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Kategorie: Fakten

Biologie des Menschen und politisch korrektes Gender-Mainstreaming, ein Konflikt?

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Am vierzehnten Mai 1429 geschieht etwas Ungewöhnliches. Französische Truppen, denen einige Tage zuvor der Durchbruch in das von englischen Soldaten umzingelte Orléans gelungen war, wagen  einen halsbrecherischen Angriff auf die Belagerer. Vornweg reitet eine siebzehnjährige Frau:  Jeanne d’Arc, auch bekannt als die „Jungfrau von Orléans“ (1412 – 1431). Trotz einer Verwundung und eines Sturzes vom Pferd kämpft die wackere Jugendliche auf dem Schlachtfeld und motiviert ihre Truppen dadurch, eigentlich Unmögliches zu vollbringen. Bereits einen Tag später verlassen die besiegten Engländer ihre Stellung.

In der Endphase des Spätmittelalters sind Frauen eigentlich noch weit davon entfernt, sich als große Kämpferinnen in Augenhöhe mit männlichen Zeitgenossen zu verwirklichen. Jeanne ist eine Ausnahmeerscheinung. Nur durch Vortäuschung göttlicher Visionen und einer nachweisbaren Jungfräulichkeit gelang es ihr nach einem dreiwöchigen Prüfungsverfahren, den französischen Kronrat davon zu überzeugen, sie in militärischem Auftrag zu entsenden.

Wer als Frau keinen göttlichen Auftrag glaubhaft machen kann, lebt in Europas Mittelalter allerdings unter unangenehmen Bedingungen. Frauen sind unter anderem aufgrund des religiösen Dogmas dem Manne Untertan, insbesondere in der Ehe. Die übliche Trauungsformel betonte dies wortwörtlich, um in den zwangsverheirateten sehr jungen Mädchen auch ja keine Missverständnisse aufkeimen zu lassen. Die Ehefrau unterstand der  Vormundschaft ihres Gatten, er kontrollierte in der Regel über ihr volles Vermögen und konnte sie nach Lust und Laune züchtigen oder verstoßen. An ein weibliches Mitspracherecht in Fragen der Politik war schon überhaupt nicht zu denken

Bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dauerte die Versklavung der Frau in der europäischen Gesellschaft an, ohne auch nur im Mindesten für ernsthafte kontroverse Diskussionen unter Männern zu sorgen. Erst 1865 bewegte sich etwas, das die Situation der Frau in der deutschen Gesellschaft schrittweise verbessern sollte.  Der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) wurde gegründet und war stark beeinflusst durch das intellektuelle Wirken der Frauenrechtlerin und Pazifistin Hedwig Dom, die sich besonders für ein Recht der Frau auf Bildung und Arbeit engagierte. Doch die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau war ein langwieriger und steiniger Prozess. Vom Wahlrecht für Frauen war noch gar nicht die Rede. Diesbezügliche Forderungen durch den Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) stießen erst nach Ende des Ersten Weltkrieges auf fruchtbaren Boden. In der Folge erließ der Rat der Volksbeauftragten ein Dekret, das das Frauenwahlrecht im Gesetz verankerte.

Das Dritte Reich jedoch erwies sich zunehmend als erneuter Tiefpunkt  der Emanzipation der Frau, ein ideologisches Frauenbild wurde umgesetzt, das weibliche Bürger zu Gebärmaschinen und Putzzofen männlicher Haushalte degradierte. Zwar wurde unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges in Westdeutschland das Grundgesetzt erschaffen, das die Gleichberechtigung von Mann und Frau verbindlich vorschrieb, jedoch konnte der moderne Feminismus erst ab 1968 in Folge der Studentenbewegung  Fuß fassen. Umzusetzende Forderungen zur Ent-Diskriminierung  der weiblichen Bevölkerung gab es nämlich noch immer zuhauf. Dazu gehörten das Recht auf Abtreibung oder eine geschlechtsunabhängige Gleichsetzung  der Löhne.

Anders als Frauen, die auch in der römischen und griechischen Antike Unterdrückung durch die Männerwelt erfuhren, war  männliche Homoerotik in jenen Epochen durchaus gesellschaftlich akzeptiert, wenn auch seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert in Rom per Gesetz unter bestimmten Bedingungen unter Geldstrafe gestellt. Der größte Feldherr der Antike, Alexander der Große (356 – 323 v. Chr.), liebte Hephaistion (um 360 – 324/23 v. Chr.) . Und über die Liaison Julius Cäsars (100 – 44 v. Chr.) mit dem bithynischen König Nikomedes IV (bis 74 v. Chr.) wurde zwar  bereits von den Zeitgenossen getratscht, was jedoch über ein gehässiges Spötteln nicht hinausreichte.

Erst ab dem frühen Mittelalter, einhergehend mit der gesellschaftlichen Vormachtstellung der christlichen Kirche, wurde praktizierte Homoerotik als todeswürdiges Verbrechen behandelt.

Nahezu nahtlos wurde die Diffamierung gleichgeschlechtlicher Liebe, insbesondere der männlichen, in der Neuzeit in Form eines Gesetzesparagraphen übernommen. So erschuf das Deutsche Kaiserreich im Jahre 1872 den Paragraphen 175, der den Beischlaf unter Männern mit einer Gefängnisstrafe ahndete. In einer abgemilderten Form war dasselbe Gesetz immerhin bis zum 10. März 1994 in Kraft.

Die moderne Gleichstellung der Geschlechter und die gesellschaftliche Akzeptanz  gleichgeschlechtlicher Lebensformen sind das Resultat  eines politischen Kampfes, den mutige Streiter zu Gunsten einer gerechten,  bunteren und harmonischeren Gemeinschaft ausgefochten haben. Alle Belange der Gleichstellung werden heutzutage unter dem Begriff Genderismus oder Gender-Mainstreaming zusammengefasst.

Allerdings sind menschliches Sexualverhalten und die Geschlechterrollen grundsätzlich Folgen der Biologie des Menschen, und so ist ein Verständnis ihrer Zusammenhänge abhängig von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, explizit der biologischen Forschung.

Daher wehren sich Naturwissenschaftler zunehmend zurecht gegen Trends des modernen Gender-Mainstreamings, die nicht mehr darauf ausgerichtet sind, durch die Gesellschaft begangenes Unrecht zu beseitigen, sondern inzwischen bedauerlicher Weise quasi-religiöse Züge angenommen haben. Es ist für Aktivisten offenbar problematisch, sich das vollständige Erreichen ihrer ursprünglichen Ziele eingestehen zu müssen. In der Folge entbehren Forderungen jeder argumentativen Grundlage und verkommen zu idealisierten Überzeichnungen mit kreationistisch-dogmatischem Charakter.

Aktivistische Organisationen wie LGBT lösen den Menschen aus seiner Biologie und der Systematik des Tierreichs heraus und formulieren Thesen, denen zufolge der Homo sapiens mystische Fähigkeiten besitzen soll. Es wird ihm unterstellt, sein Geschlecht und seine erotischen Präferenzen frei wählen zu können.  Doch genauso wenig wie sich der Hahn durch Willenskraft in eine Henne verwandeln kann, ist es dem Menschen möglich, sich sein Geschlecht selbst zu erschaffen. In der Tat gesteht das Gender-Mainstreaming dem Menschen schöpferische, im Sinne göttlicher Fähigkeiten zu.

Daher überzeugt der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera mit seiner Schlussfolgerung, dass der Genderismus eine moderne Form des Kreationismus sei.

Wie Kutschera in seinem Buch „Das Gender-Paradoxon“ kompetent und mit einer Kaskade naturwissenschaftlicher Argumente darlegt, sind es genetische, hormonelle, anatomische und neurologische Determinanten, die bei H. sapiens sowohl für die Ausprägung der erotischen Präferenzen wie auch für die Ausbildung des biologischen Geschlechts verantwortlich sind.

Längst übt der Genderismus weltliche Macht aus und vermag sich daher effizient gegen begründete Einwände zur Wehr zu setzen, ohne selbst jemals auch nur den Hauch eines Arguments dargelegt zu haben. Wer die Genderismus-Bewegung unter Vorweisung naturwissenschaftlicher Fakten kritisiert, wird isoliert, hämisch der Diskriminierung von Minderheiten beschuldigt oder gar  demonstrativ in das rechtsextremistische politische Umfeld eingeordnet.

Und in der Tat wird eine Genderismus-Kritik beispielsweise gerne in den rechtsextremistischen Kreisen des AfD vorgetragen. Es gilt jedoch stets, dass wenn zwei Menschen mehr oder weniger dasselbe sagen, keineswegs notwendiger Weise dasselbe gemeint ist. Der Rechtsextremismus möchte eine multikulturelle Lebensvielfalt mit allen Mitteln diffamieren und diskreditieren, wozu keine neutralen Argumente vonnöten sind. Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie werden ganz im Gegenteil durch  leicht eingängige und innen hohle Parolen propagiert. Pauschaler Hass benötigt keine aufzuführenden Fakten.

Seriösen Naturwissenschaftlern wie Herrn Kutschera oder mir liegen jedoch Diskriminierungen und Diffamierungen aller Art vollständig fern. So bin ich beispielsweise bekannt dafür, selbst einer der genannten Minderheiten zugehörig zu sein und außerdem ausschließlich der Partei Die Linke eine sozial-gerechte Regierung zuzutrauen.

Ulrich Kutschera ist bekennend heterosexuell, parteilos und Nicht-Wähler. Er betont, dass ihn stets nur Fakten interessierten und belegt diese Aussage auch eindrucksvoll in seinem hervorragend recherchierten Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“.

Kein seriöser Wissenschaftler bezweifelt, dass Frauen dem Mann juristisch gleichgestellt sein müssen. Daraus jedoch zu schlussfolgern, Mann und Frau seien auch biologisch gleich, ist falsch. Kutschera erklärt detailreich, dass der Homo sapiens  einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus aufweist.

Neben den bekannten genetischen, hormonellen und morphologischen Geschlechtsunterschieden wird auch auf die Hypothese der „primären Weiblichkeit des Menschen“ mit dem Mann als sekundärem Geschlecht ausführlich eingegangen. Es geht hierbei beispielsweise um die Existenz der männlichen Brustwarzen, die einer wissenschaftlichen Hypothese aus dem Jahre 2014 zufolge auf einen Entwicklungsweg in der frühen Embryogenese hinweisen, der erst später in die „männliche Linie umprogrammiert“ werde. Genau genommen handelt es sich um das sogenannte SRY-Gen, das im Verlaufe der frühen Embryonalentwicklung aktiviert wird und einen Anstieg des Testosterons zur Folge hat.

Nachweislich zeigen die beiden Geschlechter des Menschen auch unabhängig von einer elterlichen Prägung signifikante geschlechtstypische Verhaltensweisen, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Völlig anders hingegen lautet die Erklärungsweise zur Existenz zweier menschlicher Geschlechter aus der Feder des Genderismus. So äußerst sich beispielsweise die US-Gender- und Sprachforscherin Judith Butler wie folgt zur von ihr postulierten Festlegung des Geschlechtes nach der Geburt: Die Geschlechtsfeststellung durch die Hebamme sei  keineswegs „eine Beschreibung oder bloße Feststellung, sondern zugleich eine Anweisung, ein weibliches Geschlecht zu sein“. Ein Baby ohne Geschlecht wird hernach durch einen Sprechakt einem bestimmten Geschlecht zugewiesen. Butler folgt dabei  in ihrer Denkweise dem Moneyismus, der auf den US-Psychologen und Erziehungswissenschaftler John Money (1921 – 2006) zurück geht. Der vorgebliche Wissenschaftler gelangte zu dem Schluss, dass geschlechtsneutrale Wesen erst ab dem zweiten Lebensjahr über Erziehungsmaßnahmen und kulturelle Einflüsse einem Geschlecht zugeordnet würden und dass davon auszugehen sei, dass der Schöpfergott der Bibel nur ein Hermaphrodit gewesen sein könne.

Ähnliche bizarre Genderismus-Thesen werden auch auf das Erotikverhalten des Menschen übertragen. So sei die erotische Präferenz für ein Geschlecht, beispielsweise das eigene, völlig willkürlich wählbar. Seriöse Forschungsansätze in den letzten hundert Jahren haben jedoch klar dargelegt, dass beispielsweise die homoerotische Veranlagung bei Männern genetisch determiniert ist. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang auf die Forschung an eineiigen Zwillingen durch den Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) verwiesen werden.

Bis heute ist allerdings das Phänomen der Bisexualität bei Männern wissenschaftlich schlecht untersucht, weswegen in seriösen Fachpublikationen Häufigkeit und Vielfalt des Auftretens dieser Erotik-Präferenz aus meiner Sicht eventuell unterschätzt wird. Herr Kutschera verkennt die Vielfalt in der Welt der gleichgeschlechtlichen männlichen Liebe, in der die Bisexualität meiner Erfahrung gemäß eine wichtige Rolle spielt. Es klingt daher diffamierend, die Existenz von Männern, die zunächst Kinder gezeugt haben, sich dann aber ausschließlich oder  vorwiegend der Homophilie widmen, zu leugnen. Fehlende seriöse Publikationen zum Thema weisen nicht hin auf dessen Nicht-Relevanz. Aus meiner Berliner Erfahrung sind homophil veranlagte Männer, die eigene Kinder gezeugt haben, häufig. Dass sie in wissenschaftlichen Studien kaum oder gar nicht auftauchen, liegt daran, dass Betroffene nicht selten ein Doppelleben führen und ihre Homophilie bei wissenschaftlichen Befragungen nie eingestehen würden. Auch bisexuelle Männer folgen, was den Grad ihrer Veranlagung zum einen und zum anderen Geschlecht angeht, vorwiegend einer genetischen Information. Die freie Wählbarkeit der erotischen Vorliebe bleibt ein unbegründetes Märchen.

Das detailierte, dabei aber leicht verständliche Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“ erlaubt vielseitige und kompetent dargestellte Einblicke in die Biologie des Menschen, jedoch auch in die relevante Wissenschaftsgeschichte und legt nachvollziehbar und gut begründet dar, wieso Wissen und Erkenntnis einem religiösen Dogma, das also allein auf Glauben beruht, vorzuziehen ist.

Autoren wie Kutschera, die mit unerbittlichem Engagement und klaren Argumenten gegen den derzeit überall auf der Welt populären spirituell motivierten Mainstream vorgehen, verdienen meinen Respekt. Als ein Verfechter der Wissenschaft befindet man sich heutzutage immer häufiger in einer Höhle des Löwen, so wie einst der italienische Dichter, Priester und Philosoph Giordano Bruno (1548 – 1600), der in einer Zeit des Glaubens trotz der drohenden Hinrichtung  an seinen Erkenntnissen, es gäbe keine Gottessohnschaft Christi und auch kein jüngstes Gericht, festhielt. Zudem beharrte er auf dem Ergebnis seiner astronomischen Beobachtungen und postulierte auch im Angesicht des Todes seine wahre These, dass nicht eine, sondern viele Welten existierten.

 

 

 

 

 

 

Die künftige historische Bedeutung der modernen Flüchtlingsströme nach Europa

Seit über einem Jahr berichten die Medien über ein scheinbar ganz neues und ungewöhnlich bedrohliches Phänomen: Flüchtlinge aus dem mittleren Osten, zumeist politisch Verfolgte, überschreiten in Scharen Europas Grenzen. Als illegale Einwanderer bitten sie um Asyl, ersuchen um Hilfe in der Not. Denn in ihren Herkunftsländern herrschen schwerwiegende Bürgerkriege. Terror und Tod sind an der Tagesordnung.

Also haben sich die Menschen auf die Reise in Gebiete begeben, in denen sie sich ein besseres Leben erhoffen.

 

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multikulturelles Leben in Berlin (Copyrights Stefan F. Wirth)

 

Ausländerfeindlichkeit in Deutschland

 

Deutschland war und ist ein besonders bevorzugtes Ziel dieser Flüchtlinge, denn zu Unrecht erhält sich in ihrer Heimat standhaft das Gerücht, dass Deutschland reich sei und dort daher niemand mehr Not leiden müsse. Ein Irrtum, wie zahlreiche Asylanten längst festgestellt haben. Dennoch zeigen sich viele Deutsche hilfsbereit und bemühen sich aus Kräften, die Neuankömmlinge zu unterstützen.

Ein Großteil der deutschen Bevölkerung jedoch reagiert ablehnend und feindselig. Und das ist zunächst keineswegs ein Grund für falsche Scham. Ich bin viel gereist und weiß daher, dass die meisten Länder dieser Welt nicht einmal annähernd so freundlich mit Ausländern umgehen wie es in Deutschland seit Dekaden üblich ist.

Und doch muss diese deutsche Fremdenfeindlichkeit konstruktiv hinterfragt und dann auch scharf kritisiert werden. Denn es geziemt sich für ein modernes und aufgeklärtes Land nicht, in unkontrolliertes und grundloses Wutbürgertum zu verfallen.

Für den Berichtsmonat Februar 2016 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind 66,127 Asyl-Erstanträge vermerkt, vorwiegend handelt es sich dabei um Flüchtlinge der oben benannten Gruppen. Selbstverständlich gibt es Dunkelziffern, manch einer reist mit gefälschten Papieren ein und stellt gleich mehrere Anträge, während andere das formelle Procedere umgehen und einfach untertauchen. Im Oktober 2015 befanden sich nach Schätzungen der FAZ insgesamt etwa 800 000 Flüchtlinge in Deutschland. Die Zahl ist bis heute natürlich drastisch gestiegen und überschreitet sicher eine Million.

Dennoch möchte ich diese hier nur vage erfasste Zahl anwesender Flüchtlinge der Einwohnerzahl Deutschlands gegenüber stellen. Ende 2015 waren nämlich immerhin 81,2 Millionen Menschen als Bundesbürger registriert. Die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten Bundesbürger unter aktuellen Bedingungen niemals einen Flüchtling überhaupt nur zu sehen bekommen, ist daher ausgesprochen groß.

Doch warum dann diese unbestimmte Angst, die so schnell in unbändige Wut umschlagen kann? Das deutsche Finanz- und Steuerwesen wird nicht unter den Neuankömmlingen zu leiden haben. Auch ist die Unterstellung krimineller Vorsätze durch Asylanten nicht mit vernünftigen Argumenten oder klaren Indizien zu begründen.

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eingeschränkte Wahrnehmung (copyrights Stefan F. Wirth)

Es bleibt als Erklärungsansatz lediglich eine Abscheu vor Andersartigkeit, die Befürchtung, irgendetwas am althergebrachten Alltag könne sich verändern. Leider haben wir es also vorwiegend mit diffusen Emotionen zu tun, die zu Ablehnung, Brandstiftung und unsäglichen Diffamierungen führen.

Dabei könnten gebildete Asylanten-Gegner durchaus versuchen, ihren Unmut und etwaige existentielle Befürchtungen historisch zu begründen. Doch dies gibt das derzeit in Deutschland vorherrschende Bildungsniveau schlichtweg nicht her. Historische Kenntnisse reichen allenfalls bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Damals hat sich Deutschland sehr effizient gegen alles Andersartige zur Wehr gesetzt. Wie stark und durchsetzungsfähig das Land damals gewesen ist, damit befasst man sich zunehmend sehr gerne. Schon allein deswegen, weil in jenen Zeiten alles so einfach war. Ausländer und politisch Andersdenkende wurden ohne großes Wenn und Aber eliminiert, man schätzte lange Diskussionen nicht. Jeder radikalisierte Hauptschüler, der im Unterricht nie folgen konnte, darf sich heute wieder schamlos öffentlich mit dem Ideengut seiner Urgroßeltern identifizieren. Und doch werden weder die Flut der Flüchtlinge selbst noch der Hass der Deutschen auf diese Einwanderer jemals von historischer Bedeutung sein.

Die Zukunft nämlich stellt ganz andere Herausforderungen an die Menschheit. Und für eine strenge Trennung der Nationalitäten, für ethnische Diffamierungen und Gewalt bleiben dabei kein Ressourcen übrig. Religionen als Haupttriebkräfte für rohe Gewalt unter Ethnien können weltweit im öffentlichen Leben keine Toleranz mehr erfahren. Der Klimawandel, die zunehmende Knappheit an Energierohstoffen, steigende Lebenserwartungen und Umweltkatastrophen dominieren die nächsten Jahrhunderte und verlangen von künftigen Gesellschaften Vernunft, Innovation und Zusammenhalt.

 

Invasion der Goten ins Römische Reich

 

Die Einwanderung der Terwingen

 

Dass Ströme aus Migranten innerhalb Europas und Vorderasiens letztmalig bestehendes Kulturgut seiner dauerhaften Vernichtung zuführten, liegt wahrlich lange zurück.

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römische Stadt (Pompeji, copyrights Stefan F. Wirth)

In einem Sommer des Jahres 376 wird es unruhig entlang der Donau, jener natürlichen Barriere, die das zweigeteilte römische Imperium vom Land der germanischen Barbaren trennt.

Die Hunnen, eine Völkerschar aus Zentralasien, suchen Osteuropa heim. Sie überfallen Dörfer und Städte in den Ländern der Ost- und Westgoten, die sich damals entlang der nördlichen Regionen des schwarzen Meeres erstreckten. Das Reitervolk plündert, was ihm in den Weg gelangt. Und es stößt dabei auf wenig ernst zunehmende Gegenwehr seitens der betroffenen Germanen-Völker, die schlicht überrumpelt werden, wohl auch, weil ihnen eine zentrale Organisation fehlt.

Die Motivation der Hunnen, Landstriche zu überfallen, die so fern ihrer ursprünglichen Heimat liegen, ist durch die Geschichtsforschung noch nicht gut verstanden. Womöglich, so heißt es, seien die Nahrungsmittel in den asiatischen Territorien einfach knapp geworden.

Zigtausende Menschen, die verschiedenen gotischen Stämmen angehören, verlassen fluchtartig ihre Dörfer und Städte und wenden sich der Donau zu. Ziel ist es, Zuflucht innerhalb der Grenzen des mächtigen Römischen Reiches zu finden.

Das Imperium Romanum wird zu jener Zeit durch zwei Herrscher regiert: Flavius Valens (328-378) in Ostrom und Gratian (359-383) im Westen.

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Kaiser Valens

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Kaiser Gratian

Während nun das gotische Volk der Terwingen unter den beiden Herrschern Fritigern und Alaviv an der Grenze zum römischen Herrschaftsgebiet lagert, fast 100 000 Menschen, Kinder, Alte, das eigene Hab und Gut nur notdürftig verpackt, bereitet Valens gerade einen Krieg gegen die Perser an der östlichen Grenze des Reiches vor.

Daher entscheiden sich Fritigern und Alaviv zu einem Schritt, der in damaliger Zeit keineswegs als ungewöhnlich gilt. Sie entsenden einen Boten, der Valens ein Asylgesuch überbringen soll. Da das römische Asylverfahren stets eine lukrative Gegenleistung voraussetzt, ist es durchaus ein geschickter Schachzug der Terwingen, dem römischen Kaiser zugleich Soldaten zur Unterstützung seines Vorhabens gegen die Perser anzubieten. Das Unterfangen ist dann auch tatsächlich von Erfolg gekrönt. Valens gestattet die Einreise der Terwingen, die daraufhin unter der strengen Kontrolle römischer Soldaten unter geordneten Bedingungen und dennoch in Scharen über die Donau setzen.

Der Kaiser, der die Situation nördlich der Donau nicht richtig einzuschätzen vermag, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er gerade selbst seine Mörder ins Land eingelassen hat.

Obwohl Rom Jahrhunderte lange Erfahrungen im Umgang mit legalen Einwanderern besitzt, ist man plötzlich unvorsichtig geworden und begeht bei der Abfertigung der nun im römischen Territorium befindlichen Terwingen zahlreiche schwere Fehler. Zunächst erfolgt die Entwaffnung der Männer nur unzureichend, die Bedingungen in den Auffanglagern sind schlecht, die Menschen hungern und begehren zunehmend auf.

So ist der zuständige römische Statthalter zum schnellen Handeln gezwungen. Er muss den Einwanderern irgendwie ein Signal setzen, dass die verhassten Notunterkünfte nur ein vorübergehendes Provisorium sind. Also schickt er überstürzt einen Flüchtlingstreck auf den Weg nach Marcianopolis. Hier soll allerdings nur ein großer Teil der Terwingen ankommen, denn ein wichtiger Aspekt des römischen Asylverfahrens besteht in der Dezentralisierung der Ankömmlinge. Dennoch werden zur Sicherung des langen Trosses um die gotischen Flüchtlinge Richtung Marcianopolis, das im heutigen Bulgarien liegt, ausgerechnet jene Legionen abgezogen, deren ursprüngliche Aufgabe die Bewachung der Donau war.

In der Folge eskaliert die Situation an verschiedenen Orten mehr oder weniger gleichzeitig. Der Treck mit den beiden Herrschern Fritigern und Alaviv steht schon kurz vor Marcianopolis als sich der römische Statthalter dazu entschließt,  die beiden Goten-Führer unkompliziert beseitigen zu lassen. Der Meuchelmord an fremdländischen Autoritätspersonen  wird in Rom als probates Mittel angesehen, um die Fähigkeit von Einwanderern zur Selbstbestimmung zu verringern. Doch das Attentat wird unprofessionell ausgeführt und Fritigern überlebt, im Gegensatz zu Alaviv.

Es verwundert daher nicht, dass Fritigern sein Volk nun in einen bewaffneten Aufstand gegen die römischen Unterdrücker führt, während zur selben Zeit die Greutungen, auch ein gotisches Volk, das nie um Asyl gebeten hat, ungehindert die Donau überqueren. Und sie sind dabei keineswegs allein. Einige alanische und hunnische Truppen haben sich ihnen angeschlossen.

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Schildbuckel der Greutungen

Die Terwingen unter Fritigerns Kommando befreien sich indes erfolgreich aus ihren Lagern und schlagen die römische Armee erfolgreich, die sich ihnen in den Weg stellt. Von nun an ziehen sie marodierend über den gesamten südöstlichen Balkan. Dabei kommt ihnen zugute, dass Valens zur Vorbereitung seines Kriegszuges gegen die Perser weit entfernt in Antiochia weilt. Es ist daher keine Legion mehr verfügbar, die sich den entfesselten Terwingen noch in den Weg stellen kann.

In seiner Verzweiflung bittet Valens seinen Mitregenten, den weströmischen Kaiser Gratian, um Verstärkung gegen die brandschatzenden Terwingen. Und tatsächlich gelingt es mit Hilfe weströmischer Legionen, die revoltierenden Eindringlinge zur Donau zurückzudrängen, zumindest vorübergehend. Unerwartet für Rom kommt dies den Terwingen jedoch zugute. Erneut schlagen sich  Römer und revoltierende Goten in einer Schlacht, die zwar dieses mal unentschieden endet,  jedoch die Terwingen geradewegs den noch immer nahe der Donau lagernden Greutungen zuführt. Es gelingt Fritigern nun, die beiden gotischen Stämme zu einem Bündnis zu vereinen, dem sich auch einige abtrünnig gewordene Hunnen-Trupps sowie Alanen-Verbände anschließen. Das Ergebnis ist eine große wehrhafte Armee, der Rom zunächst nichts mehr entgegensetzen kann.

 

Die Schlacht bei Adrianopel 378

 

Nun sehen die beiden Machthaber des Imperiums keine andere Möglichkeit mehr, als den den Eindringlingen selbst entgegen zu marschieren. Während Gratian sich mit seinen Armeen über das Balkangebirge nähert, zieht Valens Richtung Adrianopel in der heutigen Türkei.

Hier begeht der oströmische Kaiser nun einen äußerst verhängnisvollen Fehler als er sich dazu entschließt, das nahe gelegene und übermächtige Heer der Goten ganz im Alleingang anzugreifen, ohne zuvor die Ankunft Gratians abzuwarten. In der Folge werden Valens‘ Truppen vernichtend geschlagen. Die Erde auf dem Schlachtfeld färbt sich rot vor Blut, und die Römer erleben eine Niederlage, wie es sie seit der Varusschlacht nicht mehr gegeben hat. Valens selbst stirbt vermutlich noch auf dem Schlachtfeld.

Dennoch findet das Geschehen in der Folge zu einem vergleichsweise guten Ende, im Herbst 382 nämlich gelingt es, mit Gratian einen Friedensvertrag zu schließen, der den Goten eine Aufenthaltsgenehmigung sowie Ländereien zusichert. Es ist dies ein durch die gotischen Einwanderer erzwungener Kompromiss, etwas, das es in Rom seit Jahrhunderten so nicht mehr gegeben hat.

Das Römische Reich ist angreifbar geworden. Es folgen weitere Invasionen, in deren Verlauf sogar das Herz des Imperiums, Rom, schon im ersten vorchristlichen Jahrhundert durch Tibullus als Ewige Stadt bezeichnet, mehrfach eingenommen wird. Die so genannten Völkerwanderungen haben eingesetzt. Sie sind es,  die das einst so machtvolle große Imperium in den Untergang führen werden.

Das Weströmische Reich hört bereits irgendwann im 5. Jahrhundert auf zu existieren. Ostrom besteht hingegen noch bis ins 15. Jahrhundert fort, eine Zeit, die Historiker als spätbyzantinische Epoche bezeichnen werden.

Die nicht mehr unter römischer Herrschaft stehenden Gebiete werden ab dem 5. Jahrhundert zwischen Vandalen, Westgoten (den früheren Terwingen) und Franken aufgeteilt.

 

Untergang des Reiches und mittelalterliche Finsternis

 

Obwohl der Untergang des römischen Reiches schrittweise erfolgte und nicht alleine auf die Angriffe benachbarter Völkergruppen zurückgeführt werden kann, hat die missglückte Integration von Flüchtlingen Ereignisse eingeleitet oder zumindest beschleunigt, die das zuvor unbesiegbare Rom von innen und von außen her zersetzten.

Was für Konsequenzen hat so etwas nun für ein Land?  Neue Herrscher, eine ethnische Vermischung und andere Gesetze sind natürlich Folgen, die den Lebensalltag der einheimischen Bevölkerung stark erschüttern. Doch gravierende Umstrukturierungen hat es in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben. Es zeichnet den Menschen sogar seit jeher besonders aus, sich Veränderungen erfolgreich anpassen zu können. Letztlich evolvierte der Homo sapiens sogar nur dadurch zu seinem heutigen Erscheinungsbild, dass sich die Umwelt, in der frühzeitliche Hominiden lebten, ständig abwandelte.

Auch Rückschritte hinsichtlich kultureller Kompetenzen hat der Mensch immer wieder durchleben müssen. Nun eben auch in der Folge der Einfälle germanischer Völkerscharen ins Römische Imperium. Und obwohl die Existenz neuer Herrscher sowie die genetische Vermischung der Ethnien die Bevölkerung auf keinen Fall ernsthaft überfordert haben kann, katapultiert der zunehmende Verlust römischen Wissens und römischer Technologien Europa und den nahen Osten in den folgenden Jahrhunderten in ein andauerndes Zeitalter der Düsternis.

Bahnbrechende römische Errungenschaften geraten spätestens ab dem Mittelalter weitgehend in Vergessenheit. Das Straßensystem veraltet. Die Kanalisation, jenes ausgeklügelte System aus Rohren und Leitungen, das jedes römische Haus versorgt und damit hygienische Bedingungen ermöglicht hat, geht in seiner fortschrittlichen Form verloren. Das hochentwickelte Bildungssystem, das die gesamte Bevölkerung Roms quer durch alle sozialen Schichten systematisch mit Wissen versorgt hat, wird abgeschafft und durch spirituelle Dogmen ersetzt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden vernichtet, und nicht zuletzt hat man den freien Geist und die Lebensfreude zerstört und zu Gott ungefälligen Sünden erklärt.

Erst Aufklärung und moderne Technisierung, einhergehend mit der Industrialisierung, haben wieder einen hochentwickelten Standard erschaffen, ein Niveau, das zum Teil in Grundlagen bereits den antiken Römern bekannt war.

 

Moderne Zukunftsperspektiven

 

Lässt sich also mein Beispiel einer eskalierten Flüchtlingsinvasion der Spätantike als Mahnmal dafür anführen, dass die freundliche Aufnahme von Immigranten aus anderen Kulturkreisen auch heute noch zur ernsten Bedrohung unserer modernen Zivilisation heranreifen kann?

Ich muss sagen, dass es mir im Grunde vollständig gleichgültig ist, ob sich deutsche Bürger der Zukunft durch eine vorwiegend dunkle Hautfarbe mit schwarzen Haaren auszeichnen oder nicht. Wichtig ist doch, dass wir nicht befürchten müssen, durch bedrohliche Migrationsbewegungen erneut in einen dunklen Abgrund des Unwissens und einer Diktatur der Religionen zurückversetzt zu werden. Das kann niemals mehr geschehen, denn zu sehr sind wir auf unsere intellektuellen Fähigkeiten, die Grundlage allen technologischen Fortschritts, angewiesen.

Wir würden sonst die letzten Ressourcen sinnlos verschwenden und aussterben.

Unsere Zukunft wird uns mit ganz anderen Dingen konfrontieren, die alle Völker gemeinsam unter Ausschluss des religiösen Wahns erleben werden. Der Mars wird besiedelt werden, Dinosaurier entstehen durch genetische Manipulation aus Vögeln heraus neu, und Mammuts besiedeln die Steppen Sibiriens. Humanoide Roboter werden zum Alltag gehören und Reisen ins All einen neuen Tourismus-Zweig eröffnen.

Blood Moon signiert

Reisen ins All (copyrights Stefan F. Wirth)

 

 

(Historische Quellen: divers, darunter „Geo Epoche“ Nr. 76: „Die Völkerwanderung, Germanen gegen Rom“)

 

Copyrights, März 2016: Gesamter Artikel Stefan F. Wirth, ausgenommen Fotos, die nicht explizit mit meinen Copyrights versehen sind.

 

 

 

 

 

 

 

Die Lust an der Gewalt

Februar 2015, irgendwo in Syrien: der verängstigte Mann klammert sich mit letzter Kraft an die Sitzfläche des Stuhles, von dem aus er in die Tiefe gestoßen werden soll. Dann fällt er, doch niemand kann sicher sagen, ob er überlebt hat oder nicht. Fest steht, dass die unten Wartenden ihn mit Steinen traktieren, als ginge es darum, einen Überlebenden erneut durch das Strafgericht der Scharia in den Tod zu befördern. Ein brutaler Mord im Namen einer Religion.Was der Mann verbrochen hat? Eine Liebschaft soll der um die 50-Jährige gehabt haben, und zwar mit einem anderen Mann. Es gibt also Regionen dieser Welt, in denen Liebe ein todeswürdiges Verbrechen darstellt, ein grausames Paradoxon.

Nicht besser ergeht es den Männern in einem anderen Video, das vor einiger Zeit im Internet kursierte. Mit professionellem Schnitt, perfekter Kameraführung, sogar aus verschiedenen Perspektiven, wird wiederum eine grauenvolle Tat in Szene gesetzt: ein Massenmord. Etwa 20 geduckt laufende Männer in orange-gefärbten Shirts werden von je einem dazugehörigen Täter in einer Schauprozession an mehreren Filmkameras vorbei geführt. Die Inszenierung ist beinahe Hollywood-reif.  Für die Köpfe der Opfer jeweils ein Messer, denn damit enthauptet es sich besonders grausam. So wandert jeder Täter mit seinem Gefangenen an einem Eimer vorbei, der mit kurzen Schneidwerkzeugen angefüllt ist. Die Nahaufnahme zeigt uns deutlich die Gesichter der künftigen Mörder, die mit ritualisierter Geste nach ihren Messern greifen. Sie wirken selbstgerecht. Die Todeswürdigen werden schließlich in einem Halbkreis aufgereiht, und die Kamera lässt uns in ihre versteinerten Gesichter blicken. Der Täter in der Mitte spricht die obligatorische Droh-Botschaft gegen den imperialen Westen in die Kamera. Anders als seine Kumpane ist er komplett in schwarz gekleidet und sein Antlitz verhüllt. Der junge Mann, der vor ihm kniet, sieht aus wie ein Wüstenprinz mit leuchtenden Augen. Er ist der Schönste unter den Opfern. Aus diesem Grunde fährt die Kamera jetzt ganz nah an sein Gesicht heran und verharrt von nun an genau dort. Denn das ist die Erniedrigung, die Strafe, die ihm zugedacht ist. Der intimste Moment im Leben eines Menschen, sein Augenblick des Todes, soll via Videobotschaft vor aller Welt zur Schau gestellt werden. Wie das aussieht, wenn die Gesichtszüge entgleisen und nach all der Qual endlich der Tod eintritt? Ich will das nicht wissen, habe das versehentlich aufgerufene Originalvideo daher rechtzeitig geschlossen.  Schuldig waren die dahin Gemetzelten lediglich eines Vergehens. Sie glaubten an eine andere Auslegung des Islam. Aus prinzipiell demselben Grund wurde auch ein anderer Mann hingerichtet. Die Nachricht hierüber ist erst wenige Tage alt. Er verbrannte in einem Käfig aus Stahl bei lebendigem Leibe. Und auch dieser Todeskampf wurde über das Internet veröffentlicht. Die verstörenden Bilder zeugen von ungezügelter Mordlust.

Warum tun Menschen so etwas? Haben sie ihre Menschlichkeit verloren? Oder ist das, was sie tun, ein Bestandteil dessen, was wir als menschlich bezeichnen?

Grenzenlose Brutalität ist keineswegs eine Erfindung moderner Islamisten. Sie ist fester Bestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte. Doch warum inszenieren menschliche Gesellschaften mit ausgesprochener Kreativität immer wieder aufs Neue ihre Morde?

USA 1995, in irgendeinem US- Bundesstaat, der die Todesstrafe mit der Giftspritze praktiziert: Der Mörder und Vergewaltiger ist auf eine Bahre geschnallt worden, die Arme auf beiden Seiten abgespreizt. Die Kanülen sind bereits an beiden Armen angebracht, als man den so Gekreuzigten aufrichtet, so dass er durch die Glasscheibe das Publikum sehen kann. Die Menschen dort sind die Zeugen der Hinrichtung, unter ihnen sitzen aber auch die Eltern der Mordopfer. So zur Schau gestellt spricht der Todgeweihte seine letzten Worte und beendet seine Ansprache mit: „Ich will noch sagen, dass ich Töten für falsch halte, vollkommen egal, wer es tut, obs nun ich oder Sie oder die Regierung macht.“

Dann wird der Mann zurück in die Waagerechte gebracht, in eine Position, von der aus er mit leicht zur Seite gedrehtem Kopf noch die Zuschauer erkennen kann, und es wird ihm die tödliche Giftinjektion verabreicht. Während er nun stirbt, kann seine Seelsorgerin, die im Publikum sitzt, ihre Tränen nicht länger zurückhalten.

Für ihre Rolle als Ordensschwester erhielt Susan Sarandon 1996 den Oscar. Sean Penn stirbt als Täter dennoch einen Tod, der die eigenen Verbrechen an Perversion übertrifft. In einem gläsernen Käfig vor Zuschauern.

Die Realität ist in den USA heute jedoch weitaus brutaler: Da europäische Hersteller von Medikamenten die Auslieferung an die Vereinigten Staaten zur Umsetzung der Todesstrafe verweigern, wird bei den Exekutionen neuerdings mit unerprobten Chemikalien experimentiert. In der Folge sterben 2014 mehrere Delinquenten einen langen und qualvollen Tod.

Erfüllt es mit Genugtuung, Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben verlieren? Werden künftige Täter abgeschreckt, wenn sie solch grauenvolle Spektakel mit verfolgen müssen? Oder geht es um Grenzerfahrungen? Lust, Gewalt zu erleben, die Tabuüberschreitung als Nervenkitzel?

Die Welt ist voller Beispiele für gnadenlose Massaker, von Menschen an Menschen begangen.

Wir schreiben den 6. Januar 1536 und befinden uns mitten in Deutschland, genauer in der westfälischen Stadt Münster. Drei Männer werden auf dem Prinzipalmarkt unter der Anteilnahme einer gewaltigen Zuschauerschar schrittweise zu Tode gefoltert. Die insgesamt etwa vier Stunden andauernde Prozedur zu Füßen der Lambertikirche bestraft die Anführer einer extremistischen religiösen Gruppierung, die sich als Wiedertäufer bezeichnen. Einst waren Jan van Leiden, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting selbst zu Tätern geworden, hatten Münster besetzt und ein gnadenloses Regime des Grauens angeführt, in religiösem Wahn jeden Widerstand mit mörderischer Gewalt niedergestreckt. Nun waren der Mann, der sich „König“ nannte, und seine Komplizen selbst an der Reihe. Zunächst wurden ihnen mit glühenden Zangen die Zungen herausgerissen. Danach band man sie an Pfählen fest, weitgehend nackt, und zerfetzte ihre Körper bei lebendigem Leibe mithilfe derselben rot glühenden Greifwerkzeuge. Erst Stunden später wurden sie der Gnade halber erdolcht. Ihre geschundenen Leiber hat man in eisernen Körben an der nahegelegenen Kirche hochgezogen, wo sie der öffentlichen Schande und dem Vogelfraß auf Dauer preisgegeben waren. Noch heute hängen übrigens die inzwischen renovierten Körbe als makabre Touristenattraktion am Turm von St. Lamberti.

Doch durch die drakonischen Schauprozesse aus vergangenen Jahrhunderten hat Deutschland den Höhepunkt seines sadistischen Wirkens noch lange nicht erreicht. Nicht einmal hundert Jahre ist es her, dass Nazi-Deutschland effiziente Tötungsmaschinerien in Gang brachte, und zwar mit dem Ziel der Massenvernichtung. Homosexuelle, Kommunisten, Juden sowie Angehörige der Sinti und Roma waren als nicht lebenswerte Störfaktoren eingestuft worden, die daher millionenfach den Tod fanden. Ihre Körper waren nicht einmal nach dem Tode sicher vor den pervertierten Nachstellungen durch die Nationalsozialisten, denen es um weit mehr als eine ethnische Säuberung der eigenen Gesellschaft ging. Ziel war es, die Anhänger aller unerwünschten Ethnien, sexuellen Orientierungen oder politischen Ideale öffentlich zu erniedrigen, sie für ihre Andersartigkeit zu bestrafen. Toten wurden in den Konzentrationslagern der Nazis die Haare zur Weiterverarbeitung abgeschnitten. Filze und Stoffe sollten daraus entstehen. In der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ausschwitz sind Tonnen von ihnen noch immer zu sehen. Doch auch die Haut der Verstorbenen diente der Herstellung makaberer Accessoires. Regenschirme, Lampenumhüllungen oder Tischdecken wurden aus ihnen gemacht. Wer hingegen eine Weile die Lagerhaft überstand, jedoch ein besonders schönes Tatoo sein Eigen nennen durfte, lebte eventuell ganz besonders gefährlich. So wurde der Fall eines polnischen KZ-Häftlings in Ausschwitz bekannt, dessen beeindruckende Rücken-Tätowierung mit dem farbigen Motiv des biblischen Paradieses eine Begehrlichkeit des Lagerarztes Friedrich Entress erweckte. Nachdem der ebenfalls politische Häftling und Fotograf Wilhelm Brasse die Tätowierung des muskulösen Schiffsheizers Zielinski in Form mehrerer Bild-Serien dokumentiert hatte, wurde dieser kaltblütig ermordet. Entress hatte das Tatoo herausschneiden und zu einem Bucheinband verarbeiten lassen.

Nicht nur die Neuzeit, sondern auch die Antike strotzt nur so vor Brutalität und Sadismen. So berichtet Tacitus von den Schrecken des Jahres 64, in dem der römische Kaiser Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus nach einem Großbrand in Rom frühe Christen der Brandlegung bezichtigte und sie dafür drakonisch öffentlich bestrafte. Manche von ihnen wurden gekreuzigt oder in einer Circus-Vorführung lebendig an wilde Tiere verfüttert, andere hingegen mussten Schlimmeres erdulden. In Tierhäute eingenäht erhellten sie bei Nacht die Neronischen Parkanlagen als lebende Fackeln.

Besondere Grausamkeit ist jedoch keineswegs eine Erfindung der Antike. Denn folgen wir der Zeitskala dort beginnend wieder in die frühe Neuzeit hinein, diesmal nach England, werden wir im Elisabethanischen Zeitalter, also der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, mit einer besonders bestialischen Hinrichtungsmethode konfrontiert. Das „Hanged, drawn and quartered“ war als besonders entehrende öffentliche Bestrafung nur Hochverrätern vorbehalten. Der Verurteilte wurde auf einem Gatter befestigt zur Hinrichtungsstätte gezogen, anschließend gehängt, jedoch noch vor Eintritt des Todes wieder vom Galgen gelöst und daraufhin auf einer Bahre fixiert. Dort trennte man ihm zunächst die Genitalien ab und zeigte sie nun zuerst dem Opfer und dann der Zuschauermenge. Hernach eröffnete man den Bauch und entnehm dort Stück für Stück Teile des Darms, die wiederum der Begutachtung durch den Verurteilten und die Zuschauer preisgegeben wurden. Schließlich verbrannte man die Organe noch vor den Augen des Opfers, das die folgenden Schritte der Prozedur vermutlich nicht mehr lebendig erdulden musste. Denn es wurde nun das Herz entfernt und als letztes Organ dem Feuer übergeben. Erst daraufhin köpfte man den Unglücklichen, vierteilte seinen Körper und stellte die sterblichen Überreste  an unterschiedlichen und exponierten Orten der Stadt zur Abschreckung auf.

Jede mittelalterliche Tierschlachtung war humaner. Warum nur ergötzen sich Menschen immer wieder am physischen Leid ihrer Artgenossen? Woher kommt die Kreativität, mit der das öffentliche Morden inszeniert wird? Sind die Köpfe, die das zelebrierte Leiden ersonnen haben, pathologische Ausnahmeerscheinungen?

Hinweise liefern vielleicht die Geschehnisse, die sich in den letzten dreizehn Jahren in einem berühmten Gefangenenlager auf Kuba zugetragen haben. Das Gefängnis Guantanamo, das dem US-Militärstützpunkt Guantanamo Bay Naval Base angehört, ist längst zu trauriger Bekanntheit gelangt und hat Menschenrechtler weltweit entsetzt.

Jede bekannte Form der Folter, die nicht unmittelbar zum Tode führt, scheint in dem berüchtigten Gefängnis zur Anwendung gelangt zu sein. Besonders hervorzuheben ist jedoch, dass die Insassen insbesondere solche Torturen erleiden mussten, für die es gar keine historischen Vorbilder gab. Die Foltermethoden schienen frei erfunden, der Kreativität des Gefängnispersonals waren offenbar keine Grenzen gesetzt.  Nicht Aussage-Willige wurden in Kältekammern verbracht, mit der Waterboarding-Folter gequält, mit Stromschlägen traktiert, zu sexuellen Handlungen gezwungen oder auf alle erdenkliche Weise nackt gedemütigt. Übertroffen werden die Taten in Guantanamo lediglich noch durch ein weiteres US-Gefangenenlager, nämlich jenes im irakischen Abu Ghraib, westlich von Bagdad gelegen. Auch hier werden angebliche Terroristen mit islamistischem Hintergrund festgehalten. Das Gefängnis, das schon zu Regierungszeiten Saddam Husseins für unmenschliche Zustände bekannt war, wurde jedoch erst durch die Machenschaften US-amerikanischer Gefangenenaufseher weltberühmt. Das Foto eines Folteropfers mit schwarzer Kapuze über dem Gesicht, den Körper nur durch einen weiten Umhang bedeckt, das mit abgespreizten Armen dauerhaft auf einer Kiste stehen muss, wurde zum Inbegriff der US-Willkür an muslimischen Gefangenen. Doch Elektroschocks waren nur eine von vielen Methoden, um zu foltern. Viehische Zurschaustellung in nackten Posen gehörte mindestens genauso zum Standardrepertoire der Folterknechte. Als die Fotos der Folteropfer in den Medien erschienen, entrüstete sich die Welt. Den USA blieb also nichts übrig, als die Täter öffentlich anzuklagen. Doch was hat all das bewirkt? Beide Gefangenenlager existieren noch, und über die heutigen Bedingungen dort ist kaum etwas bekannt.

Die Geschehnisse in beiden Gefangenenlagern weisen Parallelen auf. Beide sind sie US-amerikanische Sützpunkte im Ausland. Sie befinden sich weit entfernt von der rechtstaatlichen Kontrolle durch die USA. Die Bediensteten müssen zunehmend das Gefühl der Narrenfreiheit empfinden. Niemand maßregelt sie für ihre immer häufigeren Willkür-Eskapaden. Es gibt keine nennenswerte Kontrolle von oben, und von unten kommt keine Kritik, kein Widerstand. Denn die Gefangenen sind wehrlos, vollständig unterworfen. Die perfekten Opfer für sadistische Entgleißungen.

Menschen können im Affekt zu wilden Tieren werden, sich geradezu in wütende Ekstase versetzen, um so ihre Opfer in einem kurzen Moment fehlender Steuerung mit ungezügelter Gewalt zu überziehen. Die in diesem Artikel erläuterten Beispiele sind jedoch auf andere Bedingungen zurückzuführen. Durchdachter Mord, geplante Folter, häufig gebunden an eine Logistik, die mehrere Mittäter erfordert, so sehen wahrlich keine Affekthandlungen aus. Minuziöse Planung einer Tat erfordert weit mehr als einen kurzen Ausraster. Es geht hier nicht um unkontrollierbare Überlebensinstinkte, sondern um sadistische Lust, die den betroffenen Menschen dazu motiviert, vorsätzliche Entscheidungen zu fällen. Zwar ist die Empfindung lustvoller Begierde zunächst ein Instinkt, der durch das untergeordnete und evolutionsbiologisch alte Zwischenhirn gesteuert wird, und doch handelt es sich bei der sadistischen Neigung um weit komplexere neuronale Zusammenhänge. Sie dienen dazu, eine instinktive Lust in ein dauerhaftes Begehren zu verwandeln,  das durch zielgerichtete Planung in die Tat umgesetzt werden kann.

Das Potential, eine sadistische Neigung zu entwickeln, ist dabei offenbar natürlicher Bestandteil des Menschseins, verankert in unserem millionen Jahre alten Genom. So sind vermutlich die meisten Menschen grundsätzlich zu sadistischer Grausamkeit befähigt, allerdings nur unter geeigneten Rahmenbedingungen. Weitgehende Isolation, mehr oder weniger unbeschränkte Machtbefugnisse und das Vorhandensein untergebener und vollständig ausgelieferter Mitmenschen scheinen wichtige Voraussetzungen zu sein, um einen Sadismus auszubilden.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm erkannte 1973 den Sadismus als ein Verlangen, einem anderen Menschen so nahe wie möglich zu kommen, und wenn schon nicht durch Liebe und Zärtlichkeit, dann doch in Form der Gewaltausübung. Ein Zusammenhang also, den man durchaus als unterschwellig sexuell motiviert bezeichnen muss.

Der explizit sexuelle Sadismus hingegen verbindet eine erotische Erektion mit dem Anblick der erniedrigenden Qual, die das Gegenüber erleiden muss. Als Sonderform ist dabei der Kompensatorische Sadismus hervorzuheben, in dem das Gefühl der sexuellen Befriedigung ganz allein durch die Grausamkeit des Gewaltaktes erzeugt wird. Konkrete erotische Handlungen unterbleiben hier also vollständig.

Diese Form des Sadismus scheint vor allem dort Triebfeder zu sein, wo Menschen besonders ungewöhnlicher Grausamkeit ausgesetzt werden. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist womöglich die Motivation der Henker zur Umsetzung der historischen Hinrichtungsart „Hanged, drawn and quartered“.

Die neurologischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, die erklären, warum organisierte und sadistische Gewalt, durch Menschen an ihren Mitmenschen begangen, immer wieder die Oberhand gewinnt, sind zu komplex, um hier angemessen erörtert zu werden.

Scheinbar kann man zumindest Folgendes festhalten: Der Intellekt kann triebhafte Lust nach Gewalt effizient unterdrücken. Umfassende Erziehung, von Kindesbeinen an, führt zu einem hohen Bildungshorizont und stimuliert dadurch intellektuelle Fähigkeiten, die sich mit zunehmender Lebenserfahrung sogar noch ausweiten. Die Ausübung sinnloser Gewalt und ein hohes Bildungsniveau schließen einander meist aus. Investiert also nicht in kriegerische Auseinandersetzungen, sondern in die Verbesserung der weltweiten Bildungsstandards!

Es ist nocheinmal hervorzuheben, dass sich dieser Artikel nicht mit schwersten pathologischen Ausnahmeerscheinungen befasst, sondern das Potential völlig normaler Menschen erörtert, unter Einwirkung bestimmter Gegebenheiten brutale und sadistische Züge zu entwickeln.

 

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