biologe

Just another WordPress.com site

Kategorie: Intellekt

Western lowland gorilla: locomotion, eating and facial expressions

We humans are nothing else than a species of great Apes and thus belong to the clade of the primates. Gorillas and chimpanzees represent our closest recent relatives.

 

Relationship to Homo sapiens

 

In earlier times, it was even stated that the two chimpanzee species and the two gorilla species altogether were the sister-clade of the Homo sapiens. This is not the standard of knowledge any more. Due to molecular evidence and other characters, it could be reconstructed that chimpanzees alone represent the sistergroup of modern humans. Gorillas are sister-taxon of the clade consisting of cimpanzees and Homo sapiens.

 

Knuckle-walking

 

The consequence of this systematic scenario is interesting, as the conspicuous mode of locomotion that can be found in gorillas and chimpanzees, the so called knucklewalking, might have also existed in very „primitive“ and extinct human species.

 

Two gorilla species

 

Another newer finding is that the four subspecies of gorillas (western lowland gorilla, Cross River gorilla, eastern lowland gorilla and mountain gorilla) represent two species, the western gorilla (Gorilla gorilla) and the eastern gorilla (Gorilla beringei). Visible in my film footage are specimens of the western gorilla, more exactly western lowland gorillas (Gorilla gorilla gorilla) from the Zoologischer Garten Berlin.

 

Preferred habitats

 

Gorillas live preferably on the ground, but are also good tree climbers. An exception is the mountain gorilla, which seems to avoid tree climbing. Gorillas even do not avoid water, but only access  water bodies, in which they can stand.

 

Social structure

 

The social structure of gorilla groups can be simplyfied as consisting of one dominant male (silverback), his females and subadult specimens. In case several adult males remain in a group, only the dominant silverback is reproductive. The normal case is that adult males leave their groups, remain for a while alone and try to find access to a new group. Interestingly, in gorillas also females leave their groups after adolescence . As a result, females of a group are usually not closer related with each other.

 

Diet

 

Gorillas represent the biggest great apes, but usually are vegetarians, preferring fruits, seeds and leaves as food. To gain enough nutrients, they need to invest a major time of their daily activities with eating. It is still unknown, which role carnivorous food plays for these apes. Some were observed during „termite fishing“. It might be that insects and smaller vertebrate might enrich their diet. In order to grasp smaller food particles, gorillas possess a quite well developed hand motor-skills, as visible in my footage.

Western lowland gorilla filmed in Berlin Zoologischer Garten, copyrights Stefan F. Wirth, Please like my videos also on youtube, in case you like them.

 

Facial expressions

 

As all gorillas, also the western lowland gorilla is characterized by very well developed facial expression abilities. it’s a character, which they share with chimpanzees and humans due to a common evolutionary event in the early ancestor line of the great apes. A differentiated facial expression, comparable with the one of humans, requires a suitable innervation, skull muscle origins and specific numbers and shapes of facial muscles.

 

Culture and the use of selfmade tools

 

It was earlier thought that cultural abilities and the use of selfmade tools would be unique for humans. The modern primatology could proof that this is not true. Both characters evolved obviously in the ancestor line of the great apes. Especially chimpanzees and gorillas are known for using tools, for example in order to perform termite-fishing. The transfer of a specific knowledge or abilities via teaching to the offspring is named culture. Also gorillas are able to do so.

 

Berlin, July/November 2018, Copyrights Stefan F. Wirth

Advertisements

Die AfD und Deutschlands Bildungsarmut, eine wahrlich ungute Paarung

Die AfD ist aus meiner Sicht eine Strafe für Deutschland. Doch Strafe wofür? Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sind plötzlich wieder salonfähig. Mussten  sich die politisch Motivierten ganz rechts außen vor einigen Jahren mit ihrem oft menschenverachtenden Gedankengut noch verstecken, so können sie heute ganz offiziell und seriös gekleidet als Politiker auftreten. Nationalistische Irrlehren und völkisches Blabla, wie konnte das nur Einzug in ein modernes Europa finden? Als Jugendlicher hätte ich so etwas nicht einmal zu träumen gewagt. Ich glaubte allen Ernstes, in einem der modernsten und tolerantesten Länder der Welt zu leben. Doch nun ist alles anders geworden, und ich frage mich: Was ist die Ursache?

Die Regierungspolitik im Zusammenhang mit den Migrantenströmen wird häufig als Quelle des AfD-Übels benannt. Ich kann das nicht glauben und gehe sogar so weit zu behaupten, dass wir die AfD eventuell auch dann heute im Bundestag vertreten hätten, wenn kein einziger Flüchtling je seinen Fuß nach Deutschland gesetzt hätte. Die Flüchtlingskrise ist ein internationales Problem, die Erfolge der AfD jedoch halte ich für ein vorwiegend innenpolitisches Desaster. Zugrunde liegt aus meiner Sicht ein Versagen der Regierung auf einer ganz anderen Ebene, als immer behauptet wird. Eine Kombination aus zerrüttetem und inkompetentem Bildungssystem und einer zunehmenden Verarmung der Bevölkerung mündet in Wut und Verzweiflung. Hilflosigkeit und Unwissen einhergehend mit immer weiter eingeschränkten Fähigkeiten komplexer Gedankenführung öffnen extremistischen Scheinpolitikern alle Pforten.

Rechts will uns immer weiß machen, die Migranten, insbesondere die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, lägen uns wie Parasiten auf der Tasche, brächten Gewalt und Unfrieden in unser Land. Gern wird bei all der diffamierenden Hetze jedoch verschwiegen, dass es auch Migranten gibt, die mehrere Sprachen fließend sprechen und in ihrem Land ein Studium absolviert oder zumindest begonnen haben. Mit all dem haben sie heutzutage doch vielen Deutschen gegenüber etwas voraus. Die Wahrheit ist nämlich, dass Deutschland Kräfte aus dem Ausland benötigt, da es den Einheimischen zunehmend an Kompetenzen mangelt, und zwar ganz konkret brauchen wir auch einige derer, die entweder in Deutschland Asyl beantragt haben oder aber hierher gekommen sind, eine Duldung ohne Asylverfahren erwirkten und einen Arbeitsplatz oder einen Ausbildungsplatz ergattern konnten.

Was nur wären die Parolen der AfD heute, wenn es keine Migrantenströme gegeben hätte? Eigentlich auch völlig egal, denn um die Inhalte geht es ja nicht wirklich. Einfach gestrickt müssen sie sein, die Parolen, etwa von der Sorte Forderungen, die manch einem ansonsten geistig durchaus regen Menschen im Vollsuff aus der Rübe purzeln können. Aus meiner Sicht gilt ganz allgemein: Mehr Bildung in Deutschland bedeutet weniger AfD!

Von Verwandten in höheren AfD-Positionen distanziere ich mich ausdrücklich.

Berlin, Juli 2018

Copyrights Stefan F. Wirth

Wird die Biodiversitätsforschung zunehmend in Zweit- und Drittweltländer verlagert und verliert dort durch Massenpublikationen mäßig vorgebildeter Forscher an Wert?

 

Es erscheint zunächst plausibel: Ein sinnvoller Naturschutz muss zwingend an genaue Kenntnisse unserer Natur anknüpfen. Da unsere natürliche Umwelt zu erheblichen Teilen biologisch belebt ist, ist die Artenkenntnis eine wichtige Grundlage, um unsere irdischen Ökosysteme und damit auch uns selbst zu erhalten.

Forscher gehen von insgesamt über acht Millionen Arten weltweit aus. Hierbei zeigen vor allem die Tiere eine hohe Artenvielfalt auf. Ein erheblicher Prozentsatz der Biodiversität, so der Fachterminus für Artenvielfalt, ist jedoch noch immer unbekannt.

Jeder vernünftige Mensch würde doch an dieser Stelle schlussfolgern, dass Biologen und insbesondere Zoologen händeringend benötigt würden, um zu dem Mammutprojekt „Biodiversitätsforschung“ Beiträge leisten zu können. Doch weit gefehlt! Deutsche Stellenangebote suchen in der Regel nach Pharma-Mitarbeitern oder versuchen stellenlose Wissenschaftler unter ihrem Leistungsniveau in Großlaboratorien der medizinischen Forschung unterzubringen. Der Rest bleibt ohne Anstellung und muss mitunter als Hatz-IV-Bezieher ein klägliches Dasein fristen.

Und die Biodiversitätsforschung? Die ist längst nicht mehr in Deutschland zuhause. Nur wenige Grüppchen sind bundesweit verteilt übrig geblieben, und die investieren mehr Zeit damit, ihre Ellbogen zu stärken, um ihre Fördermittel gegen Konkurrenten zu verteidigen, als in gute Forschung.

Machtregierungen denken an nichts anderes als an ihren Machterhalt, kurzsichtiges Agieren, denn was nach ihnen passiert, ist ihnen völlig gleichgültig. Steuergelder wandern in die Geldbörsen gieriger Politiker, und das in rauen Mengen, und nicht dahin, wo sie hingehören: in die langfristige Sicherung der Zukunft.

In der Zwischenzeit sterben Arten zu Hunderten aus, noch bevor sie überhaupt entdeckt und beschrieben werden können, und mit ihnen vergehen mitunter ganze Ökosysteme.

Dabei verfügte Deutschland über eine seit Jahrhunderten gewachsene Tradition in qualitativ hochwertiger Forschung in den Naturwissenschaften. Gerade in der Biologie waren deutsche Wissenschaftler weltweit bekannt für präzise Gedanken und sorgfältige Terminologien sowie gründlich durchdachte Hypothesen.

Inzwischen sind deutsche Spezialisten im Umfeld der Biologie entweder auf Dauer arbeitslos oder zu Überlebenskünstlern geworden. Die USA haben das Feld übernommen, sie investieren immense Forschungsgelder in die Grundlagenforschung. Und das doch mit für das Land typischen Einschränkungen. Wer sich einen US-Wahlkampf anschaut, wer Hollywood-Action-Filme konsumiert, der weiß, dass subtiles Gedankengut oft nicht Sache der US-Amerikaner ist. So auch allzu häufig nicht in den Naturwissenschaften.

Terminologien, die wir sorgsam voneinander abgrenzen, werden gerne lax pauschalisiert verwendet. Feinheiten des Artbegriffes? Für manche Systematiker völlig uninteressant! Die USA sequenziert vorwiegend, das ist zeitgemäß und erfasst die Artenvielfalt objektiv und genau, so jedenfalls glaubt man. Einwände werden nicht selten als unmodern verworfen. Aber welches Gen kodiert denn nun für die Artgrenze? Blöde Frage, kein bekanntes natürlich,  die Grenzen, die legen wir einfach willkürlich fest. Aber wer um alles in der Welt wählt denn dann das Material nach sinnvollen Kriterien aus, das überhaupt zur Sequenzierung gelangt? Gute Frage, so die Antwort, hier werden nach wie vor Spezialisten benötigt, aber bitte, günstig müssen sie sein und produktiv im Akkord. Ich berichte hier aus meinen eigenen Erfahrungen im Bereich der systematischen Milbenforschung.

Der Einwand „Qualität gibt es nicht günstig“ wird kaltlächelnd in den Wind geschlagen. Geld spart man, indem man diese Forschungsleistung in Zweit- und Drittweltländer verlagert. Ich habe selbst miterlebt, dass einflussreiche US-amerikanische Forscher die Arbeit nicht hinreichend vorgebildeter russischer Kollegen explizit motivieren und gutheißen, denn diese Sorte Forscher macht häufig, was ihr gesagt wird, ohne kritische Rückfragen, ohne eigene Einfälle und innovative Ansätze. Wer in Zweit- und Drittweltländern forscht (das gilt auch für die russischen Milbenforscher, die ich kennenlernte) wird aus landeseigenen Kassen verhältnismäßig fürstlich entlohnt. Umfassende Kompetenz ist oft nur eingeschränkt wichtig. Vor allem nämlich gilt es, dem jeweiligen politischen System freundlich gesonnen zu sein, denn ansonsten kommt es erst gar nicht zum Studium.

Auf entsprechendem Niveau befindet sich die Forschung nicht nur im fernen Sibirien, sondern auch in Ägypten oder etwa dem Iran. Ich mache wohl Witze? Nein, nein, ich habe das alles selbst gesehen. Zeckenforschung in Kairo: Mir verschlug es den Atem, schon alleine, weil der Begriff der Tierethik dort völlig unbekannt zu sein schien. In Russland war ich angestellt. Ja zumindest kann man sich im westsibirischen Tjumen vernünftige und hochwertige Mikroskope leisten, auch wenn es mitunter an der Fähigkeit, diese adäquat zu bedienen, hapert. Ergänzende sinnvolle Arbeitsmaterialien hat man hingegen oft nicht und kennt man auch nicht. Manches Zeiss- oder Leica-Mikroskop, einst neuwertig erstanden, sieht nun aus, als entstamme es einem Second-Hand-Markt. Auf Nachfrage heißt es dann, man habe mit der Zange diese und jene Schraube gelöst und diese anschließend nicht mehr dran bekommen. Mikroskop-Kameras sind vorhanden, es kann sie aber keiner bedienen, weder für qualitative hochauflösende Fotografie noch für ebensolche Videografie.

Während also russische Forscher der Stadt Tjumen in maroden Räumlichkeiten aus Zeiten des Kalten Krieges unter undichten Decken ihrer Arbeit nachgehen, diese regelmäßig unterbrechen müssen, um die Eimer unter dem tropfenden Dach auszutauschen, freut sich der US-amerikanische Protecteur. Denn der glaubt allen Ernstes, dass die enorme Herausforderung, neue Arten zu entdecken und zu beschreiben, am besten von denen erfüllt werden kann, die über kein weitreichendes biologisches Grundwissen verfügen, die keine kritischen Fragen stellen, die niemals eigene Ansätze entwickeln und sich die Bohne scheren um läppische uninteressante Phänomene wie kryptische Artengruppen oder Zwillingsarten. Stattdessen wird hohe Quantität geboten. Pro Forscher fünfzehn bis zu dreißig Artbeschreibungen im Jahr sind Ehrensache. Was noch vor zehn Jahren in Deutschland für harsche Kritik gesorgt hätte, macht den Milbenforscher aus Tjumen zum „Leading Scientist“. Eine durchaus angenehme Position, denn ein „Leading-Scientist“ muss sich um wenig sorgen. Sogar die private Wohnung wird ihm mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Russe, der sich in derart existenzieller Wohlbehütung weiß, kaum Gründe sieht, irgendetwas an seiner Arbeitsweise zu ändern. Im Gegenteil soll alles wie gehabt bleiben. Deswegen werden die Texte einer Artbeschreibung für jede neue Art auch nur geringfügig abgewandelt. Ich habe das nicht nur selbst gesehen, sondern mir wurden diese Arbeiten auch regelmäßig zur sprachlichen Bearbeitung vorgelegt. Denn, auch Ehrensache, Russen beherrschen die englische Sprache in der Regel nicht, obwohl es sich dabei um die internationale Wissenschaftssprache handelt. Wen wundert’s, dass meine Korrekturen immer dieselben waren, es existierte nicht einmal die Flexibilität, um schon mehrfach kritisierte Mängel in der Folge zu beherzigen.

Artbeschreibungen ohne die geringste Kenntnis zur Biologie und Ökologie der betroffenen Spezies sind im Grunde ohne Aussage und daher kein Beitrag zu einer sinnvollen Biodiversitätsforschung. Biologische Untersuchungen wurden in meinem sibirischen Forschungsinstitut vorsätzlich, oft mit dem Argument der Undurchführbarkeit, verweigert, in Wahrheit, weil der Zeitaufwand zu groß wäre. Schließlich sollen pro Jahr akkordweise Publikationen veröffentlicht werden, ansonsten wäre man schließlich kein „Leading-Scientist“ mehr. Meine Nachfragen zur Arbeitsweise wurden oft erstaunlich beantwortet. Warum man die lebend zur Verfügung stehende Art nicht gleich auch in Kultur bringe, oder wenigstens zur Lebendbeobachtung erhalte, wollte ich wissen. Die Antwort: „Womit soll ich die Milben denn füttern?“. Auf meinen Hinweis, dass man auch mithilfe des normalen Lichtmikroskops hochqualitative Videos lebender Tiere aufzeichnen kann, wurde schroff entgegnet: „mit dem Lichtmikroskop? Das geht nicht!“.

Ich habe während meines Aufenthaltes in Russland „nur“ drei Publikationen veröffentlicht, mich an einer weiteren zudem maßgeblich beteiligt, dann aber aufgrund der schlechten Qualität des Endwerkes meine Benennung als Coautor explizit untersagt. Im Gegensatz zu den russischen Kollegen habe ich alle Milbenarten, an denen ich forschte, immer auch gezüchtet und biologisch untersucht, und hierzu jeweils gigabyte-weise Videomaterial erstellt. Aus russischer Sicht eine lachhafte Zeitverschwendung, die man sich im Nachhinein aber durchaus zunutze gemacht hat. So wurden meine Beobachtungen zum Verhalten der Deutonymphen der von mir beschriebenen Art Bonomoia sibirica in einem russischen Stipendien-Zwischenbericht frech und schamlos als Ergebnisse russischer Forschungsarbeit ausgegeben, ohne Nennung meiner Urheberschaft. Dass es sich um Beobachtungen handelt, die im Rahmen meiner Artbeschreibung publiziert wurden, in der ich alleiniger Autor war, schien hierbei unerheblich zu sein.

 

Die Biodiversitätsforschung kann nicht eben mal schnell und am Fließband durch weitgehend unkundige Forscher erledigt werden, die nie eine hochqualifizierende Ausbildung in den Bereichen Artbegriff und Ökologie erfahren haben. Ich appelliere an die deutsche Regierung, zu erkennen, dass hierzulande im Gegensatz zur unbekümmerten Arbeitsweise anderswo– noch – qualifizierte Wissenschaftler vorhanden sind. Diese gilt es nicht auszuhungern und dadurch auszumerzen, sondern zu fördern. Denn was gibt es Wichtigeres als ein Verständnis unserer Umwelt, um diese durch sinnvolle Maßnahmen erhalten zu können. Diese Menschen können hierzu wichtige Beiträge liefern!

Es ist kurzsichtig, stattdessen ausschließlich in die Entwicklung moderner Technologien zu investieren. Kürzlich lese ich, dass man sich derzeit lieber Fragen widmet wie: Wie können wir uns die Goldvorkommen der Weltmeere nutzbar machen, Stichwort Tiefseeuntertagebau. Gier anstelle wissenschaftlicher Verantwortung!

Einflussreiche US-Forscher denken allerdings weitaus pragmatischer als ich. Warum neben Russland nicht auch Drittweltländer in die Biodiversitätsforschung einbeziehen? So wurde ich vor etwa einem halben Jahr durch einen jungen iranischen Forscher angeschrieben, der seine Kontaktaufnahme mit der Empfehlung eines einflussreichen US-amerikanischen Kollegen begründete. Ich sollte ihn ehrenamtlich dabei unterstützen, eine Publikation in einem internationalen Peer-Review-Journal unterzubringen. Im Grunde nicht die schlechteste Idee, wenn man berücksichtigt, dass man hierdurch Zugriff auf Artenmaterial erhält, das aus Krisenregionen stammt, in die westliche Forscher nur ungern einen Fuß setzen würden. Der Kollege hat dann auch gleich mit Milben aufwarten können, die in Kriegsgebieten des Irak gesammelt wurden. Da will man dann auch großzügig sein und fragt lieber nicht nach, warum nur ein Entwicklungsstadium zur Verfügung steht und warum nicht der Versuch unternommen wurde, die Art lebend in Kultur zu bringen. Tatsächlich habe ich mich über mehrere Monate hinweg ehrenamtlich auf den jungen Forscher aus dem Iran eingelassen, um dann aber festzustellen, dass dort scheinbar alle mir wichtigen akademischen Grundvoraussetzungen fehlten. Eine mit aller Kraft gerade so durchgeboxte internationale Publikation hätte folgende Konsequenzen gehabt: Für mich keine, ihm hingegen wäre dafür vermutlich umgehend eine Professur verliehen worden. Ich habe meine Kooperationsbereitschaft daher inzwischen eingestellt.

Copyrights Stefan F. Wirth, September/ Oktober 2017

 

 

Die Berliner Rigaer Straße und schwere Krawalle im Juli 2016

Früher war Berlin für seine autonome Szene bekannt und geschätzt. Kreuzberg war zu Zeiten eines geteilten Landes als Refugium für Aussteiger weltberühmt. Etwa so wie die Ostseeinsel Hiddensee auf der Seite der DDR.  Links-alternative Lebensweisen sind den Regierungen in der Nach-Wendezeit jedoch zunehmend ein Dorn im Auge geworden.

Martialische Eingriffe durch gnadenlose Polizeigewalt haben daher in den vergangenen zwanzig Jahren schrittweise aufgeräumt mit einer Subkultur, die sich so schwer durch die Staatsmacht steuern und kontrollieren ließ. Besetzte Häuser, alternative Wohnprojekte, Wagenburgen, Paradiese für Selbstdenker, Idealisten, Künstler und Gesellschaftskritiker wurden gewaltsam aufgelöst, weil Freiheit und unabhängiger Geist nicht zu einem Deutschland im neuen Jahrtausend passen!

Als Relikt vergangener Zeiten ist lediglich der Kiez um die Rigaer Straße übrig geblieben, einem Viertel mit hauptsächlich alter und eher maroder Bausubstanz in Friedrichshain, in dem innovative Bars, Volksküche an wechselnden Orten und originelle Individualisten ein anderes und aus ihrer Sicht wohl auch besseres Leben führen.

Viele Kiezbewohner verfügen nicht über ein regelmäßiges Einkommen, materieller Reichtum fehlt daher, und doch sind die Menschen der Rigaer Straße reicher als manche besser bezahlte Bürokraft aus Mitte oder Charlottenburg. Unabhängigkeit und Freiheit sind nämlich nicht käuflich, sondern erfordern eine ideelle Lebenseinstellung mit Bereitschaft zum Verzicht.

Anders als gewöhnliche Wenig-Verdiener in gehobeneren Berliner Bezirken haben die Bewohner der Rigaer Straße einen meist erstaunlich strukturierten und erfüllten Alltag. Denn sie übernehmen oft zahlreiche ehrenamtliche Tätigkeiten, schließlich kann die kostenfreie Verköstigung anderer Kiezbewohner („Volksküche“) nur funktionieren, wenn eine ausgeklügelte Logistik eingehalten wird. Nicht mehr verkäufliche, jedoch noch brauchbare Lebensmittel müssen beschafft werden, jemand muss das Kochen übernehmen und die Gäste bedienen. Das alles funktioniert gut und fast immer auf ehrenamtlicher Basis. Auch die vielseitige Gastronomie ist häufig auf Hobby-Barpersonal angewiesen. Der Vorteil liegt dabei in der sozialen und antikapitalistischen Idee, von der auch Außenstehende profitieren können. Wer in der Rigaer Straße ein gepflegtes Bier trinken möchte, benötigt nicht viel Geld in der Tasche, um seinen Abend in außergewöhnlicher Atmosphäre ausklingen zu lassen.

Wie also kommt CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer auf den bösartigen Gedanken, Menschen, die selbstlos ihre sozialen Ideale leben, als „Staatsfeinde“ zu bezeichnen, die mit Härte zu behandeln seien? Kai Wegner, CDU-Generalsekretär von Berlin, kritisiert den Regierenden Bürgermeister mit den Worten: „Wer Straftäter zu Verhandlungspartnern ausruft, gibt diesen Chaoten das Gefühl, dass sie sich gegen den Staat durchsetzen könnten.“

Lassen wir die Krawalle doch erst einmal außer Acht und fragen wir uns: Wie ist eigentlich die generelle Konfliktbereitschaft seitens der Berliner Polizei und seitens der Politik gegen das alternative Viertel in Berlin zu erklären? Wann immer ich mich in den vergangenen zwanzig Jahren dort aufgehalten habe, erlebte ich eine beeindruckende Idylle. Staatsfeinde? Straftäter? Der Kiez ist, was kriminelle Handlungen anbelangt, eher unauffällig. Die Menschen haben nicht viel, aber sie brauchen auch nicht viel. Selbstversorgung ist angesagt, und ja, manche betäuben sich sicher auch gerne mal mit Drogen oder Alkohol. Doch das ist nun wirklich in allen Berliner Kiezen nichts Ungewöhnliches.

Die wirklich kriminellen Hotspots der Stadt liegen, wie jeder Berliner weiß, eher an anderen Orten der Stadt. Man will hier also durch Verteuflung der kleinen Fische von den wirklich großen der Metropole ablenken. Interessanter Weise sucht die Staatsordnung dort, wo die harte Drogenszene zuhause ist, nämlich eher niemals den Konflikt.

Warum eigentlich nicht? Weil sich die derzeitige korrupte deutsche Regierung nicht die Bohne dafür interessiert, echte Kriminalität zu bekämpfen. Die Regierung will nicht Straftäter ausschalten und die Bürger vor der Abhängigkeit von harten Drogen wie Crystal Meth schützen, sondern ist ausschließlich an ihrem Machterhalt interessiert. Straftaten darf ungehindert begehen, wer ein Mitglied einer relevanten Wählergruppe ist. Da die Berliner Polizei meist notorisch unterbesetzt ist, darf auch –  zumindest im kleineren Rahmen – Straftaten begehen, wer eine gebrochene arme Sau ist.

Wer jedoch aufgrund seiner links-alternativen Lebenseinstellung trotz Armut aufrecht und selbstbewusst bleibt, den erhebt man schnell zum Staatsfeind Nummer Eins. Denn diejenigen, die notfalls auch mit zwei bis drei Euro am Tag zurecht kommen, trotzdem glücklich sind und kraftvoll kritisch auftreten können, sind eine Bedrohung für die regierenden Parteien. Sie könnten nämlich das Sakrileg begehen, zu Wahlen anzutreten und dort ihr Kreuz an unerwünschter Stelle zu machen.

Es handelt sich um ein Klientel, das sich erfolgreich der staatlichen Selektions-Maschinerie entzieht. Denn angestrebt wird ja eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, mit einer intellektuellen Mittel-Schicht an oberer Position und einem Bodensatz, der aus all denjenigen besteht, deren Stimme man lieber nicht vernehmen möchte. Dafür wurde Hartz-IV erfunden. Die Idee ist, unerwünschte Menschen dauerhaft am Boden festzuketten, sie zu zermürben und psychisch zu destabilisieren. Eine anspruchsvolle Aufgabe für die zahlreichen Jobcenter! Hartz-IV-ler resignieren häufig, fallen dem Alkohol anheim und verlieren jedes politische Engagement. Sie wählen meist nicht.

Die Oberschicht wählt dafür umso eifriger. Denn sie besteht hauptsächlich aus Emporkömmlingen eher niedriger Bildung. Ein Loblied auf den Staat in Form eines Wähler-Kreuzes an erwünschter Stelle ist dann zu erwarten, wenn Menschen weit über ihre Qualifikationen hinaus bezahlt werden. Da denkt sich mancher Bänker, tja, für mich hat es sich gelohnt, es beim Realschulabschluss zu belassen, manche Supermarkt-Verkäuferin verdient so viel Geld, dass sie sich nicht dafür schämen muss, eventuell den eigenen Namen nicht richtig buchstabieren zu können. Ärzte und Juristen frohlocken, denn sie gehören zu den Topverdienern bei häufig sehr bescheidenem Bildungsniveau.

Wem ist all dies unverdiente Glück zu verdanken? Natürlich der liebevollen deutschen Regierung, die ihre Schäfchen mit Geld davon abhält, zu viel kritischen Geist in ihrem Oberstübchen zu beherbergen.

Nun besitzen diese Assis aus der Rigaer doch tatsächlich die Frechheit, sich nicht in das System aus oben und unten einordnen zu wollen.

Querulanten wurden schon immer aufs Schafott gebracht. Weil sie oft andere Lebensideale verfolgen? Nein, weil sie schlicht keine kalkulierbaren Stützen des herrschenden Machtapparates sind.

Aber ich wollte ja eigentlich auf die aktuellen Ereignisse ausführlicher eingehen,  über ein spezielles Hausprojekt und Demonstrationen sprechen, dann die Krawalle verurteilen und weitere Erklärungsversuche ausbreiten. Doch ich bemerke gerade, wie lange mein Artikel schon wieder geworden ist. Im Grunde ist ja auch alles gesagt, mehr ein andermal.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, 2016

Invasion der Gammaeule beim EM-Finale im Stade de France

 

800px-Autographa.gamma.6902

  Gammaeule (Autographa gamma), Bildquelle Wikipedia, nicht im Stade de France aufgenommen.

 

Im Grunde gibt es doch nichts Langweiligeres als ein Fußballspiel, das im Fernsehen übertragen wird. Doch Fußball gilt als wichtig, insbesondere dann, wenn große Meisterschaften anstehen, wie beispielsweise eine EM. Selbst die edelsten Restaurants stellen plötzlich Fernseher auf und scheren sich einen feuchten Kehricht darum, ob der Gast Fußball schauen möchte oder nicht.

Es wissen aber die Gastronomie-Betriebe auch sehr wohl, dass ohnehin nur eine Minderheit der Anwesenden ihre Abneigung gegen den Anblick grün übersättigter Fernsehbilder mit darin durchgeknallt umherzuckenden Kamikaze-Farbklecksen offen zugeben würde. Wie wild geworden hüpfen grell leuchtende T-Shirts einem Ball hinterher und entblößen dabei immer wieder mit dem Gehabe eines wütenden Orang-Utans auf GHB ihre nackten Oberkörper. So soll wenigstens auf erotische Weise die Aufmerksamkeit der Zuschauer erfolgreich zum Geschehen auf dem Rasen zurückgeführt werden. Schlägereien und Beschimpfungen unter Gästen in den Zuschauer-Tribünen werden ja regelmäßig zu Selbstzwecken und lassen das eigentliche Spiel im Hintergrund verblassen.

Schließlich sind die meisten Zuschauer auch ohnehin viel zu betrunken, um sich ernsthaft auf die sportlichen Taktik-Manöver der athletischen Elf konzentrieren zu können. Anspruchsvolle Strategien lassen sich im Alkoholrausch nun einmal prinzipiell nicht angemessen würdigen. Väterchen Alkohol blockiert stets zuverlässig alle Nervenleitungen, die für einen konstruktiven Intellekt verantwortlich sind. In der Folge dringen nur noch niedere Gefühlsregungen nach draußen, die für mich oft klingen wie ein trostlos-aggressives „Muuuh“ und „Määäh“.

Zum Glück erfordert blöder Nationalismus keine nennenswert differenzierten Abwägungen. Gelingt der richtigen Nationalfahne ein Tor, schreit man einfach „muuh“. Geht stattdessen der gegnerischen Mannschaft ein Ball ins Netz, stöhnt man hingegen missmutig „määäh“ oder schlägt wahlweise dem Nachbarn, der eine andere Fahne wedelt, aufs Maul.

Und so geht das wochenlang, Spiel für Spiel, Abend für Abend, immer wieder lautes Gekreische, paranoides Grunzen und stakkatoartig gelallte Ratschläge an die Fußballspieler, die diese nie befolgen.

Doch dann geschieht es: Beim EM-Finale am Sonntag, dem 10.07.2016, landet ein waschechtes UFO direkt vom Heimat-Planeten der Klingonen auf dem grünen Fussel-Parkett, und kleine grüne Männchen befallen das gesamte Spielfeld und tanzen auf den Köpfen der Fußball-Milliardäre einen argentinischen Tango.

Die Medien nehmen das Ganze jedoch sehr gefasst auf. Lapidar heißt es da nur: „Merkwürdige kleine grüne Dinger haben den Spielverlauf gestört. Techniker konnten sie am Ende dann doch noch erfolgreich mit einem Besen entfernen“.

Gut, ich gestehe, es ist kein UFO im Stade de France gelandet. Auch die Ausbreitung kleiner grüner Männchen war eine glatte Lüge.

Und doch ist eigentlich etwas sehr Ähnliches geschehen. Ein beeindruckendes Naturschauspiel stellt nämlich kurzerhand das alberne finale Ballgehopse in den Schatten. „Mottenplage im Stade de France“, verkündet sportschau.de, „Ekel-Alarm beim EM-Finale: Motten im Stade de France“, weiß express.de. Doch auch Spiegel Online nimmt nichts als kleine geflügelte Lästlinge zur Kenntnis und meldet: „EM-Finale in Paris: Motten stören im Stade de France“.

Schande über die dümmlich piefige Ignoranz unserer Medien. Denn der Schmetterling Autographa gamma (Noctuidae, Lepidoptera), auf Deutsch „Gammaeule“ genannt, bietet weit mehr Spektakel als etwas, das hastig mit dem Besen weggeputzt werden muss.

Die Gammaeule ist ein Wanderfalter, der aus Südeuropa kommend in nördlichere Regionen über Mitteleuropa bis nach Skandinavien ausfliegt, um dort weitere Generationen hervorzubringen. Im Herbst treten dann Teile dieser Nachkommen wieder den Rückflug an. Nur gelegentlich wird ein Massenauftreten der Falter dokumentiert, wie nun offenbar im Stade de France zu sehen. Ich vermute, dass der Falter sich noch im Süden massenhaft vermehrt hat und die daraus hervorgegangenen erwachsenen Tiere nun zeitgleich auf der Durchreise waren. Es könnte sich jedoch auch bereits um eine Folgegeneration handeln, die kürzlich im Umfeld von Paris besonders zahlreich geschlüpft ist.

Die Gammaeule gehört zu den häufigsten Faltern, die hierzulande angetroffen werden können. Dies liegt unter anderem an der flexiblen Lebensweise der Art. Denn der Schmetterling ist tag- und nachtaktiv und daher auch bei Sonnenschein regelmäßig Nektar sammelnd im Schwebeflug über Blüten zu beobachten. Bei Nacht fliegen die Tiere häufig Lichtquellen an, wie zum Beispiel im Stade de France am gestrigen Abend.

Denn Berichten zufolge war das Stadion aus Sicherheitsgründen angesichts einer möglichen Terrorgefahr auch vor dem Finalspiel schon Tag und Nacht beleuchtet worden.

Aber warum um alles in der Welt fliegen diese Schmetterlinge, bei denen es sich wirklich nicht im Mindesten um „Motten“ handelt, überhaupt bei Nacht ins Licht?

Weil sie Opfer einer Verwechslung geworden sind, lautet eine wissenschaftlich gut begründete Hypothese. Ein heller Lichtschein in der Nacht ist für ein im Dunkeln aktives Insekt nämlich immer der Mond, der einen wichtigen Beitrag zur Orientierung dieser Hexapoden leistet. Indem das Tier einen bestimmten Winkel zu dem weit entfernten und aus seiner Sicht daher unbewegten Gestirn einhält, gelingt es ihm auch bei Dunkelheit, zuverlässig geradeaus zu fliegen. Erstrahlt eine künstliche Lichtquelle heller als der Mond, wird diese vom Insekt, hier dem Falter, mit dem leuchtenden Erdtrabanten verwechselt. Es bemüht sich nun instinktiv, den üblichen Flug-Winkel zum vermeintlichen Gestirn einzunehmen, das sich allerdings unerwartet nicht im All, sondern in unmittelbarer Nähe befindet. In der Folge umkreist das Tier eine Lampe, bis es an ihr verbrennt oder nicht weit entfernt erschöpft zu Boden geht, offenkundig so geschehen im Stade de France.

Die hier vorgestellte sogenannte Navigationstheorie ist allerdings nur eine von mehreren Theorien, um den zuverlässigen Flug  nachtaktiver Insekten zu künstlichen Lichtquellen zu erklären. Sie gilt jedoch als besonders plausibel.

Biologen machen sich die Eigenart des Lichtfluges vieler Insektenarten übrigens oft gezielt zunutze, wenn es darum geht, bestimmte Arten aus Forschungsgründen einzufangen. Leuchtstoffe, die Zoologen aus wissenschaftlicher Motivation mit dem Ziel aufstellen, Insekten anzulocken, werden als „Lichtfallen“ bezeichnet.

Selbst aktiv Fußball zu spielen macht Spaß, möchte ich noch hinzufügen. Doch anderen bei der sportlichen Betätigung zuzuschauen, ist für mich eine ganz besonders perfide Folter mit dem grausamen Werkzeug der hoffnungslos grenzenlosen Langeweile. Da muss erst ein solches Naturspektakel aufkommen, um mein Interesse an den Geschehnissen der Europameisterschaft zu erwecken.

 

Copyrights für den Text: Stefan F. Wirth, 2016.

Die künftige historische Bedeutung der modernen Flüchtlingsströme nach Europa

Seit über einem Jahr berichten die Medien über ein scheinbar ganz neues und ungewöhnlich bedrohliches Phänomen: Flüchtlinge aus dem mittleren Osten, zumeist politisch Verfolgte, überschreiten in Scharen Europas Grenzen. Als illegale Einwanderer bitten sie um Asyl, ersuchen um Hilfe in der Not. Denn in ihren Herkunftsländern herrschen schwerwiegende Bürgerkriege. Terror und Tod sind an der Tagesordnung.

Also haben sich die Menschen auf die Reise in Gebiete begeben, in denen sie sich ein besseres Leben erhoffen.

 

menschengemischt

multikulturelles Leben in Berlin (Copyrights Stefan F. Wirth)

 

Ausländerfeindlichkeit in Deutschland

 

Deutschland war und ist ein besonders bevorzugtes Ziel dieser Flüchtlinge, denn zu Unrecht erhält sich in ihrer Heimat standhaft das Gerücht, dass Deutschland reich sei und dort daher niemand mehr Not leiden müsse. Ein Irrtum, wie zahlreiche Asylanten längst festgestellt haben. Dennoch zeigen sich viele Deutsche hilfsbereit und bemühen sich aus Kräften, die Neuankömmlinge zu unterstützen.

Ein Großteil der deutschen Bevölkerung jedoch reagiert ablehnend und feindselig. Und das ist zunächst keineswegs ein Grund für falsche Scham. Ich bin viel gereist und weiß daher, dass die meisten Länder dieser Welt nicht einmal annähernd so freundlich mit Ausländern umgehen wie es in Deutschland seit Dekaden üblich ist.

Und doch muss diese deutsche Fremdenfeindlichkeit konstruktiv hinterfragt und dann auch scharf kritisiert werden. Denn es geziemt sich für ein modernes und aufgeklärtes Land nicht, in unkontrolliertes und grundloses Wutbürgertum zu verfallen.

Für den Berichtsmonat Februar 2016 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind 66,127 Asyl-Erstanträge vermerkt, vorwiegend handelt es sich dabei um Flüchtlinge der oben benannten Gruppen. Selbstverständlich gibt es Dunkelziffern, manch einer reist mit gefälschten Papieren ein und stellt gleich mehrere Anträge, während andere das formelle Procedere umgehen und einfach untertauchen. Im Oktober 2015 befanden sich nach Schätzungen der FAZ insgesamt etwa 800 000 Flüchtlinge in Deutschland. Die Zahl ist bis heute natürlich drastisch gestiegen und überschreitet sicher eine Million.

Dennoch möchte ich diese hier nur vage erfasste Zahl anwesender Flüchtlinge der Einwohnerzahl Deutschlands gegenüber stellen. Ende 2015 waren nämlich immerhin 81,2 Millionen Menschen als Bundesbürger registriert. Die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten Bundesbürger unter aktuellen Bedingungen niemals einen Flüchtling überhaupt nur zu sehen bekommen, ist daher ausgesprochen groß.

Doch warum dann diese unbestimmte Angst, die so schnell in unbändige Wut umschlagen kann? Das deutsche Finanz- und Steuerwesen wird nicht unter den Neuankömmlingen zu leiden haben. Auch ist die Unterstellung krimineller Vorsätze durch Asylanten nicht mit vernünftigen Argumenten oder klaren Indizien zu begründen.

angst

eingeschränkte Wahrnehmung (copyrights Stefan F. Wirth)

Es bleibt als Erklärungsansatz lediglich eine Abscheu vor Andersartigkeit, die Befürchtung, irgendetwas am althergebrachten Alltag könne sich verändern. Leider haben wir es also vorwiegend mit diffusen Emotionen zu tun, die zu Ablehnung, Brandstiftung und unsäglichen Diffamierungen führen.

Dabei könnten gebildete Asylanten-Gegner durchaus versuchen, ihren Unmut und etwaige existentielle Befürchtungen historisch zu begründen. Doch dies gibt das derzeit in Deutschland vorherrschende Bildungsniveau schlichtweg nicht her. Historische Kenntnisse reichen allenfalls bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Damals hat sich Deutschland sehr effizient gegen alles Andersartige zur Wehr gesetzt. Wie stark und durchsetzungsfähig das Land damals gewesen ist, damit befasst man sich zunehmend sehr gerne. Schon allein deswegen, weil in jenen Zeiten alles so einfach war. Ausländer und politisch Andersdenkende wurden ohne großes Wenn und Aber eliminiert, man schätzte lange Diskussionen nicht. Jeder radikalisierte Hauptschüler, der im Unterricht nie folgen konnte, darf sich heute wieder schamlos öffentlich mit dem Ideengut seiner Urgroßeltern identifizieren. Und doch werden weder die Flut der Flüchtlinge selbst noch der Hass der Deutschen auf diese Einwanderer jemals von historischer Bedeutung sein.

Die Zukunft nämlich stellt ganz andere Herausforderungen an die Menschheit. Und für eine strenge Trennung der Nationalitäten, für ethnische Diffamierungen und Gewalt bleiben dabei kein Ressourcen übrig. Religionen als Haupttriebkräfte für rohe Gewalt unter Ethnien können weltweit im öffentlichen Leben keine Toleranz mehr erfahren. Der Klimawandel, die zunehmende Knappheit an Energierohstoffen, steigende Lebenserwartungen und Umweltkatastrophen dominieren die nächsten Jahrhunderte und verlangen von künftigen Gesellschaften Vernunft, Innovation und Zusammenhalt.

 

Invasion der Goten ins Römische Reich

 

Die Einwanderung der Terwingen

 

Dass Ströme aus Migranten innerhalb Europas und Vorderasiens letztmalig bestehendes Kulturgut seiner dauerhaften Vernichtung zuführten, liegt wahrlich lange zurück.

pompeii str

römische Stadt (Pompeji, copyrights Stefan F. Wirth)

In einem Sommer des Jahres 376 wird es unruhig entlang der Donau, jener natürlichen Barriere, die das zweigeteilte römische Imperium vom Land der germanischen Barbaren trennt.

Die Hunnen, eine Völkerschar aus Zentralasien, suchen Osteuropa heim. Sie überfallen Dörfer und Städte in den Ländern der Ost- und Westgoten, die sich damals entlang der nördlichen Regionen des schwarzen Meeres erstreckten. Das Reitervolk plündert, was ihm in den Weg gelangt. Und es stößt dabei auf wenig ernst zunehmende Gegenwehr seitens der betroffenen Germanen-Völker, die schlicht überrumpelt werden, wohl auch, weil ihnen eine zentrale Organisation fehlt.

Die Motivation der Hunnen, Landstriche zu überfallen, die so fern ihrer ursprünglichen Heimat liegen, ist durch die Geschichtsforschung noch nicht gut verstanden. Womöglich, so heißt es, seien die Nahrungsmittel in den asiatischen Territorien einfach knapp geworden.

Zigtausende Menschen, die verschiedenen gotischen Stämmen angehören, verlassen fluchtartig ihre Dörfer und Städte und wenden sich der Donau zu. Ziel ist es, Zuflucht innerhalb der Grenzen des mächtigen Römischen Reiches zu finden.

Das Imperium Romanum wird zu jener Zeit durch zwei Herrscher regiert: Flavius Valens (328-378) in Ostrom und Gratian (359-383) im Westen.

300px-156_Valens

Kaiser Valens

gratian

Kaiser Gratian

Während nun das gotische Volk der Terwingen unter den beiden Herrschern Fritigern und Alaviv an der Grenze zum römischen Herrschaftsgebiet lagert, fast 100 000 Menschen, Kinder, Alte, das eigene Hab und Gut nur notdürftig verpackt, bereitet Valens gerade einen Krieg gegen die Perser an der östlichen Grenze des Reiches vor.

Daher entscheiden sich Fritigern und Alaviv zu einem Schritt, der in damaliger Zeit keineswegs als ungewöhnlich gilt. Sie entsenden einen Boten, der Valens ein Asylgesuch überbringen soll. Da das römische Asylverfahren stets eine lukrative Gegenleistung voraussetzt, ist es durchaus ein geschickter Schachzug der Terwingen, dem römischen Kaiser zugleich Soldaten zur Unterstützung seines Vorhabens gegen die Perser anzubieten. Das Unterfangen ist dann auch tatsächlich von Erfolg gekrönt. Valens gestattet die Einreise der Terwingen, die daraufhin unter der strengen Kontrolle römischer Soldaten unter geordneten Bedingungen und dennoch in Scharen über die Donau setzen.

Der Kaiser, der die Situation nördlich der Donau nicht richtig einzuschätzen vermag, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er gerade selbst seine Mörder ins Land eingelassen hat.

Obwohl Rom Jahrhunderte lange Erfahrungen im Umgang mit legalen Einwanderern besitzt, ist man plötzlich unvorsichtig geworden und begeht bei der Abfertigung der nun im römischen Territorium befindlichen Terwingen zahlreiche schwere Fehler. Zunächst erfolgt die Entwaffnung der Männer nur unzureichend, die Bedingungen in den Auffanglagern sind schlecht, die Menschen hungern und begehren zunehmend auf.

So ist der zuständige römische Statthalter zum schnellen Handeln gezwungen. Er muss den Einwanderern irgendwie ein Signal setzen, dass die verhassten Notunterkünfte nur ein vorübergehendes Provisorium sind. Also schickt er überstürzt einen Flüchtlingstreck auf den Weg nach Marcianopolis. Hier soll allerdings nur ein großer Teil der Terwingen ankommen, denn ein wichtiger Aspekt des römischen Asylverfahrens besteht in der Dezentralisierung der Ankömmlinge. Dennoch werden zur Sicherung des langen Trosses um die gotischen Flüchtlinge Richtung Marcianopolis, das im heutigen Bulgarien liegt, ausgerechnet jene Legionen abgezogen, deren ursprüngliche Aufgabe die Bewachung der Donau war.

In der Folge eskaliert die Situation an verschiedenen Orten mehr oder weniger gleichzeitig. Der Treck mit den beiden Herrschern Fritigern und Alaviv steht schon kurz vor Marcianopolis als sich der römische Statthalter dazu entschließt,  die beiden Goten-Führer unkompliziert beseitigen zu lassen. Der Meuchelmord an fremdländischen Autoritätspersonen  wird in Rom als probates Mittel angesehen, um die Fähigkeit von Einwanderern zur Selbstbestimmung zu verringern. Doch das Attentat wird unprofessionell ausgeführt und Fritigern überlebt, im Gegensatz zu Alaviv.

Es verwundert daher nicht, dass Fritigern sein Volk nun in einen bewaffneten Aufstand gegen die römischen Unterdrücker führt, während zur selben Zeit die Greutungen, auch ein gotisches Volk, das nie um Asyl gebeten hat, ungehindert die Donau überqueren. Und sie sind dabei keineswegs allein. Einige alanische und hunnische Truppen haben sich ihnen angeschlossen.

gotischer schildbuckel greutungen

Schildbuckel der Greutungen

Die Terwingen unter Fritigerns Kommando befreien sich indes erfolgreich aus ihren Lagern und schlagen die römische Armee erfolgreich, die sich ihnen in den Weg stellt. Von nun an ziehen sie marodierend über den gesamten südöstlichen Balkan. Dabei kommt ihnen zugute, dass Valens zur Vorbereitung seines Kriegszuges gegen die Perser weit entfernt in Antiochia weilt. Es ist daher keine Legion mehr verfügbar, die sich den entfesselten Terwingen noch in den Weg stellen kann.

In seiner Verzweiflung bittet Valens seinen Mitregenten, den weströmischen Kaiser Gratian, um Verstärkung gegen die brandschatzenden Terwingen. Und tatsächlich gelingt es mit Hilfe weströmischer Legionen, die revoltierenden Eindringlinge zur Donau zurückzudrängen, zumindest vorübergehend. Unerwartet für Rom kommt dies den Terwingen jedoch zugute. Erneut schlagen sich  Römer und revoltierende Goten in einer Schlacht, die zwar dieses mal unentschieden endet,  jedoch die Terwingen geradewegs den noch immer nahe der Donau lagernden Greutungen zuführt. Es gelingt Fritigern nun, die beiden gotischen Stämme zu einem Bündnis zu vereinen, dem sich auch einige abtrünnig gewordene Hunnen-Trupps sowie Alanen-Verbände anschließen. Das Ergebnis ist eine große wehrhafte Armee, der Rom zunächst nichts mehr entgegensetzen kann.

 

Die Schlacht bei Adrianopel 378

 

Nun sehen die beiden Machthaber des Imperiums keine andere Möglichkeit mehr, als den den Eindringlingen selbst entgegen zu marschieren. Während Gratian sich mit seinen Armeen über das Balkangebirge nähert, zieht Valens Richtung Adrianopel in der heutigen Türkei.

Hier begeht der oströmische Kaiser nun einen äußerst verhängnisvollen Fehler als er sich dazu entschließt, das nahe gelegene und übermächtige Heer der Goten ganz im Alleingang anzugreifen, ohne zuvor die Ankunft Gratians abzuwarten. In der Folge werden Valens‘ Truppen vernichtend geschlagen. Die Erde auf dem Schlachtfeld färbt sich rot vor Blut, und die Römer erleben eine Niederlage, wie es sie seit der Varusschlacht nicht mehr gegeben hat. Valens selbst stirbt vermutlich noch auf dem Schlachtfeld.

Dennoch findet das Geschehen in der Folge zu einem vergleichsweise guten Ende, im Herbst 382 nämlich gelingt es, mit Gratian einen Friedensvertrag zu schließen, der den Goten eine Aufenthaltsgenehmigung sowie Ländereien zusichert. Es ist dies ein durch die gotischen Einwanderer erzwungener Kompromiss, etwas, das es in Rom seit Jahrhunderten so nicht mehr gegeben hat.

Das Römische Reich ist angreifbar geworden. Es folgen weitere Invasionen, in deren Verlauf sogar das Herz des Imperiums, Rom, schon im ersten vorchristlichen Jahrhundert durch Tibullus als Ewige Stadt bezeichnet, mehrfach eingenommen wird. Die so genannten Völkerwanderungen haben eingesetzt. Sie sind es,  die das einst so machtvolle große Imperium in den Untergang führen werden.

Das Weströmische Reich hört bereits irgendwann im 5. Jahrhundert auf zu existieren. Ostrom besteht hingegen noch bis ins 15. Jahrhundert fort, eine Zeit, die Historiker als spätbyzantinische Epoche bezeichnen werden.

Die nicht mehr unter römischer Herrschaft stehenden Gebiete werden ab dem 5. Jahrhundert zwischen Vandalen, Westgoten (den früheren Terwingen) und Franken aufgeteilt.

 

Untergang des Reiches und mittelalterliche Finsternis

 

Obwohl der Untergang des römischen Reiches schrittweise erfolgte und nicht alleine auf die Angriffe benachbarter Völkergruppen zurückgeführt werden kann, hat die missglückte Integration von Flüchtlingen Ereignisse eingeleitet oder zumindest beschleunigt, die das zuvor unbesiegbare Rom von innen und von außen her zersetzten.

Was für Konsequenzen hat so etwas nun für ein Land?  Neue Herrscher, eine ethnische Vermischung und andere Gesetze sind natürlich Folgen, die den Lebensalltag der einheimischen Bevölkerung stark erschüttern. Doch gravierende Umstrukturierungen hat es in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben. Es zeichnet den Menschen sogar seit jeher besonders aus, sich Veränderungen erfolgreich anpassen zu können. Letztlich evolvierte der Homo sapiens sogar nur dadurch zu seinem heutigen Erscheinungsbild, dass sich die Umwelt, in der frühzeitliche Hominiden lebten, ständig abwandelte.

Auch Rückschritte hinsichtlich kultureller Kompetenzen hat der Mensch immer wieder durchleben müssen. Nun eben auch in der Folge der Einfälle germanischer Völkerscharen ins Römische Imperium. Und obwohl die Existenz neuer Herrscher sowie die genetische Vermischung der Ethnien die Bevölkerung auf keinen Fall ernsthaft überfordert haben kann, katapultiert der zunehmende Verlust römischen Wissens und römischer Technologien Europa und den nahen Osten in den folgenden Jahrhunderten in ein andauerndes Zeitalter der Düsternis.

Bahnbrechende römische Errungenschaften geraten spätestens ab dem Mittelalter weitgehend in Vergessenheit. Das Straßensystem veraltet. Die Kanalisation, jenes ausgeklügelte System aus Rohren und Leitungen, das jedes römische Haus versorgt und damit hygienische Bedingungen ermöglicht hat, geht in seiner fortschrittlichen Form verloren. Das hochentwickelte Bildungssystem, das die gesamte Bevölkerung Roms quer durch alle sozialen Schichten systematisch mit Wissen versorgt hat, wird abgeschafft und durch spirituelle Dogmen ersetzt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden vernichtet, und nicht zuletzt hat man den freien Geist und die Lebensfreude zerstört und zu Gott ungefälligen Sünden erklärt.

Erst Aufklärung und moderne Technisierung, einhergehend mit der Industrialisierung, haben wieder einen hochentwickelten Standard erschaffen, ein Niveau, das zum Teil in Grundlagen bereits den antiken Römern bekannt war.

 

Moderne Zukunftsperspektiven

 

Lässt sich also mein Beispiel einer eskalierten Flüchtlingsinvasion der Spätantike als Mahnmal dafür anführen, dass die freundliche Aufnahme von Immigranten aus anderen Kulturkreisen auch heute noch zur ernsten Bedrohung unserer modernen Zivilisation heranreifen kann?

Ich muss sagen, dass es mir im Grunde vollständig gleichgültig ist, ob sich deutsche Bürger der Zukunft durch eine vorwiegend dunkle Hautfarbe mit schwarzen Haaren auszeichnen oder nicht. Wichtig ist doch, dass wir nicht befürchten müssen, durch bedrohliche Migrationsbewegungen erneut in einen dunklen Abgrund des Unwissens und einer Diktatur der Religionen zurückversetzt zu werden. Das kann niemals mehr geschehen, denn zu sehr sind wir auf unsere intellektuellen Fähigkeiten, die Grundlage allen technologischen Fortschritts, angewiesen.

Wir würden sonst die letzten Ressourcen sinnlos verschwenden und aussterben.

Unsere Zukunft wird uns mit ganz anderen Dingen konfrontieren, die alle Völker gemeinsam unter Ausschluss des religiösen Wahns erleben werden. Der Mars wird besiedelt werden, Dinosaurier entstehen durch genetische Manipulation aus Vögeln heraus neu, und Mammuts besiedeln die Steppen Sibiriens. Humanoide Roboter werden zum Alltag gehören und Reisen ins All einen neuen Tourismus-Zweig eröffnen.

Blood Moon signiert

Reisen ins All (copyrights Stefan F. Wirth)

 

 

(Historische Quellen: divers, darunter „Geo Epoche“ Nr. 76: „Die Völkerwanderung, Germanen gegen Rom“)

 

Copyrights, März 2016: Gesamter Artikel Stefan F. Wirth, ausgenommen Fotos, die nicht explizit mit meinen Copyrights versehen sind.

 

 

 

 

 

 

 

Mein Plädoyer gegen die Todesstrafe

Der US-Bundesstaat Utah erregt erneut Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem Todesurteil. Ein Gericht hat befunden, dass die neuerliche Durchführung der Giftinjektion an einem verurteilten Mörder nicht gegen das Gesetz verstoße, demzufolge ein Straftäter für dasselbe Vergehen nicht zweimal bestraft werden dürfe.

Eine Umsetzung des Todesurteils musste nämlich 2009 abgebrochen werden, nachdem es den Ärzten nicht gelungen war, geeignete Blutgefäße zum Ansetzen der Injektionsnadel zu finden. Einer erneuten Umsetzung der Strafe stehe nun jedoch nichts mehr im Wege, da im Jahre 2009 ja zu keinem Zeitpunkt Gift injiziert worden sei. Eine Bestrafung habe daher zu jenem Zeitpunkt gar nicht stattgefunden.

Als humanistisch gebildetem Europäer erscheinen mir solche „juristischen“ Geplänkel in den USA als höchst bizarr. Ich halte, wie allgemein zahlreiche moderne Zivilisationen auch, die Todesstrafe in der westlichen Welt für einen barbarischen Akt gegen die Menschlichkeit.

Es ist ein Akt, der dazu dient, Rache für die kapitale Straftat, die ein Mensch begangen hat, auszuüben, im Namen des Opferkreises und auch im Namen der Staatsgewalt. Die tatsächliche Motivation geht dabei noch weit über die Befriedigung dieser Bedürfnisse hinaus. Das Anhängsel „Strafe“ ist daher lediglich ein inhaltsleeres Füllwort.

Die Todesstrafe hat eine lange Geschichte, die bereits in frühzeitlichen Kulturen beginnt. Die Faszination des gesellschaftlich begangenen Mordens war damals wie heute dieselbe: Machthaber und Voyeure ergötzten sich an einem Tabubruch, zu dem der Mensch aufgrund seiner willentlichen Selbstbestimmung ab einem gewissen Zeitpunkt der Evolution seines Gehirns in der Lage war. Ein Urinstinkt, nämlich die angeborene Hemmung, einen Artgenossen zu töten, konnte nun bewusst unterdrückt werden. Das Ergebnis diente seit jeher nicht nur einer absoluten Machtdemonstration, die Untergebene einschüchtern sollte, sondern erfüllte auch stets erotische Gelüste.

Denn legale Tötungen gingen schon immer einher mit einer erniedrigenden Zur-Schau-Stellung des Delinquenten, und zwar vor den Augen einer möglichst großen Öffentlichkeit. Die totale Erniedrigung eines Artgenossen als ein Phänomen, das im Alltag unter normalen Umständen nicht öffentlich stattfinden durfte, da ein fruchtbares soziales Miteinander dadurch behindert wurde, findet und fand nur im Rahmen der privaten Erotik eine regelmäßige Umsetzung. Der Mensch ist daher darauf geprägt, Erniedrigung mit Erotik in Verbindung zu bringen.

In frühzeitlichen menschlichen Kulturen waren solche Schauveranstaltungen zumeist offizieller Ausdruck einer Spiritualität. So wurden Delinquenten in der Regel Göttern geopfert. In damaligen Zeiten konnten die Vorzüge solcher Opferungen gut kommuniziert werden, war doch alles zu erhoffende Wohlergehen einer Gesellschaft ausschließlich Ausdruck gut gestimmter Götter.

Doch bereits in der Antike verstand man es, die Aspekte Genuss und erotische Befriedigung ganz offiziell mit öffentlichen Exekutionen in Verbindung zu bringen. So wurden die Opfer in den römischen Schauarenen in der Regel entkleidet und in Form besonders grausamer Inszenierungen vor ekstatisch geifernder Zuschauerschar dem Tode zugeführt.

Spätestens von da an blieb die legale öffentliche Tötung von Menschen bis heute in der westlichen Welt entkoppelt von spirituellem Rausch, der sowohl Tätern wie auch Opfern in urtümlichen Gesellschaften noch eine gewisse Eintracht verlieh.

Zwar steht gerade das düstere Mittelalter für viele Menschen häufig im Zusammenhang mit religiös motivierten Massentötungen im Namen Jesu Christi. Doch die Geschichte der katholischen Kirche offenbart bis heute, dass es sich bei den vermeintlich christlichen Orden und ihren Würdenträgern, die viele Morde an ihren Bevölkerungen beauftragt haben, spätestens seit dem Mittelalter vorwiegend um elitäre (homo-) erotische Gruppierungen handelte.

Hinrichtung und Folter waren daher wie schon in der römischen Antike auch zu jenen Zeiten nichts anderes als Ausdruck eines ganz besonderen erotischen Thrills, der umso erfolgreicher befriedigt werden konnte, je grausamer und erniedrigender die öffentliche Strafe ausfiel.

Die Geschichte der Todesstrafe in der westlichen Welt geht seit Jahrhunderten einher mit der Befriedigung niederer erotisch-sadistischer Gelüste.

Daher haben moderne westliche Gesellschaften dieses Töten längst abgeschafft, weil die Todesstrafe selbst ein Verbrechen darstellt, ein aus Lust begangenes Verbrechen. Ein Verbrechen, das in einer echten Rechtsstaatlichkeit keinen Platz hat. Straftäter verdienen in einem gerechten Staat dasselbe Recht auf körperliche Unversehrtheit wie ihre Opfer.

In modernen westlichen Gesellschaften gehört die Befriedigung niederer Triebe daher in die Schlafzimmer, die Sexbars und SM-Clubs der großen Städte, jedoch nicht in die öffentliche Rechtsprechung.

Konsequenter Weise muss man jenen Staaten der USA, die noch immer prinzipiell durchaus in antiker Manier die Todesstrafe praktizieren, den Rang einer modernen westlichen Zivilisation in Abrede stellen.

 

 

 

Warum Flüchtlinge in Deutschland ein Recht auf freundliche Behandlung verdienen und durch Wirtschaftsflüchtlinge dem deutschen Steuerzahler keine dauerhafte Gefahr droht

Ich reise viel, meist aus beruflichen Gründen. Daher weiß ich, wie es sich anfühlt, Gast in einem fremden Land zu sein. Oft bin ich dauerhaft auf die Gastfreundlichkeit in anderen Kulturkreisen angewiesen und mache die Erfahrung, dass mir diese auch stets freundlich entgegen gebracht wird.

Selbstverständlich kann dies nur erwarten, wer die Bereitschaft besitzt, sich den Gegebenheiten anzupassen. Dies jedoch wird den Flüchtlingen, die Deutschland derzeit in großer Zahl erreichen, von vielen pauschal abgesprochen. Es gibt zwar keine Fakten, die diese Vorurteile fremdenfeindlicher deutscher Bürger zu begründeten Anschuldigungen machen. Doch das scheint wenig von Belang für all diejenigen zu sein, die schon immer mit sich selbst unzufrieden waren und nun nach schwächeren Sündenböcken für das eigene verpfuschte Leben suchen.

Nur sehr selektiv interessiert sich der kleingeistige deutsche Wutbürger für die Verwendung seiner Steuergelder. Häufig fürchten sogar insbesondere diejenigen Steuerzahler eine Veruntreuung ihrer Abgaben, deren Steuerleistung aufgrund eines dauerhaften Arbeitslosengeld-II-Bezuges kaum der Rede wert ist.

Vieles geschieht mit Steuergeldern in diesem Land, das kritikwürdig ist, aber kaum je Kritik erfährt. Dies liegt in der tumben Bräsigkeit vieler Bürger begründet, die sich nur dann den Mund zerreißen, wenn ihnen die Medien entsprechende mundgerechte Häppchen vor die Nasen setzen.

Die sozialen Netzwerke schäumen über vor unreflektiertem Unfug. Äußerungen wie „bevor Du Gäste in Dein privates Zuhause einlädst, überlegst du Dir doch auch, ob Du Dir das überhaupt leisten kannst“ oder „die können sich doch alle Handys leisten, was wollen die also hier?“ lassen mir vor Entsetzen und Fremdscham regelmäßig die Nachkenhaare aufrecht stehen.

Deutschland ist seit jeher ein Land, dessen Bevölkerung sich aus verschiedenen Kulturen zusammensetzt, die meist miteinander harmonieren konnten. Wer will denn heute  noch ernsthaft die Nachkommen all derjenigen Gastarbeiter, die in den 1960-er und 70-er Jahren in Deutschland dringend benötigt wurden, verunglimpfen? Das wäre doch absurd, zahlen doch viele von ihnen heute längst mehr Steuern als mancher Deutsche. Auch Muslime tragen mindestens seit jenen Zeiten mit dazu bei, dass unsere Gesellschaft reichhaltiger geworden ist.

Und dennoch muss leider manchmal auch davon berichtet werden, dass gewisse muslimische Mitbürger die Aufklärung, die Freiheit und die hart erkämpften Menschenrechte in Deutschland mit Füßen treten, und dadurch sogar nicht selten schlicht gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen. Dies darf natürlich nicht hingenommen werden, ganz im Gegenteil muss unsere freie und demokratische Gesellschaft rigoros seine modernen Werte verteidigen. Das steht immer außer Frage.

Dennoch ist es inakzeptabel, unter verschiedenen Deckmänteln der Ausländerfeindlichkeit zu frönen, zu verallgemeinern, zu pauschalisieren und zu diffamieren.

Unwillkürlich gelangt man in solchen Diskussionen zur Thematik der Religionen. Ich halte alle Religionen für gleichermaßen gefährlich, denn ihr Feind ist die Bildung, ihr Feind ist auch die Kritikfähigkeit. Religionen funktionieren dann am besten, wenn den Gläubigen ihre Mündigkeit vorenthalten werden kann. Religionen sind Machtinstrumente, die sich mit allem, nur nicht dem Jenseits befassen.

Doch zu kritisieren ist in diesem Zusammenhang nicht allein der Islam. Zwei Jahrtausende lang war man beispielsweiser als männlicher Homosexueller, der seine erotische Neigung frei ausleben wollte, ohne Diskriminierungen und eingeschränkte Karrierewege befürchten zu wollen, bestens damit beraten, in einen katholischen Orden einzutreten. Das sogenannte „Zölibat“ war in Wirklichkeit stets ein Deckmantel für ein homoerotisches Leben, das in der Öffentlichkeit zu Unrecht als sittenwidrig galt, als nicht gottgefällig diskriminiert wurde. Es waren die katholischen Mönchsorden schon immer elitäre Geheimbünde, exzentrische Erotikgemeinschaften im Namen eines Gottes, die über schier unmenschliche Reichtümer verfügten. Daran haben auch die Orden, die vorgeblich die Armut predigten, nichts geändert. Religionen sind immer rein weltlicher Natur.

Und doch sind die Religionen nur als Institutionen scharf zu kritisieren. Vorbehalte gegen ihre Anhänger dürfen niemals als Scheinargument für tatsächlichen Menschenhass dienen. Diejenigen nämlich, die andere mit blinder Wut übersäen, hassen in Wahrheit sich selbst für ihre Inkompetenz, ihre Talentlosigkeit, ihren beschränkten Intellekt und ihre allgemeine Hilflosigkeit, im eigenen Leben einen Sinn zu finden.

Eben jene Eigenschaften, Frustration, Depression, Selbsthass, das Empfinden eines unerfüllten Lebens, sind aber oft die Ursachen für ablehnende Reaktionen, die Flüchtlinge in Deutschland erdulden müssen. Wahre Flüchtlingsströme scheinen nämlich derzeit das Land zu überfluten. Und doch droht hierdurch keine Gefahr. Allerdings ist die kritische Frage nach den Ursachen, die ausgerechnet Deutschland zum beliebtesten aller Flüchtlingsziele gemacht haben, durchaus mehr als legitim.

Flüchtlinge nehmen alle denkbaren Strapazen auf sich, um auf unerhörten Umwegen letztlich nach Deutschland gelangen zu können. Warum nur, wenn nicht, weil Deutschland schlicht die falschen Signale setzt, sich mit einer erlogenen Fassade der Welt präsentiert, die im Ausland den Eindruck erweckt, als sei dies ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

Die Wahrheit ist: Deutschland ist reich, und doch hat die breite Bevölkerung kein Geld. Die Lebenshaltung ist in vielen Bereichen geradezu unverschämt teuer. Das wird einen Großteil jener Flüchtlinge, die durch vorwiegend wirtschaftliche Interessen beflügelt wurden, sehr rasch enttäuschen, ja vermutlich geradezu bestürzen. Insbesondere solche Gäste müssen wir daher besonders freundlich und hilfsbereit empfangen. Denn sie sind keine potentiellen Täter, sondern vielmehr Opfer deutscher Großkotzigkeit. Selbstverliebtes Auftreten nach außen, internationale Machtdemonstrationen und skrupellose Vertuschung der eigenen stetig zunehmenden sozialen Verelendung werden nicht dauerhaft über die wahren Zustände im Land hinweg täuschen können.

Sklavenarbeit war hier bis Anfang 2015 noch völlig legal. Erst danach wurde der sogenannte Mindestlohn eingeführt. Noch heute müssen Praktikanten häufig hinnehmen, schwere Arbeit ganz ohne finanzielle Vergütung zu verrichten.

Flüchtlinge dürfen in Deutschland maximal mit Einkünften in Höhe des Regelsatzes nach ALG II rechnen. Dieser beträgt derzeit 399 Euro und soll zum 01.01.2016 auf 404 Euro erhöht werden. Insbesondere Alleinstehende erwarten trotz dieses geringen Aufschlages auch weiterhin starke Einbußen in der Lebensqualität, mit denen sie gerade in Deutschland sicher nicht gerechnet hätten.

Zwar werden vom Staat auch die Kosten für eine Unterkunft übernommen. Aber der ALG II Regelsatz erlaubt es Alleinlebenden nur schwerlich, einen Monat gut zu überstehen.

Ein gutes und frisches Brot kostet in Deutschland zwischen 6,20 € und mehr als 10 €. Hiervon benötigt eine einzelne Person, die sich gesund ernähren möchte, zwei Leiber pro Woche. Gehen wir vom genannten Höchstpreis aus, verschlingt der monatliche Bedarf allein an Brot um die 80 Euro. Ein passender Belag ist darin jedoch noch nicht enthalten. Käse, beispielsweise ein „Gouda jung am Stück“, kostet ab 5, ein Rinderhüftsteak (375 g) sogar mindestens 6 Euro. Ein namhafter Dresdner Christmas Stollen schlägt mit um die 30 Euro ins Leder. Für ein Kabeljau-Filet sind luxuriöse 17 Euro zu berappen. Eine Biosalami kann in Deutschland schon einmal 35 Euro wert sein. Ein Postpaid-Handyvertrag kostet einschließlich notwendiger Flatrates mindestens 30 Euro monatlich, ein Festnetz-Internetzugang noch einmal dasselbe.

Auch der Besuch einer deutschen Apotheke kann einen unkundigen neuen Staatsbürger in Angst und Schrecken versetzen. Stolze 10 Euro blättert man für ein kombiniertes Arzeimittel gegen grippale Infekte hin. Nicht deutlich günstiger ist eine Standard-Packung des Schmerzmittels Ibuprofen 400. Wer gar ein Antibiotikum benötigt, muss deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Im Land des überbordenden Kapitalismus ist das Leben für die Mehrheit der Bevölkerung kein Zuckerschlecken mehr. Ein „Billigflug“ von Berlin nach Saarbrücken kostet einfach um die 350 Euro. Für denselben Preis gelangt man von Berlin nach Sibirien und gleich auch noch einmal zurück. Der Extremkapitalismus hebelt sich in Deutschland zunehmend selbst vom Sockel.

Während die deutsche Kanzlerin monatlich brutto fast 16000 Euro einstreicht (und sich offenbar trotzdem keinen Rhetoriklehrer leisten kann), verdient ein Friseur netto 800 bis 1000 Euro bei Vollzeitanstellung. Das Einstiegsgehalt einer Bäckereifachverkäuferin beträgt in etwa dasselbe. Ihr Ausbildungsgehalt beläuft sich allerdings im ersten Ausbildungsjahr auf nur etwa 600 Euro (ich fürchte brutto). Der Mauerer erreicht dagegen immerhin ein Einstiegsgehalt von etwa 1200 Euro netto, muss dafür aber im ersten Ausbildungsjahr hungern, und zwar mit etwa 700 Euro monatlich.

Ein Assistenzarzt im ersten Jahr verdient in einem Krankenhaus an die 3000 Euro netto. Ein deutscher Jurist gehört ebenfalls zu den wenigen Gewinnern des modernen Superkapitalismus. Ein Bruttogehalt als Rechtsberater eines Unternehmens kann schon einmal bei 7000 Euro brutto angesiedelt sein.

Deutschland ist eine Zweiklassengesellschaft, in der die Armen nichts zu lachen haben. Und zu denen werden sich auch die neuen Bürger hinzugesellen müssen.

Die schrecklichen Gewaltorgien durch muslimische Radikalisten, die die Welt seit Oktober 2015 erneut in Atem halten (23. 10. Anschlag auf eine Moschee in Nigeria mit 28 Toten, 31.10 Bombenexplosion in einem russischen Passagierflugzeug mit 224 Toten, 13.11. Angriffe im Zentrum der französischen Hauptstadt Paris mit 130 Toten, 20.11. Geiselnahme in Malis Hauptstadt Bamako mit 22 Toten) werden nun, wen wundert es, zunehmend instrumentalisiert, um zusätzliche Stimmung gegen Flüchtlinge zu entfachen.

Doch diese Hilfe-Suchenden verdienen nicht nur deswegen das gesamte Repertoire unserer Gastfreundschaft, weil wir schlicht ein freundliches Land sein wollen. Wir haben als westlicher Bündnispartner sogar die Pflicht, mit unserer Hilfsbereitschaft für diejenigen Schäden aufzukommen, die die Westmächte, allen voran die USA,  im nahen Osten vorsätzlich verursacht haben.

Wer westliche Interventionen in arabischen Ländern, insbesondere dem Irak, neutral, aber konsequent beurteilen möchte, kann beispielsweise nicht umhin, eindeutige Angriffskriege durch die USA gegen den Irak einzuräumen. Der Hass, der sich daraufhin in Teilen der geschädigten Regionen ausgebildet hat, sollte daher nicht allzu sehr verwundern.

Nun ist es zwar leicht gesagt, dass der islamische Terrorismus in Teilen eine Schöpfung des Westens ist, andererseits muss dennoch die Frage erlaubt sein, wie gegen diese immer weiter um sich greifende Gewaltbereitschaft aus Gruppierungen des Nahen Ostens vorgegangen werden sollte. Kriege alleine können meiner Ansicht nach den Terror nicht besiegen. Die Unterstützung der Terrorgruppen in den dortigen Bevölkerungen ist schlicht zu groß. Neue Extremisten-Verbände würden schnell aus dem Boden spießen, da die Ursachen für die tief sitzenden Missstimmungen nicht durch immer weitere Gewaltakte seitens westlicher Großmächte ausgeräumt werden können.

Die USA und ihre Bündnispartner müssen endlich damit aufhören, nach antikem Vorbild weltweite Expansionen anzustreben.

Drastischere Worte hierzu fand der emeritierte Professor für Linguistik und Intellektuelle Noam Chomsky, der in einem Fernsehinterview nicht im IS die international bedeutsamste Terrororganisation sieht, sondern stattdessen vor allem Die USA beschuldigt, die Welt unentwegt mit globalen Terrorakten zu traktieren (Interview euronews: https://www.youtube.com/watch?v=Jm3fiiBMZ9w).

 

 

Die Lust an der Gewalt

Februar 2015, irgendwo in Syrien: der verängstigte Mann klammert sich mit letzter Kraft an die Sitzfläche des Stuhles, von dem aus er in die Tiefe gestoßen werden soll. Dann fällt er, doch niemand kann sicher sagen, ob er überlebt hat oder nicht. Fest steht, dass die unten Wartenden ihn mit Steinen traktieren, als ginge es darum, einen Überlebenden erneut durch das Strafgericht der Scharia in den Tod zu befördern. Ein brutaler Mord im Namen einer Religion.Was der Mann verbrochen hat? Eine Liebschaft soll der um die 50-Jährige gehabt haben, und zwar mit einem anderen Mann. Es gibt also Regionen dieser Welt, in denen Liebe ein todeswürdiges Verbrechen darstellt, ein grausames Paradoxon.

Nicht besser ergeht es den Männern in einem anderen Video, das vor einiger Zeit im Internet kursierte. Mit professionellem Schnitt, perfekter Kameraführung, sogar aus verschiedenen Perspektiven, wird wiederum eine grauenvolle Tat in Szene gesetzt: ein Massenmord. Etwa 20 geduckt laufende Männer in orange-gefärbten Shirts werden von je einem dazugehörigen Täter in einer Schauprozession an mehreren Filmkameras vorbei geführt. Die Inszenierung ist beinahe Hollywood-reif.  Für die Köpfe der Opfer jeweils ein Messer, denn damit enthauptet es sich besonders grausam. So wandert jeder Täter mit seinem Gefangenen an einem Eimer vorbei, der mit kurzen Schneidwerkzeugen angefüllt ist. Die Nahaufnahme zeigt uns deutlich die Gesichter der künftigen Mörder, die mit ritualisierter Geste nach ihren Messern greifen. Sie wirken selbstgerecht. Die Todeswürdigen werden schließlich in einem Halbkreis aufgereiht, und die Kamera lässt uns in ihre versteinerten Gesichter blicken. Der Täter in der Mitte spricht die obligatorische Droh-Botschaft gegen den imperialen Westen in die Kamera. Anders als seine Kumpane ist er komplett in schwarz gekleidet und sein Antlitz verhüllt. Der junge Mann, der vor ihm kniet, sieht aus wie ein Wüstenprinz mit leuchtenden Augen. Er ist der Schönste unter den Opfern. Aus diesem Grunde fährt die Kamera jetzt ganz nah an sein Gesicht heran und verharrt von nun an genau dort. Denn das ist die Erniedrigung, die Strafe, die ihm zugedacht ist. Der intimste Moment im Leben eines Menschen, sein Augenblick des Todes, soll via Videobotschaft vor aller Welt zur Schau gestellt werden. Wie das aussieht, wenn die Gesichtszüge entgleisen und nach all der Qual endlich der Tod eintritt? Ich will das nicht wissen, habe das versehentlich aufgerufene Originalvideo daher rechtzeitig geschlossen.  Schuldig waren die dahin Gemetzelten lediglich eines Vergehens. Sie glaubten an eine andere Auslegung des Islam. Aus prinzipiell demselben Grund wurde auch ein anderer Mann hingerichtet. Die Nachricht hierüber ist erst wenige Tage alt. Er verbrannte in einem Käfig aus Stahl bei lebendigem Leibe. Und auch dieser Todeskampf wurde über das Internet veröffentlicht. Die verstörenden Bilder zeugen von ungezügelter Mordlust.

Warum tun Menschen so etwas? Haben sie ihre Menschlichkeit verloren? Oder ist das, was sie tun, ein Bestandteil dessen, was wir als menschlich bezeichnen?

Grenzenlose Brutalität ist keineswegs eine Erfindung moderner Islamisten. Sie ist fester Bestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte. Doch warum inszenieren menschliche Gesellschaften mit ausgesprochener Kreativität immer wieder aufs Neue ihre Morde?

USA 1995, in irgendeinem US- Bundesstaat, der die Todesstrafe mit der Giftspritze praktiziert: Der Mörder und Vergewaltiger ist auf eine Bahre geschnallt worden, die Arme auf beiden Seiten abgespreizt. Die Kanülen sind bereits an beiden Armen angebracht, als man den so Gekreuzigten aufrichtet, so dass er durch die Glasscheibe das Publikum sehen kann. Die Menschen dort sind die Zeugen der Hinrichtung, unter ihnen sitzen aber auch die Eltern der Mordopfer. So zur Schau gestellt spricht der Todgeweihte seine letzten Worte und beendet seine Ansprache mit: „Ich will noch sagen, dass ich Töten für falsch halte, vollkommen egal, wer es tut, obs nun ich oder Sie oder die Regierung macht.“

Dann wird der Mann zurück in die Waagerechte gebracht, in eine Position, von der aus er mit leicht zur Seite gedrehtem Kopf noch die Zuschauer erkennen kann, und es wird ihm die tödliche Giftinjektion verabreicht. Während er nun stirbt, kann seine Seelsorgerin, die im Publikum sitzt, ihre Tränen nicht länger zurückhalten.

Für ihre Rolle als Ordensschwester erhielt Susan Sarandon 1996 den Oscar. Sean Penn stirbt als Täter dennoch einen Tod, der die eigenen Verbrechen an Perversion übertrifft. In einem gläsernen Käfig vor Zuschauern.

Die Realität ist in den USA heute jedoch weitaus brutaler: Da europäische Hersteller von Medikamenten die Auslieferung an die Vereinigten Staaten zur Umsetzung der Todesstrafe verweigern, wird bei den Exekutionen neuerdings mit unerprobten Chemikalien experimentiert. In der Folge sterben 2014 mehrere Delinquenten einen langen und qualvollen Tod.

Erfüllt es mit Genugtuung, Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben verlieren? Werden künftige Täter abgeschreckt, wenn sie solch grauenvolle Spektakel mit verfolgen müssen? Oder geht es um Grenzerfahrungen? Lust, Gewalt zu erleben, die Tabuüberschreitung als Nervenkitzel?

Die Welt ist voller Beispiele für gnadenlose Massaker, von Menschen an Menschen begangen.

Wir schreiben den 6. Januar 1536 und befinden uns mitten in Deutschland, genauer in der westfälischen Stadt Münster. Drei Männer werden auf dem Prinzipalmarkt unter der Anteilnahme einer gewaltigen Zuschauerschar schrittweise zu Tode gefoltert. Die insgesamt etwa vier Stunden andauernde Prozedur zu Füßen der Lambertikirche bestraft die Anführer einer extremistischen religiösen Gruppierung, die sich als Wiedertäufer bezeichnen. Einst waren Jan van Leiden, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting selbst zu Tätern geworden, hatten Münster besetzt und ein gnadenloses Regime des Grauens angeführt, in religiösem Wahn jeden Widerstand mit mörderischer Gewalt niedergestreckt. Nun waren der Mann, der sich „König“ nannte, und seine Komplizen selbst an der Reihe. Zunächst wurden ihnen mit glühenden Zangen die Zungen herausgerissen. Danach band man sie an Pfählen fest, weitgehend nackt, und zerfetzte ihre Körper bei lebendigem Leibe mithilfe derselben rot glühenden Greifwerkzeuge. Erst Stunden später wurden sie der Gnade halber erdolcht. Ihre geschundenen Leiber hat man in eisernen Körben an der nahegelegenen Kirche hochgezogen, wo sie der öffentlichen Schande und dem Vogelfraß auf Dauer preisgegeben waren. Noch heute hängen übrigens die inzwischen renovierten Körbe als makabre Touristenattraktion am Turm von St. Lamberti.

Doch durch die drakonischen Schauprozesse aus vergangenen Jahrhunderten hat Deutschland den Höhepunkt seines sadistischen Wirkens noch lange nicht erreicht. Nicht einmal hundert Jahre ist es her, dass Nazi-Deutschland effiziente Tötungsmaschinerien in Gang brachte, und zwar mit dem Ziel der Massenvernichtung. Homosexuelle, Kommunisten, Juden sowie Angehörige der Sinti und Roma waren als nicht lebenswerte Störfaktoren eingestuft worden, die daher millionenfach den Tod fanden. Ihre Körper waren nicht einmal nach dem Tode sicher vor den pervertierten Nachstellungen durch die Nationalsozialisten, denen es um weit mehr als eine ethnische Säuberung der eigenen Gesellschaft ging. Ziel war es, die Anhänger aller unerwünschten Ethnien, sexuellen Orientierungen oder politischen Ideale öffentlich zu erniedrigen, sie für ihre Andersartigkeit zu bestrafen. Toten wurden in den Konzentrationslagern der Nazis die Haare zur Weiterverarbeitung abgeschnitten. Filze und Stoffe sollten daraus entstehen. In der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ausschwitz sind Tonnen von ihnen noch immer zu sehen. Doch auch die Haut der Verstorbenen diente der Herstellung makaberer Accessoires. Regenschirme, Lampenumhüllungen oder Tischdecken wurden aus ihnen gemacht. Wer hingegen eine Weile die Lagerhaft überstand, jedoch ein besonders schönes Tatoo sein Eigen nennen durfte, lebte eventuell ganz besonders gefährlich. So wurde der Fall eines polnischen KZ-Häftlings in Ausschwitz bekannt, dessen beeindruckende Rücken-Tätowierung mit dem farbigen Motiv des biblischen Paradieses eine Begehrlichkeit des Lagerarztes Friedrich Entress erweckte. Nachdem der ebenfalls politische Häftling und Fotograf Wilhelm Brasse die Tätowierung des muskulösen Schiffsheizers Zielinski in Form mehrerer Bild-Serien dokumentiert hatte, wurde dieser kaltblütig ermordet. Entress hatte das Tatoo herausschneiden und zu einem Bucheinband verarbeiten lassen.

Nicht nur die Neuzeit, sondern auch die Antike strotzt nur so vor Brutalität und Sadismen. So berichtet Tacitus von den Schrecken des Jahres 64, in dem der römische Kaiser Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus nach einem Großbrand in Rom frühe Christen der Brandlegung bezichtigte und sie dafür drakonisch öffentlich bestrafte. Manche von ihnen wurden gekreuzigt oder in einer Circus-Vorführung lebendig an wilde Tiere verfüttert, andere hingegen mussten Schlimmeres erdulden. In Tierhäute eingenäht erhellten sie bei Nacht die Neronischen Parkanlagen als lebende Fackeln.

Besondere Grausamkeit ist jedoch keineswegs eine Erfindung der Antike. Denn folgen wir der Zeitskala dort beginnend wieder in die frühe Neuzeit hinein, diesmal nach England, werden wir im Elisabethanischen Zeitalter, also der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, mit einer besonders bestialischen Hinrichtungsmethode konfrontiert. Das „Hanged, drawn and quartered“ war als besonders entehrende öffentliche Bestrafung nur Hochverrätern vorbehalten. Der Verurteilte wurde auf einem Gatter befestigt zur Hinrichtungsstätte gezogen, anschließend gehängt, jedoch noch vor Eintritt des Todes wieder vom Galgen gelöst und daraufhin auf einer Bahre fixiert. Dort trennte man ihm zunächst die Genitalien ab und zeigte sie nun zuerst dem Opfer und dann der Zuschauermenge. Hernach eröffnete man den Bauch und entnehm dort Stück für Stück Teile des Darms, die wiederum der Begutachtung durch den Verurteilten und die Zuschauer preisgegeben wurden. Schließlich verbrannte man die Organe noch vor den Augen des Opfers, das die folgenden Schritte der Prozedur vermutlich nicht mehr lebendig erdulden musste. Denn es wurde nun das Herz entfernt und als letztes Organ dem Feuer übergeben. Erst daraufhin köpfte man den Unglücklichen, vierteilte seinen Körper und stellte die sterblichen Überreste  an unterschiedlichen und exponierten Orten der Stadt zur Abschreckung auf.

Jede mittelalterliche Tierschlachtung war humaner. Warum nur ergötzen sich Menschen immer wieder am physischen Leid ihrer Artgenossen? Woher kommt die Kreativität, mit der das öffentliche Morden inszeniert wird? Sind die Köpfe, die das zelebrierte Leiden ersonnen haben, pathologische Ausnahmeerscheinungen?

Hinweise liefern vielleicht die Geschehnisse, die sich in den letzten dreizehn Jahren in einem berühmten Gefangenenlager auf Kuba zugetragen haben. Das Gefängnis Guantanamo, das dem US-Militärstützpunkt Guantanamo Bay Naval Base angehört, ist längst zu trauriger Bekanntheit gelangt und hat Menschenrechtler weltweit entsetzt.

Jede bekannte Form der Folter, die nicht unmittelbar zum Tode führt, scheint in dem berüchtigten Gefängnis zur Anwendung gelangt zu sein. Besonders hervorzuheben ist jedoch, dass die Insassen insbesondere solche Torturen erleiden mussten, für die es gar keine historischen Vorbilder gab. Die Foltermethoden schienen frei erfunden, der Kreativität des Gefängnispersonals waren offenbar keine Grenzen gesetzt.  Nicht Aussage-Willige wurden in Kältekammern verbracht, mit der Waterboarding-Folter gequält, mit Stromschlägen traktiert, zu sexuellen Handlungen gezwungen oder auf alle erdenkliche Weise nackt gedemütigt. Übertroffen werden die Taten in Guantanamo lediglich noch durch ein weiteres US-Gefangenenlager, nämlich jenes im irakischen Abu Ghraib, westlich von Bagdad gelegen. Auch hier werden angebliche Terroristen mit islamistischem Hintergrund festgehalten. Das Gefängnis, das schon zu Regierungszeiten Saddam Husseins für unmenschliche Zustände bekannt war, wurde jedoch erst durch die Machenschaften US-amerikanischer Gefangenenaufseher weltberühmt. Das Foto eines Folteropfers mit schwarzer Kapuze über dem Gesicht, den Körper nur durch einen weiten Umhang bedeckt, das mit abgespreizten Armen dauerhaft auf einer Kiste stehen muss, wurde zum Inbegriff der US-Willkür an muslimischen Gefangenen. Doch Elektroschocks waren nur eine von vielen Methoden, um zu foltern. Viehische Zurschaustellung in nackten Posen gehörte mindestens genauso zum Standardrepertoire der Folterknechte. Als die Fotos der Folteropfer in den Medien erschienen, entrüstete sich die Welt. Den USA blieb also nichts übrig, als die Täter öffentlich anzuklagen. Doch was hat all das bewirkt? Beide Gefangenenlager existieren noch, und über die heutigen Bedingungen dort ist kaum etwas bekannt.

Die Geschehnisse in beiden Gefangenenlagern weisen Parallelen auf. Beide sind sie US-amerikanische Sützpunkte im Ausland. Sie befinden sich weit entfernt von der rechtstaatlichen Kontrolle durch die USA. Die Bediensteten müssen zunehmend das Gefühl der Narrenfreiheit empfinden. Niemand maßregelt sie für ihre immer häufigeren Willkür-Eskapaden. Es gibt keine nennenswerte Kontrolle von oben, und von unten kommt keine Kritik, kein Widerstand. Denn die Gefangenen sind wehrlos, vollständig unterworfen. Die perfekten Opfer für sadistische Entgleißungen.

Menschen können im Affekt zu wilden Tieren werden, sich geradezu in wütende Ekstase versetzen, um so ihre Opfer in einem kurzen Moment fehlender Steuerung mit ungezügelter Gewalt zu überziehen. Die in diesem Artikel erläuterten Beispiele sind jedoch auf andere Bedingungen zurückzuführen. Durchdachter Mord, geplante Folter, häufig gebunden an eine Logistik, die mehrere Mittäter erfordert, so sehen wahrlich keine Affekthandlungen aus. Minuziöse Planung einer Tat erfordert weit mehr als einen kurzen Ausraster. Es geht hier nicht um unkontrollierbare Überlebensinstinkte, sondern um sadistische Lust, die den betroffenen Menschen dazu motiviert, vorsätzliche Entscheidungen zu fällen. Zwar ist die Empfindung lustvoller Begierde zunächst ein Instinkt, der durch das untergeordnete und evolutionsbiologisch alte Zwischenhirn gesteuert wird, und doch handelt es sich bei der sadistischen Neigung um weit komplexere neuronale Zusammenhänge. Sie dienen dazu, eine instinktive Lust in ein dauerhaftes Begehren zu verwandeln,  das durch zielgerichtete Planung in die Tat umgesetzt werden kann.

Das Potential, eine sadistische Neigung zu entwickeln, ist dabei offenbar natürlicher Bestandteil des Menschseins, verankert in unserem millionen Jahre alten Genom. So sind vermutlich die meisten Menschen grundsätzlich zu sadistischer Grausamkeit befähigt, allerdings nur unter geeigneten Rahmenbedingungen. Weitgehende Isolation, mehr oder weniger unbeschränkte Machtbefugnisse und das Vorhandensein untergebener und vollständig ausgelieferter Mitmenschen scheinen wichtige Voraussetzungen zu sein, um einen Sadismus auszubilden.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm erkannte 1973 den Sadismus als ein Verlangen, einem anderen Menschen so nahe wie möglich zu kommen, und wenn schon nicht durch Liebe und Zärtlichkeit, dann doch in Form der Gewaltausübung. Ein Zusammenhang also, den man durchaus als unterschwellig sexuell motiviert bezeichnen muss.

Der explizit sexuelle Sadismus hingegen verbindet eine erotische Erektion mit dem Anblick der erniedrigenden Qual, die das Gegenüber erleiden muss. Als Sonderform ist dabei der Kompensatorische Sadismus hervorzuheben, in dem das Gefühl der sexuellen Befriedigung ganz allein durch die Grausamkeit des Gewaltaktes erzeugt wird. Konkrete erotische Handlungen unterbleiben hier also vollständig.

Diese Form des Sadismus scheint vor allem dort Triebfeder zu sein, wo Menschen besonders ungewöhnlicher Grausamkeit ausgesetzt werden. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist womöglich die Motivation der Henker zur Umsetzung der historischen Hinrichtungsart „Hanged, drawn and quartered“.

Die neurologischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, die erklären, warum organisierte und sadistische Gewalt, durch Menschen an ihren Mitmenschen begangen, immer wieder die Oberhand gewinnt, sind zu komplex, um hier angemessen erörtert zu werden.

Scheinbar kann man zumindest Folgendes festhalten: Der Intellekt kann triebhafte Lust nach Gewalt effizient unterdrücken. Umfassende Erziehung, von Kindesbeinen an, führt zu einem hohen Bildungshorizont und stimuliert dadurch intellektuelle Fähigkeiten, die sich mit zunehmender Lebenserfahrung sogar noch ausweiten. Die Ausübung sinnloser Gewalt und ein hohes Bildungsniveau schließen einander meist aus. Investiert also nicht in kriegerische Auseinandersetzungen, sondern in die Verbesserung der weltweiten Bildungsstandards!

Es ist nocheinmal hervorzuheben, dass sich dieser Artikel nicht mit schwersten pathologischen Ausnahmeerscheinungen befasst, sondern das Potential völlig normaler Menschen erörtert, unter Einwirkung bestimmter Gegebenheiten brutale und sadistische Züge zu entwickeln.

 

Copyrights: Stefan F. Wirth, 2015, Nutzung des Textes oder von Teilen davon sind genehigungspflichtig und sonst untersagt.