch darüber hinaus anderen Tätigkeiten nach als die Väter ihrer Kinder. Dies kann unter anderem dem starken Geschlechtsdimorphismus entnommen werden, der bei Homo sapiens erheblich deutlicher ausgeprägt ist als bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen. Weibchen-Gruppen des modernen Menschen verfügen daher über mehr als 315.000 Jahre Erfahrung in der gemeinschaftlichen Erziehung ihrer Kinder. Väter müssen dabei nicht anwesend sein.

 

Unsere nächsten Verwandten im Reich der Primaten

 

Auf sogenannten phylogenetischen Stammbäumen erscheinen die Schimpansenarten gemeiner Schimpanse und Bonobo beide zusammen als Schwestergruppe des Menschen. Die Erforschung ihrer Verhaltensweisen kann daher unter bestimmten Bedingungen Aufschluss darüber geben, wie die Stammart des Menschen in etwa gelebt haben muss. Diese Rekonstruktion ist allerdings nur dann möglich, wenn es gelingt, spezielle Eigenarten, die nur in den jeweiligen Schimpasenarten ausgeprägt sind, von jenen zu unterscheiden, die bereits auf der Ahnenlinie zum Menschen hin evolvierten und die sich daher die Stammarten von Schimpanse und Mensch teilten.

Generell ist das Sozialverhalten des gemeinen Schimpansen Pan troglodytes dem des Menschen ähnlicher als jenes des Bonobos Pan paniscus. Letzterer weist diesbezüglich also Merkmalskonstellationen auf, die im Verhältnis zur gemeinsamen Stammart beider Schimpansenarten „weiter abgeleitet“ sind, wie Evolutionsbiologen es ausdrücken würden. Gemeint ist, dass sie in Bezug auf bestimmte Systeme von Merkmalen häufiger  Neuerungen evolvierten, die nur ihnen eigen sind, als sich dies beim gemeinen Schimpansen vollzog. Der kann daher in mancher Hinsicht leichter Hinweise auf die frühe Evolution des Homo sapiens liefern. Ein solches Merkmal, das er möglicherweise mit ursprünglichen Menschenarten teilt, ist eventuell die Tatsache, dass mehrere weibliche Schimpansen auch ohne Männer Jungtiere effizient zu komplexen Handlungen erziehen können, und zwar unabhängig davon, ob es sich um die eigenen Kinder handelt oder nicht.

Ein Beispiel hierfür liefern die Forscher S. Hirata und M. L. Celli in ihrer Arbeit aus dem Jahre 2003, die im Wissenschaft-Journal Animal Cognition veröffentlicht wurde. Darin wurde die Rolle von Müttern bei der Vermittlung des Werkzeug-Gebrauchs an Jungtiere untersucht. Dem Ergebnis der Studien zufolge sind junge Schimpansen bereits ab einem Alter von 20 bis 22 Monaten dazu in der Lage, den Vorgang der Nutzung eines Tools zur Gewinnung von Honig perfekt zu imitieren. Dies funktionierte auch, wenn das Weibchen, das die Handlung im Experiment vorführte, nicht leiblich mit dem Jungtier verwandt war. Ein Befund, der meiner Ansicht nach darauf hinweisen könnte, dass die gemeinsame Erziehung von Jungtieren durch Weibchen-Gruppen beim Homo-sapiens deutlich älter ist als der Mensch selbst.

Ein Schimpansen-Junges hat erfolgreich einen Werkzeuggebrauch erlernt, indem es das Verhalten erwachsener Weibchen imitiert. Das lehrende Weibchen muss dabei nicht unbedingt die leibliche Mutter sein. Quelle und Urheberrecht: S. Hirata und M. L. Celli, Wissenschafts-Journal Animal Cognition.

 

 

https://langint.pri.kyoto-u.ac.jp/ai/en/publication/SatoshiHirata/Hirata_and_Celli_2003.html

Studie zum Lernverhalten bei Schimpansen-Jungtieren durch Imitation des Werkzeuggebrauchs erwachsener Weibchen

 

Homosexualität in beiden Geschlechtern ist keine Erfindung des Homo sapiens

 

Homoerotische Verhaltensweisen zwischen Männern oder Frauen sind keine Ausgeburt moderner dekadenter Lebensart. Dies beweisen Beispiele aus der Antike, in der insbesondere auch die männliche Homosexualität in verschiedensten Kulturkreisen weit verbreitet war. Doch auch das Tierreich ist voller Beispiele gleichgeschlechtlicher Akte. Dabei müssen wir uns keineswegs auf jene Tiergruppen fixieren, deren Reproduktionsbiologie generell verschieden von der unsrigen ist. Organismen wie Regenwürmer, Schnecken oder Nematoden oder gar Milben können in diesem Zusammenhang getrost außer Acht gelassen werden. Allein innerhalb der Säugetiere tritt Homoerotik in beiden Geschlechtern häufig genug auf. Doch ist das ein Hinweis auf eine einmalige evolutive Entstehung des Homo-Sex und der entsprechenden Beibehaltung in den verschiedensten Säugetiergruppen? Davon ist aus evolutionsbiologischer Sicht eher nicht auszugehen. Hilfreicher zur Beantwortung der Frage, ob menschliche Homosexualität ein altes Merkmal darstellt, das in der gemeinsamen Ahnenschaft mit rezenten Primaten entstand, ist natürlich die Betrachtung der Verhaltensweisen der mit uns nächst verwandten Menschenaffen.

Berühmt ist die homoerotische Vielfalt an Aktivitäten bei Bonobos. Regelmäßige und manchmal sehr spontane Erotik-Kontakte in allen Lebenslagen sind bei ihnen Normalität. Sexuelle Handlungen dienen bei Pan paniscus nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Förderung sozialer Bindungen und dem Abbau aggressiver Stimmungen. Bei all dem tritt insbesondere homosexuelles Verhalten besonders häufig auf, sowohl unter Männchen wie auch unter Weibchen. Bonobos sind somit vorwiegend bisexuell veranlagt. Wie häufig und ob überhaupt bei ihnen rein homosexuell lebende Individuen auftreten können, ist mir allerdings nicht bekannt.

Homoerotik tritt beim Bonobo in beiden Geschlechtern häufig auf und dient der Bindung sozialer Kontakte sowie dem Abbau von Spannungen in der Gruppe. Homosexualität ist allgemein häufig im Tierreich anzutreffen. Quelle und Urheberrecht: J. Menendez et al.

 

Über homoerotisches Verhalten beim gemeinen Schimpansen hingegen weiß man meinen Recherchen gemäß erstaunlich wenig. Jedoch gibt es Beobachtungen gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Gorilla-Weibchen. Es ist aus evolutionsbiologischer Sicht daher durchaus nahe liegend anzunehmen, dass der Trieb des Homo sapiens nach gleichgeschlechtlicher Erotik ein altes Erbe aus dem Reich der Menschenaffen darstellt. Denn ihn betrieb womöglich bereits die letzte gemeinsame Stammart von Gorillas und der geschlossenen Gruppe aus Schimpansen und Mensch.

Lesbische Kontakte könnten dabei eine besonders große Rolle gespielt haben, was bedeuten würde, dass die Jungenaufzucht in Gegenwart von Müttern, die zumindest unter anderem gleichgeschlechtliche Beziehungen zueinander pflegten, bereits unseren menschlichen Urahnen eine Selbstverständlichkeit war. Dass verhältnismäßig wenig über männliche Homosexualität bei Menschenaffen bekannt ist, muss jedoch nicht unbedingt dem tatsächlichen Zustand geschuldet sein. Sex unter Männern ist auch heute noch häufiger ein Tabu-Thema als Lesben-Erotik, und zwar, weil der Akt aus anatomischen Gründen heraus immer besonders explizit ausfällt. Eine instinktive Neigung, aus moralischem Entsetzen heraus wegzuschauen, wenn zwei Affen-Männer miteinander zur Sache kommen, könnte auch modernen Primatologen immer wieder unterlaufen sein. Bei Bonobos, die geradezu in allen Lebenslagen nur so vor Sex strotzen, ist ein Übersehen hingegen schon allein aufgrund der Häufigkeit der Akte gar nicht möglich.

Hinweise auf einen ahnengeschichtlichen Zusammenhang zwischen männlicher Homo-Sex-Paare und Kindererziehung werden aber wohl auch bei aufmerksamen Studien an gemeinen Schimpansen und dem Gorilla eher wenig erhellend sein, da bei ihnen die Kindererziehung vorwiegend Frauensache ist. Dennoch wäre es spannend zu wissen, inwieweit es auch in den beiden Schimpansenarten und dem Gorilla erfolgreich alleinerziehende Väter geben kann, zum Beispiel wenn die zugehörigen Weibchen aufgrund von Unfällen, Bejagung durch den Menschen oder Seuchen alle verstorben sind.

 

Das Konzept der Queer-Family und Geschlechterrollen beim modernen Menschen

 

Auch trotz des Fehlens von Langzeitstudien zur Auswirkung gleichgeschlechtlicher Eltern auf den Erfolg der Erziehung ihrer Kinder: Die Existenz der sogenannten Regenbogenfamilien ist längst Realität. Zwar halte ich wissenschaftliche seriöse Studien für wichtig, um das Phänomen in Gänze beurteilen zu können.

Jedoch können wir Zusammenhänge manchmal auch korrekt intuitiv bewerten. Der Mutterinstinkt erlaubt es Frauen in ganz besonderem Maße, durch bloßes Beobachten feststellen zu können, ob sich ein Kind wohlfühlt oder nicht. Das hat nichts mit Glauben oder faulem Zauber zu tun, sondern ist eine durch Evolution entstandene Fähigkeit, zu der weibliche Gehirne unter normalen Bedingungen nun einmal befähigt sind. Aber wie ist das mit den Männern? Können auch sie stumme Signale eines fremden Kleinkindes richtig beurteilen? Die weiter oben zitierte Studie des Forschers C. Paulus weist darauf hin, dass auch Männer mit dem Grad ihrer Anforderungen gegenüber Kindern wachsen können. Wenn nötig, erwacht daher unter Umständen auch im Mann eine Art Muttergefühl, wenn er das leidvolle Gesicht eines Kindes erblickt. Zumindest wäre gemäß der Publikation von solchen Männern, die aufgrund ihrer speziellen Lebenssituation besonders eng an die eigenen Kinder gebunden sind, eventuell auch zu erwarten, dass irgendwann eine Prägung einsetzt, mit Hilfe derer letztlich auch der Zustand fremder Kinder beurteilt werden kann. Schwule Väter und lesbische Mütter zeigen sich und ihren Nachwuchs heutzutage stolz der Öffentlichkeit. Frau und eventuell auch Mann können sich unter Zuhilfenahme ihrer Instinkte und Prägungen dabei ein Bild machen, ob ein Kind glücklich gedeiht oder leidet. Und dazu muss man Fremde nicht einmal auffällig im Supermarkt anstarren. Zahlreiche queere Familien gehen auch vor die Kameras. So gibt beispielsweise die unten aufgeführte Reportage des Senders N24, der jetzt in „Welt“ heißt, recht ausführliche Einblicke in den Alltag lesbischer Mütter und schwuler Väter.

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Regenbogenfamilie: schwule Väter. Quelle: Wikipedia

 

https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/wenn-schwule-maenner-eltern-werden-vaeter-sein-dagegen-sehr/12931662.html

Wenn schwule Väter Eltern werden, Quelle und Urheberrecht: Der Spiegel

 

Ursprünglich lebende weitgehend isolierte Ethnien

 

Nützliche Hinweise auf das natürliche n- also durch Evolution beeinflusste – Verhaltensspektrum des Menschen, liefern nicht nur wissenschaftliche Befragungen oder Betrachtungen der nächst verwandten Primatenarten. Auch das Studium vollständig oder weitgehend isoliert lebender Ethnien der Jetzt-Zeit kann Aufschluss über die Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen der Vergangenheit gewähren, die sich unter wissenschaftlich sinnvollen Voraussetzungen hierdurch manchmal rekonstruieren lassen.

So ist beispielsweise bekannt, dass Homosexualität in zahlreichen afrikanischen Ethnien eine lange Geschichte hat. Absurde Theorien, denen zufolge afrikanische Homo-Neigungen erst durch weiße Kolonialherren auf den Kontinent eingeführt wurden, sind natürlich nicht im Mindesten haltbar.

Stattdessen sind homoerotische Spielarten in unterschiedlichen afrikanischen Stämmen fest verwurzelt. Die Bandbreite entspricht derjenigen, die aus modernen westlichen Sozietäten bekannt sind. So haben bereits die ersten Erforscher des afrikanischen Kontinents, Portugiesen, aus ihrer Sicht „unnatürlichen“ Sex unter Männern im Kongo beobachtet. Der englische Reisende Andrew Battell entrüstete sich in den 1590-er Jahren über eine Ethnie in Angola: „Sie leben wie wilde Tiere, so haben sie Männer, die wie Frauen auftreten, und die sie auch zusammen mit ihren Frauen halten“.

 

https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/mar/08/african-homosexuality-colonial-import-myth

Homosexualität bei Urvölkern des afrikanischen Kontinents ist häufig und entspricht ihrem natürlichen Verhaltensspektrum. Quelle und Copyrights: The Guardian

 

Und wie sieht es eigentlich mit den Geschlechterrollen in isolierten Volksgruppen aus. Unterstützen sie das prähistorische Szenario, das ich weiter oben beschrieben habe, demzufolge Männer und Frauen häufig und jeweils für längere Zeit voneinander getrennt lebten und dabei unterschiedlichen Tätigkeiten nachgingen?

Recherchiert habe ich den Wissensstand über Geschlechterrollen in separierten Volksgruppen nicht. Jedoch ist mir eine interessante Filmszene ins Auge gesprungen, die ich einen Bericht wert finde.

So ist der besonders abgeschottet lebende Stamm der Sentinelesen, die auf der indischen Andamanen-Insel North Sentinel Island beheimatet sind, jüngst in die Schlagzeilen geraten. Trotz eines Kontaktverbotes durch die indische Regierung hat ein junger US-Amerikaner den Versuch unternommen, den gegenüber Fremden als besonders feindselig geltenden Stamm aufzusuchen. Diese Kontaktaufnahme hat er nicht überlebt.

In diesem Zusammenhang interessierte ich mich dafür, alte Filmaufnahmen zu sichten, auf denen Miglieder der Sentinelesen zu sehen sind. Viel Material gibt es allerdings nicht zu entdecken, denn seit den 1990-er Jahren lebt der Volksstamm in völliger selbstgewählter Isolation. Gemäß Wikipedia handelt es sich bei ihm offenbar um direkte Nachfahren, die der ersten Welle der großen Auswanderungen aus Afrika vor etwa 100000 Jahren entstammen. Fast nichts ist über ihre Lebensweise bekannt, außer dass sie Jäger, Sammler und Fischer sind. Eindringlinge werden häufig unverzüglich attackiert.

Dennoch gelang es verschiedenen Expeditionen, sich den Sentinelesen zu nähern. Ein im Internet kursierendes Video zeigt eine Kontaktaufnahme durch Vertreter indischer Behörden in den 1990-er Jahren, in deren Verlauf versucht wurde, das indigene Volk mit Kokosnuss-Geschenken gütlich zu stimmen.

Der isolierte Volksstamm der Sentinelesen auf der Andamaneninsel North Sentinel Island. Das Video zeigt eine Kontaktaufnahme der indischen Regierung aus den 1990-er Jahren, bei der den Ureinwohnern Kokosnuss-Geschenke überreicht wurden. Die Aufnahmen zeigen auch ein wenig über die Geschlechterrollen des Volksstamms auf. Quelle: Wikipedia-Nutzer „VVeerla“, Urheberrecht mir unbekannt

 

Die kaum geschnittenen Szenen zeigen männliche und weibliche Vertreter der Sentinelesen, die am Strand die ihnen angebotenen Kokosnüsse entgegen nehmen, beziehungsweise aufsammeln. Manches, was man von archaisch lebenden Volksstämmen erwarten würde, ist in dem Filmmaterial auch zu sehen. Die Männer treten als durchtrainierte und kraftstrotzende Kämpfer auf, die mit Pfeil und Bogen stets kampfbereit zu sein scheinen. Auch uns bekannte Gebärden lassen sich ausmachen. Wie zeigt ein stolzer und Testosteron-schwangerer Krieger denn bei uns seinen seinen Triumph an? Er fasst sich mitten auf der Straße in den Schritt. Das ist nicht ungezogen und vulgär, sondern eher schlichtweg ein evolutionsgeschichtlich urtümliches Verhalten zur Präsentation der reifen Mannbarkeit, das in frappierend ähnlicher Weise auch die Sentinelesen beherrschen. In der Szene 3:57 zeigt ein Krieger den Besuchern nämlich deutlich und unmissverständlich, was er von ihnen hält, indem er seinen ohnehin offen liegenden Penis mit einer gekonnten Geste kurz in die Höhe hält.

Wie sehr sich Männer und Frauen der Sentinelesen im Alltagsleben voneinander durch unterschiedliche Tätigkeiten isolieren oder auch nicht, ist – wie so vieles an ihnen – auch weiterhin unbekannt. Unterdrückt werden Frauen jedoch ganz offensichtlich nicht, sondern scheinen ihren Männern sichtbar auf Augenhöhe zu begegnen. Manchmal gewinnt der Zuschauer sogar den Eindruck, als seien eher – wenn überhaupt- dann die sehr selbstbewusst auftretenden Frauen die Unterdrückerinnen.  Szene 1:34 zeigt, wie eine aufgebrachte amazonenhaft wirkende junge Frau einen irgendwie hilflos umher stehenden Krieger resolut, ja geradezu unter Anwendung körperlicher Gewalt, zur Umkehr zwingt.

Auch unabhängig von derlei Einzelbeobachtungen kenne ich aus evolutionsbiologischer Sicht ganz allgemein keine Indizien für eine biologische Natur der Frauen-Diskriminierung durch ihre Männer. Eher halte ich es für eine sehr ursprüngliche biologische Besonderheit des Menschen – ganz im Gegensatz zu seiner Menschenaffen-Verwandtschaft – dass sich seine Geschlechter zwar erheblich unterscheiden, sich im Gruppen-Ranking jedoch gleichermaßen behaupten können. Dass geradezu frauenfeindliche Kulturkreise weltweit dennoch so verbreitet sind, legt aus meiner Sicht nahe, dass Traditionen zur Unterdrückung von Frauen mehrfach sekundär entstanden, und zwar nachdem die wichtigsten Schritte in der Evolution des Homo sapiens längst abgeschlossen waren. Unmündigkeit müssen Frauen daher nicht als ihr Schicksal betrachten, sondern sollten weltweit selbstbewusst dagegen aufbegehren. Ebenso wenig besteht nicht der geringste Anlass für gleichgeschlechtliche Paare, diffamierende und unwahre Charakterisierungen wie „widernatürlich“ oder „Familien-untauglich“ hinzunehmen. Auch ist mir bislang kein vernünftiger wissenschaftlicher Grund dafür bekannt, warum sich Homo-Paare die Fürsorge für eigene Kinder versagen lassen sollten.

 

Berlin, 22.11.2018, Copyrights für den Text Stefan F. Wirth

 

 

 

Neozoen sind in Berlin längst allgegenwärtig, doch Grund zur Panik besteht nicht

Wer mit offenen und kundigen Augen über Berliner Sommerwiesen wandert, wird dort auch Tiere und Pflanzen finden, die hier nicht ursprünglich beheimatet waren. Sogenannte Neozoen oder Neophyten entstammen anderen Teilen Europas oder der Welt und sind irgendwie durch Menscheneinwirkung verschleppt und dann freigesetzt worden. Dies geschieht zumeist durch menschliche Handelsaktivitäten. Dabei geht der Transport einer Art aus ihrem ursprünglichen in einen fremden Lebensraum in der Regel ungewollt vonstatten. Der Tier- und Pflanzenhandel verbreitet Arten jedoch mitunter auch vorsätzlich. Eine dauerhafte Etablierung der Arten ist meist jedoch unbeabsichtigt.

Die Auswirkungen der Verschleppung können höchst unterschiedlich ausfallen. So sind einige Organismen bekannt, die sich aus tropischen Regionen über den internationalen Pflanzenhandel weltweit verbreitet haben, die jedoch aufgrund ihrer ökologischen Vorlieben nur in Gewächshäusern überleben können.

Derlei Neozoen können daher die heimische Fauna der Region, in die sie verschleppt wurden, und somit das dortige Ökosystem nicht schädigen. Sie sind in gewisser Hinsicht und unter bestimmten Umständen sogar nützlich. So beherbergt beispielsweise das „Tropical Islands“ südlich von Berlin, ein riesiges Freizeitbad mit tropischer Vegetation unter der Glaskuppel einer ehemaligen Produktionsstätte für Luftschiffe, neben verschiedenen Organismen, die man typischer Weise in Gewächshäusern antrifft (tropische Schaben, Hundertfüßer, Tausendfüßer, kleine Springspinnen) auch sogenannte Zwerggeißelskorpione (Schizomida, Spinnentiere). Diese findet man keineswegs in jedem beliebigen Gewächshaus, wohl weil sie (unbekannte) besondere Ansprüche an ihre Umgebung stellen. Ich durfte im Tropical Islands mehrfach zusammen mit meinen damaligen Studenten der FU Milben und Schizomiden aufsammeln. So war es mir möglich, meinen Bildungsauftrag in besonderer Weise zu erfüllen und meinen Studenten mit den gefundenen Zwerggeißelskorpionen hinsichtlich Gestalt und Biologie äußerst ungewöhnliche Spinnentiere vorzuführen. Dabei muss man berücksichtigen, dass so mancher ausgewachsene Spinnentierforscher diese Tiere noch nie lebend zu Gesicht bekam. Ich nutzte die besondere Gelegenheit auch gleich, um hochauflösende Videos zu Verhaltensaspekten dieser bizarren und grazilen Tiere zu erstellen. Diese haben mehrfach die Aufmerksamkeit von Schizomiden-Forschern erregt, die ihrer Arbeit zwar in den ursprünglichen Verbreitungsgebieten der Tiere nachgehen, jedoch offenbar außerstande sind, qualitativ vergleichbares Videomaterial zu erstellen. Wie auch zoologische Gärten können Neozoen in Gewächshäusern also die Bildung bereichern.

 

alle Urheberrechte des Videos liegen bei Stefan F. Wirth, Berlin 2018

 

Im Übrigen muss betont werden, dass alle hier im Zusammenhang mit Gewächshäusern allgemein und dem „Tropical Island“ im Speziellen genannten Organismen für Menschen ungefährlich und meist mikroskopisch klein sind. Sie stellen in künstlichen „Regenwäldern“ einen für das Gedeihen der Flora notwendigen Bestandteil deren Ökosystems dar.

Generell sind aber auch Fälle von Pflanzen oder Tieren bekannt, die den Weg aus Gewächshäusern oder Aquarien in den angrenzenden, ihnen unbekannten Lebensraum fanden und dort (zumindest zeitweise) bestehen konnten. So wurde beispielsweise der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis), der ursprünglich im östlichen Asien beheimatet ist, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gewächshauskulturen zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, und zwar zunächst in den USA, wo er entkam und sich auch im Freien etablieren konnte. Inzwischen ist der Käfer auch im Freiland Südamerikas, Afrikas und Europas ansässig geworden und schadet unter anderem einheimischen Marienkäferarten. Denn als Konkurrent ist er nahezu unbesiegbar. So ist sein Appetit nach Blattläusen kaum zu stoppen, doch auch gegen Infektionen erweist er sich deutlich resistenter als beispielsweise deutsche Marienkäferarten. Erschwerend kommt hinzu, dass er die Sporen eines parasitischen Einzellers, sogenannte Mikrosporidien, an heimische Arten weitergeben kann, die im Gegensatz zu H. axyridis keine oder eine herabgesetzte Immunität gegen diesen Parasiten besitzen.

Der Käfer ist häufig auf Berliner Wiesen im Sommer anzutreffen, wo er mit oder ohne deutlich sichtbaren Punkten auf den Flügeldecken auftreten kann. Wie er dorthin kommt? Zunächst einmal haben Forscher mithilfe genetischer Marker herausgefunden, dass die meisten Käferpopulationen in Europa, Südamerika oder Afrika auf Tiere aus den USA zurückzuführen sind. Sie sind daher international vorwiegend durch den Menschen verbreitet worden. Darüber hinaus kann die Art, die ja effizient in der heimischen Natur bestehen kann, natürlich auch aus eigener Kraft neue, nah gelegene Lebensräume erschließen.

Gemäß den Aussagen des Leiters der NABU-FG Entomologie in Berlin, Thomas Ziska, wurde der Asiatische Marienkäfer 2004 erstmals in Berlin nachgewiesen. Zwischen 2005 und 2008 hat die genannte Fachgruppe den Käfer zudem regelmäßig im Bereich des Tegeler Fließtals angetroffen.

Das nämlich war genau der Anlass meiner Kontaktaufnahme mit dem NABU. Im Rahmen eines eigenen kleinen Forschungs- und Kunstprojektes habe ich im Sommer 2018 Beobachtungen zur Insektenvielfalt (vorwiegend Blütenbesucher) auf Berliner Sommerwiesen gemacht. Schwerpunktmäßig ging es mir dabei auch um Fotografie. So besuchte ich regelmäßig das Tempelhofer Feld, das Teufelsberg-Gebiet sowie das Areal des Nord-Berliner Köppchensees, das einen Teil des Tegeler Fließtals darstellt. Der Köppchensee sowie seine angrenzenden Ökosysteme werden naturkundlich durch die NABU Berlin betreut, die in vorbildlicher Weise dafür Sorge trägt, dass der Besucher dieses Natur-Refugiums über zoologische Besonderheiten ausführlich in Form von Informationsplakaten informiert wird.

Von besonderem Interesse für alle Naturliebhaber und Naturkenner ist das Gebiet aufgrund eines Mosaiks aus verschiedenen Feuchtgebiet-Typen sowie sandiger Areale mit entsprechender Sandlückenfauna, ergänzt durch Trockenwiesen, die zum Teil auf einer Anhöhe gelegen und mit alten Obstbaumpflanzungen versehen sind. Diese gedeihen aufgrund einer exponierten Sonnenlage ausgezeichnet und liefern vor allem verschiedene Pflaumen- und Apfelsorten.

 

Das gesamte Köppchensee-Gebiet zeichnet sich durch eine artenreiche Flora und Fauna aus. Zudem ist es ein Refugium für zahlreiche Vogelarten. So lassen sich beispielsweise auf den Obst-Trockenwiesen im frühen Sommer Neuntöter bei der Jagd und der Aufzucht der Jungtiere beobachten.

Im Vergleich zu den Arealen Teufelsberg und Tempelhofer Feld waren mir nicht nur asiatische Marienkäfer am Köppchensee besonders häufig aufgefallen, freilich ohne eine Statistik angefertigt zu haben. Auch ein weiteres Neozoon aus dem östlichen Asien scheint sich um den Köppchensee auffällig etabliert zu haben, nämlich der Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis).

 

Der auffällige Schmetterling war mir mehrfach ausschließlich am Köppchensee, und zwar auf der Trockenwiese in Höhe der Aussichtsplattform vor die Kameralinse geflattert, nicht am Teufelsberg und nicht auf dem Tempelhofer Feld. Dies mag allerdings Zufall sein, da der Buchsbaumzünsler gemäß der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz bereits seit 2017 „flächig im Stadtgebiet Berlin vertreten“ ist.

Hinzu kommt, dass erwachsene Falter zwar zur Nahrungsaufnahme verschiedene Blütenpflanzen ansteuern, die Larven jedoch strikt auf die Anwesenheit von Buchsbäumen (Buxus) angewiesen sind, die es laut Thomas Ziska von der NABU-FG Entomologie am Köppchensee direkt gar nicht gibt. So ist davon auszugehen, dass die von mir beobachteten Falter in angrenzenden privaten Gärten geschlüpft sind.

Vermutlich durch den Handel mit Zier- und Nutzbäumen konnte sich der Buchsbaumzünsler aus seiner eigentlichen Heimat in Ostasien nach Europa verbreiten, wo er sich inzwischen auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich etabliert hat. Auch aus Belgien und einigen osteuropäischen Ländern gibt es entsprechende Meldungen.

Die Schadwirkung des Schmetterlings beschränkt sich auf Buchsbaumbestände in Parkanlagen und privaten Gärten sowie wilden Exemplaren in naturbelassenen Gebieten. Die können bei Befall jedoch vollständig kahl gefressen werden. Inwiefern heimische Insekten, die an das Leben an Buchsbäumen angepasst sind, durch das Neozoon in Mitleidenschaft gezogen werden, habe ich nicht recherchiert.

Direkt am Holzzaun der Aussichtsplattform, die von einer Anhöhe aus einen beeindruckenden Überblick über den Köppchensee verschafft, habe ich ein weiteres Tier entdeckt, das offenbar ein Neozoon darstellt, nämlich die marmorierte Baumwanze Halyomorpha halys. Allerdings bin ich bis heute unsicher, ob ich als Nicht-Wanzenkundler die eigentlich auffällige Baumwanze anhand des einzigen Fotos, das mir zur Verfügung stand, korrekt bestimmt habe. Thomas Ziska bestätigt dies jedoch in seiner Email mit den Worten: „Der Nachweis von H. halys am Köppchensee ist neu.“

Auch die marmorierte Baumwanze ist ursprünglich im Osten Asiens beheimatet und fand über Transportkisten erst Anfang dieses Jahrtausends ihren Weg aus China nach Nordamerika, wo sie sich etablieren und rasant ausbreiten konnte. Nachweise aus Europa liegen erst seit 2007 vor. Es ist mir nicht bekannt, ob die Verschleppung direkt aus China erfolgte oder über den Umweg durch die USA. Seit 2016 jedenfalls verbreitet sich die Art zunehmend in Deutschland, allerdings eher in südlichen Bundesländern. Gemäß Informationen durch Th. Ziska trat die Wanze auch 2016 erstmals in Berlin auf.

H. halys tritt aufgrund ihrer biologischen Neigungen vorwiegend als Pflanzenschädling in Erscheinung. Wie üblich für Baumwanzen saugt die Art an Pflanzensäften. Hierbei verursacht sie wirtschaftlichen Schaden, indem sie verschiedene Nutzhölzer attackiert. So werden beispielsweise die Fruchtanlagen von Apfel, Birne, Pfirsisch oder Haselnuss angestochen, was die Entwicklung der Früchte stört, so dass Missbildungen die Folge sein können.

Ein weiteres Neozoon, das mir bei meinen Foto-Exkursionen häufiger aufgefallen ist, stellt die Büffelzikade Stictocephala bisonia dar. Allerdings fand ich diese gerade nicht am Köppchensee, dafür aber auf dem Tempelhofer Feld und im Schillerpark im Berliner Bezirk Wedding.

Die faszinierende kleine Buckelzikade stammt ursprünglich aus Nordamerika und scheint der Literatur zufolge über Triebe zur Veredelung von Obstbäumen nach Europa eingeführt worden zu sein, wo eine flächige Ausbreitung ab spätestens 1912 erfolgte. Waren zunächst der Mittelmeerraum, Mittelasien und Nordafrika betroffen, begann die Art seit den 1960er Jahren nordwärts gen Mitteleuropa zu wandern. Hier breitet sich die Zikade seit etwa 2000 in Deutschland aus, Nachweise aus Brandenburg liegen seit 2004 vor.

Die Pflanzensauger scheinen der Literatur zufolge hinsichtlich ihrer Wirte nicht sehr wählerisch zu sein. So werden neben Rosengewächsen, wo ich sie zumeist antraf, auch Obstbäume oder Pappeln befallen. Die wirtschaftlich relevanten Schäden entstehen weniger durch die Saugaktivitäten der erwachsenen Insekten als vielmehr durch die Eiablage. Denn die erfolgt in dichten Abständen zueinander. Da Pflanzenteile, die über den Eiern liegen, zumeist absterben, kann hierdurch ein beträchtliches Schadbild an den Wirtspflanzen entstehen. Auch in diesem Zusammenhang ist mir nicht bekannt, inwieweit das Neozoon eine ernsthafte Konkurrenz für ursprünglich einheimische Zikadenarten darstellt.

Es ist übrigens kalendarisch definiert worden, ab wann eine Pflanze oder ein Tier als Neozoon oder Neophyt zu bezeichnen ist. Als festgelegtes Datum gilt die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492. Arten, die davor mit menschlicher Hilfe verbreitet wurden, werden als Archäobiota, also Archäozoen oder Archäophyten bezeichnet. Danach wird die Vorsilbe Neo- zur Anwendung gebracht.

Ein Beispiel für ein Archäophyt ist die Wilde Karde Dipsacus fullonum, die man beispielsweise in den Trockenwiesen am Berliner Köppchensee bestaunen kann. Das dekorativ erscheinende Geißblattgewächs stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Die Pflanze gilt als eher nützlich und findet zum Beispiel in der Volksheilkunde Verwendung.

 

Andere Neozoen, die in Berlin häufig anzutreffen sind, sollen hier nicht weiter erläutert werden. Hierzu gehören beispielsweise der Waschbär Procyon lotor oder der Louisiana-Flußkrebs Procambarus clarkii. Auch die Süßwasserqualle Craspedacusta sowerbii und die Chinesische Wollhandkrabbe Eriocheir sinensis sind neozoische Einwanderer in Deutschland und tauchen immer wieder in Berlin auf.

Wasserlebende Neozoen, wie beispielsweise die Wollhandkrabbe, werden häufig durch den Frachtschiffverkehr über große Distanzen transportiert. Ballastwasser kann eine Quelle der Verschleppung sein. Jedoch ist der Effekt solcher unplanmäßigen Tiertransporte keineswegs immer ein Desaster. Denn manche Organismen überleben nur kurzzeitig in der hierzulande warmen Jahreszeit und können daher auch keine eigenständigen Populationen entwickeln.

 

Sind Neobiota grundsätzliche durch Menschen verursachte Naturkatastrophen?

 

Der Mensch als Vektor für die Verschleppung von Organismen, so viel muss festgehalten werden, kann seiner Umwelt Schaden zufügen, so wie viele andere seiner Aktivitäten auch.

Und doch ist ein Artensterben, beispielsweise hervorgerufen durch neu etablierte Tiere, die verwandte einheimische Arten verdrängen, ein Prozess, den es nicht erst seit der Evolution des Homo sapiens gibt.

Dass Arten aussterben und neue Arten entstehen ist das Prinzip der Evolution auf unserem Planeten. Neben tektonischen spielen hierbei auch klimatische Veränderungen eine große Rolle. Klimaerwärmungen beispielsweise ermöglichen wärmeliebenden Arten grundsätzlich, zuvor lebensfeindliche Gebiete besiedeln zu können. Dabei gibt es neben der Verschleppung durch den Menschen auch natürliche Wege der Verbreitung über große Distanzen, beispielsweise durch Zugvögel oder Treibgut auf Ozeanen.

Dennoch formt der Mensch seine Natur in einer Weise, die es vor seinem Erscheinen auf diesem Planeten nicht gegeben hat. Daher kann man sich nicht zurücklegen und sagen: Arten kommen und andere vergehen, das ist nun einmal der Lauf der Natur. Ein effizienter Naturschutz, der auch die Bekämpfung mancher Neobiota beinhaltet, ist unerlässlich.

Berlin, 12.11.2018

All Copyrights Stefan F. Wirth

 

 

 

Meine Antworten zum Fragebogen der katholischen Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“

Die ökumenisch ausgerichtete und überregionale katholische Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ hat einen Fragebogen via Email versandt. Er landete in meinem Spam-Ordner und war auch nicht explizit an meine Person gerichtet. Und dennoch entschied ich mich, die Fragen zu beantworten.

Diese Antworten sollen hier präsentiert werden:

1. Irgendetwas Höheres muss es doch geben.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Nicht auszuschließen, aber auch nicht belegt. Die Evolution erklärt alle Vorkommnisse des irdischen Lebens lückenlos.

2. Gott erfährt man eher durch Fühlen, weniger durch Denken.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Das würde den Religionsgemeinschaften so passen. Ihre Schäflein bleiben nur dann folgsam und zahlungswillig, wenn man sie dumm hält.

3. Zweifeln gehört zum Glauben.

Ja, das sehe ich so.
Gängige Glaubensdogmen muss man stets bezweifeln!

4. Wenn Gott fehlt, ist alles erlaubt.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Dort, wo ein menschengemachter dogmatischer Gott das Sagen hat, ist nicht nur jede Unmenschlichkeit erlaubt, sondern sie ist sogar integraler Bestandteil jeder Glaubensbewegung. Wo ein Menschengott herrscht, herrschen stets auch Diskriminierung, Verleumdung, Hass und Morde.

5. Die Ergebnisse der Natur- und Humanwissenschaften …

… können über Gott keine Aussage treffen.
Seriöse Wissenschaften agieren faktenbasiert. Bei fehlenden Fakten wird keine Aussage getroffen. Es gibt keine wissenschaftlich haltbaren Belege für einen christlichen, einen muslimischen oder buddhistischen Gott.

6. Der zunehmende Wohlstand hat Gott überflüssig gemacht.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Das zunehmende Bildungsniveau weltweit und die damit einhergehende zunehmende Individualisierung der Menschen, die Selbstbewusstsein durch Aufklärung erfahren, machen die genannten von Menschen erfundenen Götter überflüssig.

7. Die Kirche sollte sich mehr mit der Frage nach Gott beschäftigen.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Die Kirchen dieser Welt sollten sich mehr mit Ethik, Bildung, Toleranz und Menschlichkeit befassen.

8. »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.« (Joh 14,6). Jesus ist der einzige Weg zu Gott.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Der historische Jesus aus Nazareth war ein Lehrer für Moral und Toleranz. Anstatt ihn mit der Andichtung albernen Hokuspokus zu verhöhnen, sollte man sich mit seinen Lehren befassen, den Lehren über Moral und Toleranz.

9. Nur mit Gott hat das Leben einen Sinn.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Biologisch besteht der Sinn in der Fortpflanzung. Philosophisch sind zahlreiche Zielwerte entwickelbar. Kein dogmatisches Gottesbild wird benötigt.

 

By Stefan F. Wirth

Berlin, Oktober 2018

Wird die Biodiversitätsforschung zunehmend in Zweit- und Drittweltländer verlagert und verliert dort durch Massenpublikationen mäßig vorgebildeter Forscher an Wert?

 

Es erscheint zunächst plausibel: Ein sinnvoller Naturschutz muss zwingend an genaue Kenntnisse unserer Natur anknüpfen. Da unsere natürliche Umwelt zu erheblichen Teilen biologisch belebt ist, ist die Artenkenntnis eine wichtige Grundlage, um unsere irdischen Ökosysteme und damit auch uns selbst zu erhalten.

Forscher gehen von insgesamt über acht Millionen Arten weltweit aus. Hierbei zeigen vor allem die Tiere eine hohe Artenvielfalt auf. Ein erheblicher Prozentsatz der Biodiversität, so der Fachterminus für Artenvielfalt, ist jedoch noch immer unbekannt.

Jeder vernünftige Mensch würde doch an dieser Stelle schlussfolgern, dass Biologen und insbesondere Zoologen händeringend benötigt würden, um zu dem Mammutprojekt „Biodiversitätsforschung“ Beiträge leisten zu können. Doch weit gefehlt! Deutsche Stellenangebote suchen in der Regel nach Pharma-Mitarbeitern oder versuchen stellenlose Wissenschaftler unter ihrem Leistungsniveau in Großlaboratorien der medizinischen Forschung unterzubringen. Der Rest bleibt ohne Anstellung und muss mitunter als Hatz-IV-Bezieher ein klägliches Dasein fristen.

Und die Biodiversitätsforschung? Die ist längst nicht mehr in Deutschland zuhause. Nur wenige Grüppchen sind bundesweit verteilt übrig geblieben, und die investieren mehr Zeit damit, ihre Ellbogen zu stärken, um ihre Fördermittel gegen Konkurrenten zu verteidigen, als in gute Forschung.

Machtregierungen denken an nichts anderes als an ihren Machterhalt, kurzsichtiges Agieren, denn was nach ihnen passiert, ist ihnen völlig gleichgültig. Steuergelder wandern in die Geldbörsen gieriger Politiker, und das in rauen Mengen, und nicht dahin, wo sie hingehören: in die langfristige Sicherung der Zukunft.

In der Zwischenzeit sterben Arten zu Hunderten aus, noch bevor sie überhaupt entdeckt und beschrieben werden können, und mit ihnen vergehen mitunter ganze Ökosysteme.

Dabei verfügte Deutschland über eine seit Jahrhunderten gewachsene Tradition in qualitativ hochwertiger Forschung in den Naturwissenschaften. Gerade in der Biologie waren deutsche Wissenschaftler weltweit bekannt für präzise Gedanken und sorgfältige Terminologien sowie gründlich durchdachte Hypothesen.

Inzwischen sind deutsche Spezialisten im Umfeld der Biologie entweder auf Dauer arbeitslos oder zu Überlebenskünstlern geworden. Die USA haben das Feld übernommen, sie investieren immense Forschungsgelder in die Grundlagenforschung. Und das doch mit für das Land typischen Einschränkungen. Wer sich einen US-Wahlkampf anschaut, wer Hollywood-Action-Filme konsumiert, der weiß, dass subtiles Gedankengut oft nicht Sache der US-Amerikaner ist. So auch allzu häufig nicht in den Naturwissenschaften.

Terminologien, die wir sorgsam voneinander abgrenzen, werden gerne lax pauschalisiert verwendet. Feinheiten des Artbegriffes? Für manche Systematiker völlig uninteressant! Die USA sequenziert vorwiegend, das ist zeitgemäß und erfasst die Artenvielfalt objektiv und genau, so jedenfalls glaubt man. Einwände werden nicht selten als unmodern verworfen. Aber welches Gen kodiert denn nun für die Artgrenze? Blöde Frage, kein bekanntes natürlich,  die Grenzen, die legen wir einfach willkürlich fest. Aber wer um alles in der Welt wählt denn dann das Material nach sinnvollen Kriterien aus, das überhaupt zur Sequenzierung gelangt? Gute Frage, so die Antwort, hier werden nach wie vor Spezialisten benötigt, aber bitte, günstig müssen sie sein und produktiv im Akkord. Ich berichte hier aus meinen eigenen Erfahrungen im Bereich der systematischen Milbenforschung.

Der Einwand „Qualität gibt es nicht günstig“ wird kaltlächelnd in den Wind geschlagen. Geld spart man, indem man diese Forschungsleistung in Zweit- und Drittweltländer verlagert. Ich habe selbst miterlebt, dass einflussreiche US-amerikanische Forscher die Arbeit nicht hinreichend vorgebildeter russischer Kollegen explizit motivieren und gutheißen, denn diese Sorte Forscher macht häufig, was ihr gesagt wird, ohne kritische Rückfragen, ohne eigene Einfälle und innovative Ansätze. Wer in Zweit- und Drittweltländern forscht (das gilt auch für die russischen Milbenforscher, die ich kennenlernte) wird aus landeseigenen Kassen verhältnismäßig fürstlich entlohnt. Umfassende Kompetenz ist oft nur eingeschränkt wichtig. Vor allem nämlich gilt es, dem jeweiligen politischen System freundlich gesonnen zu sein, denn ansonsten kommt es erst gar nicht zum Studium.

Auf entsprechendem Niveau befindet sich die Forschung nicht nur im fernen Sibirien, sondern auch in Ägypten oder etwa dem Iran. Ich mache wohl Witze? Nein, nein, ich habe das alles selbst gesehen. Zeckenforschung in Kairo: Mir verschlug es den Atem, schon alleine, weil der Begriff der Tierethik dort völlig unbekannt zu sein schien. In Russland war ich angestellt. Ja zumindest kann man sich im westsibirischen Tjumen vernünftige und hochwertige Mikroskope leisten, auch wenn es mitunter an der Fähigkeit, diese adäquat zu bedienen, hapert. Ergänzende sinnvolle Arbeitsmaterialien hat man hingegen oft nicht und kennt man auch nicht. Manches Zeiss- oder Leica-Mikroskop, einst neuwertig erstanden, sieht nun aus, als entstamme es einem Second-Hand-Markt. Auf Nachfrage heißt es dann, man habe mit der Zange diese und jene Schraube gelöst und diese anschließend nicht mehr dran bekommen. Mikroskop-Kameras sind vorhanden, es kann sie aber keiner bedienen, weder für qualitative hochauflösende Fotografie noch für ebensolche Videografie.

Während also russische Forscher der Stadt Tjumen in maroden Räumlichkeiten aus Zeiten des Kalten Krieges unter undichten Decken ihrer Arbeit nachgehen, diese regelmäßig unterbrechen müssen, um die Eimer unter dem tropfenden Dach auszutauschen, freut sich der US-amerikanische Protecteur. Denn der glaubt allen Ernstes, dass die enorme Herausforderung, neue Arten zu entdecken und zu beschreiben, am besten von denen erfüllt werden kann, die über kein weitreichendes biologisches Grundwissen verfügen, die keine kritischen Fragen stellen, die niemals eigene Ansätze entwickeln und sich die Bohne scheren um läppische uninteressante Phänomene wie kryptische Artengruppen oder Zwillingsarten. Stattdessen wird hohe Quantität geboten. Pro Forscher fünfzehn bis zu dreißig Artbeschreibungen im Jahr sind Ehrensache. Was noch vor zehn Jahren in Deutschland für harsche Kritik gesorgt hätte, macht den Milbenforscher aus Tjumen zum „Leading Scientist“. Eine durchaus angenehme Position, denn ein „Leading-Scientist“ muss sich um wenig sorgen. Sogar die private Wohnung wird ihm mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Russe, der sich in derart existenzieller Wohlbehütung weiß, kaum Gründe sieht, irgendetwas an seiner Arbeitsweise zu ändern. Im Gegenteil soll alles wie gehabt bleiben. Deswegen werden die Texte einer Artbeschreibung für jede neue Art auch nur geringfügig abgewandelt. Ich habe das nicht nur selbst gesehen, sondern mir wurden diese Arbeiten auch regelmäßig zur sprachlichen Bearbeitung vorgelegt. Denn, auch Ehrensache, Russen beherrschen die englische Sprache in der Regel nicht, obwohl es sich dabei um die internationale Wissenschaftssprache handelt. Wen wundert’s, dass meine Korrekturen immer dieselben waren, es existierte nicht einmal die Flexibilität, um schon mehrfach kritisierte Mängel in der Folge zu beherzigen.

Artbeschreibungen ohne die geringste Kenntnis zur Biologie und Ökologie der betroffenen Spezies sind im Grunde ohne Aussage und daher kein Beitrag zu einer sinnvollen Biodiversitätsforschung. Biologische Untersuchungen wurden in meinem sibirischen Forschungsinstitut vorsätzlich, oft mit dem Argument der Undurchführbarkeit, verweigert, in Wahrheit, weil der Zeitaufwand zu groß wäre. Schließlich sollen pro Jahr akkordweise Publikationen veröffentlicht werden, ansonsten wäre man schließlich kein „Leading-Scientist“ mehr. Meine Nachfragen zur Arbeitsweise wurden oft erstaunlich beantwortet. Warum man die lebend zur Verfügung stehende Art nicht gleich auch in Kultur bringe, oder wenigstens zur Lebendbeobachtung erhalte, wollte ich wissen. Die Antwort: „Womit soll ich die Milben denn füttern?“. Auf meinen Hinweis, dass man auch mithilfe des normalen Lichtmikroskops hochqualitative Videos lebender Tiere aufzeichnen kann, wurde schroff entgegnet: „mit dem Lichtmikroskop? Das geht nicht!“.

Ich habe während meines Aufenthaltes in Russland „nur“ drei Publikationen veröffentlicht, mich an einer weiteren zudem maßgeblich beteiligt, dann aber aufgrund der schlechten Qualität des Endwerkes meine Benennung als Coautor explizit untersagt. Im Gegensatz zu den russischen Kollegen habe ich alle Milbenarten, an denen ich forschte, immer auch gezüchtet und biologisch untersucht, und hierzu jeweils gigabyte-weise Videomaterial erstellt. Aus russischer Sicht eine lachhafte Zeitverschwendung, die man sich im Nachhinein aber durchaus zunutze gemacht hat. So wurden meine Beobachtungen zum Verhalten der Deutonymphen der von mir beschriebenen Art Bonomoia sibirica in einem russischen Stipendien-Zwischenbericht frech und schamlos als Ergebnisse russischer Forschungsarbeit ausgegeben, ohne Nennung meiner Urheberschaft. Dass es sich um Beobachtungen handelt, die im Rahmen meiner Artbeschreibung publiziert wurden, in der ich alleiniger Autor war, schien hierbei unerheblich zu sein.

 

Die Biodiversitätsforschung kann nicht eben mal schnell und am Fließband durch weitgehend unkundige Forscher erledigt werden, die nie eine hochqualifizierende Ausbildung in den Bereichen Artbegriff und Ökologie erfahren haben. Ich appelliere an die deutsche Regierung, zu erkennen, dass hierzulande im Gegensatz zur unbekümmerten Arbeitsweise anderswo– noch – qualifizierte Wissenschaftler vorhanden sind. Diese gilt es nicht auszuhungern und dadurch auszumerzen, sondern zu fördern. Denn was gibt es Wichtigeres als ein Verständnis unserer Umwelt, um diese durch sinnvolle Maßnahmen erhalten zu können. Diese Menschen können hierzu wichtige Beiträge liefern!

Es ist kurzsichtig, stattdessen ausschließlich in die Entwicklung moderner Technologien zu investieren. Kürzlich lese ich, dass man sich derzeit lieber Fragen widmet wie: Wie können wir uns die Goldvorkommen der Weltmeere nutzbar machen, Stichwort Tiefseeuntertagebau. Gier anstelle wissenschaftlicher Verantwortung!

Einflussreiche US-Forscher denken allerdings weitaus pragmatischer als ich. Warum neben Russland nicht auch Drittweltländer in die Biodiversitätsforschung einbeziehen? So wurde ich vor etwa einem halben Jahr durch einen jungen iranischen Forscher angeschrieben, der seine Kontaktaufnahme mit der Empfehlung eines einflussreichen US-amerikanischen Kollegen begründete. Ich sollte ihn ehrenamtlich dabei unterstützen, eine Publikation in einem internationalen Peer-Review-Journal unterzubringen. Im Grunde nicht die schlechteste Idee, wenn man berücksichtigt, dass man hierdurch Zugriff auf Artenmaterial erhält, das aus Krisenregionen stammt, in die westliche Forscher nur ungern einen Fuß setzen würden. Der Kollege hat dann auch gleich mit Milben aufwarten können, die in Kriegsgebieten des Irak gesammelt wurden. Da will man dann auch großzügig sein und fragt lieber nicht nach, warum nur ein Entwicklungsstadium zur Verfügung steht und warum nicht der Versuch unternommen wurde, die Art lebend in Kultur zu bringen. Tatsächlich habe ich mich über mehrere Monate hinweg ehrenamtlich auf den jungen Forscher aus dem Iran eingelassen, um dann aber festzustellen, dass dort scheinbar alle mir wichtigen akademischen Grundvoraussetzungen fehlten. Eine mit aller Kraft gerade so durchgeboxte internationale Publikation hätte folgende Konsequenzen gehabt: Für mich keine, ihm hingegen wäre dafür vermutlich umgehend eine Professur verliehen worden. Ich habe meine Kooperationsbereitschaft daher inzwischen eingestellt.

Copyrights Stefan F. Wirth, September/ Oktober 2017

 

 

Abgeordnete von CDU und CSU mit hohen nicht transparenten Nebeneinkünften, wenigstens schickt die OSZE Wahlbeobachter nach Deutschland

Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren in vielen Bereichen negativ verändert. Das macht sich im allgemeinen Bildungssektor und den Wissenschaften schon länger bemerkbar. Doch auch das Sozialsystem hinkt.

Hochqualifizierte Naturwissenschaftler, insbesondere aus der Grundlagenforschung, wie zum Beispiel Zoologen, flüchten ins Ausland, weil Deutschland großflächig diverse Forschungsdisziplinen nicht mehr finanziert. Das tun inzwischen andere, die USA, auch südamerikanische Länder oder Russland. In den biologischen Disziplinen Systematik, Taxonomie und Phylogenie war Deutschland einst weltweit führend. Heute führen andere.

Doch die CDU dominierte Regierung scheint wenig Interesse an einem hohen Bildungsstandart in Deutschland zu haben. Zu viele Menschen mit intellektuellen Fähigkeiten würden schließlich die Wahlerfolge der Erzkonservativen gefährden.  Denn das haben wir doch schon immer aus den Erfahrungen mit Ländern, die durch Macht-Regierungen kontrolliert wurden, gelernt: Die effizienteste Diktatur lässt sich am besten dort errichten, wo die Bevölkerung am wenigsten weiß.

Hierzulande wissen immer weniger angehende Akademiker, ihre eigene Sprache fehlerfrei zu Papier zu bringen. Wie soll solch eine Bevölkerung noch wissen, wen sie da eigentlich seit über einem Jahrzehnt brav an die Macht wählt?

Bereits die Regierung Adenauer hat Täter des Nationalsozialismus mit politischen Ämtern versehen, andere aus den Gefängnissen in die Freiheit entlassen. So wurden beispielsweise Täter des Konzentrationslagers Buchenwald Mitte der 1950-er Jahre kurzerhand und unbeschwert in die Gemeinschaft zurückgeführt: SS-Obersturmführer Philip Grimm, der unter anderem für den Abtransport behinderter Häftlinge sorgte, SS-Hauptsturmführer Herman Hackman, ließ 8000 Gefangene der Roten Armee durch Genickschuss töten, SS-Hauptscharführer Gustav Heigel, hat über 350 Hinrichtungen durchführen lassen und Wolfgang Otto, SS-Scharführer, in Buchenwald Protokollführer des Exekutionskommandos, hernach bis 1962 Religionslehrer an einer katholischen Volksschule.

In der Ära Kohl war der CDU-Bundeskanzler selbst in einen Korruptionsskandal um vermeintliche Spendengelder verwickelt. Und auch in der Merkel-Regierung ist der Schein zum Machterhalt wichtiger als eine gute und verantwortungsvolle Innenpolitik. Von Politikern gefälschte Doktortitel gelten offenkundig als Kavaliersdelikt. Soziale Not in der Bevölkerung wird durch beschönigende Statistiken vertuscht. Deutschland kann zudem dauerhaft in der international vergleichenden Pisa-Studie keinen hohen Platz mehr belegen.

Doch frei nach dem Slogan Macht allein macht immer noch nicht glücklich sind den Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU die beachtlichen monatlichen Diäten in Höhe von fast zehntausend Euro nicht genug. Gemäß einer Studie der Transparenzorganisation abgeordnetenwatch.de erscheinen Abgeordnete dieser Parteien in einem Ranking zur Höhe von Nebeneinkünften deutscher Bundestagsabgeordneter auf neun der ersten zehn Plätze. Die höchsten Nebeneinkünfte werden dabei Philipp Graf von und zu Lerchenfeld zugeordnet.

Alles legal, und doch beanstandet die Organisation aus meiner Sicht zurecht, dass die genaue Herkunft von Summen in Millionenhöhe nicht vollständig angegeben werden muss.

Für die Betroffenen natürlich sehr angenehm. Und solange die politischen Machtverhältnisse bleiben, wie sie heute sind, muss auch in Zukunft niemand ernsthaft befürchten, dass ihm genauer auf die Finger geschaut wird. Dazu muss allerdings die Bundestagswahl auch tatsächlich gewonnen werden. Kein Problem, wenn man ernstzunehmende Wahlprognosen zugrunde legt. Eine Regierung von CDU und FDP wird erwartet.

Wenn es nun aber, selbstverständlich völlig unerwartet, nun doch brenzlig werden sollte, würde man sich dann so ohne Weiteres geschlagen geben? Die OSZE ist davon offensichtlich nicht so ganz überzeugt, weswegen gemäß der Zeit Online drei bis fünf Experten als Wahlbeobachter nach Deutschland entsandt werden sollen.

Eine Geste immerhin, die jedoch auch bei den Wahlen in 2009 den Verlauf nicht in Frage stellte. Das wäre womöglich für ein solch übersichtliches Expertenteam auch schwer in die Wege zu leiten. In anderen Ländern werden ungleich größere Wahlbeobachtungsmissionen durchgeführt. Das Zugeständnis ist dem Artikel zufolge im Übrigen dem Engagement der AfD geschuldet, woraufhin ich nur sehr ungern hinweise. Denn nichts, das sich rechts von CDU/ CSU positioniert, kann Deutschland aus meiner Sicht zugute kommen.

Doch es hat natürlich seine Gründe, dass Teile der Bevölkerung ihr Vertrauen dem rechten Populismus schenken. Denn einfache Antworten und Schuldzuweisungen simulieren häufig greifbare Hoffnung auf Verbesserung, wo in Wahrheit noch ein langer steiniger Weg zu meistern ist.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland groß geworden. Wer am Existenzminimum und darunter lebt, fühlt sich immer häufiger unverstanden. Wie kann ein Politiker, der monatlich über Einnahmen von mehr als zehntausend Euro verfügt, Verständnis für die Nöte derjenigen aufbringen, die sich bei Einkünften von unter 400 Euro ihr Brot nicht leisten können.

Links bietet stets die besseren politischen Konzepte, doch sind sie meist nicht so leicht verständlich wie rechtsradikale Polemik. Umso mehr müssten sich die linken Parteien Linkspartei, Grüne und SPD um ihre Wählerschaft bemühen. Doch es hapert am politischen Engagement. Gerade die kleineren Linksparteien gefallen sich leider zu sehr in ihren Rollen als Opposition.

Deutschland hat jedoch keine Zeit für oppositionelle Genügsamkeit. Denn auf Berlins Straßen ist die Obdachlosigkeit nun allerorts nicht mehr zu übersehen.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, 02. August 2017

 

 

Google und die Knowledge Panel-Karte

Es soll ein praktisches kleines Helferlein sein, die „Knowledge Panel-Karte“, jene Informationsbox, die oben rechts neben den Google-Suchergebnissen erscheint. Praktisch insofern, als hier die passende Wikipedia-Seite knapp zusammengefasst wird. Handelt es sich um eine Personensuche und existiert zu dieser Person eine Wikipedia-Seite, wird auch ein Foto dieser Person gezeigt. Meist eine zuverlässige Hilfe, die gleich auch den Link zur Wikipedia-Seite enthält.

Offenbar ist die Panel-Karte jedoch auch sehr anfällig für Fehler, insbesondere, wenn es um die Karte zu meiner Person geht. Dort werden entweder Fotos fremder Personen angezeigt oder sonstige Unwahrheiten hinzugefügt. Man kann das via Klick reklamieren, doch darauf reagiert Google eher nicht oder Monate später.

Derzeit sieht die Karte wie folgt aus:

google panel

Ich habe niemals in meinem leben Bücher über Heizungs- und Trinkwasseranlagen verfasst. Unter „auch oft gesucht“ müssten andere Biologen auftauchen, die stattdessen aufgeführten Personen haben mit mir und meiner Arbeit nichts zu tun. Ich bin gespannt, wie lange diese Fehlinfo noch auffindbar bleibt. Ich werde mich bei Fortbestehen dieser Darstellung beraten lassen, wie ich mich effizient juristisch zur Wehr setzen kann.

Eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz menschliche Arbeitskräfte ablösen wird

 

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Symbolbild, Copyrights Stefan F. Wirth

 

Wir befinden uns in der fernen Zukunft, etwa im Jahre 2150. Eine ökologische Katastrophe, hervorgerufen durch mangelndes Umweltbewusstsein des Menschen, hat die vollständige Schmelzung der Polkappen herbeigeführt und einen weltweiten Klimawandel ausgelöst. Manhattan liegt unter Wasser, nur die obersten Etagen einstmaliger Wolkenkratzer ragen noch über die Fluten hinaus. Auch der Alltag der Menschheit hat sich drastisch verändert. So genannte Mechas sind eine ernsthafte Konkurrenz für Menschen aus Fleisch und Blut geworden. Die Roboter-Technologie ist so weit voran geschritten, dass Roboter der Zukunft nicht nur menschenartig aussehen, sondern auch selbstständig denken können. Sie sind zu Individuen geworden, die individuelle Ziele verfolgen können und auch hinsichtlich ihrer physischen Leistungsfähigkeit dem Menschen ebenbürtig sind.

Der Prototyp eines Unternehmens namens Cybertronics ist ein kleiner Junge, David, der dazu erschaffen wurde, kinderlosen Ehepaaren als Kind-Ersatz zu dienen (https://www.youtube.com/watch?v=2WlcL_6sa9M). David unterscheidet sich dabei optisch nicht von einem biologischen Menschenkind im Alter von etwa elf Jahren. Steven Spielberg erzählt in seinem visionären filmischen Meisterwerk aus dem Jahre 2001 im Grunde eine alte Geschichte. Carlo Collodis Pinocchio-Erzählung aus dem Jahre 1881 hat lediglich ein neues Gewand erhalten (https://www.youtube.com/watch?v=_19pRsZRiz4). In Spielbergs Zukunftsvision ist es nun nicht mehr eine Holzpuppe mit Bewusstsein, getrieben von der tiefen Sehnsucht, einmal ein richtiger Mensch aus Fleisch und Blut zu werden, sondern ein Mensch-gleicher Roboter, der sich auf die Suche nach der blauen Fee begibt, um von ihr in ein echtes Kind verwandelt zu werden. Obgleich sich das Bemühen um echte Menschlichkeit durch eine Hightech-Puppe im Film nur teilweise erfüllt, dem Zuschauer also vor Augen geführt wird, dass Sehnsucht oft Selbstzweck ist, aber auch dass  alle noch so ausgefeilte Hochtechnologie niemals imstande sein wird, einen biologischen Organismus zu erschaffen, bleibt doch die Frage nach der möglichen Wahrhaftigkeit einer solchen Zukunftsvision mit Robotern und echten Menschen im Konkurrenzkampf um einen Platz inmitten menschlicher Gemeinschaften bestehen.

Die Roboter-Technologie ist bereits in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts erstaunlich weit entwickelt. Folgerichtig wird zunehmend durch allerlei Medien die Frage aufgeworfen, inwieweit der Mensch seine eigenen Geschöpfe in Zukunft einmal als Konkurrenten fürchten muss. Philosophische Zukunftsmusik?

Keineswegs. So hat ein internationales Forschungsprojekt in Kooperation mit der Shadow Robot Company in London bereits 2013 der Weltöffentlichkeit die reelle Version eines „One Million Dollar Man“ präsentiert, namentlich eine Reminiszenz an die Fernsehserie „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“ aus den 1970-er Jahren. In der bekannten TV-Serie wird ein Astronaut durch einen Flugzeugabsturz so schwer verletzt, dass nur das Anbringen bionischer Körperteile (Beine, ein Arm, ein Auge) das Überleben ermöglichen kann.

Rex (Kurzform für „robotic exoskeletons“), der eine Million Dollar (?) schwere Roboter, ist weiter fortgeschritten, als man sich in den 1979-ern nur vorstellen konnte. Er verfügt über eine Gliedmaßen-Anatomie, die bis ins Detail der des realen Menschen nachempfunden ist. Laufen allerdings kann er aufgrund seiner fragilen Konstruktion nur mittels einer mechanischen Stütz-Apparatur (https://www.youtube.com/watch?v=V9scEFSIlwI&index=11&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). Doch damit nicht genug. Er ist zudem dazu in der Lage, visuelle Reize in elektronische Impulse zu verwandeln und imitiert somit die Funktionsweise eines tierischen Nervensystems.

Auch ein funktionierendes Herz-Kreislauf-System nennt die Hightech-Kreatur ihr Eigen (https://www.youtube.com/watch?v=2B7Iu15NPDM&index=9&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). An der Herstellung weiterer künstlicher Organsysteme, wie Harnblase, Bauchspeicheldrüse oder Lunge wird derzeit hingegen noch geforscht.

Wohin sollen diese Innovationen führen, wirklich alles nur teure Spielerei? Nein, denn die bionische Forschung verfolgt natürlich sehr konkrete und angewandte Ziele. Es geht um die Herstellung möglichst lebensechter Prothesen. Obwohl die Transplantation eines bionischen Gesichts noch blanke Science Fiction ist, arbeiten zahlreiche Unternehmen weltweit an der Entwicklung künstlicher Gesichtszüge, die menschliche Mimik imitieren sollen. Zugegeben, die aktuellen Ergebnisse lassen nur schwer erahnen, dass in ferner Zukunft vielleicht tatsächlich ein vollkommen menschlich aussehender David  erzeugt werden kann. Dennoch beeindruckt die Vielfalt künstlicher Persönlichkeiten mit humanoidem Antlitz schon heute.

Seit Jahren ist Japan in diesem Forschungssegment ein internationaler Vorreiter. Die Hiroshi Ishiguro Laboratories betreiben mehrere Forschungsgruppen, die sich mit verschiedenen Aspekten der Mensch-Robotor-Interaktion befassen. Neben einer möglichst menschenähnlichen Erscheinung der Androiden gehört hierzu natürlich auch die Fähigkeit, Sprache zu verstehen und passend dazu eine realistische mimische Reaktion zu erzeugen. Generell sollte ein intelligenter künstlicher Gesprächspartner darüber hinaus natürlich auch dazu in der Lage sein, verschiedene Geräusche im dreidimensionalen Raum voneinander trennen und richtig interpretieren zu können, eine Forschungsrichtung, mit der sich die sogenannte SI-group (sound environment intelligence) unter der Leitung von Carlos T. Ishi auseinandersetzt.

Wer aus Metall, Kunststoffen und Mikrochips die Imitation eines menschlichen Gesprächspartners erschaffen will, tut gut daran, sich an einem konkreten Vorbild zu orientieren, um tatsächlich zu individuellen Gesichtszügen des Roboters zu gelangen. So ist beispielsweise der Geminoid HI-2 der Forschergruppe aus Japan eine Nachbildung der realen Person des Teamleiters der Geminoid Research Group, Hiroshi Ishiguro (https://www.youtube.com/watch?v=WijMCSfX0RA).

Bisher wurde jedoch nur ein Aspekt der Spielberg’schen Vision aus dem Jahre 2001 hinsichtlich der Umsetzbarkeit bis heute beleuchtet, nämlich die äußere Erscheinung eines Androiden mit möglichst menschlichen Gesichtszügen und der Fähigkeit, die menschliche Fortbewegungsweise zu imitieren. Doch Roboter benötigen keineswegs eine Menschengestalt, um effizient und flexible Arbeit intelligent koordinieren und verrichten zu können. Je nach Aufgabenbereich, in dem die künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen soll, kann sogar auf die Fähigkeit zu laufen ganz verzichtet werden. Soll die Maschine hingegen menschlichen Fähigkeiten von vornherein hoch überlegen sein, so empfiehlt sich eine neuartige Fortbewegungsart, die umsetzen kann, wozu kein Mensch in der Lage ist. So sind die Roboter Case and Tars aus dem Spielfilm Interstellar aus dem Jahr 2014 wahre Formwandler, eine Fiktion, die der Erforschung extraterrestrischer Lebensräume sicher sehr förderlich wäre, die im Zuge der Verfilmung jedoch damit auskommen musste, durch Puppenspieler in Gang gebracht zu werden (http://www.moviepilot.de/news/interstellar-roboter-wurden-von-puppenspieler-gesteuert-146906).

Auf innovative Fortbewegungs-Technologien von selbstständig agierenden Robotern setzt das US-Unternehmen Boston Dynamics. Beeindruckende Videoaufnahmen zeigen beispielsweise Roboter der Atlas-Reihe beim Spaziergang im Wald (https://www.youtube.com/watch?v=rVlhMGQgDkY) oder Cheetah, den Roboter, der weltweit am schnellsten auf vier Beinen laufen kann (https://www.youtube.com/watch?v=chPanW0QWhA). Nicht Mensch und nicht Gepard waren hier alleinige Vorbilder, und doch sind die Bewegungsabläufe dieser Modelle eindeutig der tierischen Natur entlehnt. Anders der beeindruckende „Sandfloh“, der auf vier Rädern rollt, jedoch durch eine besondere Sprungmechanik unbeschadet ein Hausdach erreichen kann, um dort seinen Weg fortzusetzen (https://www.youtube.com/watch?v=6b4ZZQkcNEo).

Die Einsatzmöglichkeiten dieser intelligenten Maschinen sind vielfältig. Sie reichen von militärischen Aufgaben über die Erkundung schwer zugänglicher Lebensräume (wie beispielsweise der Tiefsee) bis hin zur Assistenz bei medizinischen Operationen am Menschen. Doch auch in der Vermittlung von Werbe-Informationen sollen Roboter künftig Einsatz finden, sind sie doch weit geduldiger und ausdauernder als menschliche Promoter. Spezialisiert hierauf hat sich das russische Unternehmen Promobot aus Perm in Russland, das besondere mediale Aufmerksamkeit erreichte, als eines seiner elektronischen Kreationen im Juni 2016 unerlaubt das Firmengelände verließ und auf der Straße einen Verkehrsstau erzeugte, weil dem neugierigen kleinen Kerl, der auszog, um die Welt zu erkunden, ausgerechnet dort der Strom ausgegangen war (https://www.youtube.com/watch?v=zmzG7kv8DGA).

Deutlich ernster zu nehmen ist natürlich die reale Aussicht, dass Roboter aller Art schon in naher Zukunft Tätigkeiten übernehmen werden, die heute noch Arbeitsplätze für menschliche Kräfte sind. Befasst hat sich mit dieser für manche Leser sicherlich düsteren Thematik beispielsweise die Zeitschrift Der Spiegel in ihrer Ausgabe vom 3.9.2016. Neben Beispielen für Roboter-Einsätze, die schon jetzt vormals menschliche Arbeitskräfte ersetzen, vermittelt die Zeitschrift einen Eindruck davon, welche Berufe in Zukunft ganz besonders von einer maschinellen Automatisierung in Gestalt Computer betriebener Arbeiter betroffen sein können. Als Quelle diente dabei eine Statistik der international agierenden US-Unternehmensberatung A. T. Kearney, derzufolge vor allem in klassischen Arbeiterberufen eine große Wahrscheinlichkeit besteht, dass Menschen durch leistungsfähigere und zugleich billigere Roboter ersetzt werden. In den drei oberen Positionen im Ranking um die meist gefährdeten Tätigkeitsbereiche stehen demnach Büro- und Sekretariatskräfte, gefolgt von Verkäufern und dem Gasronomieservice. Ungleich resistenter gegen eine Verdrängung durch elektronische Arbeitskräfte sind jene Berufe, die eine besondere Komplexität an Handlungsweisen verlangen. Dazu gehören beispielsweise Kinderbetreuung, Kfz-Technik, Sozialarbeit, Altenpflege und Hochschullehre, bzw. -forschung.

Aus meiner Sicht kann solchen Prognosen gerade in Deutschland nur entgegengewirkt werden, indem Regierung und Bildungsministerien das Bildungssystem drastisch umstrukturieren. Mehr Bildung ist erforderlich einhergehend mit nicht immer kürzeren, sondern deutlich längeren Schulzeiten. Bislang geht die Rechnung in Deutschland gut auf, nach dem erweiterten Hauptschulabschluss eine handfeste Arbeiterlehre zu absolvieren, um hernach als Sekretär, Postzusteller, Restaurant-Servicekraft oder Buchhalter ein gutes Auskommen zu finden, das nicht selten zu Gehältern führt, von denen manch ein akademischer Forscher nur träumen kann. Oft wird sogar bestraft, wer nach 13 Jahren Abitur ein naturwissenschaftliches Hochschulstudium absolviert, anschließend promoviert und danach als Forscher mit gelegentlichen Stipendien, Lehraufträgen und befristeten Anstellungen als Überlebenskünstler sein Dasein fristen muss. Der schnellste Weg zum eigenen Gehalt ist in vielen Augen auch heute noch der beste Weg. Und das muss sich dringend ändern. Denn kein Sozialsystem der Welt wird imstande sein, große Teile der Bevölkerung, die in Folge voranschreitender Automatisierungsprozesse im mittleren Alter aus ihren Berufen scheiden, effizient zu unterstützen und zu reintegrieren.

Copyrights für Text und Titelfoto: Stefan F. Wirth November 2016