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Kategorie: Fakten

Bildungsministerin Karliczek hinterfragt altbacken die gleichgeschlechtliche Familie und wird dafür zurecht, aber zu irrational kritisiert

menschengemischt

In modernen westlichen Gesellschaften lösen sich konservative Dogmen zur Definition, was als Familie zu betrachten ist, zunehmend auf. Urheberrecht Stefan F. Wirth

 

In modernen westlichen Gesellschaften herrschen Toleranz und Gleichberechtigung. Zumindest, wenn es darum geht, welche Geschlechter einander das Ja-Wort geben oder gar, wie das einzelne Individuum sein biologisches Geschlecht überhaupt interpretiert und tituliert haben möchte. Doch auch diese in Liebesangelegenheiten so offenen Gesellschaften sind von einem Komplettpaket zeitgemäß aufgeklärter Lebensführung oft noch weit entfernt. In den USA erinnern drakonische Bestrafungssysteme und dubiose Gesetze zum Waffengebrauch an mittelalterliche Szenarien, während viele europäische Länder vor Nationalempfinden, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in einer Weise geradezu überborden, die vermutlich selbst das Mittelalter so nicht kannte.

 

Politisch korrekte Dogmen und die Biologie des Menschen

 

Es gibt also viele Themen, die in den Fernsehshows dieser Welt für Zündstoff sorgen können. Und dennoch erhitzt die Frage, wer mit wem eine Ehe abschließen darf und welche Rolle Kinder dabei spielen, die Gemüter immer wieder in ganz besonderer Weise. Die Gründe für solche Befindlichkeiten sind steinalt, so alt wie unsere Biologie selbst. Denn wie bei anderen Säugetieren auch, ist die Erhaltung unserer Art davon abhängig, wie erfolgreich unser Nachwuchs heran wächst. Die Frage nach einem geeigneten familiären Umfeld berührt uns dabei zumeist sehr emotional, schließlich geht es nicht in erster Linie um Wissen, sondern schlicht um einen angeborenen Instinkt.

Doch Instinkte allein taugen nicht als sachliche Argumente. Auch Dogmen, die autokratisch festlegen, was gerade als politisch korrekt anzusehen ist, verhindern oft auf Fakten basierende, ernstzunehmende Diskussionen. Dabei gilt jedoch die präzise Suche nach fundiertem Wissen in vielen – ursprünglich – aufgeklärten Kreisen heutzutage oft nicht mehr als „en vogue“ . Und das, obwohl es ein fester Bestandteil der speziellen Biologie des Homo sapiens ist, Zusammenhänge verstehen zu wollen. Unsere im Vergleich zu nächst verwandten Primaten voluminöse Großhirnrinde ist bestens dafür ausgestattet, komplexe und auch widersprüchliche Befunde zu ordnen und sinnvoll zu analysieren.

 

Eine Bildungsministerin fordert mehr Wissenschaft

 

Und hier kommt die Bildungsministerin Anja Karliczek ins Spiel, die im Format „Klamroths Konter“ des Fernsehsenders n-tv ihrem politischen Amt gerecht werdend mehr Wissen einforderte und dafür nun mächtig Kritik einstecken muss. Wer nach wissenschaftlich haltbaren Argumenten fragt, hat zunächst einmal grundsätzlich  gar nichts falsch gemacht. Der sofort in Gang gebrachte linkspolitische Shitstorm ist daher zu relativieren. So bezeichnet beispielsweise die Politikerin Doris Achelwilm der Partei „Die Linke“ den Wissensdrang der Bildungsministerin als „ärgerliche Realitätsverweigerung“. Der Grünen-Abgeordnete Sven Lehmann spricht von „hinterwäldlerischer Haltung“ und davon, dass es längst hinreichend viel Wissen gebe. Die Ministerin habe „offenbar die letzten Jahrzehnte geschlafen“.

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Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert mehr Forschung zur Auswirkung gleichgeschlechtlicher Eltern auf ihre Kinder. Quelle Foto: Wikipedia

 

Die Form der Kritik seitens der genannten linken Parteien führt anschaulich vor, dass es derzeit offenbar im Trend liegt, in Phrasen anstelle der Zuhilfenahme von Fakten zu debattieren. Wissen wird zur Seifenblase degradiert, zu einer Blackbox. Agiert wird nach dem Prinzip: Unser Wissen ist besser als Deins, oder: Unsere Kenntnisse sind zeitgemäßer als Deine. Wissen darf jedoch nicht zur Glaubensangelegenheit verkommen. Richtig wäre es hingegen, zu erwidern: Ich kenne zum Beispiel die Studie soundso, derzufolge Wissenschaftler auf die und die Weise zu folgenden Erkenntnissen gelangt sind, die Deine Fragen aus meiner Sicht hinreichend beantworten. Doch leider treibt der manchmal fragwürdige moderne Zeitgeist mitunter gar absurde Blüten. Denn nicht alles, was sich selbst heutzutage als Wissenschaft bezeichnet und hierfür in der Tat mit exorbitant hohen Forschungsgeldern ausgestattet wird, ist seriös. Das betrifft nicht nur bestimmte Richtungen der Geschichtsforschung. So wurde beispielsweise ein naher Verwandter von mir für eine historische Arbeit promoviert und sitzt dennoch rechts außen innerhalb der AfD im Bundestag. Es betrifft auch Teile der so genannten Genderforschung, in denen eine vorwiegend glaubensbasierte Wissensfindung stattfindet, die beispielsweise die biologischen Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen des Homo sapiens negiert.

 

Welche Auswirkungen üben gleichgeschlechtliche Eltern auf ihre Kinder aus?

 

Und damit wären wir zurück beim eigentlichen Thema. Worüber hat sich Frau Karliczek in besagter Fernsehsendung eigentlich inhaltlich geäußert? Die sogenannten Forscher des Gender-Mainstreaming würden wohl sagen, es ging um eine „Gender-Thematik“. Dass die Ministerin ihre von Beginn an eher negative Beurteilung der Homo-Ehe einräumte, war dabei keineswegs vorrangig Stein des Anstoßes. Vielmehr ging es um ihre Äußerung, es sei noch immer eine „spannende Forschungsfrage“, welche Auswirkung gleichgeschlechtliche Eltern auf ihre Kinder ausüben.

Damit geht sie aus meiner Sicht unzweifelhaft über das reine Einfordern wissenschaftlicher Erkenntnisse hinaus, indem sie kaum verhohlen die Befähigung gleichgeschlechtlicher Elternpaare zur gesunden Erziehung ihrer Kinder von vornherein bezweifelt. Ihr pauschaler gedanklicher Ansatz verrät, dass neben einer rein wissenschaftlichen Hinterfragung in der Tat auch eine gewisse hinterwäldlerische Haltung verborgen ist. Frau Karliczek ist eine römisch-katholische CDU-Politikerin. Als solche pflegt sie offenkundig ein Weltbild, das auf dogmatischen Konstrukten der katholischen Kirche basiert. Die Position deren Oberhauptes ist unmissverständlich. So sagte Papst Franziskus im Juni 2018 gemäß der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, nur Mann und Frau seien zur Bildung einer Familie imstande. Belege hierfür benötigt ein Papst nicht, denn er betrachtet sich als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Sein Wort ist daher Gottes Wort und somit ein Beleg an sich.

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Papst Franziskus sieht nur in der Verbindung aus Frau und Mann eine Familie. Quelle Foto: Wikipedia

 

Männer und der Mutterinstinkt, allein erziehende Väter

 

Mehr sachliche Fachkenntnis und echten Wissensdurst hätte Frau Karliczek zum Ausdruck gebracht, wenn sie beispielsweise die Frage aufgeworfen hätte, inwieweit speziell zwei Männern die Erziehung ihrer Kinder zuzumuten sei, ist doch schließlich der Mutterinstinkt – wie der Name bereits andeutet – ein Merkmal, das bei Männern weniger stark ausgeprägt ist. Seriöse Forschungsberichte hierüber sind nämlich in der Tat rar bis nicht existent. Allerdings ist eine inhaltlich beinahe gleichwertige Fragestellung diejenige, ob Männer generell die Erziehung ihrer Kinder im Alleingang bewältigen Können. Hierzu gibt es sehr wohl Forschungsberichte. So beschreibt der Wissenschaftler Dr. Christoph Paulus aus dem Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Saarbrücken, der akademisch unter anderem in den Bereichen pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften ausgebildet wurde, dass sich über 90 Prozent der alleinerziehenden Väter aus einer wissenschaftlichen Stichprobe von ihren Kindern akzeptiert fühlen. Allerdings wird seinen Studien zufolge das Bedürfnis der Kinder nach Schutz und Geborgenheit weiterhin vorwiegend durch die getrennt lebenden Mütter befriedigt. Allgemein kommt er in seiner Studie jedoch zu dem Schluss, dass Kinder allein erziehender Väter eine emotionale Stabilität aufwiesen, die sich im Vergleich mit Kindern gemischter Elternpaare und geordnet nach Altersgruppen stets im Durchschnittsbereich bewegte.

https://www.familienhandbuch.de/familie-leben/familienformen/alleinerziehend/entwickelnsichkinderalleinerziehendervaeteranders.php

Der Forschung zufolge erreichen auch allein erziehende Väter eine emotionale Stabilität ihrer Kinder

 

Der zitierten Forschung ist auch zu entnehmen, dass mit dem Eintritt der Funktion als allein erziehender Vater Veränderungen der Vater-Kind-Beziehung einhergingen. So sei die Bindung „viel enger“ geworden und die Aufmerksamkeit des Vaters gegenüber den Kindern werde „viel aktiver“ zur Verfügung gestellt. Allerdings sei die materielle Situation allgemein als eher „unbefriedigend“ beschrieben worden.

Interessant wären Studien an solchen allein erziehenden Vätern, die in vollständiger Abwesenheit weiblicher Bezugspersonen auch den kindlichen Drang nach Schutz und Geborgenheit erfüllen müssen. Solche Studien sind mir ebenso wenig bekannt wie ernst zu nehmende Forschung an der Situation zweier Väter, die gemeinsam ihre Kinder großziehen. Ich würde allerdings erwarten, dass ein schwules Elternpaar imstande ist, wirtschaftliche Defizite effizienter zu vermeiden als ein Single-Mann. Da eine Rollenteilung im Männer-Doppelpack leichter einzurichten ist, könnte unabhängig von der natürlichen Wesensnatur des Mannes mit Jäger- und Kämpfer-Natur womöglich auch die Vermittlung von Geborgenheit an Kinder leichter umgesetzt werden.

 

Allein erziehende Mütter

 

Forschungen zur Befähigung zweier Mütter, erfolgreich Kinder zu erziehen, sind aus biologischer Sicht eher weniger notwendig. Denn die Beteiligung mehrerer Frauen an der Betreuung von Kindern, besonders der jüngeren Altersgruppen, wurde bereits in urzeitlichen Hominiden-Gruppen praktiziert.

Das konventionelle Familienbild mit Mann, Frau und Kindern, wie es beispielsweise die katholische Kirche predigt, ist aus evolutionsbiologischer Sicht ein künstliches Konstrukt. In archaischen Hominiden-Gruppen lebten Männer- und Frauengruppen in ihrem Alltag weitgehend voneinander isoliert. Während die Männer etwa jagten und Kriege führten, versorgten Frauen in Gruppen den Nachwuchs und gingen auch darüber hinaus anderen Tätigkeiten nach als die Väter ihrer Kinder. Dies kann unter anderem dem starken Geschlechtsdimorphismus entnommen werden, der bei Homo sapiens erheblich deutlicher ausgeprägt ist als bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen. Weibchen-Gruppen des modernen Menschen verfügen daher über mehr als 315.000 Jahre Erfahrung in der gemeinschaftlichen Erziehung ihrer Kinder. Väter müssen dabei nicht anwesend sein.

 

Unsere nächsten Verwandten im Reich der Primaten

 

Auf sogenannten phylogenetischen Stammbäumen erscheinen die Schimpansenarten gemeiner Schimpanse und Bonobo beide zusammen als Schwestergruppe des Menschen. Die Erforschung ihrer Verhaltensweisen kann daher unter bestimmten Bedingungen Aufschluss darüber geben, wie die Stammart des Menschen in etwa gelebt haben muss. Diese Rekonstruktion ist allerdings nur dann möglich, wenn es gelingt, spezielle Eigenarten, die nur in den jeweiligen Schimpasenarten ausgeprägt sind, von jenen zu unterscheiden, die bereits auf der Ahnenlinie zum Menschen hin evolvierten und die sich daher die Stammarten von Schimpanse und Mensch teilten.

Generell ist das Sozialverhalten des gemeinen Schimpansen Pan troglodytes dem des Menschen ähnlicher als jenes des Bonobos Pan paniscus. Letzterer weist diesbezüglich also Merkmalskonstellationen auf, die im Verhältnis zur gemeinsamen Stammart beider Schimpansenarten „weiter abgeleitet“ sind, wie Evolutionsbiologen es ausdrücken würden. Gemeint ist, dass sie in Bezug auf bestimmte Systeme von Merkmalen häufiger  Neuerungen evolvierten, die nur ihnen eigen sind, als sich dies beim gemeinen Schimpansen vollzog. Der kann daher in mancher Hinsicht leichter Hinweise auf die frühe Evolution des Homo sapiens liefern. Ein solches Merkmal, das er möglicherweise mit ursprünglichen Menschenarten teilt, ist eventuell die Tatsache, dass mehrere weibliche Schimpansen auch ohne Männer Jungtiere effizient zu komplexen Handlungen erziehen können, und zwar unabhängig davon, ob es sich um die eigenen Kinder handelt oder nicht.

Ein Beispiel hierfür liefern die Forscher S. Hirata und M. L. Celli in ihrer Arbeit aus dem Jahre 2003, die im Wissenschaft-Journal Animal Cognition veröffentlicht wurde. Darin wurde die Rolle von Müttern bei der Vermittlung des Werkzeug-Gebrauchs an Jungtiere untersucht. Dem Ergebnis der Studien zufolge sind junge Schimpansen bereits ab einem Alter von 20 bis 22 Monaten dazu in der Lage, den Vorgang der Nutzung eines Tools zur Gewinnung von Honig perfekt zu imitieren. Dies funktionierte auch, wenn das Weibchen, das die Handlung im Experiment vorführte, nicht leiblich mit dem Jungtier verwandt war. Ein Befund, der meiner Ansicht nach darauf hinweisen könnte, dass die gemeinsame Erziehung von Jungtieren durch Weibchen-Gruppen beim Homo-sapiens deutlich älter ist als der Mensch selbst.

Ein Schimpansen-Junges hat erfolgreich einen Werkzeuggebrauch erlernt, indem es das Verhalten erwachsener Weibchen imitiert. Das lehrende Weibchen muss dabei nicht unbedingt die leibliche Mutter sein. Quelle und Urheberrecht: S. Hirata und M. L. Celli, Wissenschafts-Journal Animal Cognition.

 

 

https://langint.pri.kyoto-u.ac.jp/ai/en/publication/SatoshiHirata/Hirata_and_Celli_2003.html

Studie zum Lernverhalten bei Schimpansen-Jungtieren durch Imitation des Werkzeuggebrauchs erwachsener Weibchen

 

Homosexualität in beiden Geschlechtern ist keine Erfindung des Homo sapiens

 

Homoerotische Verhaltensweisen zwischen Männern oder Frauen sind keine Ausgeburt moderner dekadenter Lebensart. Dies beweisen Beispiele aus der Antike, in der insbesondere auch die männliche Homosexualität in verschiedensten Kulturkreisen weit verbreitet war. Doch auch das Tierreich ist voller Beispiele gleichgeschlechtlicher Akte. Dabei müssen wir uns keineswegs auf jene Tiergruppen fixieren, deren Reproduktionsbiologie generell verschieden von der unsrigen ist. Organismen wie Regenwürmer, Schnecken oder Nematoden oder gar Milben können in diesem Zusammenhang getrost außer Acht gelassen werden. Allein innerhalb der Säugetiere tritt Homoerotik in beiden Geschlechtern häufig genug auf. Doch ist das ein Hinweis auf eine einmalige evolutive Entstehung des Homo-Sex und der entsprechenden Beibehaltung in den verschiedensten Säugetiergruppen? Davon ist aus evolutionsbiologischer Sicht eher nicht auszugehen. Hilfreicher zur Beantwortung der Frage, ob menschliche Homosexualität ein altes Merkmal darstellt, das in der gemeinsamen Ahnenschaft mit rezenten Primaten entstand, ist natürlich die Betrachtung der Verhaltensweisen der mit uns nächst verwandten Menschenaffen.

Berühmt ist die homoerotische Vielfalt an Aktivitäten bei Bonobos. Regelmäßige und manchmal sehr spontane Erotik-Kontakte in allen Lebenslagen sind bei ihnen Normalität. Sexuelle Handlungen dienen bei Pan paniscus nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Förderung sozialer Bindungen und dem Abbau aggressiver Stimmungen. Bei all dem tritt insbesondere homosexuelles Verhalten besonders häufig auf, sowohl unter Männchen wie auch unter Weibchen. Bonobos sind somit vorwiegend bisexuell veranlagt. Wie häufig und ob überhaupt bei ihnen rein homosexuell lebende Individuen auftreten können, ist mir allerdings nicht bekannt.

Homoerotik tritt beim Bonobo in beiden Geschlechtern häufig auf und dient der Bindung sozialer Kontakte sowie dem Abbau von Spannungen in der Gruppe. Homosexualität ist allgemein häufig im Tierreich anzutreffen. Quelle und Urheberrecht: J. Menendez et al.

 

Über homoerotisches Verhalten beim gemeinen Schimpansen hingegen weiß man meinen Recherchen gemäß erstaunlich wenig. Jedoch gibt es Beobachtungen gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Gorilla-Weibchen. Es ist aus evolutionsbiologischer Sicht daher durchaus nahe liegend anzunehmen, dass der Trieb des Homo sapiens nach gleichgeschlechtlicher Erotik ein altes Erbe aus dem Reich der Menschenaffen darstellt. Denn ihn betrieb womöglich bereits die letzte gemeinsame Stammart von Gorillas und der geschlossenen Gruppe aus Schimpansen und Mensch.

Lesbische Kontakte könnten dabei eine besonders große Rolle gespielt haben, was bedeuten würde, dass die Jungenaufzucht in Gegenwart von Müttern, die zumindest unter anderem gleichgeschlechtliche Beziehungen zueinander pflegten, bereits unseren menschlichen Urahnen eine Selbstverständlichkeit war. Dass verhältnismäßig wenig über männliche Homosexualität bei Menschenaffen bekannt ist, muss jedoch nicht unbedingt dem tatsächlichen Zustand geschuldet sein. Sex unter Männern ist auch heute noch häufiger ein Tabu-Thema als Lesben-Erotik, und zwar, weil der Akt aus anatomischen Gründen heraus immer besonders explizit ausfällt. Eine instinktive Neigung, aus moralischem Entsetzen heraus wegzuschauen, wenn zwei Affen-Männer miteinander zur Sache kommen, könnte auch modernen Primatologen immer wieder unterlaufen sein. Bei Bonobos, die geradezu in allen Lebenslagen nur so vor Sex strotzen, ist ein Übersehen hingegen schon allein aufgrund der Häufigkeit der Akte gar nicht möglich.

Hinweise auf einen ahnengeschichtlichen Zusammenhang zwischen männlicher Homo-Sex-Paare und Kindererziehung werden aber wohl auch bei aufmerksamen Studien an gemeinen Schimpansen und dem Gorilla eher wenig erhellend sein, da bei ihnen die Kindererziehung vorwiegend Frauensache ist. Dennoch wäre es spannend zu wissen, inwieweit es auch in den beiden Schimpansenarten und dem Gorilla erfolgreich alleinerziehende Väter geben kann, zum Beispiel wenn die zugehörigen Weibchen aufgrund von Unfällen, Bejagung durch den Menschen oder Seuchen alle verstorben sind.

 

Das Konzept der Queer-Family und Geschlechterrollen beim modernen Menschen

 

Auch trotz des Fehlens von Langzeitstudien zur Auswirkung gleichgeschlechtlicher Eltern auf den Erfolg der Erziehung ihrer Kinder: Die Existenz der sogenannten Regenbogenfamilien ist längst Realität. Zwar halte ich wissenschaftliche seriöse Studien für wichtig, um das Phänomen in Gänze beurteilen zu können.

Jedoch können wir Zusammenhänge manchmal auch korrekt intuitiv bewerten. Der Mutterinstinkt erlaubt es Frauen in ganz besonderem Maße, durch bloßes Beobachten feststellen zu können, ob sich ein Kind wohlfühlt oder nicht. Das hat nichts mit Glauben oder faulem Zauber zu tun, sondern ist eine durch Evolution entstandene Fähigkeit, zu der weibliche Gehirne unter normalen Bedingungen nun einmal befähigt sind. Aber wie ist das mit den Männern? Können auch sie stumme Signale eines fremden Kleinkindes richtig beurteilen? Die weiter oben zitierte Studie des Forschers C. Paulus weist darauf hin, dass auch Männer mit dem Grad ihrer Anforderungen gegenüber Kindern wachsen können. Wenn nötig, erwacht daher unter Umständen auch im Mann eine Art Muttergefühl, wenn er das leidvolle Gesicht eines Kindes erblickt. Zumindest wäre gemäß der Publikation von solchen Männern, die aufgrund ihrer speziellen Lebenssituation besonders eng an die eigenen Kinder gebunden sind, eventuell auch zu erwarten, dass irgendwann eine Prägung einsetzt, mit Hilfe derer letztlich auch der Zustand fremder Kinder beurteilt werden kann. Schwule Väter und lesbische Mütter zeigen sich und ihren Nachwuchs heutzutage stolz der Öffentlichkeit. Frau und eventuell auch Mann können sich unter Zuhilfenahme ihrer Instinkte und Prägungen dabei ein Bild machen, ob ein Kind glücklich gedeiht oder leidet. Und dazu muss man Fremde nicht einmal auffällig im Supermarkt anstarren. Zahlreiche queere Familien gehen auch vor die Kameras. So gibt beispielsweise die unten aufgeführte Reportage des Senders N24, der jetzt in „Welt“ heißt, recht ausführliche Einblicke in den Alltag lesbischer Mütter und schwuler Väter.

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Regenbogenfamilie: schwule Väter. Quelle: Wikipedia

 

https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/wenn-schwule-maenner-eltern-werden-vaeter-sein-dagegen-sehr/12931662.html

Wenn schwule Väter Eltern werden, Quelle und Urheberrecht: Der Spiegel

 

Ursprünglich lebende weitgehend isolierte Ethnien

 

Nützliche Hinweise auf das natürliche n- also durch Evolution beeinflusste – Verhaltensspektrum des Menschen, liefern nicht nur wissenschaftliche Befragungen oder Betrachtungen der nächst verwandten Primatenarten. Auch das Studium vollständig oder weitgehend isoliert lebender Ethnien der Jetzt-Zeit kann Aufschluss über die Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen der Vergangenheit gewähren, die sich unter wissenschaftlich sinnvollen Voraussetzungen hierdurch manchmal rekonstruieren lassen.

So ist beispielsweise bekannt, dass Homosexualität in zahlreichen afrikanischen Ethnien eine lange Geschichte hat. Absurde Theorien, denen zufolge afrikanische Homo-Neigungen erst durch weiße Kolonialherren auf den Kontinent eingeführt wurden, sind natürlich nicht im Mindesten haltbar.

Stattdessen sind homoerotische Spielarten in unterschiedlichen afrikanischen Stämmen fest verwurzelt. Die Bandbreite entspricht derjenigen, die aus modernen westlichen Sozietäten bekannt sind. So haben bereits die ersten Erforscher des afrikanischen Kontinents, Portugiesen, aus ihrer Sicht „unnatürlichen“ Sex unter Männern im Kongo beobachtet. Der englische Reisende Andrew Battell entrüstete sich in den 1590-er Jahren über eine Ethnie in Angola: „Sie leben wie wilde Tiere, so haben sie Männer, die wie Frauen auftreten, und die sie auch zusammen mit ihren Frauen halten“.

 

https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/mar/08/african-homosexuality-colonial-import-myth

Homosexualität bei Urvölkern des afrikanischen Kontinents ist häufig und entspricht ihrem natürlichen Verhaltensspektrum. Quelle und Copyrights: The Guardian

 

Und wie sieht es eigentlich mit den Geschlechterrollen in isolierten Volksgruppen aus. Unterstützen sie das prähistorische Szenario, das ich weiter oben beschrieben habe, demzufolge Männer und Frauen häufig und jeweils für längere Zeit voneinander getrennt lebten und dabei unterschiedlichen Tätigkeiten nachgingen?

Recherchiert habe ich den Wissensstand über Geschlechterrollen in separierten Volksgruppen nicht. Jedoch ist mir eine interessante Filmszene ins Auge gesprungen, die ich einen Bericht wert finde.

So ist der besonders abgeschottet lebende Stamm der Sentinelesen, die auf der indischen Andamanen-Insel North Sentinel Island beheimatet sind, jüngst in die Schlagzeilen geraten. Trotz eines Kontaktverbotes durch die indische Regierung hat ein junger US-Amerikaner den Versuch unternommen, den gegenüber Fremden als besonders feindselig geltenden Stamm aufzusuchen. Diese Kontaktaufnahme hat er nicht überlebt.

In diesem Zusammenhang interessierte ich mich dafür, alte Filmaufnahmen zu sichten, auf denen Miglieder der Sentinelesen zu sehen sind. Viel Material gibt es allerdings nicht zu entdecken, denn seit den 1990-er Jahren lebt der Volksstamm in völliger selbstgewählter Isolation. Gemäß Wikipedia handelt es sich bei ihm offenbar um direkte Nachfahren, die der ersten Welle der großen Auswanderungen aus Afrika vor etwa 100000 Jahren entstammen. Fast nichts ist über ihre Lebensweise bekannt, außer dass sie Jäger, Sammler und Fischer sind. Eindringlinge werden häufig unverzüglich attackiert.

Dennoch gelang es verschiedenen Expeditionen, sich den Sentinelesen zu nähern. Ein im Internet kursierendes Video zeigt eine Kontaktaufnahme durch Vertreter indischer Behörden in den 1990-er Jahren, in deren Verlauf versucht wurde, das indigene Volk mit Kokosnuss-Geschenken gütlich zu stimmen.

Der isolierte Volksstamm der Sentinelesen auf der Andamaneninsel North Sentinel Island. Das Video zeigt eine Kontaktaufnahme der indischen Regierung aus den 1990-er Jahren, bei der den Ureinwohnern Kokosnuss-Geschenke überreicht wurden. Die Aufnahmen zeigen auch ein wenig über die Geschlechterrollen des Volksstamms auf. Quelle: Wikipedia-Nutzer „VVeerla“, Urheberrecht mir unbekannt

 

Die kaum geschnittenen Szenen zeigen männliche und weibliche Vertreter der Sentinelesen, die am Strand die ihnen angebotenen Kokosnüsse entgegen nehmen, beziehungsweise aufsammeln. Manches, was man von archaisch lebenden Volksstämmen erwarten würde, ist in dem Filmmaterial auch zu sehen. Die Männer treten als durchtrainierte und kraftstrotzende Kämpfer auf, die mit Pfeil und Bogen stets kampfbereit zu sein scheinen. Auch uns bekannte Gebärden lassen sich ausmachen. Wie zeigt ein stolzer und Testosteron-schwangerer Krieger denn bei uns seinen seinen Triumph an? Er fasst sich mitten auf der Straße in den Schritt. Das ist nicht ungezogen und vulgär, sondern eher schlichtweg ein evolutionsgeschichtlich urtümliches Verhalten zur Präsentation der reifen Mannbarkeit, das in frappierend ähnlicher Weise auch die Sentinelesen beherrschen. In der Szene 3:57 zeigt ein Krieger den Besuchern nämlich deutlich und unmissverständlich, was er von ihnen hält, indem er seinen ohnehin offen liegenden Penis mit einer gekonnten Geste kurz in die Höhe hält.

Wie sehr sich Männer und Frauen der Sentinelesen im Alltagsleben voneinander durch unterschiedliche Tätigkeiten isolieren oder auch nicht, ist – wie so vieles an ihnen – auch weiterhin unbekannt. Unterdrückt werden Frauen jedoch ganz offensichtlich nicht, sondern scheinen ihren Männern sichtbar auf Augenhöhe zu begegnen. Manchmal gewinnt der Zuschauer sogar den Eindruck, als seien eher – wenn überhaupt- dann die sehr selbstbewusst auftretenden Frauen die Unterdrückerinnen.  Szene 1:34 zeigt, wie eine aufgebrachte amazonenhaft wirkende junge Frau einen irgendwie hilflos umher stehenden Krieger resolut, ja geradezu unter Anwendung körperlicher Gewalt, zur Umkehr zwingt.

Auch unabhängig von derlei Einzelbeobachtungen kenne ich aus evolutionsbiologischer Sicht ganz allgemein keine Indizien für eine biologische Natur der Frauen-Diskriminierung durch ihre Männer. Eher halte ich es für eine sehr ursprüngliche biologische Besonderheit des Menschen – ganz im Gegensatz zu seiner Menschenaffen-Verwandtschaft – dass sich seine Geschlechter zwar erheblich unterscheiden, sich im Gruppen-Ranking jedoch gleichermaßen behaupten können. Dass geradezu frauenfeindliche Kulturkreise weltweit dennoch so verbreitet sind, legt aus meiner Sicht nahe, dass Traditionen zur Unterdrückung von Frauen mehrfach sekundär entstanden, und zwar nachdem die wichtigsten Schritte in der Evolution des Homo sapiens längst abgeschlossen waren. Unmündigkeit müssen Frauen daher nicht als ihr Schicksal betrachten, sondern sollten weltweit selbstbewusst dagegen aufbegehren. Ebenso wenig besteht nicht der geringste Anlass für gleichgeschlechtliche Paare, diffamierende und unwahre Charakterisierungen wie „widernatürlich“ oder „Familien-untauglich“ hinzunehmen. Auch ist mir bislang kein vernünftiger wissenschaftlicher Grund dafür bekannt, warum sich Homo-Paare die Fürsorge für eigene Kinder versagen lassen sollten.

 

Berlin, 22.11.2018, Copyrights für den Text Stefan F. Wirth

 

 

 

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Neozoen sind in Berlin längst allgegenwärtig, doch Grund zur Panik besteht nicht

Wer mit offenen und kundigen Augen über Berliner Sommerwiesen wandert, wird dort auch Tiere und Pflanzen finden, die hier nicht ursprünglich beheimatet waren. Sogenannte Neozoen oder Neophyten entstammen anderen Teilen Europas oder der Welt und sind irgendwie durch Menscheneinwirkung verschleppt und dann freigesetzt worden. Dies geschieht zumeist durch menschliche Handelsaktivitäten. Dabei geht der Transport einer Art aus ihrem ursprünglichen in einen fremden Lebensraum in der Regel ungewollt vonstatten. Der Tier- und Pflanzenhandel verbreitet Arten jedoch mitunter auch vorsätzlich. Eine dauerhafte Etablierung der Arten ist meist jedoch unbeabsichtigt.

Die Auswirkungen der Verschleppung können höchst unterschiedlich ausfallen. So sind einige Organismen bekannt, die sich aus tropischen Regionen über den internationalen Pflanzenhandel weltweit verbreitet haben, die jedoch aufgrund ihrer ökologischen Vorlieben nur in Gewächshäusern überleben können.

Derlei Neozoen können daher die heimische Fauna der Region, in die sie verschleppt wurden, und somit das dortige Ökosystem nicht schädigen. Sie sind in gewisser Hinsicht und unter bestimmten Umständen sogar nützlich. So beherbergt beispielsweise das „Tropical Islands“ südlich von Berlin, ein riesiges Freizeitbad mit tropischer Vegetation unter der Glaskuppel einer ehemaligen Produktionsstätte für Luftschiffe, neben verschiedenen Organismen, die man typischer Weise in Gewächshäusern antrifft (tropische Schaben, Hundertfüßer, Tausendfüßer, kleine Springspinnen) auch sogenannte Zwerggeißelskorpione (Schizomida, Spinnentiere). Diese findet man keineswegs in jedem beliebigen Gewächshaus, wohl weil sie (unbekannte) besondere Ansprüche an ihre Umgebung stellen. Ich durfte im Tropical Islands mehrfach zusammen mit meinen damaligen Studenten der FU Milben und Schizomiden aufsammeln. So war es mir möglich, meinen Bildungsauftrag in besonderer Weise zu erfüllen und meinen Studenten mit den gefundenen Zwerggeißelskorpionen hinsichtlich Gestalt und Biologie äußerst ungewöhnliche Spinnentiere vorzuführen. Dabei muss man berücksichtigen, dass so mancher ausgewachsene Spinnentierforscher diese Tiere noch nie lebend zu Gesicht bekam. Ich nutzte die besondere Gelegenheit auch gleich, um hochauflösende Videos zu Verhaltensaspekten dieser bizarren und grazilen Tiere zu erstellen. Diese haben mehrfach die Aufmerksamkeit von Schizomiden-Forschern erregt, die ihrer Arbeit zwar in den ursprünglichen Verbreitungsgebieten der Tiere nachgehen, jedoch offenbar außerstande sind, qualitativ vergleichbares Videomaterial zu erstellen. Wie auch zoologische Gärten können Neozoen in Gewächshäusern also die Bildung bereichern.

 

alle Urheberrechte des Videos liegen bei Stefan F. Wirth, Berlin 2018

 

Im Übrigen muss betont werden, dass alle hier im Zusammenhang mit Gewächshäusern allgemein und dem „Tropical Island“ im Speziellen genannten Organismen für Menschen ungefährlich und meist mikroskopisch klein sind. Sie stellen in künstlichen „Regenwäldern“ einen für das Gedeihen der Flora notwendigen Bestandteil deren Ökosystems dar.

Generell sind aber auch Fälle von Pflanzen oder Tieren bekannt, die den Weg aus Gewächshäusern oder Aquarien in den angrenzenden, ihnen unbekannten Lebensraum fanden und dort (zumindest zeitweise) bestehen konnten. So wurde beispielsweise der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis), der ursprünglich im östlichen Asien beheimatet ist, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gewächshauskulturen zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, und zwar zunächst in den USA, wo er entkam und sich auch im Freien etablieren konnte. Inzwischen ist der Käfer auch im Freiland Südamerikas, Afrikas und Europas ansässig geworden und schadet unter anderem einheimischen Marienkäferarten. Denn als Konkurrent ist er nahezu unbesiegbar. So ist sein Appetit nach Blattläusen kaum zu stoppen, doch auch gegen Infektionen erweist er sich deutlich resistenter als beispielsweise deutsche Marienkäferarten. Erschwerend kommt hinzu, dass er die Sporen eines parasitischen Einzellers, sogenannte Mikrosporidien, an heimische Arten weitergeben kann, die im Gegensatz zu H. axyridis keine oder eine herabgesetzte Immunität gegen diesen Parasiten besitzen.

Der Käfer ist häufig auf Berliner Wiesen im Sommer anzutreffen, wo er mit oder ohne deutlich sichtbaren Punkten auf den Flügeldecken auftreten kann. Wie er dorthin kommt? Zunächst einmal haben Forscher mithilfe genetischer Marker herausgefunden, dass die meisten Käferpopulationen in Europa, Südamerika oder Afrika auf Tiere aus den USA zurückzuführen sind. Sie sind daher international vorwiegend durch den Menschen verbreitet worden. Darüber hinaus kann die Art, die ja effizient in der heimischen Natur bestehen kann, natürlich auch aus eigener Kraft neue, nah gelegene Lebensräume erschließen.

Gemäß den Aussagen des Leiters der NABU-FG Entomologie in Berlin, Thomas Ziska, wurde der Asiatische Marienkäfer 2004 erstmals in Berlin nachgewiesen. Zwischen 2005 und 2008 hat die genannte Fachgruppe den Käfer zudem regelmäßig im Bereich des Tegeler Fließtals angetroffen.

Das nämlich war genau der Anlass meiner Kontaktaufnahme mit dem NABU. Im Rahmen eines eigenen kleinen Forschungs- und Kunstprojektes habe ich im Sommer 2018 Beobachtungen zur Insektenvielfalt (vorwiegend Blütenbesucher) auf Berliner Sommerwiesen gemacht. Schwerpunktmäßig ging es mir dabei auch um Fotografie. So besuchte ich regelmäßig das Tempelhofer Feld, das Teufelsberg-Gebiet sowie das Areal des Nord-Berliner Köppchensees, das einen Teil des Tegeler Fließtals darstellt. Der Köppchensee sowie seine angrenzenden Ökosysteme werden naturkundlich durch die NABU Berlin betreut, die in vorbildlicher Weise dafür Sorge trägt, dass der Besucher dieses Natur-Refugiums über zoologische Besonderheiten ausführlich in Form von Informationsplakaten informiert wird.

Von besonderem Interesse für alle Naturliebhaber und Naturkenner ist das Gebiet aufgrund eines Mosaiks aus verschiedenen Feuchtgebiet-Typen sowie sandiger Areale mit entsprechender Sandlückenfauna, ergänzt durch Trockenwiesen, die zum Teil auf einer Anhöhe gelegen und mit alten Obstbaumpflanzungen versehen sind. Diese gedeihen aufgrund einer exponierten Sonnenlage ausgezeichnet und liefern vor allem verschiedene Pflaumen- und Apfelsorten.

 

Das gesamte Köppchensee-Gebiet zeichnet sich durch eine artenreiche Flora und Fauna aus. Zudem ist es ein Refugium für zahlreiche Vogelarten. So lassen sich beispielsweise auf den Obst-Trockenwiesen im frühen Sommer Neuntöter bei der Jagd und der Aufzucht der Jungtiere beobachten.

Im Vergleich zu den Arealen Teufelsberg und Tempelhofer Feld waren mir nicht nur asiatische Marienkäfer am Köppchensee besonders häufig aufgefallen, freilich ohne eine Statistik angefertigt zu haben. Auch ein weiteres Neozoon aus dem östlichen Asien scheint sich um den Köppchensee auffällig etabliert zu haben, nämlich der Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis).

 

Der auffällige Schmetterling war mir mehrfach ausschließlich am Köppchensee, und zwar auf der Trockenwiese in Höhe der Aussichtsplattform vor die Kameralinse geflattert, nicht am Teufelsberg und nicht auf dem Tempelhofer Feld. Dies mag allerdings Zufall sein, da der Buchsbaumzünsler gemäß der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz bereits seit 2017 „flächig im Stadtgebiet Berlin vertreten“ ist.

Hinzu kommt, dass erwachsene Falter zwar zur Nahrungsaufnahme verschiedene Blütenpflanzen ansteuern, die Larven jedoch strikt auf die Anwesenheit von Buchsbäumen (Buxus) angewiesen sind, die es laut Thomas Ziska von der NABU-FG Entomologie am Köppchensee direkt gar nicht gibt. So ist davon auszugehen, dass die von mir beobachteten Falter in angrenzenden privaten Gärten geschlüpft sind.

Vermutlich durch den Handel mit Zier- und Nutzbäumen konnte sich der Buchsbaumzünsler aus seiner eigentlichen Heimat in Ostasien nach Europa verbreiten, wo er sich inzwischen auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich etabliert hat. Auch aus Belgien und einigen osteuropäischen Ländern gibt es entsprechende Meldungen.

Die Schadwirkung des Schmetterlings beschränkt sich auf Buchsbaumbestände in Parkanlagen und privaten Gärten sowie wilden Exemplaren in naturbelassenen Gebieten. Die können bei Befall jedoch vollständig kahl gefressen werden. Inwiefern heimische Insekten, die an das Leben an Buchsbäumen angepasst sind, durch das Neozoon in Mitleidenschaft gezogen werden, habe ich nicht recherchiert.

Direkt am Holzzaun der Aussichtsplattform, die von einer Anhöhe aus einen beeindruckenden Überblick über den Köppchensee verschafft, habe ich ein weiteres Tier entdeckt, das offenbar ein Neozoon darstellt, nämlich die marmorierte Baumwanze Halyomorpha halys. Allerdings bin ich bis heute unsicher, ob ich als Nicht-Wanzenkundler die eigentlich auffällige Baumwanze anhand des einzigen Fotos, das mir zur Verfügung stand, korrekt bestimmt habe. Thomas Ziska bestätigt dies jedoch in seiner Email mit den Worten: „Der Nachweis von H. halys am Köppchensee ist neu.“

Auch die marmorierte Baumwanze ist ursprünglich im Osten Asiens beheimatet und fand über Transportkisten erst Anfang dieses Jahrtausends ihren Weg aus China nach Nordamerika, wo sie sich etablieren und rasant ausbreiten konnte. Nachweise aus Europa liegen erst seit 2007 vor. Es ist mir nicht bekannt, ob die Verschleppung direkt aus China erfolgte oder über den Umweg durch die USA. Seit 2016 jedenfalls verbreitet sich die Art zunehmend in Deutschland, allerdings eher in südlichen Bundesländern. Gemäß Informationen durch Th. Ziska trat die Wanze auch 2016 erstmals in Berlin auf.

H. halys tritt aufgrund ihrer biologischen Neigungen vorwiegend als Pflanzenschädling in Erscheinung. Wie üblich für Baumwanzen saugt die Art an Pflanzensäften. Hierbei verursacht sie wirtschaftlichen Schaden, indem sie verschiedene Nutzhölzer attackiert. So werden beispielsweise die Fruchtanlagen von Apfel, Birne, Pfirsisch oder Haselnuss angestochen, was die Entwicklung der Früchte stört, so dass Missbildungen die Folge sein können.

Ein weiteres Neozoon, das mir bei meinen Foto-Exkursionen häufiger aufgefallen ist, stellt die Büffelzikade Stictocephala bisonia dar. Allerdings fand ich diese gerade nicht am Köppchensee, dafür aber auf dem Tempelhofer Feld und im Schillerpark im Berliner Bezirk Wedding.

Die faszinierende kleine Buckelzikade stammt ursprünglich aus Nordamerika und scheint der Literatur zufolge über Triebe zur Veredelung von Obstbäumen nach Europa eingeführt worden zu sein, wo eine flächige Ausbreitung ab spätestens 1912 erfolgte. Waren zunächst der Mittelmeerraum, Mittelasien und Nordafrika betroffen, begann die Art seit den 1960er Jahren nordwärts gen Mitteleuropa zu wandern. Hier breitet sich die Zikade seit etwa 2000 in Deutschland aus, Nachweise aus Brandenburg liegen seit 2004 vor.

Die Pflanzensauger scheinen der Literatur zufolge hinsichtlich ihrer Wirte nicht sehr wählerisch zu sein. So werden neben Rosengewächsen, wo ich sie zumeist antraf, auch Obstbäume oder Pappeln befallen. Die wirtschaftlich relevanten Schäden entstehen weniger durch die Saugaktivitäten der erwachsenen Insekten als vielmehr durch die Eiablage. Denn die erfolgt in dichten Abständen zueinander. Da Pflanzenteile, die über den Eiern liegen, zumeist absterben, kann hierdurch ein beträchtliches Schadbild an den Wirtspflanzen entstehen. Auch in diesem Zusammenhang ist mir nicht bekannt, inwieweit das Neozoon eine ernsthafte Konkurrenz für ursprünglich einheimische Zikadenarten darstellt.

Es ist übrigens kalendarisch definiert worden, ab wann eine Pflanze oder ein Tier als Neozoon oder Neophyt zu bezeichnen ist. Als festgelegtes Datum gilt die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492. Arten, die davor mit menschlicher Hilfe verbreitet wurden, werden als Archäobiota, also Archäozoen oder Archäophyten bezeichnet. Danach wird die Vorsilbe Neo- zur Anwendung gebracht.

Ein Beispiel für ein Archäophyt ist die Wilde Karde Dipsacus fullonum, die man beispielsweise in den Trockenwiesen am Berliner Köppchensee bestaunen kann. Das dekorativ erscheinende Geißblattgewächs stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Die Pflanze gilt als eher nützlich und findet zum Beispiel in der Volksheilkunde Verwendung.

 

Andere Neozoen, die in Berlin häufig anzutreffen sind, sollen hier nicht weiter erläutert werden. Hierzu gehören beispielsweise der Waschbär Procyon lotor oder der Louisiana-Flußkrebs Procambarus clarkii. Auch die Süßwasserqualle Craspedacusta sowerbii und die Chinesische Wollhandkrabbe Eriocheir sinensis sind neozoische Einwanderer in Deutschland und tauchen immer wieder in Berlin auf.

Wasserlebende Neozoen, wie beispielsweise die Wollhandkrabbe, werden häufig durch den Frachtschiffverkehr über große Distanzen transportiert. Ballastwasser kann eine Quelle der Verschleppung sein. Jedoch ist der Effekt solcher unplanmäßigen Tiertransporte keineswegs immer ein Desaster. Denn manche Organismen überleben nur kurzzeitig in der hierzulande warmen Jahreszeit und können daher auch keine eigenständigen Populationen entwickeln.

 

Sind Neobiota grundsätzliche durch Menschen verursachte Naturkatastrophen?

 

Der Mensch als Vektor für die Verschleppung von Organismen, so viel muss festgehalten werden, kann seiner Umwelt Schaden zufügen, so wie viele andere seiner Aktivitäten auch.

Und doch ist ein Artensterben, beispielsweise hervorgerufen durch neu etablierte Tiere, die verwandte einheimische Arten verdrängen, ein Prozess, den es nicht erst seit der Evolution des Homo sapiens gibt.

Dass Arten aussterben und neue Arten entstehen ist das Prinzip der Evolution auf unserem Planeten. Neben tektonischen spielen hierbei auch klimatische Veränderungen eine große Rolle. Klimaerwärmungen beispielsweise ermöglichen wärmeliebenden Arten grundsätzlich, zuvor lebensfeindliche Gebiete besiedeln zu können. Dabei gibt es neben der Verschleppung durch den Menschen auch natürliche Wege der Verbreitung über große Distanzen, beispielsweise durch Zugvögel oder Treibgut auf Ozeanen.

Dennoch formt der Mensch seine Natur in einer Weise, die es vor seinem Erscheinen auf diesem Planeten nicht gegeben hat. Daher kann man sich nicht zurücklegen und sagen: Arten kommen und andere vergehen, das ist nun einmal der Lauf der Natur. Ein effizienter Naturschutz, der auch die Bekämpfung mancher Neobiota beinhaltet, ist unerlässlich.

Berlin, 12.11.2018

All Copyrights Stefan F. Wirth

 

 

 

Meine Antworten zum Fragebogen der katholischen Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“

Die ökumenisch ausgerichtete und überregionale katholische Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ hat einen Fragebogen via Email versandt. Er landete in meinem Spam-Ordner und war auch nicht explizit an meine Person gerichtet. Und dennoch entschied ich mich, die Fragen zu beantworten.

Diese Antworten sollen hier präsentiert werden:

1. Irgendetwas Höheres muss es doch geben.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Nicht auszuschließen, aber auch nicht belegt. Die Evolution erklärt alle Vorkommnisse des irdischen Lebens lückenlos.

2. Gott erfährt man eher durch Fühlen, weniger durch Denken.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Das würde den Religionsgemeinschaften so passen. Ihre Schäflein bleiben nur dann folgsam und zahlungswillig, wenn man sie dumm hält.

3. Zweifeln gehört zum Glauben.

Ja, das sehe ich so.
Gängige Glaubensdogmen muss man stets bezweifeln!

4. Wenn Gott fehlt, ist alles erlaubt.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Dort, wo ein menschengemachter dogmatischer Gott das Sagen hat, ist nicht nur jede Unmenschlichkeit erlaubt, sondern sie ist sogar integraler Bestandteil jeder Glaubensbewegung. Wo ein Menschengott herrscht, herrschen stets auch Diskriminierung, Verleumdung, Hass und Morde.

5. Die Ergebnisse der Natur- und Humanwissenschaften …

… können über Gott keine Aussage treffen.
Seriöse Wissenschaften agieren faktenbasiert. Bei fehlenden Fakten wird keine Aussage getroffen. Es gibt keine wissenschaftlich haltbaren Belege für einen christlichen, einen muslimischen oder buddhistischen Gott.

6. Der zunehmende Wohlstand hat Gott überflüssig gemacht.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Das zunehmende Bildungsniveau weltweit und die damit einhergehende zunehmende Individualisierung der Menschen, die Selbstbewusstsein durch Aufklärung erfahren, machen die genannten von Menschen erfundenen Götter überflüssig.

7. Die Kirche sollte sich mehr mit der Frage nach Gott beschäftigen.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Die Kirchen dieser Welt sollten sich mehr mit Ethik, Bildung, Toleranz und Menschlichkeit befassen.

8. »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.« (Joh 14,6). Jesus ist der einzige Weg zu Gott.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Der historische Jesus aus Nazareth war ein Lehrer für Moral und Toleranz. Anstatt ihn mit der Andichtung albernen Hokuspokus zu verhöhnen, sollte man sich mit seinen Lehren befassen, den Lehren über Moral und Toleranz.

9. Nur mit Gott hat das Leben einen Sinn.

Nein, ich bin anderer Meinung.
Biologisch besteht der Sinn in der Fortpflanzung. Philosophisch sind zahlreiche Zielwerte entwickelbar. Kein dogmatisches Gottesbild wird benötigt.

 

By Stefan F. Wirth

Berlin, Oktober 2018

Wird die Biodiversitätsforschung zunehmend in Zweit- und Drittweltländer verlagert und verliert dort durch Massenpublikationen mäßig vorgebildeter Forscher an Wert?

 

Es erscheint zunächst plausibel: Ein sinnvoller Naturschutz muss zwingend an genaue Kenntnisse unserer Natur anknüpfen. Da unsere natürliche Umwelt zu erheblichen Teilen biologisch belebt ist, ist die Artenkenntnis eine wichtige Grundlage, um unsere irdischen Ökosysteme und damit auch uns selbst zu erhalten.

Forscher gehen von insgesamt über acht Millionen Arten weltweit aus. Hierbei zeigen vor allem die Tiere eine hohe Artenvielfalt auf. Ein erheblicher Prozentsatz der Biodiversität, so der Fachterminus für Artenvielfalt, ist jedoch noch immer unbekannt.

Jeder vernünftige Mensch würde doch an dieser Stelle schlussfolgern, dass Biologen und insbesondere Zoologen händeringend benötigt würden, um zu dem Mammutprojekt „Biodiversitätsforschung“ Beiträge leisten zu können. Doch weit gefehlt! Deutsche Stellenangebote suchen in der Regel nach Pharma-Mitarbeitern oder versuchen stellenlose Wissenschaftler unter ihrem Leistungsniveau in Großlaboratorien der medizinischen Forschung unterzubringen. Der Rest bleibt ohne Anstellung und muss mitunter als Hatz-IV-Bezieher ein klägliches Dasein fristen.

Und die Biodiversitätsforschung? Die ist längst nicht mehr in Deutschland zuhause. Nur wenige Grüppchen sind bundesweit verteilt übrig geblieben, und die investieren mehr Zeit damit, ihre Ellbogen zu stärken, um ihre Fördermittel gegen Konkurrenten zu verteidigen, als in gute Forschung.

Machtregierungen denken an nichts anderes als an ihren Machterhalt, kurzsichtiges Agieren, denn was nach ihnen passiert, ist ihnen völlig gleichgültig. Steuergelder wandern in die Geldbörsen gieriger Politiker, und das in rauen Mengen, und nicht dahin, wo sie hingehören: in die langfristige Sicherung der Zukunft.

In der Zwischenzeit sterben Arten zu Hunderten aus, noch bevor sie überhaupt entdeckt und beschrieben werden können, und mit ihnen vergehen mitunter ganze Ökosysteme.

Dabei verfügte Deutschland über eine seit Jahrhunderten gewachsene Tradition in qualitativ hochwertiger Forschung in den Naturwissenschaften. Gerade in der Biologie waren deutsche Wissenschaftler weltweit bekannt für präzise Gedanken und sorgfältige Terminologien sowie gründlich durchdachte Hypothesen.

Inzwischen sind deutsche Spezialisten im Umfeld der Biologie entweder auf Dauer arbeitslos oder zu Überlebenskünstlern geworden. Die USA haben das Feld übernommen, sie investieren immense Forschungsgelder in die Grundlagenforschung. Und das doch mit für das Land typischen Einschränkungen. Wer sich einen US-Wahlkampf anschaut, wer Hollywood-Action-Filme konsumiert, der weiß, dass subtiles Gedankengut oft nicht Sache der US-Amerikaner ist. So auch allzu häufig nicht in den Naturwissenschaften.

Terminologien, die wir sorgsam voneinander abgrenzen, werden gerne lax pauschalisiert verwendet. Feinheiten des Artbegriffes? Für manche Systematiker völlig uninteressant! Die USA sequenziert vorwiegend, das ist zeitgemäß und erfasst die Artenvielfalt objektiv und genau, so jedenfalls glaubt man. Einwände werden nicht selten als unmodern verworfen. Aber welches Gen kodiert denn nun für die Artgrenze? Blöde Frage, kein bekanntes natürlich,  die Grenzen, die legen wir einfach willkürlich fest. Aber wer um alles in der Welt wählt denn dann das Material nach sinnvollen Kriterien aus, das überhaupt zur Sequenzierung gelangt? Gute Frage, so die Antwort, hier werden nach wie vor Spezialisten benötigt, aber bitte, günstig müssen sie sein und produktiv im Akkord. Ich berichte hier aus meinen eigenen Erfahrungen im Bereich der systematischen Milbenforschung.

Der Einwand „Qualität gibt es nicht günstig“ wird kaltlächelnd in den Wind geschlagen. Geld spart man, indem man diese Forschungsleistung in Zweit- und Drittweltländer verlagert. Ich habe selbst miterlebt, dass einflussreiche US-amerikanische Forscher die Arbeit nicht hinreichend vorgebildeter russischer Kollegen explizit motivieren und gutheißen, denn diese Sorte Forscher macht häufig, was ihr gesagt wird, ohne kritische Rückfragen, ohne eigene Einfälle und innovative Ansätze. Wer in Zweit- und Drittweltländern forscht (das gilt auch für die russischen Milbenforscher, die ich kennenlernte) wird aus landeseigenen Kassen verhältnismäßig fürstlich entlohnt. Umfassende Kompetenz ist oft nur eingeschränkt wichtig. Vor allem nämlich gilt es, dem jeweiligen politischen System freundlich gesonnen zu sein, denn ansonsten kommt es erst gar nicht zum Studium.

Auf entsprechendem Niveau befindet sich die Forschung nicht nur im fernen Sibirien, sondern auch in Ägypten oder etwa dem Iran. Ich mache wohl Witze? Nein, nein, ich habe das alles selbst gesehen. Zeckenforschung in Kairo: Mir verschlug es den Atem, schon alleine, weil der Begriff der Tierethik dort völlig unbekannt zu sein schien. In Russland war ich angestellt. Ja zumindest kann man sich im westsibirischen Tjumen vernünftige und hochwertige Mikroskope leisten, auch wenn es mitunter an der Fähigkeit, diese adäquat zu bedienen, hapert. Ergänzende sinnvolle Arbeitsmaterialien hat man hingegen oft nicht und kennt man auch nicht. Manches Zeiss- oder Leica-Mikroskop, einst neuwertig erstanden, sieht nun aus, als entstamme es einem Second-Hand-Markt. Auf Nachfrage heißt es dann, man habe mit der Zange diese und jene Schraube gelöst und diese anschließend nicht mehr dran bekommen. Mikroskop-Kameras sind vorhanden, es kann sie aber keiner bedienen, weder für qualitative hochauflösende Fotografie noch für ebensolche Videografie.

Während also russische Forscher der Stadt Tjumen in maroden Räumlichkeiten aus Zeiten des Kalten Krieges unter undichten Decken ihrer Arbeit nachgehen, diese regelmäßig unterbrechen müssen, um die Eimer unter dem tropfenden Dach auszutauschen, freut sich der US-amerikanische Protecteur. Denn der glaubt allen Ernstes, dass die enorme Herausforderung, neue Arten zu entdecken und zu beschreiben, am besten von denen erfüllt werden kann, die über kein weitreichendes biologisches Grundwissen verfügen, die keine kritischen Fragen stellen, die niemals eigene Ansätze entwickeln und sich die Bohne scheren um läppische uninteressante Phänomene wie kryptische Artengruppen oder Zwillingsarten. Stattdessen wird hohe Quantität geboten. Pro Forscher fünfzehn bis zu dreißig Artbeschreibungen im Jahr sind Ehrensache. Was noch vor zehn Jahren in Deutschland für harsche Kritik gesorgt hätte, macht den Milbenforscher aus Tjumen zum „Leading Scientist“. Eine durchaus angenehme Position, denn ein „Leading-Scientist“ muss sich um wenig sorgen. Sogar die private Wohnung wird ihm mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Russe, der sich in derart existenzieller Wohlbehütung weiß, kaum Gründe sieht, irgendetwas an seiner Arbeitsweise zu ändern. Im Gegenteil soll alles wie gehabt bleiben. Deswegen werden die Texte einer Artbeschreibung für jede neue Art auch nur geringfügig abgewandelt. Ich habe das nicht nur selbst gesehen, sondern mir wurden diese Arbeiten auch regelmäßig zur sprachlichen Bearbeitung vorgelegt. Denn, auch Ehrensache, Russen beherrschen die englische Sprache in der Regel nicht, obwohl es sich dabei um die internationale Wissenschaftssprache handelt. Wen wundert’s, dass meine Korrekturen immer dieselben waren, es existierte nicht einmal die Flexibilität, um schon mehrfach kritisierte Mängel in der Folge zu beherzigen.

Artbeschreibungen ohne die geringste Kenntnis zur Biologie und Ökologie der betroffenen Spezies sind im Grunde ohne Aussage und daher kein Beitrag zu einer sinnvollen Biodiversitätsforschung. Biologische Untersuchungen wurden in meinem sibirischen Forschungsinstitut vorsätzlich, oft mit dem Argument der Undurchführbarkeit, verweigert, in Wahrheit, weil der Zeitaufwand zu groß wäre. Schließlich sollen pro Jahr akkordweise Publikationen veröffentlicht werden, ansonsten wäre man schließlich kein „Leading-Scientist“ mehr. Meine Nachfragen zur Arbeitsweise wurden oft erstaunlich beantwortet. Warum man die lebend zur Verfügung stehende Art nicht gleich auch in Kultur bringe, oder wenigstens zur Lebendbeobachtung erhalte, wollte ich wissen. Die Antwort: „Womit soll ich die Milben denn füttern?“. Auf meinen Hinweis, dass man auch mithilfe des normalen Lichtmikroskops hochqualitative Videos lebender Tiere aufzeichnen kann, wurde schroff entgegnet: „mit dem Lichtmikroskop? Das geht nicht!“.

Ich habe während meines Aufenthaltes in Russland „nur“ drei Publikationen veröffentlicht, mich an einer weiteren zudem maßgeblich beteiligt, dann aber aufgrund der schlechten Qualität des Endwerkes meine Benennung als Coautor explizit untersagt. Im Gegensatz zu den russischen Kollegen habe ich alle Milbenarten, an denen ich forschte, immer auch gezüchtet und biologisch untersucht, und hierzu jeweils gigabyte-weise Videomaterial erstellt. Aus russischer Sicht eine lachhafte Zeitverschwendung, die man sich im Nachhinein aber durchaus zunutze gemacht hat. So wurden meine Beobachtungen zum Verhalten der Deutonymphen der von mir beschriebenen Art Bonomoia sibirica in einem russischen Stipendien-Zwischenbericht frech und schamlos als Ergebnisse russischer Forschungsarbeit ausgegeben, ohne Nennung meiner Urheberschaft. Dass es sich um Beobachtungen handelt, die im Rahmen meiner Artbeschreibung publiziert wurden, in der ich alleiniger Autor war, schien hierbei unerheblich zu sein.

 

Die Biodiversitätsforschung kann nicht eben mal schnell und am Fließband durch weitgehend unkundige Forscher erledigt werden, die nie eine hochqualifizierende Ausbildung in den Bereichen Artbegriff und Ökologie erfahren haben. Ich appelliere an die deutsche Regierung, zu erkennen, dass hierzulande im Gegensatz zur unbekümmerten Arbeitsweise anderswo– noch – qualifizierte Wissenschaftler vorhanden sind. Diese gilt es nicht auszuhungern und dadurch auszumerzen, sondern zu fördern. Denn was gibt es Wichtigeres als ein Verständnis unserer Umwelt, um diese durch sinnvolle Maßnahmen erhalten zu können. Diese Menschen können hierzu wichtige Beiträge liefern!

Es ist kurzsichtig, stattdessen ausschließlich in die Entwicklung moderner Technologien zu investieren. Kürzlich lese ich, dass man sich derzeit lieber Fragen widmet wie: Wie können wir uns die Goldvorkommen der Weltmeere nutzbar machen, Stichwort Tiefseeuntertagebau. Gier anstelle wissenschaftlicher Verantwortung!

Einflussreiche US-Forscher denken allerdings weitaus pragmatischer als ich. Warum neben Russland nicht auch Drittweltländer in die Biodiversitätsforschung einbeziehen? So wurde ich vor etwa einem halben Jahr durch einen jungen iranischen Forscher angeschrieben, der seine Kontaktaufnahme mit der Empfehlung eines einflussreichen US-amerikanischen Kollegen begründete. Ich sollte ihn ehrenamtlich dabei unterstützen, eine Publikation in einem internationalen Peer-Review-Journal unterzubringen. Im Grunde nicht die schlechteste Idee, wenn man berücksichtigt, dass man hierdurch Zugriff auf Artenmaterial erhält, das aus Krisenregionen stammt, in die westliche Forscher nur ungern einen Fuß setzen würden. Der Kollege hat dann auch gleich mit Milben aufwarten können, die in Kriegsgebieten des Irak gesammelt wurden. Da will man dann auch großzügig sein und fragt lieber nicht nach, warum nur ein Entwicklungsstadium zur Verfügung steht und warum nicht der Versuch unternommen wurde, die Art lebend in Kultur zu bringen. Tatsächlich habe ich mich über mehrere Monate hinweg ehrenamtlich auf den jungen Forscher aus dem Iran eingelassen, um dann aber festzustellen, dass dort scheinbar alle mir wichtigen akademischen Grundvoraussetzungen fehlten. Eine mit aller Kraft gerade so durchgeboxte internationale Publikation hätte folgende Konsequenzen gehabt: Für mich keine, ihm hingegen wäre dafür vermutlich umgehend eine Professur verliehen worden. Ich habe meine Kooperationsbereitschaft daher inzwischen eingestellt.

Copyrights Stefan F. Wirth, September/ Oktober 2017

 

 

Abgeordnete von CDU und CSU mit hohen nicht transparenten Nebeneinkünften, wenigstens schickt die OSZE Wahlbeobachter nach Deutschland

Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren in vielen Bereichen negativ verändert. Das macht sich im allgemeinen Bildungssektor und den Wissenschaften schon länger bemerkbar. Doch auch das Sozialsystem hinkt.

Hochqualifizierte Naturwissenschaftler, insbesondere aus der Grundlagenforschung, wie zum Beispiel Zoologen, flüchten ins Ausland, weil Deutschland großflächig diverse Forschungsdisziplinen nicht mehr finanziert. Das tun inzwischen andere, die USA, auch südamerikanische Länder oder Russland. In den biologischen Disziplinen Systematik, Taxonomie und Phylogenie war Deutschland einst weltweit führend. Heute führen andere.

Doch die CDU dominierte Regierung scheint wenig Interesse an einem hohen Bildungsstandart in Deutschland zu haben. Zu viele Menschen mit intellektuellen Fähigkeiten würden schließlich die Wahlerfolge der Erzkonservativen gefährden.  Denn das haben wir doch schon immer aus den Erfahrungen mit Ländern, die durch Macht-Regierungen kontrolliert wurden, gelernt: Die effizienteste Diktatur lässt sich am besten dort errichten, wo die Bevölkerung am wenigsten weiß.

Hierzulande wissen immer weniger angehende Akademiker, ihre eigene Sprache fehlerfrei zu Papier zu bringen. Wie soll solch eine Bevölkerung noch wissen, wen sie da eigentlich seit über einem Jahrzehnt brav an die Macht wählt?

Bereits die Regierung Adenauer hat Täter des Nationalsozialismus mit politischen Ämtern versehen, andere aus den Gefängnissen in die Freiheit entlassen. So wurden beispielsweise Täter des Konzentrationslagers Buchenwald Mitte der 1950-er Jahre kurzerhand und unbeschwert in die Gemeinschaft zurückgeführt: SS-Obersturmführer Philip Grimm, der unter anderem für den Abtransport behinderter Häftlinge sorgte, SS-Hauptsturmführer Herman Hackman, ließ 8000 Gefangene der Roten Armee durch Genickschuss töten, SS-Hauptscharführer Gustav Heigel, hat über 350 Hinrichtungen durchführen lassen und Wolfgang Otto, SS-Scharführer, in Buchenwald Protokollführer des Exekutionskommandos, hernach bis 1962 Religionslehrer an einer katholischen Volksschule.

In der Ära Kohl war der CDU-Bundeskanzler selbst in einen Korruptionsskandal um vermeintliche Spendengelder verwickelt. Und auch in der Merkel-Regierung ist der Schein zum Machterhalt wichtiger als eine gute und verantwortungsvolle Innenpolitik. Von Politikern gefälschte Doktortitel gelten offenkundig als Kavaliersdelikt. Soziale Not in der Bevölkerung wird durch beschönigende Statistiken vertuscht. Deutschland kann zudem dauerhaft in der international vergleichenden Pisa-Studie keinen hohen Platz mehr belegen.

Doch frei nach dem Slogan Macht allein macht immer noch nicht glücklich sind den Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU die beachtlichen monatlichen Diäten in Höhe von fast zehntausend Euro nicht genug. Gemäß einer Studie der Transparenzorganisation abgeordnetenwatch.de erscheinen Abgeordnete dieser Parteien in einem Ranking zur Höhe von Nebeneinkünften deutscher Bundestagsabgeordneter auf neun der ersten zehn Plätze. Die höchsten Nebeneinkünfte werden dabei Philipp Graf von und zu Lerchenfeld zugeordnet.

Alles legal, und doch beanstandet die Organisation aus meiner Sicht zurecht, dass die genaue Herkunft von Summen in Millionenhöhe nicht vollständig angegeben werden muss.

Für die Betroffenen natürlich sehr angenehm. Und solange die politischen Machtverhältnisse bleiben, wie sie heute sind, muss auch in Zukunft niemand ernsthaft befürchten, dass ihm genauer auf die Finger geschaut wird. Dazu muss allerdings die Bundestagswahl auch tatsächlich gewonnen werden. Kein Problem, wenn man ernstzunehmende Wahlprognosen zugrunde legt. Eine Regierung von CDU und FDP wird erwartet.

Wenn es nun aber, selbstverständlich völlig unerwartet, nun doch brenzlig werden sollte, würde man sich dann so ohne Weiteres geschlagen geben? Die OSZE ist davon offensichtlich nicht so ganz überzeugt, weswegen gemäß der Zeit Online drei bis fünf Experten als Wahlbeobachter nach Deutschland entsandt werden sollen.

Eine Geste immerhin, die jedoch auch bei den Wahlen in 2009 den Verlauf nicht in Frage stellte. Das wäre womöglich für ein solch übersichtliches Expertenteam auch schwer in die Wege zu leiten. In anderen Ländern werden ungleich größere Wahlbeobachtungsmissionen durchgeführt. Das Zugeständnis ist dem Artikel zufolge im Übrigen dem Engagement der AfD geschuldet, woraufhin ich nur sehr ungern hinweise. Denn nichts, das sich rechts von CDU/ CSU positioniert, kann Deutschland aus meiner Sicht zugute kommen.

Doch es hat natürlich seine Gründe, dass Teile der Bevölkerung ihr Vertrauen dem rechten Populismus schenken. Denn einfache Antworten und Schuldzuweisungen simulieren häufig greifbare Hoffnung auf Verbesserung, wo in Wahrheit noch ein langer steiniger Weg zu meistern ist.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland groß geworden. Wer am Existenzminimum und darunter lebt, fühlt sich immer häufiger unverstanden. Wie kann ein Politiker, der monatlich über Einnahmen von mehr als zehntausend Euro verfügt, Verständnis für die Nöte derjenigen aufbringen, die sich bei Einkünften von unter 400 Euro ihr Brot nicht leisten können.

Links bietet stets die besseren politischen Konzepte, doch sind sie meist nicht so leicht verständlich wie rechtsradikale Polemik. Umso mehr müssten sich die linken Parteien Linkspartei, Grüne und SPD um ihre Wählerschaft bemühen. Doch es hapert am politischen Engagement. Gerade die kleineren Linksparteien gefallen sich leider zu sehr in ihren Rollen als Opposition.

Deutschland hat jedoch keine Zeit für oppositionelle Genügsamkeit. Denn auf Berlins Straßen ist die Obdachlosigkeit nun allerorts nicht mehr zu übersehen.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, 02. August 2017

 

 

Google und die Knowledge Panel-Karte

Es soll ein praktisches kleines Helferlein sein, die „Knowledge Panel-Karte“, jene Informationsbox, die oben rechts neben den Google-Suchergebnissen erscheint. Praktisch insofern, als hier die passende Wikipedia-Seite knapp zusammengefasst wird. Handelt es sich um eine Personensuche und existiert zu dieser Person eine Wikipedia-Seite, wird auch ein Foto dieser Person gezeigt. Meist eine zuverlässige Hilfe, die gleich auch den Link zur Wikipedia-Seite enthält.

Offenbar ist die Panel-Karte jedoch auch sehr anfällig für Fehler, insbesondere, wenn es um die Karte zu meiner Person geht. Dort werden entweder Fotos fremder Personen angezeigt oder sonstige Unwahrheiten hinzugefügt. Man kann das via Klick reklamieren, doch darauf reagiert Google eher nicht oder Monate später.

Derzeit sieht die Karte wie folgt aus:

google panel

Ich habe niemals in meinem leben Bücher über Heizungs- und Trinkwasseranlagen verfasst. Unter „auch oft gesucht“ müssten andere Biologen auftauchen, die stattdessen aufgeführten Personen haben mit mir und meiner Arbeit nichts zu tun. Ich bin gespannt, wie lange diese Fehlinfo noch auffindbar bleibt. Ich werde mich bei Fortbestehen dieser Darstellung beraten lassen, wie ich mich effizient juristisch zur Wehr setzen kann.

Eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz menschliche Arbeitskräfte ablösen wird

 

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Symbolbild, Copyrights Stefan F. Wirth

 

Wir befinden uns in der fernen Zukunft, etwa im Jahre 2150. Eine ökologische Katastrophe, hervorgerufen durch mangelndes Umweltbewusstsein des Menschen, hat die vollständige Schmelzung der Polkappen herbeigeführt und einen weltweiten Klimawandel ausgelöst. Manhattan liegt unter Wasser, nur die obersten Etagen einstmaliger Wolkenkratzer ragen noch über die Fluten hinaus. Auch der Alltag der Menschheit hat sich drastisch verändert. So genannte Mechas sind eine ernsthafte Konkurrenz für Menschen aus Fleisch und Blut geworden. Die Roboter-Technologie ist so weit voran geschritten, dass Roboter der Zukunft nicht nur menschenartig aussehen, sondern auch selbstständig denken können. Sie sind zu Individuen geworden, die individuelle Ziele verfolgen können und auch hinsichtlich ihrer physischen Leistungsfähigkeit dem Menschen ebenbürtig sind.

Der Prototyp eines Unternehmens namens Cybertronics ist ein kleiner Junge, David, der dazu erschaffen wurde, kinderlosen Ehepaaren als Kind-Ersatz zu dienen (https://www.youtube.com/watch?v=2WlcL_6sa9M). David unterscheidet sich dabei optisch nicht von einem biologischen Menschenkind im Alter von etwa elf Jahren. Steven Spielberg erzählt in seinem visionären filmischen Meisterwerk aus dem Jahre 2001 im Grunde eine alte Geschichte. Carlo Collodis Pinocchio-Erzählung aus dem Jahre 1881 hat lediglich ein neues Gewand erhalten (https://www.youtube.com/watch?v=_19pRsZRiz4). In Spielbergs Zukunftsvision ist es nun nicht mehr eine Holzpuppe mit Bewusstsein, getrieben von der tiefen Sehnsucht, einmal ein richtiger Mensch aus Fleisch und Blut zu werden, sondern ein Mensch-gleicher Roboter, der sich auf die Suche nach der blauen Fee begibt, um von ihr in ein echtes Kind verwandelt zu werden. Obgleich sich das Bemühen um echte Menschlichkeit durch eine Hightech-Puppe im Film nur teilweise erfüllt, dem Zuschauer also vor Augen geführt wird, dass Sehnsucht oft Selbstzweck ist, aber auch dass  alle noch so ausgefeilte Hochtechnologie niemals imstande sein wird, einen biologischen Organismus zu erschaffen, bleibt doch die Frage nach der möglichen Wahrhaftigkeit einer solchen Zukunftsvision mit Robotern und echten Menschen im Konkurrenzkampf um einen Platz inmitten menschlicher Gemeinschaften bestehen.

Die Roboter-Technologie ist bereits in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts erstaunlich weit entwickelt. Folgerichtig wird zunehmend durch allerlei Medien die Frage aufgeworfen, inwieweit der Mensch seine eigenen Geschöpfe in Zukunft einmal als Konkurrenten fürchten muss. Philosophische Zukunftsmusik?

Keineswegs. So hat ein internationales Forschungsprojekt in Kooperation mit der Shadow Robot Company in London bereits 2013 der Weltöffentlichkeit die reelle Version eines „One Million Dollar Man“ präsentiert, namentlich eine Reminiszenz an die Fernsehserie „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“ aus den 1970-er Jahren. In der bekannten TV-Serie wird ein Astronaut durch einen Flugzeugabsturz so schwer verletzt, dass nur das Anbringen bionischer Körperteile (Beine, ein Arm, ein Auge) das Überleben ermöglichen kann.

Rex (Kurzform für „robotic exoskeletons“), der eine Million Dollar (?) schwere Roboter, ist weiter fortgeschritten, als man sich in den 1979-ern nur vorstellen konnte. Er verfügt über eine Gliedmaßen-Anatomie, die bis ins Detail der des realen Menschen nachempfunden ist. Laufen allerdings kann er aufgrund seiner fragilen Konstruktion nur mittels einer mechanischen Stütz-Apparatur (https://www.youtube.com/watch?v=V9scEFSIlwI&index=11&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). Doch damit nicht genug. Er ist zudem dazu in der Lage, visuelle Reize in elektronische Impulse zu verwandeln und imitiert somit die Funktionsweise eines tierischen Nervensystems.

Auch ein funktionierendes Herz-Kreislauf-System nennt die Hightech-Kreatur ihr Eigen (https://www.youtube.com/watch?v=2B7Iu15NPDM&index=9&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). An der Herstellung weiterer künstlicher Organsysteme, wie Harnblase, Bauchspeicheldrüse oder Lunge wird derzeit hingegen noch geforscht.

Wohin sollen diese Innovationen führen, wirklich alles nur teure Spielerei? Nein, denn die bionische Forschung verfolgt natürlich sehr konkrete und angewandte Ziele. Es geht um die Herstellung möglichst lebensechter Prothesen. Obwohl die Transplantation eines bionischen Gesichts noch blanke Science Fiction ist, arbeiten zahlreiche Unternehmen weltweit an der Entwicklung künstlicher Gesichtszüge, die menschliche Mimik imitieren sollen. Zugegeben, die aktuellen Ergebnisse lassen nur schwer erahnen, dass in ferner Zukunft vielleicht tatsächlich ein vollkommen menschlich aussehender David  erzeugt werden kann. Dennoch beeindruckt die Vielfalt künstlicher Persönlichkeiten mit humanoidem Antlitz schon heute.

Seit Jahren ist Japan in diesem Forschungssegment ein internationaler Vorreiter. Die Hiroshi Ishiguro Laboratories betreiben mehrere Forschungsgruppen, die sich mit verschiedenen Aspekten der Mensch-Robotor-Interaktion befassen. Neben einer möglichst menschenähnlichen Erscheinung der Androiden gehört hierzu natürlich auch die Fähigkeit, Sprache zu verstehen und passend dazu eine realistische mimische Reaktion zu erzeugen. Generell sollte ein intelligenter künstlicher Gesprächspartner darüber hinaus natürlich auch dazu in der Lage sein, verschiedene Geräusche im dreidimensionalen Raum voneinander trennen und richtig interpretieren zu können, eine Forschungsrichtung, mit der sich die sogenannte SI-group (sound environment intelligence) unter der Leitung von Carlos T. Ishi auseinandersetzt.

Wer aus Metall, Kunststoffen und Mikrochips die Imitation eines menschlichen Gesprächspartners erschaffen will, tut gut daran, sich an einem konkreten Vorbild zu orientieren, um tatsächlich zu individuellen Gesichtszügen des Roboters zu gelangen. So ist beispielsweise der Geminoid HI-2 der Forschergruppe aus Japan eine Nachbildung der realen Person des Teamleiters der Geminoid Research Group, Hiroshi Ishiguro (https://www.youtube.com/watch?v=WijMCSfX0RA).

Bisher wurde jedoch nur ein Aspekt der Spielberg’schen Vision aus dem Jahre 2001 hinsichtlich der Umsetzbarkeit bis heute beleuchtet, nämlich die äußere Erscheinung eines Androiden mit möglichst menschlichen Gesichtszügen und der Fähigkeit, die menschliche Fortbewegungsweise zu imitieren. Doch Roboter benötigen keineswegs eine Menschengestalt, um effizient und flexible Arbeit intelligent koordinieren und verrichten zu können. Je nach Aufgabenbereich, in dem die künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen soll, kann sogar auf die Fähigkeit zu laufen ganz verzichtet werden. Soll die Maschine hingegen menschlichen Fähigkeiten von vornherein hoch überlegen sein, so empfiehlt sich eine neuartige Fortbewegungsart, die umsetzen kann, wozu kein Mensch in der Lage ist. So sind die Roboter Case and Tars aus dem Spielfilm Interstellar aus dem Jahr 2014 wahre Formwandler, eine Fiktion, die der Erforschung extraterrestrischer Lebensräume sicher sehr förderlich wäre, die im Zuge der Verfilmung jedoch damit auskommen musste, durch Puppenspieler in Gang gebracht zu werden (http://www.moviepilot.de/news/interstellar-roboter-wurden-von-puppenspieler-gesteuert-146906).

Auf innovative Fortbewegungs-Technologien von selbstständig agierenden Robotern setzt das US-Unternehmen Boston Dynamics. Beeindruckende Videoaufnahmen zeigen beispielsweise Roboter der Atlas-Reihe beim Spaziergang im Wald (https://www.youtube.com/watch?v=rVlhMGQgDkY) oder Cheetah, den Roboter, der weltweit am schnellsten auf vier Beinen laufen kann (https://www.youtube.com/watch?v=chPanW0QWhA). Nicht Mensch und nicht Gepard waren hier alleinige Vorbilder, und doch sind die Bewegungsabläufe dieser Modelle eindeutig der tierischen Natur entlehnt. Anders der beeindruckende „Sandfloh“, der auf vier Rädern rollt, jedoch durch eine besondere Sprungmechanik unbeschadet ein Hausdach erreichen kann, um dort seinen Weg fortzusetzen (https://www.youtube.com/watch?v=6b4ZZQkcNEo).

Die Einsatzmöglichkeiten dieser intelligenten Maschinen sind vielfältig. Sie reichen von militärischen Aufgaben über die Erkundung schwer zugänglicher Lebensräume (wie beispielsweise der Tiefsee) bis hin zur Assistenz bei medizinischen Operationen am Menschen. Doch auch in der Vermittlung von Werbe-Informationen sollen Roboter künftig Einsatz finden, sind sie doch weit geduldiger und ausdauernder als menschliche Promoter. Spezialisiert hierauf hat sich das russische Unternehmen Promobot aus Perm in Russland, das besondere mediale Aufmerksamkeit erreichte, als eines seiner elektronischen Kreationen im Juni 2016 unerlaubt das Firmengelände verließ und auf der Straße einen Verkehrsstau erzeugte, weil dem neugierigen kleinen Kerl, der auszog, um die Welt zu erkunden, ausgerechnet dort der Strom ausgegangen war (https://www.youtube.com/watch?v=zmzG7kv8DGA).

Deutlich ernster zu nehmen ist natürlich die reale Aussicht, dass Roboter aller Art schon in naher Zukunft Tätigkeiten übernehmen werden, die heute noch Arbeitsplätze für menschliche Kräfte sind. Befasst hat sich mit dieser für manche Leser sicherlich düsteren Thematik beispielsweise die Zeitschrift Der Spiegel in ihrer Ausgabe vom 3.9.2016. Neben Beispielen für Roboter-Einsätze, die schon jetzt vormals menschliche Arbeitskräfte ersetzen, vermittelt die Zeitschrift einen Eindruck davon, welche Berufe in Zukunft ganz besonders von einer maschinellen Automatisierung in Gestalt Computer betriebener Arbeiter betroffen sein können. Als Quelle diente dabei eine Statistik der international agierenden US-Unternehmensberatung A. T. Kearney, derzufolge vor allem in klassischen Arbeiterberufen eine große Wahrscheinlichkeit besteht, dass Menschen durch leistungsfähigere und zugleich billigere Roboter ersetzt werden. In den drei oberen Positionen im Ranking um die meist gefährdeten Tätigkeitsbereiche stehen demnach Büro- und Sekretariatskräfte, gefolgt von Verkäufern und dem Gasronomieservice. Ungleich resistenter gegen eine Verdrängung durch elektronische Arbeitskräfte sind jene Berufe, die eine besondere Komplexität an Handlungsweisen verlangen. Dazu gehören beispielsweise Kinderbetreuung, Kfz-Technik, Sozialarbeit, Altenpflege und Hochschullehre, bzw. -forschung.

Aus meiner Sicht kann solchen Prognosen gerade in Deutschland nur entgegengewirkt werden, indem Regierung und Bildungsministerien das Bildungssystem drastisch umstrukturieren. Mehr Bildung ist erforderlich einhergehend mit nicht immer kürzeren, sondern deutlich längeren Schulzeiten. Bislang geht die Rechnung in Deutschland gut auf, nach dem erweiterten Hauptschulabschluss eine handfeste Arbeiterlehre zu absolvieren, um hernach als Sekretär, Postzusteller, Restaurant-Servicekraft oder Buchhalter ein gutes Auskommen zu finden, das nicht selten zu Gehältern führt, von denen manch ein akademischer Forscher nur träumen kann. Oft wird sogar bestraft, wer nach 13 Jahren Abitur ein naturwissenschaftliches Hochschulstudium absolviert, anschließend promoviert und danach als Forscher mit gelegentlichen Stipendien, Lehraufträgen und befristeten Anstellungen als Überlebenskünstler sein Dasein fristen muss. Der schnellste Weg zum eigenen Gehalt ist in vielen Augen auch heute noch der beste Weg. Und das muss sich dringend ändern. Denn kein Sozialsystem der Welt wird imstande sein, große Teile der Bevölkerung, die in Folge voranschreitender Automatisierungsprozesse im mittleren Alter aus ihren Berufen scheiden, effizient zu unterstützen und zu reintegrieren.

Copyrights für Text und Titelfoto: Stefan F. Wirth November 2016

 

 

 

Biologie des Menschen und politisch korrektes Gender-Mainstreaming, ein Konflikt?

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Am vierzehnten Mai 1429 geschieht etwas Ungewöhnliches. Französische Truppen, denen einige Tage zuvor der Durchbruch in das von englischen Soldaten umzingelte Orléans gelungen war, wagen  einen halsbrecherischen Angriff auf die Belagerer. Vornweg reitet eine siebzehnjährige Frau:  Jeanne d’Arc, auch bekannt als die „Jungfrau von Orléans“ (1412 – 1431). Trotz einer Verwundung und eines Sturzes vom Pferd kämpft die wackere Jugendliche auf dem Schlachtfeld und motiviert ihre Truppen dadurch, eigentlich Unmögliches zu vollbringen. Bereits einen Tag später verlassen die besiegten Engländer ihre Stellung.

In der Endphase des Spätmittelalters sind Frauen eigentlich noch weit davon entfernt, sich als große Kämpferinnen in Augenhöhe mit männlichen Zeitgenossen zu verwirklichen. Jeanne ist eine Ausnahmeerscheinung. Nur durch Vortäuschung göttlicher Visionen und einer nachweisbaren Jungfräulichkeit gelang es ihr nach einem dreiwöchigen Prüfungsverfahren, den französischen Kronrat davon zu überzeugen, sie in militärischem Auftrag zu entsenden.

Wer als Frau keinen göttlichen Auftrag glaubhaft machen kann, lebt in Europas Mittelalter allerdings unter unangenehmen Bedingungen. Frauen sind unter anderem aufgrund des religiösen Dogmas dem Manne Untertan, insbesondere in der Ehe. Die übliche Trauungsformel betonte dies wortwörtlich, um in den zwangsverheirateten sehr jungen Mädchen auch ja keine Missverständnisse aufkeimen zu lassen. Die Ehefrau unterstand der  Vormundschaft ihres Gatten, er kontrollierte in der Regel über ihr volles Vermögen und konnte sie nach Lust und Laune züchtigen oder verstoßen. An ein weibliches Mitspracherecht in Fragen der Politik war schon überhaupt nicht zu denken

Bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dauerte die Versklavung der Frau in der europäischen Gesellschaft an, ohne auch nur im Mindesten für ernsthafte kontroverse Diskussionen unter Männern zu sorgen. Erst 1865 bewegte sich etwas, das die Situation der Frau in der deutschen Gesellschaft schrittweise verbessern sollte.  Der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) wurde gegründet und war stark beeinflusst durch das intellektuelle Wirken der Frauenrechtlerin und Pazifistin Hedwig Dom, die sich besonders für ein Recht der Frau auf Bildung und Arbeit engagierte. Doch die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau war ein langwieriger und steiniger Prozess. Vom Wahlrecht für Frauen war noch gar nicht die Rede. Diesbezügliche Forderungen durch den Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) stießen erst nach Ende des Ersten Weltkrieges auf fruchtbaren Boden. In der Folge erließ der Rat der Volksbeauftragten ein Dekret, das das Frauenwahlrecht im Gesetz verankerte.

Das Dritte Reich jedoch erwies sich zunehmend als erneuter Tiefpunkt  der Emanzipation der Frau, ein ideologisches Frauenbild wurde umgesetzt, das weibliche Bürger zu Gebärmaschinen und Putzzofen männlicher Haushalte degradierte. Zwar wurde unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges in Westdeutschland das Grundgesetzt erschaffen, das die Gleichberechtigung von Mann und Frau verbindlich vorschrieb, jedoch konnte der moderne Feminismus erst ab 1968 in Folge der Studentenbewegung  Fuß fassen. Umzusetzende Forderungen zur Ent-Diskriminierung  der weiblichen Bevölkerung gab es nämlich noch immer zuhauf. Dazu gehörten das Recht auf Abtreibung oder eine geschlechtsunabhängige Gleichsetzung  der Löhne.

Anders als Frauen, die auch in der römischen und griechischen Antike Unterdrückung durch die Männerwelt erfuhren, war  männliche Homoerotik in jenen Epochen durchaus gesellschaftlich akzeptiert, wenn auch seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert in Rom per Gesetz unter bestimmten Bedingungen unter Geldstrafe gestellt. Der größte Feldherr der Antike, Alexander der Große (356 – 323 v. Chr.), liebte Hephaistion (um 360 – 324/23 v. Chr.) . Und über die Liaison Julius Cäsars (100 – 44 v. Chr.) mit dem bithynischen König Nikomedes IV (bis 74 v. Chr.) wurde zwar  bereits von den Zeitgenossen getratscht, was jedoch über ein gehässiges Spötteln nicht hinausreichte.

Erst ab dem frühen Mittelalter, einhergehend mit der gesellschaftlichen Vormachtstellung der christlichen Kirche, wurde praktizierte Homoerotik als todeswürdiges Verbrechen behandelt.

Nahezu nahtlos wurde die Diffamierung gleichgeschlechtlicher Liebe, insbesondere der männlichen, in der Neuzeit in Form eines Gesetzesparagraphen übernommen. So erschuf das Deutsche Kaiserreich im Jahre 1872 den Paragraphen 175, der den Beischlaf unter Männern mit einer Gefängnisstrafe ahndete. In einer abgemilderten Form war dasselbe Gesetz immerhin bis zum 10. März 1994 in Kraft.

Die moderne Gleichstellung der Geschlechter und die gesellschaftliche Akzeptanz  gleichgeschlechtlicher Lebensformen sind das Resultat  eines politischen Kampfes, den mutige Streiter zu Gunsten einer gerechten,  bunteren und harmonischeren Gemeinschaft ausgefochten haben. Alle Belange der Gleichstellung werden heutzutage unter dem Begriff Genderismus oder Gender-Mainstreaming zusammengefasst.

Allerdings sind menschliches Sexualverhalten und die Geschlechterrollen grundsätzlich Folgen der Biologie des Menschen, und so ist ein Verständnis ihrer Zusammenhänge abhängig von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, explizit der biologischen Forschung.

Daher wehren sich Naturwissenschaftler zunehmend zurecht gegen Trends des modernen Gender-Mainstreamings, die nicht mehr darauf ausgerichtet sind, durch die Gesellschaft begangenes Unrecht zu beseitigen, sondern inzwischen bedauerlicher Weise quasi-religiöse Züge angenommen haben. Es ist für Aktivisten offenbar problematisch, sich das vollständige Erreichen ihrer ursprünglichen Ziele eingestehen zu müssen. In der Folge entbehren Forderungen jeder argumentativen Grundlage und verkommen zu idealisierten Überzeichnungen mit kreationistisch-dogmatischem Charakter.

Aktivistische Organisationen wie LGBT lösen den Menschen aus seiner Biologie und der Systematik des Tierreichs heraus und formulieren Thesen, denen zufolge der Homo sapiens mystische Fähigkeiten besitzen soll. Es wird ihm unterstellt, sein Geschlecht und seine erotischen Präferenzen frei wählen zu können.  Doch genauso wenig wie sich der Hahn durch Willenskraft in eine Henne verwandeln kann, ist es dem Menschen möglich, sich sein Geschlecht selbst zu erschaffen. In der Tat gesteht das Gender-Mainstreaming dem Menschen schöpferische, im Sinne göttlicher Fähigkeiten zu.

Daher überzeugt der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera mit seiner Schlussfolgerung, dass der Genderismus eine moderne Form des Kreationismus sei.

Wie Kutschera in seinem Buch „Das Gender-Paradoxon“ kompetent und mit einer Kaskade naturwissenschaftlicher Argumente darlegt, sind es genetische, hormonelle, anatomische und neurologische Determinanten, die bei H. sapiens sowohl für die Ausprägung der erotischen Präferenzen wie auch für die Ausbildung des biologischen Geschlechts verantwortlich sind.

Längst übt der Genderismus weltliche Macht aus und vermag sich daher effizient gegen begründete Einwände zur Wehr zu setzen, ohne selbst jemals auch nur den Hauch eines Arguments dargelegt zu haben. Wer die Genderismus-Bewegung unter Vorweisung naturwissenschaftlicher Fakten kritisiert, wird isoliert, hämisch der Diskriminierung von Minderheiten beschuldigt oder gar  demonstrativ in das rechtsextremistische politische Umfeld eingeordnet.

Und in der Tat wird eine Genderismus-Kritik beispielsweise gerne in den rechtsextremistischen Kreisen des AfD vorgetragen. Es gilt jedoch stets, dass wenn zwei Menschen mehr oder weniger dasselbe sagen, keineswegs notwendiger Weise dasselbe gemeint ist. Der Rechtsextremismus möchte eine multikulturelle Lebensvielfalt mit allen Mitteln diffamieren und diskreditieren, wozu keine neutralen Argumente vonnöten sind. Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie werden ganz im Gegenteil durch  leicht eingängige und innen hohle Parolen propagiert. Pauschaler Hass benötigt keine aufzuführenden Fakten.

Seriösen Naturwissenschaftlern wie Herrn Kutschera oder mir liegen jedoch Diskriminierungen und Diffamierungen aller Art vollständig fern. So bin ich beispielsweise bekannt dafür, selbst einer der genannten Minderheiten zugehörig zu sein und außerdem ausschließlich der Partei Die Linke eine sozial-gerechte Regierung zuzutrauen.

Ulrich Kutschera ist bekennend heterosexuell, parteilos und Nicht-Wähler. Er betont, dass ihn stets nur Fakten interessierten und belegt diese Aussage auch eindrucksvoll in seinem hervorragend recherchierten Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“.

Kein seriöser Wissenschaftler bezweifelt, dass Frauen dem Mann juristisch gleichgestellt sein müssen. Daraus jedoch zu schlussfolgern, Mann und Frau seien auch biologisch gleich, ist falsch. Kutschera erklärt detailreich, dass der Homo sapiens  einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus aufweist.

Neben den bekannten genetischen, hormonellen und morphologischen Geschlechtsunterschieden wird auch auf die Hypothese der „primären Weiblichkeit des Menschen“ mit dem Mann als sekundärem Geschlecht ausführlich eingegangen. Es geht hierbei beispielsweise um die Existenz der männlichen Brustwarzen, die einer wissenschaftlichen Hypothese aus dem Jahre 2014 zufolge auf einen Entwicklungsweg in der frühen Embryogenese hinweisen, der erst später in die „männliche Linie umprogrammiert“ werde. Genau genommen handelt es sich um das sogenannte SRY-Gen, das im Verlaufe der frühen Embryonalentwicklung aktiviert wird und einen Anstieg des Testosterons zur Folge hat.

Nachweislich zeigen die beiden Geschlechter des Menschen auch unabhängig von einer elterlichen Prägung signifikante geschlechtstypische Verhaltensweisen, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Völlig anders hingegen lautet die Erklärungsweise zur Existenz zweier menschlicher Geschlechter aus der Feder des Genderismus. So äußerst sich beispielsweise die US-Gender- und Sprachforscherin Judith Butler wie folgt zur von ihr postulierten Festlegung des Geschlechtes nach der Geburt: Die Geschlechtsfeststellung durch die Hebamme sei  keineswegs „eine Beschreibung oder bloße Feststellung, sondern zugleich eine Anweisung, ein weibliches Geschlecht zu sein“. Ein Baby ohne Geschlecht wird hernach durch einen Sprechakt einem bestimmten Geschlecht zugewiesen. Butler folgt dabei  in ihrer Denkweise dem Moneyismus, der auf den US-Psychologen und Erziehungswissenschaftler John Money (1921 – 2006) zurück geht. Der vorgebliche Wissenschaftler gelangte zu dem Schluss, dass geschlechtsneutrale Wesen erst ab dem zweiten Lebensjahr über Erziehungsmaßnahmen und kulturelle Einflüsse einem Geschlecht zugeordnet würden und dass davon auszugehen sei, dass der Schöpfergott der Bibel nur ein Hermaphrodit gewesen sein könne.

Ähnliche bizarre Genderismus-Thesen werden auch auf das Erotikverhalten des Menschen übertragen. So sei die erotische Präferenz für ein Geschlecht, beispielsweise das eigene, völlig willkürlich wählbar. Seriöse Forschungsansätze in den letzten hundert Jahren haben jedoch klar dargelegt, dass beispielsweise die homoerotische Veranlagung bei Männern genetisch determiniert ist. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang auf die Forschung an eineiigen Zwillingen durch den Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) verwiesen werden.

Bis heute ist allerdings das Phänomen der Bisexualität bei Männern wissenschaftlich schlecht untersucht, weswegen in seriösen Fachpublikationen Häufigkeit und Vielfalt des Auftretens dieser Erotik-Präferenz aus meiner Sicht eventuell unterschätzt wird. Herr Kutschera verkennt die Vielfalt in der Welt der gleichgeschlechtlichen männlichen Liebe, in der die Bisexualität meiner Erfahrung gemäß eine wichtige Rolle spielt. Es klingt daher diffamierend, die Existenz von Männern, die zunächst Kinder gezeugt haben, sich dann aber ausschließlich oder  vorwiegend der Homophilie widmen, zu leugnen. Fehlende seriöse Publikationen zum Thema weisen nicht hin auf dessen Nicht-Relevanz. Aus meiner Berliner Erfahrung sind homophil veranlagte Männer, die eigene Kinder gezeugt haben, häufig. Dass sie in wissenschaftlichen Studien kaum oder gar nicht auftauchen, liegt daran, dass Betroffene nicht selten ein Doppelleben führen und ihre Homophilie bei wissenschaftlichen Befragungen nie eingestehen würden. Auch bisexuelle Männer folgen, was den Grad ihrer Veranlagung zum einen und zum anderen Geschlecht angeht, vorwiegend einer genetischen Information. Die freie Wählbarkeit der erotischen Vorliebe bleibt ein unbegründetes Märchen.

Das detailierte, dabei aber leicht verständliche Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“ erlaubt vielseitige und kompetent dargestellte Einblicke in die Biologie des Menschen, jedoch auch in die relevante Wissenschaftsgeschichte und legt nachvollziehbar und gut begründet dar, wieso Wissen und Erkenntnis einem religiösen Dogma, das also allein auf Glauben beruht, vorzuziehen ist.

Autoren wie Kutschera, die mit unerbittlichem Engagement und klaren Argumenten gegen den derzeit überall auf der Welt populären spirituell motivierten Mainstream vorgehen, verdienen meinen Respekt. Als ein Verfechter der Wissenschaft befindet man sich heutzutage immer häufiger in einer Höhle des Löwen, so wie einst der italienische Dichter, Priester und Philosoph Giordano Bruno (1548 – 1600), der in einer Zeit des Glaubens trotz der drohenden Hinrichtung  an seinen Erkenntnissen, es gäbe keine Gottessohnschaft Christi und auch kein jüngstes Gericht, festhielt. Zudem beharrte er auf dem Ergebnis seiner astronomischen Beobachtungen und postulierte auch im Angesicht des Todes seine wahre These, dass nicht eine, sondern viele Welten existierten.

 

 

 

 

 

 

Die künftige historische Bedeutung der modernen Flüchtlingsströme nach Europa

Seit über einem Jahr berichten die Medien über ein scheinbar ganz neues und ungewöhnlich bedrohliches Phänomen: Flüchtlinge aus dem mittleren Osten, zumeist politisch Verfolgte, überschreiten in Scharen Europas Grenzen. Als illegale Einwanderer bitten sie um Asyl, ersuchen um Hilfe in der Not. Denn in ihren Herkunftsländern herrschen schwerwiegende Bürgerkriege. Terror und Tod sind an der Tagesordnung.

Also haben sich die Menschen auf die Reise in Gebiete begeben, in denen sie sich ein besseres Leben erhoffen.

 

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multikulturelles Leben in Berlin (Copyrights Stefan F. Wirth)

 

Ausländerfeindlichkeit in Deutschland

 

Deutschland war und ist ein besonders bevorzugtes Ziel dieser Flüchtlinge, denn zu Unrecht erhält sich in ihrer Heimat standhaft das Gerücht, dass Deutschland reich sei und dort daher niemand mehr Not leiden müsse. Ein Irrtum, wie zahlreiche Asylanten längst festgestellt haben. Dennoch zeigen sich viele Deutsche hilfsbereit und bemühen sich aus Kräften, die Neuankömmlinge zu unterstützen.

Ein Großteil der deutschen Bevölkerung jedoch reagiert ablehnend und feindselig. Und das ist zunächst keineswegs ein Grund für falsche Scham. Ich bin viel gereist und weiß daher, dass die meisten Länder dieser Welt nicht einmal annähernd so freundlich mit Ausländern umgehen wie es in Deutschland seit Dekaden üblich ist.

Und doch muss diese deutsche Fremdenfeindlichkeit konstruktiv hinterfragt und dann auch scharf kritisiert werden. Denn es geziemt sich für ein modernes und aufgeklärtes Land nicht, in unkontrolliertes und grundloses Wutbürgertum zu verfallen.

Für den Berichtsmonat Februar 2016 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind 66,127 Asyl-Erstanträge vermerkt, vorwiegend handelt es sich dabei um Flüchtlinge der oben benannten Gruppen. Selbstverständlich gibt es Dunkelziffern, manch einer reist mit gefälschten Papieren ein und stellt gleich mehrere Anträge, während andere das formelle Procedere umgehen und einfach untertauchen. Im Oktober 2015 befanden sich nach Schätzungen der FAZ insgesamt etwa 800 000 Flüchtlinge in Deutschland. Die Zahl ist bis heute natürlich drastisch gestiegen und überschreitet sicher eine Million.

Dennoch möchte ich diese hier nur vage erfasste Zahl anwesender Flüchtlinge der Einwohnerzahl Deutschlands gegenüber stellen. Ende 2015 waren nämlich immerhin 81,2 Millionen Menschen als Bundesbürger registriert. Die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten Bundesbürger unter aktuellen Bedingungen niemals einen Flüchtling überhaupt nur zu sehen bekommen, ist daher ausgesprochen groß.

Doch warum dann diese unbestimmte Angst, die so schnell in unbändige Wut umschlagen kann? Das deutsche Finanz- und Steuerwesen wird nicht unter den Neuankömmlingen zu leiden haben. Auch ist die Unterstellung krimineller Vorsätze durch Asylanten nicht mit vernünftigen Argumenten oder klaren Indizien zu begründen.

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eingeschränkte Wahrnehmung (copyrights Stefan F. Wirth)

Es bleibt als Erklärungsansatz lediglich eine Abscheu vor Andersartigkeit, die Befürchtung, irgendetwas am althergebrachten Alltag könne sich verändern. Leider haben wir es also vorwiegend mit diffusen Emotionen zu tun, die zu Ablehnung, Brandstiftung und unsäglichen Diffamierungen führen.

Dabei könnten gebildete Asylanten-Gegner durchaus versuchen, ihren Unmut und etwaige existentielle Befürchtungen historisch zu begründen. Doch dies gibt das derzeit in Deutschland vorherrschende Bildungsniveau schlichtweg nicht her. Historische Kenntnisse reichen allenfalls bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Damals hat sich Deutschland sehr effizient gegen alles Andersartige zur Wehr gesetzt. Wie stark und durchsetzungsfähig das Land damals gewesen ist, damit befasst man sich zunehmend sehr gerne. Schon allein deswegen, weil in jenen Zeiten alles so einfach war. Ausländer und politisch Andersdenkende wurden ohne großes Wenn und Aber eliminiert, man schätzte lange Diskussionen nicht. Jeder radikalisierte Hauptschüler, der im Unterricht nie folgen konnte, darf sich heute wieder schamlos öffentlich mit dem Ideengut seiner Urgroßeltern identifizieren. Und doch werden weder die Flut der Flüchtlinge selbst noch der Hass der Deutschen auf diese Einwanderer jemals von historischer Bedeutung sein.

Die Zukunft nämlich stellt ganz andere Herausforderungen an die Menschheit. Und für eine strenge Trennung der Nationalitäten, für ethnische Diffamierungen und Gewalt bleiben dabei kein Ressourcen übrig. Religionen als Haupttriebkräfte für rohe Gewalt unter Ethnien können weltweit im öffentlichen Leben keine Toleranz mehr erfahren. Der Klimawandel, die zunehmende Knappheit an Energierohstoffen, steigende Lebenserwartungen und Umweltkatastrophen dominieren die nächsten Jahrhunderte und verlangen von künftigen Gesellschaften Vernunft, Innovation und Zusammenhalt.

 

Invasion der Goten ins Römische Reich

 

Die Einwanderung der Terwingen

 

Dass Ströme aus Migranten innerhalb Europas und Vorderasiens letztmalig bestehendes Kulturgut seiner dauerhaften Vernichtung zuführten, liegt wahrlich lange zurück.

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römische Stadt (Pompeji, copyrights Stefan F. Wirth)

In einem Sommer des Jahres 376 wird es unruhig entlang der Donau, jener natürlichen Barriere, die das zweigeteilte römische Imperium vom Land der germanischen Barbaren trennt.

Die Hunnen, eine Völkerschar aus Zentralasien, suchen Osteuropa heim. Sie überfallen Dörfer und Städte in den Ländern der Ost- und Westgoten, die sich damals entlang der nördlichen Regionen des schwarzen Meeres erstreckten. Das Reitervolk plündert, was ihm in den Weg gelangt. Und es stößt dabei auf wenig ernst zunehmende Gegenwehr seitens der betroffenen Germanen-Völker, die schlicht überrumpelt werden, wohl auch, weil ihnen eine zentrale Organisation fehlt.

Die Motivation der Hunnen, Landstriche zu überfallen, die so fern ihrer ursprünglichen Heimat liegen, ist durch die Geschichtsforschung noch nicht gut verstanden. Womöglich, so heißt es, seien die Nahrungsmittel in den asiatischen Territorien einfach knapp geworden.

Zigtausende Menschen, die verschiedenen gotischen Stämmen angehören, verlassen fluchtartig ihre Dörfer und Städte und wenden sich der Donau zu. Ziel ist es, Zuflucht innerhalb der Grenzen des mächtigen Römischen Reiches zu finden.

Das Imperium Romanum wird zu jener Zeit durch zwei Herrscher regiert: Flavius Valens (328-378) in Ostrom und Gratian (359-383) im Westen.

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Kaiser Valens

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Kaiser Gratian

Während nun das gotische Volk der Terwingen unter den beiden Herrschern Fritigern und Alaviv an der Grenze zum römischen Herrschaftsgebiet lagert, fast 100 000 Menschen, Kinder, Alte, das eigene Hab und Gut nur notdürftig verpackt, bereitet Valens gerade einen Krieg gegen die Perser an der östlichen Grenze des Reiches vor.

Daher entscheiden sich Fritigern und Alaviv zu einem Schritt, der in damaliger Zeit keineswegs als ungewöhnlich gilt. Sie entsenden einen Boten, der Valens ein Asylgesuch überbringen soll. Da das römische Asylverfahren stets eine lukrative Gegenleistung voraussetzt, ist es durchaus ein geschickter Schachzug der Terwingen, dem römischen Kaiser zugleich Soldaten zur Unterstützung seines Vorhabens gegen die Perser anzubieten. Das Unterfangen ist dann auch tatsächlich von Erfolg gekrönt. Valens gestattet die Einreise der Terwingen, die daraufhin unter der strengen Kontrolle römischer Soldaten unter geordneten Bedingungen und dennoch in Scharen über die Donau setzen.

Der Kaiser, der die Situation nördlich der Donau nicht richtig einzuschätzen vermag, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er gerade selbst seine Mörder ins Land eingelassen hat.

Obwohl Rom Jahrhunderte lange Erfahrungen im Umgang mit legalen Einwanderern besitzt, ist man plötzlich unvorsichtig geworden und begeht bei der Abfertigung der nun im römischen Territorium befindlichen Terwingen zahlreiche schwere Fehler. Zunächst erfolgt die Entwaffnung der Männer nur unzureichend, die Bedingungen in den Auffanglagern sind schlecht, die Menschen hungern und begehren zunehmend auf.

So ist der zuständige römische Statthalter zum schnellen Handeln gezwungen. Er muss den Einwanderern irgendwie ein Signal setzen, dass die verhassten Notunterkünfte nur ein vorübergehendes Provisorium sind. Also schickt er überstürzt einen Flüchtlingstreck auf den Weg nach Marcianopolis. Hier soll allerdings nur ein großer Teil der Terwingen ankommen, denn ein wichtiger Aspekt des römischen Asylverfahrens besteht in der Dezentralisierung der Ankömmlinge. Dennoch werden zur Sicherung des langen Trosses um die gotischen Flüchtlinge Richtung Marcianopolis, das im heutigen Bulgarien liegt, ausgerechnet jene Legionen abgezogen, deren ursprüngliche Aufgabe die Bewachung der Donau war.

In der Folge eskaliert die Situation an verschiedenen Orten mehr oder weniger gleichzeitig. Der Treck mit den beiden Herrschern Fritigern und Alaviv steht schon kurz vor Marcianopolis als sich der römische Statthalter dazu entschließt,  die beiden Goten-Führer unkompliziert beseitigen zu lassen. Der Meuchelmord an fremdländischen Autoritätspersonen  wird in Rom als probates Mittel angesehen, um die Fähigkeit von Einwanderern zur Selbstbestimmung zu verringern. Doch das Attentat wird unprofessionell ausgeführt und Fritigern überlebt, im Gegensatz zu Alaviv.

Es verwundert daher nicht, dass Fritigern sein Volk nun in einen bewaffneten Aufstand gegen die römischen Unterdrücker führt, während zur selben Zeit die Greutungen, auch ein gotisches Volk, das nie um Asyl gebeten hat, ungehindert die Donau überqueren. Und sie sind dabei keineswegs allein. Einige alanische und hunnische Truppen haben sich ihnen angeschlossen.

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Schildbuckel der Greutungen

Die Terwingen unter Fritigerns Kommando befreien sich indes erfolgreich aus ihren Lagern und schlagen die römische Armee erfolgreich, die sich ihnen in den Weg stellt. Von nun an ziehen sie marodierend über den gesamten südöstlichen Balkan. Dabei kommt ihnen zugute, dass Valens zur Vorbereitung seines Kriegszuges gegen die Perser weit entfernt in Antiochia weilt. Es ist daher keine Legion mehr verfügbar, die sich den entfesselten Terwingen noch in den Weg stellen kann.

In seiner Verzweiflung bittet Valens seinen Mitregenten, den weströmischen Kaiser Gratian, um Verstärkung gegen die brandschatzenden Terwingen. Und tatsächlich gelingt es mit Hilfe weströmischer Legionen, die revoltierenden Eindringlinge zur Donau zurückzudrängen, zumindest vorübergehend. Unerwartet für Rom kommt dies den Terwingen jedoch zugute. Erneut schlagen sich  Römer und revoltierende Goten in einer Schlacht, die zwar dieses mal unentschieden endet,  jedoch die Terwingen geradewegs den noch immer nahe der Donau lagernden Greutungen zuführt. Es gelingt Fritigern nun, die beiden gotischen Stämme zu einem Bündnis zu vereinen, dem sich auch einige abtrünnig gewordene Hunnen-Trupps sowie Alanen-Verbände anschließen. Das Ergebnis ist eine große wehrhafte Armee, der Rom zunächst nichts mehr entgegensetzen kann.

 

Die Schlacht bei Adrianopel 378

 

Nun sehen die beiden Machthaber des Imperiums keine andere Möglichkeit mehr, als den den Eindringlingen selbst entgegen zu marschieren. Während Gratian sich mit seinen Armeen über das Balkangebirge nähert, zieht Valens Richtung Adrianopel in der heutigen Türkei.

Hier begeht der oströmische Kaiser nun einen äußerst verhängnisvollen Fehler als er sich dazu entschließt, das nahe gelegene und übermächtige Heer der Goten ganz im Alleingang anzugreifen, ohne zuvor die Ankunft Gratians abzuwarten. In der Folge werden Valens‘ Truppen vernichtend geschlagen. Die Erde auf dem Schlachtfeld färbt sich rot vor Blut, und die Römer erleben eine Niederlage, wie es sie seit der Varusschlacht nicht mehr gegeben hat. Valens selbst stirbt vermutlich noch auf dem Schlachtfeld.

Dennoch findet das Geschehen in der Folge zu einem vergleichsweise guten Ende, im Herbst 382 nämlich gelingt es, mit Gratian einen Friedensvertrag zu schließen, der den Goten eine Aufenthaltsgenehmigung sowie Ländereien zusichert. Es ist dies ein durch die gotischen Einwanderer erzwungener Kompromiss, etwas, das es in Rom seit Jahrhunderten so nicht mehr gegeben hat.

Das Römische Reich ist angreifbar geworden. Es folgen weitere Invasionen, in deren Verlauf sogar das Herz des Imperiums, Rom, schon im ersten vorchristlichen Jahrhundert durch Tibullus als Ewige Stadt bezeichnet, mehrfach eingenommen wird. Die so genannten Völkerwanderungen haben eingesetzt. Sie sind es,  die das einst so machtvolle große Imperium in den Untergang führen werden.

Das Weströmische Reich hört bereits irgendwann im 5. Jahrhundert auf zu existieren. Ostrom besteht hingegen noch bis ins 15. Jahrhundert fort, eine Zeit, die Historiker als spätbyzantinische Epoche bezeichnen werden.

Die nicht mehr unter römischer Herrschaft stehenden Gebiete werden ab dem 5. Jahrhundert zwischen Vandalen, Westgoten (den früheren Terwingen) und Franken aufgeteilt.

 

Untergang des Reiches und mittelalterliche Finsternis

 

Obwohl der Untergang des römischen Reiches schrittweise erfolgte und nicht alleine auf die Angriffe benachbarter Völkergruppen zurückgeführt werden kann, hat die missglückte Integration von Flüchtlingen Ereignisse eingeleitet oder zumindest beschleunigt, die das zuvor unbesiegbare Rom von innen und von außen her zersetzten.

Was für Konsequenzen hat so etwas nun für ein Land?  Neue Herrscher, eine ethnische Vermischung und andere Gesetze sind natürlich Folgen, die den Lebensalltag der einheimischen Bevölkerung stark erschüttern. Doch gravierende Umstrukturierungen hat es in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben. Es zeichnet den Menschen sogar seit jeher besonders aus, sich Veränderungen erfolgreich anpassen zu können. Letztlich evolvierte der Homo sapiens sogar nur dadurch zu seinem heutigen Erscheinungsbild, dass sich die Umwelt, in der frühzeitliche Hominiden lebten, ständig abwandelte.

Auch Rückschritte hinsichtlich kultureller Kompetenzen hat der Mensch immer wieder durchleben müssen. Nun eben auch in der Folge der Einfälle germanischer Völkerscharen ins Römische Imperium. Und obwohl die Existenz neuer Herrscher sowie die genetische Vermischung der Ethnien die Bevölkerung auf keinen Fall ernsthaft überfordert haben kann, katapultiert der zunehmende Verlust römischen Wissens und römischer Technologien Europa und den nahen Osten in den folgenden Jahrhunderten in ein andauerndes Zeitalter der Düsternis.

Bahnbrechende römische Errungenschaften geraten spätestens ab dem Mittelalter weitgehend in Vergessenheit. Das Straßensystem veraltet. Die Kanalisation, jenes ausgeklügelte System aus Rohren und Leitungen, das jedes römische Haus versorgt und damit hygienische Bedingungen ermöglicht hat, geht in seiner fortschrittlichen Form verloren. Das hochentwickelte Bildungssystem, das die gesamte Bevölkerung Roms quer durch alle sozialen Schichten systematisch mit Wissen versorgt hat, wird abgeschafft und durch spirituelle Dogmen ersetzt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden vernichtet, und nicht zuletzt hat man den freien Geist und die Lebensfreude zerstört und zu Gott ungefälligen Sünden erklärt.

Erst Aufklärung und moderne Technisierung, einhergehend mit der Industrialisierung, haben wieder einen hochentwickelten Standard erschaffen, ein Niveau, das zum Teil in Grundlagen bereits den antiken Römern bekannt war.

 

Moderne Zukunftsperspektiven

 

Lässt sich also mein Beispiel einer eskalierten Flüchtlingsinvasion der Spätantike als Mahnmal dafür anführen, dass die freundliche Aufnahme von Immigranten aus anderen Kulturkreisen auch heute noch zur ernsten Bedrohung unserer modernen Zivilisation heranreifen kann?

Ich muss sagen, dass es mir im Grunde vollständig gleichgültig ist, ob sich deutsche Bürger der Zukunft durch eine vorwiegend dunkle Hautfarbe mit schwarzen Haaren auszeichnen oder nicht. Wichtig ist doch, dass wir nicht befürchten müssen, durch bedrohliche Migrationsbewegungen erneut in einen dunklen Abgrund des Unwissens und einer Diktatur der Religionen zurückversetzt zu werden. Das kann niemals mehr geschehen, denn zu sehr sind wir auf unsere intellektuellen Fähigkeiten, die Grundlage allen technologischen Fortschritts, angewiesen.

Wir würden sonst die letzten Ressourcen sinnlos verschwenden und aussterben.

Unsere Zukunft wird uns mit ganz anderen Dingen konfrontieren, die alle Völker gemeinsam unter Ausschluss des religiösen Wahns erleben werden. Der Mars wird besiedelt werden, Dinosaurier entstehen durch genetische Manipulation aus Vögeln heraus neu, und Mammuts besiedeln die Steppen Sibiriens. Humanoide Roboter werden zum Alltag gehören und Reisen ins All einen neuen Tourismus-Zweig eröffnen.

Blood Moon signiert

Reisen ins All (copyrights Stefan F. Wirth)

 

 

(Historische Quellen: divers, darunter „Geo Epoche“ Nr. 76: „Die Völkerwanderung, Germanen gegen Rom“)

 

Copyrights, März 2016: Gesamter Artikel Stefan F. Wirth, ausgenommen Fotos, die nicht explizit mit meinen Copyrights versehen sind.

 

 

 

 

 

 

 

Die Lust an der Gewalt

Februar 2015, irgendwo in Syrien: der verängstigte Mann klammert sich mit letzter Kraft an die Sitzfläche des Stuhles, von dem aus er in die Tiefe gestoßen werden soll. Dann fällt er, doch niemand kann sicher sagen, ob er überlebt hat oder nicht. Fest steht, dass die unten Wartenden ihn mit Steinen traktieren, als ginge es darum, einen Überlebenden erneut durch das Strafgericht der Scharia in den Tod zu befördern. Ein brutaler Mord im Namen einer Religion.Was der Mann verbrochen hat? Eine Liebschaft soll der um die 50-Jährige gehabt haben, und zwar mit einem anderen Mann. Es gibt also Regionen dieser Welt, in denen Liebe ein todeswürdiges Verbrechen darstellt, ein grausames Paradoxon.

Nicht besser ergeht es den Männern in einem anderen Video, das vor einiger Zeit im Internet kursierte. Mit professionellem Schnitt, perfekter Kameraführung, sogar aus verschiedenen Perspektiven, wird wiederum eine grauenvolle Tat in Szene gesetzt: ein Massenmord. Etwa 20 geduckt laufende Männer in orange-gefärbten Shirts werden von je einem dazugehörigen Täter in einer Schauprozession an mehreren Filmkameras vorbei geführt. Die Inszenierung ist beinahe Hollywood-reif.  Für die Köpfe der Opfer jeweils ein Messer, denn damit enthauptet es sich besonders grausam. So wandert jeder Täter mit seinem Gefangenen an einem Eimer vorbei, der mit kurzen Schneidwerkzeugen angefüllt ist. Die Nahaufnahme zeigt uns deutlich die Gesichter der künftigen Mörder, die mit ritualisierter Geste nach ihren Messern greifen. Sie wirken selbstgerecht. Die Todeswürdigen werden schließlich in einem Halbkreis aufgereiht, und die Kamera lässt uns in ihre versteinerten Gesichter blicken. Der Täter in der Mitte spricht die obligatorische Droh-Botschaft gegen den imperialen Westen in die Kamera. Anders als seine Kumpane ist er komplett in schwarz gekleidet und sein Antlitz verhüllt. Der junge Mann, der vor ihm kniet, sieht aus wie ein Wüstenprinz mit leuchtenden Augen. Er ist der Schönste unter den Opfern. Aus diesem Grunde fährt die Kamera jetzt ganz nah an sein Gesicht heran und verharrt von nun an genau dort. Denn das ist die Erniedrigung, die Strafe, die ihm zugedacht ist. Der intimste Moment im Leben eines Menschen, sein Augenblick des Todes, soll via Videobotschaft vor aller Welt zur Schau gestellt werden. Wie das aussieht, wenn die Gesichtszüge entgleisen und nach all der Qual endlich der Tod eintritt? Ich will das nicht wissen, habe das versehentlich aufgerufene Originalvideo daher rechtzeitig geschlossen.  Schuldig waren die dahin Gemetzelten lediglich eines Vergehens. Sie glaubten an eine andere Auslegung des Islam. Aus prinzipiell demselben Grund wurde auch ein anderer Mann hingerichtet. Die Nachricht hierüber ist erst wenige Tage alt. Er verbrannte in einem Käfig aus Stahl bei lebendigem Leibe. Und auch dieser Todeskampf wurde über das Internet veröffentlicht. Die verstörenden Bilder zeugen von ungezügelter Mordlust.

Warum tun Menschen so etwas? Haben sie ihre Menschlichkeit verloren? Oder ist das, was sie tun, ein Bestandteil dessen, was wir als menschlich bezeichnen?

Grenzenlose Brutalität ist keineswegs eine Erfindung moderner Islamisten. Sie ist fester Bestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte. Doch warum inszenieren menschliche Gesellschaften mit ausgesprochener Kreativität immer wieder aufs Neue ihre Morde?

USA 1995, in irgendeinem US- Bundesstaat, der die Todesstrafe mit der Giftspritze praktiziert: Der Mörder und Vergewaltiger ist auf eine Bahre geschnallt worden, die Arme auf beiden Seiten abgespreizt. Die Kanülen sind bereits an beiden Armen angebracht, als man den so Gekreuzigten aufrichtet, so dass er durch die Glasscheibe das Publikum sehen kann. Die Menschen dort sind die Zeugen der Hinrichtung, unter ihnen sitzen aber auch die Eltern der Mordopfer. So zur Schau gestellt spricht der Todgeweihte seine letzten Worte und beendet seine Ansprache mit: „Ich will noch sagen, dass ich Töten für falsch halte, vollkommen egal, wer es tut, obs nun ich oder Sie oder die Regierung macht.“

Dann wird der Mann zurück in die Waagerechte gebracht, in eine Position, von der aus er mit leicht zur Seite gedrehtem Kopf noch die Zuschauer erkennen kann, und es wird ihm die tödliche Giftinjektion verabreicht. Während er nun stirbt, kann seine Seelsorgerin, die im Publikum sitzt, ihre Tränen nicht länger zurückhalten.

Für ihre Rolle als Ordensschwester erhielt Susan Sarandon 1996 den Oscar. Sean Penn stirbt als Täter dennoch einen Tod, der die eigenen Verbrechen an Perversion übertrifft. In einem gläsernen Käfig vor Zuschauern.

Die Realität ist in den USA heute jedoch weitaus brutaler: Da europäische Hersteller von Medikamenten die Auslieferung an die Vereinigten Staaten zur Umsetzung der Todesstrafe verweigern, wird bei den Exekutionen neuerdings mit unerprobten Chemikalien experimentiert. In der Folge sterben 2014 mehrere Delinquenten einen langen und qualvollen Tod.

Erfüllt es mit Genugtuung, Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben verlieren? Werden künftige Täter abgeschreckt, wenn sie solch grauenvolle Spektakel mit verfolgen müssen? Oder geht es um Grenzerfahrungen? Lust, Gewalt zu erleben, die Tabuüberschreitung als Nervenkitzel?

Die Welt ist voller Beispiele für gnadenlose Massaker, von Menschen an Menschen begangen.

Wir schreiben den 6. Januar 1536 und befinden uns mitten in Deutschland, genauer in der westfälischen Stadt Münster. Drei Männer werden auf dem Prinzipalmarkt unter der Anteilnahme einer gewaltigen Zuschauerschar schrittweise zu Tode gefoltert. Die insgesamt etwa vier Stunden andauernde Prozedur zu Füßen der Lambertikirche bestraft die Anführer einer extremistischen religiösen Gruppierung, die sich als Wiedertäufer bezeichnen. Einst waren Jan van Leiden, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting selbst zu Tätern geworden, hatten Münster besetzt und ein gnadenloses Regime des Grauens angeführt, in religiösem Wahn jeden Widerstand mit mörderischer Gewalt niedergestreckt. Nun waren der Mann, der sich „König“ nannte, und seine Komplizen selbst an der Reihe. Zunächst wurden ihnen mit glühenden Zangen die Zungen herausgerissen. Danach band man sie an Pfählen fest, weitgehend nackt, und zerfetzte ihre Körper bei lebendigem Leibe mithilfe derselben rot glühenden Greifwerkzeuge. Erst Stunden später wurden sie der Gnade halber erdolcht. Ihre geschundenen Leiber hat man in eisernen Körben an der nahegelegenen Kirche hochgezogen, wo sie der öffentlichen Schande und dem Vogelfraß auf Dauer preisgegeben waren. Noch heute hängen übrigens die inzwischen renovierten Körbe als makabre Touristenattraktion am Turm von St. Lamberti.

Doch durch die drakonischen Schauprozesse aus vergangenen Jahrhunderten hat Deutschland den Höhepunkt seines sadistischen Wirkens noch lange nicht erreicht. Nicht einmal hundert Jahre ist es her, dass Nazi-Deutschland effiziente Tötungsmaschinerien in Gang brachte, und zwar mit dem Ziel der Massenvernichtung. Homosexuelle, Kommunisten, Juden sowie Angehörige der Sinti und Roma waren als nicht lebenswerte Störfaktoren eingestuft worden, die daher millionenfach den Tod fanden. Ihre Körper waren nicht einmal nach dem Tode sicher vor den pervertierten Nachstellungen durch die Nationalsozialisten, denen es um weit mehr als eine ethnische Säuberung der eigenen Gesellschaft ging. Ziel war es, die Anhänger aller unerwünschten Ethnien, sexuellen Orientierungen oder politischen Ideale öffentlich zu erniedrigen, sie für ihre Andersartigkeit zu bestrafen. Toten wurden in den Konzentrationslagern der Nazis die Haare zur Weiterverarbeitung abgeschnitten. Filze und Stoffe sollten daraus entstehen. In der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ausschwitz sind Tonnen von ihnen noch immer zu sehen. Doch auch die Haut der Verstorbenen diente der Herstellung makaberer Accessoires. Regenschirme, Lampenumhüllungen oder Tischdecken wurden aus ihnen gemacht. Wer hingegen eine Weile die Lagerhaft überstand, jedoch ein besonders schönes Tatoo sein Eigen nennen durfte, lebte eventuell ganz besonders gefährlich. So wurde der Fall eines polnischen KZ-Häftlings in Ausschwitz bekannt, dessen beeindruckende Rücken-Tätowierung mit dem farbigen Motiv des biblischen Paradieses eine Begehrlichkeit des Lagerarztes Friedrich Entress erweckte. Nachdem der ebenfalls politische Häftling und Fotograf Wilhelm Brasse die Tätowierung des muskulösen Schiffsheizers Zielinski in Form mehrerer Bild-Serien dokumentiert hatte, wurde dieser kaltblütig ermordet. Entress hatte das Tatoo herausschneiden und zu einem Bucheinband verarbeiten lassen.

Nicht nur die Neuzeit, sondern auch die Antike strotzt nur so vor Brutalität und Sadismen. So berichtet Tacitus von den Schrecken des Jahres 64, in dem der römische Kaiser Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus nach einem Großbrand in Rom frühe Christen der Brandlegung bezichtigte und sie dafür drakonisch öffentlich bestrafte. Manche von ihnen wurden gekreuzigt oder in einer Circus-Vorführung lebendig an wilde Tiere verfüttert, andere hingegen mussten Schlimmeres erdulden. In Tierhäute eingenäht erhellten sie bei Nacht die Neronischen Parkanlagen als lebende Fackeln.

Besondere Grausamkeit ist jedoch keineswegs eine Erfindung der Antike. Denn folgen wir der Zeitskala dort beginnend wieder in die frühe Neuzeit hinein, diesmal nach England, werden wir im Elisabethanischen Zeitalter, also der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, mit einer besonders bestialischen Hinrichtungsmethode konfrontiert. Das „Hanged, drawn and quartered“ war als besonders entehrende öffentliche Bestrafung nur Hochverrätern vorbehalten. Der Verurteilte wurde auf einem Gatter befestigt zur Hinrichtungsstätte gezogen, anschließend gehängt, jedoch noch vor Eintritt des Todes wieder vom Galgen gelöst und daraufhin auf einer Bahre fixiert. Dort trennte man ihm zunächst die Genitalien ab und zeigte sie nun zuerst dem Opfer und dann der Zuschauermenge. Hernach eröffnete man den Bauch und entnehm dort Stück für Stück Teile des Darms, die wiederum der Begutachtung durch den Verurteilten und die Zuschauer preisgegeben wurden. Schließlich verbrannte man die Organe noch vor den Augen des Opfers, das die folgenden Schritte der Prozedur vermutlich nicht mehr lebendig erdulden musste. Denn es wurde nun das Herz entfernt und als letztes Organ dem Feuer übergeben. Erst daraufhin köpfte man den Unglücklichen, vierteilte seinen Körper und stellte die sterblichen Überreste  an unterschiedlichen und exponierten Orten der Stadt zur Abschreckung auf.

Jede mittelalterliche Tierschlachtung war humaner. Warum nur ergötzen sich Menschen immer wieder am physischen Leid ihrer Artgenossen? Woher kommt die Kreativität, mit der das öffentliche Morden inszeniert wird? Sind die Köpfe, die das zelebrierte Leiden ersonnen haben, pathologische Ausnahmeerscheinungen?

Hinweise liefern vielleicht die Geschehnisse, die sich in den letzten dreizehn Jahren in einem berühmten Gefangenenlager auf Kuba zugetragen haben. Das Gefängnis Guantanamo, das dem US-Militärstützpunkt Guantanamo Bay Naval Base angehört, ist längst zu trauriger Bekanntheit gelangt und hat Menschenrechtler weltweit entsetzt.

Jede bekannte Form der Folter, die nicht unmittelbar zum Tode führt, scheint in dem berüchtigten Gefängnis zur Anwendung gelangt zu sein. Besonders hervorzuheben ist jedoch, dass die Insassen insbesondere solche Torturen erleiden mussten, für die es gar keine historischen Vorbilder gab. Die Foltermethoden schienen frei erfunden, der Kreativität des Gefängnispersonals waren offenbar keine Grenzen gesetzt.  Nicht Aussage-Willige wurden in Kältekammern verbracht, mit der Waterboarding-Folter gequält, mit Stromschlägen traktiert, zu sexuellen Handlungen gezwungen oder auf alle erdenkliche Weise nackt gedemütigt. Übertroffen werden die Taten in Guantanamo lediglich noch durch ein weiteres US-Gefangenenlager, nämlich jenes im irakischen Abu Ghraib, westlich von Bagdad gelegen. Auch hier werden angebliche Terroristen mit islamistischem Hintergrund festgehalten. Das Gefängnis, das schon zu Regierungszeiten Saddam Husseins für unmenschliche Zustände bekannt war, wurde jedoch erst durch die Machenschaften US-amerikanischer Gefangenenaufseher weltberühmt. Das Foto eines Folteropfers mit schwarzer Kapuze über dem Gesicht, den Körper nur durch einen weiten Umhang bedeckt, das mit abgespreizten Armen dauerhaft auf einer Kiste stehen muss, wurde zum Inbegriff der US-Willkür an muslimischen Gefangenen. Doch Elektroschocks waren nur eine von vielen Methoden, um zu foltern. Viehische Zurschaustellung in nackten Posen gehörte mindestens genauso zum Standardrepertoire der Folterknechte. Als die Fotos der Folteropfer in den Medien erschienen, entrüstete sich die Welt. Den USA blieb also nichts übrig, als die Täter öffentlich anzuklagen. Doch was hat all das bewirkt? Beide Gefangenenlager existieren noch, und über die heutigen Bedingungen dort ist kaum etwas bekannt.

Die Geschehnisse in beiden Gefangenenlagern weisen Parallelen auf. Beide sind sie US-amerikanische Sützpunkte im Ausland. Sie befinden sich weit entfernt von der rechtstaatlichen Kontrolle durch die USA. Die Bediensteten müssen zunehmend das Gefühl der Narrenfreiheit empfinden. Niemand maßregelt sie für ihre immer häufigeren Willkür-Eskapaden. Es gibt keine nennenswerte Kontrolle von oben, und von unten kommt keine Kritik, kein Widerstand. Denn die Gefangenen sind wehrlos, vollständig unterworfen. Die perfekten Opfer für sadistische Entgleißungen.

Menschen können im Affekt zu wilden Tieren werden, sich geradezu in wütende Ekstase versetzen, um so ihre Opfer in einem kurzen Moment fehlender Steuerung mit ungezügelter Gewalt zu überziehen. Die in diesem Artikel erläuterten Beispiele sind jedoch auf andere Bedingungen zurückzuführen. Durchdachter Mord, geplante Folter, häufig gebunden an eine Logistik, die mehrere Mittäter erfordert, so sehen wahrlich keine Affekthandlungen aus. Minuziöse Planung einer Tat erfordert weit mehr als einen kurzen Ausraster. Es geht hier nicht um unkontrollierbare Überlebensinstinkte, sondern um sadistische Lust, die den betroffenen Menschen dazu motiviert, vorsätzliche Entscheidungen zu fällen. Zwar ist die Empfindung lustvoller Begierde zunächst ein Instinkt, der durch das untergeordnete und evolutionsbiologisch alte Zwischenhirn gesteuert wird, und doch handelt es sich bei der sadistischen Neigung um weit komplexere neuronale Zusammenhänge. Sie dienen dazu, eine instinktive Lust in ein dauerhaftes Begehren zu verwandeln,  das durch zielgerichtete Planung in die Tat umgesetzt werden kann.

Das Potential, eine sadistische Neigung zu entwickeln, ist dabei offenbar natürlicher Bestandteil des Menschseins, verankert in unserem millionen Jahre alten Genom. So sind vermutlich die meisten Menschen grundsätzlich zu sadistischer Grausamkeit befähigt, allerdings nur unter geeigneten Rahmenbedingungen. Weitgehende Isolation, mehr oder weniger unbeschränkte Machtbefugnisse und das Vorhandensein untergebener und vollständig ausgelieferter Mitmenschen scheinen wichtige Voraussetzungen zu sein, um einen Sadismus auszubilden.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm erkannte 1973 den Sadismus als ein Verlangen, einem anderen Menschen so nahe wie möglich zu kommen, und wenn schon nicht durch Liebe und Zärtlichkeit, dann doch in Form der Gewaltausübung. Ein Zusammenhang also, den man durchaus als unterschwellig sexuell motiviert bezeichnen muss.

Der explizit sexuelle Sadismus hingegen verbindet eine erotische Erektion mit dem Anblick der erniedrigenden Qual, die das Gegenüber erleiden muss. Als Sonderform ist dabei der Kompensatorische Sadismus hervorzuheben, in dem das Gefühl der sexuellen Befriedigung ganz allein durch die Grausamkeit des Gewaltaktes erzeugt wird. Konkrete erotische Handlungen unterbleiben hier also vollständig.

Diese Form des Sadismus scheint vor allem dort Triebfeder zu sein, wo Menschen besonders ungewöhnlicher Grausamkeit ausgesetzt werden. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist womöglich die Motivation der Henker zur Umsetzung der historischen Hinrichtungsart „Hanged, drawn and quartered“.

Die neurologischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, die erklären, warum organisierte und sadistische Gewalt, durch Menschen an ihren Mitmenschen begangen, immer wieder die Oberhand gewinnt, sind zu komplex, um hier angemessen erörtert zu werden.

Scheinbar kann man zumindest Folgendes festhalten: Der Intellekt kann triebhafte Lust nach Gewalt effizient unterdrücken. Umfassende Erziehung, von Kindesbeinen an, führt zu einem hohen Bildungshorizont und stimuliert dadurch intellektuelle Fähigkeiten, die sich mit zunehmender Lebenserfahrung sogar noch ausweiten. Die Ausübung sinnloser Gewalt und ein hohes Bildungsniveau schließen einander meist aus. Investiert also nicht in kriegerische Auseinandersetzungen, sondern in die Verbesserung der weltweiten Bildungsstandards!

Es ist nocheinmal hervorzuheben, dass sich dieser Artikel nicht mit schwersten pathologischen Ausnahmeerscheinungen befasst, sondern das Potential völlig normaler Menschen erörtert, unter Einwirkung bestimmter Gegebenheiten brutale und sadistische Züge zu entwickeln.

 

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