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Tag: Armut

Eine Reise durch die Stadt Tjumen

Ich habe aus beruflichen Gründen mehrere Monate in Tjumen verbracht, einer eher unbekannten russischen Stadt in West-Sibirien. Als zoologischer Forscher war ich an der dortigen Universität vorübergehend angestellt. Tjumen, eine kleine Metropole des Wohlstands, und doch ein hässliches Entlein, das niemals zu einem prachtvollen Schwan heranreifen wird. Oder doch?

Die Stadt muss man als neureich bezeichnen, Bodenschätze in der Umgebung haben Industrielle aus allen Ländern der Welt mobilisiert. Das färbt sichtbar auf die Stadt ab.  Golden lackierte Autos glänzen im Sonnenlicht, sind aber zu jeder Jahreszeit meist durch eine Staubschicht bedeckt, die sich bei feuchter Witterung schnell in eine unansehnliche Schlammmaske verwandelt. Keine Frage, man imitiert den offiziell verhassten Westen, insbesondere die USA. Anders als in Deutschland zahlt man auch Pfennigbeträge mit der Kreditkarte. Riesige Einkaufszentren sprießen in die Höhe, in denen zu erstehen ist, was immer der Käufer begehrt. Internationales Niveau. Die Lebensmittelabteilungen borden über vor namhaften Westprodukten. Toilettenartikel – auch für den eitlen Mann – stammen aus Frankreich, Italien und Deutschland, eher ungern aus Russland selbst, nicht selten jedoch auch aus China. Haute Couture, Markenklamotten überall, allerdings im Gegensatz zu Hygieneartikeln und Lebensmitteln auch zum hohen Preis. Da macht man in Berlin leichter ein Schnäppchen.

Tjumen hat eine wunderschöne Altstadt, die sich auszeichnet durch Relikte ursprünglicher Holzwohnhäuser, mit verschnörkelten Fassaden und verzierten Fensterläden. Der Rest der Stadt gleicht Berlin Marzahn. Allerdings darf der Besucher die eintönigen und trostlosen Hochhäuser keinesfalls als Plattenbauten oder sozialen Wohnungsbau bezeichnen. Das beleidigt die Einheimischen, denn was den Eindruck erweckt, aus einer anderen Zeit zu stammen, ist in Wahrheit neu und wird als weithin sichtbares Anzeichen des Wohlstandes verstanden. Wer in einem solchen Hochhaus wohnt, der hat es geschafft, der ist im modernen Zeitalter angelangt, dem geht es gut – etwa so wie in Berlin Marzahn, dort allerdings zu DDR-Zeiten.

Die Stadt wird durch einen Fluss aus dem Ural zweigeteilt, die Tura. Diesseits der Tura befinden sich das historische Stadtzentrum, die Universität, die Hochhäuser, die guten Restaurants, kurz der Wohlstand. Jenseits der Tura lebt die Armut. Die Menschen bewohnen kleine Holzhütten und besitzen nur das Nötigste.

Der Unterschied zwischen diesseits und jenseits ist auch am Fluss selbst nicht zu übersehen. Das diesseitige Ufer ist durch eine pompöse Promenade geschmückt, die sich über mehrere Etagen erstreckt, denn im Frühjahr gibt es starkes Hochwasser, das die unteren Wege dann vollständig verschluckt. Jenseits ist das Ufer verwildert und ein Biotop für brütende Wasservögel. Keine Promenade, nur ein kleiner Trampelpfad, natürlich auch kein Hochwasserschutz.

Mein russischer Vorgesetzter, ein rundlicher Mann mit freundlichem Lachen, erklärte mir einmal, jenseits wohnten vor allem Zigeuner. Er machte dabei eine verächtliche Handbewegung, man solle sich von dort besser fernhalten. Ich akzeptiere allerdings keine No-Go-Areas, nirgendwo, auch nicht in Tjumen. Auch jenseits stand nämlich ein Einkaufszentrum, das man meist nicht trockenen Fußes erreichte, und das ich trotzdem oft besuchte. Einmal widerfuhr mir auf dem Wege dorthin tatsächlich etwas. Ein etwa 18-jähriger Jugendlicher attackierte mich körperlich nach meiner Weigerung, ihm eine Zigarette auszuhändigen. Abgesehen hatte er es bei seinem Angriff auf mein bereits angerauchtes Exemplar, das er mir schließlich erfolgreich entriss. Meist verhielten sich die Menschen jenseits jedoch friedlich, zumindest mir gegenüber.

Friedlich erschien auch das diesseitige Straßenleben, und sehr amerikanisch obendrein, zumindest, was die Aktivitäten der Jugendlichen anbelangte, die fröhlich auf Fahrrädern, Skate- und Hoverboards unterwegs waren. Ohne jemals dabei zu lachen allerdings. Russland ist ein Kontrollstaat, und lachen in der Öffentlichkeit scheint untersagt. Modische junge Männer könnten leicht mit Berlinern verwechselt werden, wären sie nicht so starr und teilnahmslos in sich selbst gefangen. Kälte regiert die Straßen, auch im warmen Frühsommer. Ausgelassene Fröhlichkeit ist nur hinter verschlossenen Türen erlaubt, und es bedarf einiger Gläser Wodka, um sie wirklich aus sich herauszulassen.

Modische junge Frauen erinnern fast nie an Berlin. Und wenn, dann an den dortigen Straßenstrich. Frauen tragen in der Regel alles eher zu dick auf, zu viel Make-Up, zu hohe High-Heels. Ein besonders kalter Gesichtsausdruck scheint die Männer erst recht zu betören, zumindest die heterosexuellen Exemplare. Homosexualität hingegen ist zwar legal, es soll sogar in Tjumen Homo-Bars geben, doch sieht man von alldem nichts auf den Straßen. Denn ein Auftreten in gemischt-geschlechtlichen Paarungen scheint ebenfalls vorgeschrieben. Mann und Mann spazieren niemals über die Uferpromenade, und falls doch, laufen stets zwei Frauen hinterdrein.

An moderner Kunst scheint der Stadt nicht sehr gelegen zu sein. Der imposante Neubau des Kunstmuseums ist seit Jahren unvollendet. Straßenkunst ist selten, manchmal spielt ein junger Musikstudent auf einer Geige. Staatlich verordnete Kunst ist klassizistisch, muss gegenständlich sein, die zahlreichen Büsten und Statuen entlang der Uferpromenade sind nie verrückt, schrill oder abstrakt. Es ist eher die Ästhetik einer frühen Leni Riefenstahl oder eines Albert Speer.

Überhaupt ist die Nazi-Zeit noch immer ein wichtiges Ereignis, das jedes Jahr erneut in den Fokus der Erinnerung rückt. Höhepunkt eines Jahres ist die große Militärparade zu Ehren des Sieges über Nazi-Deutschland. Die Fernsehkameras übertragen eher die große Militärschau aus Moskau. Doch auch in Tjumen werden Besuchertribünen aufgebaut und Straßen gesperrt. Das Volksfest, bei dem selbstverständlich nicht gelacht werden darf, wird über Wochen vorbereitet, und die Bevölkerung so eingestimmt. Kinder in Soldatenkostümen flanieren durch die Gassen, die Straßenlaternen entlang der Uferpromenade spielen militärische Marschmusik aus kleinen Lautsprechern, Big Brother is everywhere. Freiluft-Fotoausstellungen zeigen Aufnahmen des zerstörten Berlins. Die Vorfreude auf die Panzer-Parade ist groß.

Natürlich gibt es auch andere Volksfeste, jedoch nur für Kinder, und die dürfen dort auch nicht lachen. So beherbergt das diesseitige Stadtzentrum einen dauerhaft eingerichteten Rummelplatz mit zahlreichen Karussellen, die stetig in Betrieb sind. Ausgelassene Stimmung, Gekreische? Natürlich absolut Fehl am Platze. Die Ruine des stillgelegten Rummelplatzes im Berliner Plänterwald wirkt lebendiger, wenn sich bei sanftem Wind das alte, rostige Riesenrad knarzend von selbst in Bewegung setzt.

Mein russischer Chef reist gerne, obwohl er Ausländer nicht allzu sehr schätzt. Reisen ist für ihn Zeichen des besonderen Privilegs. Ein Russe lässt sich zudem nur im Ausland richtig gehen, wir Berliner beobachten dieses Phänomen immer wieder, wenn zugedrogte russische Reisende das frivole Vergnügen in den Clubs unserer Metropole suchen, um es dort richtig krachen zu lassen.

Er isst auch gerne, und lädt dazu immer wieder freundlich ein. Und in der Tat sind die Restaurants gut. Man legt generell Wert auf frische Zutaten, Instant-Suppen und amerikanisches Fastfood sind in Tjumen stark verpönt. Und man verweist stolz auf die traditionelle Küche. Damit ist oft Tatarisch gemeint. Einmal waren wir sogar in einem echten tatarischen Restaurant, natürlich außerhalb der Stadt. Russland möchte nicht nur weltweit, sondern auch national volle Kontrolle ausüben, ganz nach US-amerikanischem Vorbild. Dazu gehört freilich nicht nur der Einsatz von Plastikgeld, der an jedem Kiosk möglich ist, auch bei der Frage nach dem Umgang mit der Urbevölkerung hat man weit gen Westen geschielt. Ein Land kann nur beherrschen, wer die ursprünglichen Besitzer kontrolliert. Nicht, dass es gleich Reservationen gäbe. Doch in der sauberen Stadt möchte man keine schmutzigen Tataren sehen. Man hat sie einfach ausquartiert, wo sie in sehr armen Siedlungen zusammengepfercht versuchen, ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf ihres kulturellen Erbes zu bestreiten.

Tjumen selbst spielt in der Geschichte kaum eine Rolle. Die Umgebung ist hingegen sehr berühmt. Nur wenige Kilometer weiter östlich befindet sich das Geburtshaus Rasputins, des großen Wahrsagers, der das letzte Zarenpaar allzu sehr in seinen Bann zog. Jene wiederum wurden im weiter westlich gelegenen Jekatarinburg samt Familienanhang durch kommunistische Aktivisten ermordet.

Mit dem düsteren Einzelgänger Rasputin brüstet man sich in der Region gerne. Erst recht mit dem Entdecker, Biologen und Ethnologen Georg Wilhelm Steller, der in Tjumen gestorben ist. Dass man ihn schäbig auf einem Feld begaben hat, da er nicht orthodoxen Glaubens war, wird in diesem Zusammenhang freilich eher verschwiegen. Auch die genauen Todesumstände beleuchtet man nicht allzu gerne, ist er doch vermutlich aufgrund wiederholter russischer Schikanen überhaupt erst an seinem tödlichen Fieber erkrankt. Heute jedenfalls gedenkt man seiner ungeniert öffentlich und hat jüngst sogar eine Rekonstruktion seines Antlitzes in Öl der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Bei der feierlichen Präsentation war ich zufällig zugegen. Beeindruckt hat mich dabei vor allem die Rede eines russischen Historikers, der mehrfach betonte, dass Steller im Grunde ein Russe gewesen sei. Nun ja, in Wahrheit war er ein Deutscher.

Gesteht man im Russland der Putin-Ära historischen Figuren gerne ihren besonderen Individualismus zu, ist selbiger natürlich für die moderne Bevölkerung nicht denkbar. Auch eine moderne und eher gemäßigte Diktator fürchtet die Selbstdenker. Mein Chef erklärte es mir ohne Umschweife, Individualismus sei in Tjumen nicht erwünscht, in Russland generell nicht. Akademiker von Rang, die ich in Tjumen kennenlernte, sind grundsätzlich sehr linientreu, sie folgen den Gedanken ihres Präsidenten, und zwar ohne Abwege. So wurde die Krim befreit und nicht völkerrechtswidrig besetzt. Und nicht nur die Ukraine, sondern alle ehemaligen Sowjetstaaten wurden widerrechtlich dem Schoße Mütterchen Russlands entrissen. Insbesondere die EU ist daher ein gemeiner Dieb, den es zu maßregeln gilt. Zum Beispiel, indem europafeindliche Gruppierung des europäischen Auslandes gezielt gefördert werden.

Bei geselligen Zusammentreffen spricht man nicht über Politik. Übrigens auch nicht über Wissenschaft. Ersteres ist hinfällig, da die Denk-Linie ohnehin vorgegeben ist. Letztere ist redundant, da sich russische Forscher schnell als „Leading-Scientists“ wahrnehmen, die schon alles wissen und daher nichts dazuzulernen brauchen. Doch über den Besuch der deutschen AfD auf der Halbinsel Krim, darüber hat man gesprochen. Das ist nämlich die Strategie Russlands, die Feinde Europas zu unterstützen. Und davor müssen wir uns vorsehen. Ich glaube allerdings nicht, dass Russland imstande ist, Wahlen in anderen Ländern direkt beeinflussen zu können, nicht in Deutschland und auch nicht in den USA.

Meine Tyumen-Aufenthalte waren trotz allem die Reise wert. Wer das Schöne sucht, so wie ich, der kann es überall finden, auch in Westsibirien. Wissenschaftlich ist die Region eine wahre Fundgrube. Ich habe gleich eine interessante neue Milbenart beschrieben.

Und die Hoffnung auf Veränderungen stirbt stets zuletzt. Einmal wartete ich in der Schlange vor einer Supermarkt-Kasse, die nur langsam voranschritt, da auch russische Kassiererinnen inzwischen angehalten sind, ihre Käufer nach Punkte- und Rabattkarten zu befragen, so wie bei „Real“ in Berlin. Auf einmal tauchten zwei exotisch anmutende Gestalten hinter mir auf. Ein Gothic-Pärchen, in düstere Gewänder gekleidet mit schwarz geschminkten Augen- und Lippenpartien. Und, oh wunder, sie wurden toleriert, kein Getuschel, keine abfälligen Blicke.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin 18.01.2017

Warum Flüchtlinge in Deutschland ein Recht auf freundliche Behandlung verdienen und durch Wirtschaftsflüchtlinge dem deutschen Steuerzahler keine dauerhafte Gefahr droht

Ich reise viel, meist aus beruflichen Gründen. Daher weiß ich, wie es sich anfühlt, Gast in einem fremden Land zu sein. Oft bin ich dauerhaft auf die Gastfreundlichkeit in anderen Kulturkreisen angewiesen und mache die Erfahrung, dass mir diese auch stets freundlich entgegen gebracht wird.

Selbstverständlich kann dies nur erwarten, wer die Bereitschaft besitzt, sich den Gegebenheiten anzupassen. Dies jedoch wird den Flüchtlingen, die Deutschland derzeit in großer Zahl erreichen, von vielen pauschal abgesprochen. Es gibt zwar keine Fakten, die diese Vorurteile fremdenfeindlicher deutscher Bürger zu begründeten Anschuldigungen machen. Doch das scheint wenig von Belang für all diejenigen zu sein, die schon immer mit sich selbst unzufrieden waren und nun nach schwächeren Sündenböcken für das eigene verpfuschte Leben suchen.

Nur sehr selektiv interessiert sich der kleingeistige deutsche Wutbürger für die Verwendung seiner Steuergelder. Häufig fürchten sogar insbesondere diejenigen Steuerzahler eine Veruntreuung ihrer Abgaben, deren Steuerleistung aufgrund eines dauerhaften Arbeitslosengeld-II-Bezuges kaum der Rede wert ist.

Vieles geschieht mit Steuergeldern in diesem Land, das kritikwürdig ist, aber kaum je Kritik erfährt. Dies liegt in der tumben Bräsigkeit vieler Bürger begründet, die sich nur dann den Mund zerreißen, wenn ihnen die Medien entsprechende mundgerechte Häppchen vor die Nasen setzen.

Die sozialen Netzwerke schäumen über vor unreflektiertem Unfug. Äußerungen wie „bevor Du Gäste in Dein privates Zuhause einlädst, überlegst du Dir doch auch, ob Du Dir das überhaupt leisten kannst“ oder „die können sich doch alle Handys leisten, was wollen die also hier?“ lassen mir vor Entsetzen und Fremdscham regelmäßig die Nachkenhaare aufrecht stehen.

Deutschland ist seit jeher ein Land, dessen Bevölkerung sich aus verschiedenen Kulturen zusammensetzt, die meist miteinander harmonieren konnten. Wer will denn heute  noch ernsthaft die Nachkommen all derjenigen Gastarbeiter, die in den 1960-er und 70-er Jahren in Deutschland dringend benötigt wurden, verunglimpfen? Das wäre doch absurd, zahlen doch viele von ihnen heute längst mehr Steuern als mancher Deutsche. Auch Muslime tragen mindestens seit jenen Zeiten mit dazu bei, dass unsere Gesellschaft reichhaltiger geworden ist.

Und dennoch muss leider manchmal auch davon berichtet werden, dass gewisse muslimische Mitbürger die Aufklärung, die Freiheit und die hart erkämpften Menschenrechte in Deutschland mit Füßen treten, und dadurch sogar nicht selten schlicht gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen. Dies darf natürlich nicht hingenommen werden, ganz im Gegenteil muss unsere freie und demokratische Gesellschaft rigoros seine modernen Werte verteidigen. Das steht immer außer Frage.

Dennoch ist es inakzeptabel, unter verschiedenen Deckmänteln der Ausländerfeindlichkeit zu frönen, zu verallgemeinern, zu pauschalisieren und zu diffamieren.

Unwillkürlich gelangt man in solchen Diskussionen zur Thematik der Religionen. Ich halte alle Religionen für gleichermaßen gefährlich, denn ihr Feind ist die Bildung, ihr Feind ist auch die Kritikfähigkeit. Religionen funktionieren dann am besten, wenn den Gläubigen ihre Mündigkeit vorenthalten werden kann. Religionen sind Machtinstrumente, die sich mit allem, nur nicht dem Jenseits befassen.

Doch zu kritisieren ist in diesem Zusammenhang nicht allein der Islam. Zwei Jahrtausende lang war man beispielsweiser als männlicher Homosexueller, der seine erotische Neigung frei ausleben wollte, ohne Diskriminierungen und eingeschränkte Karrierewege befürchten zu wollen, bestens damit beraten, in einen katholischen Orden einzutreten. Das sogenannte „Zölibat“ war in Wirklichkeit stets ein Deckmantel für ein homoerotisches Leben, das in der Öffentlichkeit zu Unrecht als sittenwidrig galt, als nicht gottgefällig diskriminiert wurde. Es waren die katholischen Mönchsorden schon immer elitäre Geheimbünde, exzentrische Erotikgemeinschaften im Namen eines Gottes, die über schier unmenschliche Reichtümer verfügten. Daran haben auch die Orden, die vorgeblich die Armut predigten, nichts geändert. Religionen sind immer rein weltlicher Natur.

Und doch sind die Religionen nur als Institutionen scharf zu kritisieren. Vorbehalte gegen ihre Anhänger dürfen niemals als Scheinargument für tatsächlichen Menschenhass dienen. Diejenigen nämlich, die andere mit blinder Wut übersäen, hassen in Wahrheit sich selbst für ihre Inkompetenz, ihre Talentlosigkeit, ihren beschränkten Intellekt und ihre allgemeine Hilflosigkeit, im eigenen Leben einen Sinn zu finden.

Eben jene Eigenschaften, Frustration, Depression, Selbsthass, das Empfinden eines unerfüllten Lebens, sind aber oft die Ursachen für ablehnende Reaktionen, die Flüchtlinge in Deutschland erdulden müssen. Wahre Flüchtlingsströme scheinen nämlich derzeit das Land zu überfluten. Und doch droht hierdurch keine Gefahr. Allerdings ist die kritische Frage nach den Ursachen, die ausgerechnet Deutschland zum beliebtesten aller Flüchtlingsziele gemacht haben, durchaus mehr als legitim.

Flüchtlinge nehmen alle denkbaren Strapazen auf sich, um auf unerhörten Umwegen letztlich nach Deutschland gelangen zu können. Warum nur, wenn nicht, weil Deutschland schlicht die falschen Signale setzt, sich mit einer erlogenen Fassade der Welt präsentiert, die im Ausland den Eindruck erweckt, als sei dies ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

Die Wahrheit ist: Deutschland ist reich, und doch hat die breite Bevölkerung kein Geld. Die Lebenshaltung ist in vielen Bereichen geradezu unverschämt teuer. Das wird einen Großteil jener Flüchtlinge, die durch vorwiegend wirtschaftliche Interessen beflügelt wurden, sehr rasch enttäuschen, ja vermutlich geradezu bestürzen. Insbesondere solche Gäste müssen wir daher besonders freundlich und hilfsbereit empfangen. Denn sie sind keine potentiellen Täter, sondern vielmehr Opfer deutscher Großkotzigkeit. Selbstverliebtes Auftreten nach außen, internationale Machtdemonstrationen und skrupellose Vertuschung der eigenen stetig zunehmenden sozialen Verelendung werden nicht dauerhaft über die wahren Zustände im Land hinweg täuschen können.

Sklavenarbeit war hier bis Anfang 2015 noch völlig legal. Erst danach wurde der sogenannte Mindestlohn eingeführt. Noch heute müssen Praktikanten häufig hinnehmen, schwere Arbeit ganz ohne finanzielle Vergütung zu verrichten.

Flüchtlinge dürfen in Deutschland maximal mit Einkünften in Höhe des Regelsatzes nach ALG II rechnen. Dieser beträgt derzeit 399 Euro und soll zum 01.01.2016 auf 404 Euro erhöht werden. Insbesondere Alleinstehende erwarten trotz dieses geringen Aufschlages auch weiterhin starke Einbußen in der Lebensqualität, mit denen sie gerade in Deutschland sicher nicht gerechnet hätten.

Zwar werden vom Staat auch die Kosten für eine Unterkunft übernommen. Aber der ALG II Regelsatz erlaubt es Alleinlebenden nur schwerlich, einen Monat gut zu überstehen.

Ein gutes und frisches Brot kostet in Deutschland zwischen 6,20 € und mehr als 10 €. Hiervon benötigt eine einzelne Person, die sich gesund ernähren möchte, zwei Leiber pro Woche. Gehen wir vom genannten Höchstpreis aus, verschlingt der monatliche Bedarf allein an Brot um die 80 Euro. Ein passender Belag ist darin jedoch noch nicht enthalten. Käse, beispielsweise ein „Gouda jung am Stück“, kostet ab 5, ein Rinderhüftsteak (375 g) sogar mindestens 6 Euro. Ein namhafter Dresdner Christmas Stollen schlägt mit um die 30 Euro ins Leder. Für ein Kabeljau-Filet sind luxuriöse 17 Euro zu berappen. Eine Biosalami kann in Deutschland schon einmal 35 Euro wert sein. Ein Postpaid-Handyvertrag kostet einschließlich notwendiger Flatrates mindestens 30 Euro monatlich, ein Festnetz-Internetzugang noch einmal dasselbe.

Auch der Besuch einer deutschen Apotheke kann einen unkundigen neuen Staatsbürger in Angst und Schrecken versetzen. Stolze 10 Euro blättert man für ein kombiniertes Arzeimittel gegen grippale Infekte hin. Nicht deutlich günstiger ist eine Standard-Packung des Schmerzmittels Ibuprofen 400. Wer gar ein Antibiotikum benötigt, muss deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Im Land des überbordenden Kapitalismus ist das Leben für die Mehrheit der Bevölkerung kein Zuckerschlecken mehr. Ein „Billigflug“ von Berlin nach Saarbrücken kostet einfach um die 350 Euro. Für denselben Preis gelangt man von Berlin nach Sibirien und gleich auch noch einmal zurück. Der Extremkapitalismus hebelt sich in Deutschland zunehmend selbst vom Sockel.

Während die deutsche Kanzlerin monatlich brutto fast 16000 Euro einstreicht (und sich offenbar trotzdem keinen Rhetoriklehrer leisten kann), verdient ein Friseur netto 800 bis 1000 Euro bei Vollzeitanstellung. Das Einstiegsgehalt einer Bäckereifachverkäuferin beträgt in etwa dasselbe. Ihr Ausbildungsgehalt beläuft sich allerdings im ersten Ausbildungsjahr auf nur etwa 600 Euro (ich fürchte brutto). Der Mauerer erreicht dagegen immerhin ein Einstiegsgehalt von etwa 1200 Euro netto, muss dafür aber im ersten Ausbildungsjahr hungern, und zwar mit etwa 700 Euro monatlich.

Ein Assistenzarzt im ersten Jahr verdient in einem Krankenhaus an die 3000 Euro netto. Ein deutscher Jurist gehört ebenfalls zu den wenigen Gewinnern des modernen Superkapitalismus. Ein Bruttogehalt als Rechtsberater eines Unternehmens kann schon einmal bei 7000 Euro brutto angesiedelt sein.

Deutschland ist eine Zweiklassengesellschaft, in der die Armen nichts zu lachen haben. Und zu denen werden sich auch die neuen Bürger hinzugesellen müssen.

Die schrecklichen Gewaltorgien durch muslimische Radikalisten, die die Welt seit Oktober 2015 erneut in Atem halten (23. 10. Anschlag auf eine Moschee in Nigeria mit 28 Toten, 31.10 Bombenexplosion in einem russischen Passagierflugzeug mit 224 Toten, 13.11. Angriffe im Zentrum der französischen Hauptstadt Paris mit 130 Toten, 20.11. Geiselnahme in Malis Hauptstadt Bamako mit 22 Toten) werden nun, wen wundert es, zunehmend instrumentalisiert, um zusätzliche Stimmung gegen Flüchtlinge zu entfachen.

Doch diese Hilfe-Suchenden verdienen nicht nur deswegen das gesamte Repertoire unserer Gastfreundschaft, weil wir schlicht ein freundliches Land sein wollen. Wir haben als westlicher Bündnispartner sogar die Pflicht, mit unserer Hilfsbereitschaft für diejenigen Schäden aufzukommen, die die Westmächte, allen voran die USA,  im nahen Osten vorsätzlich verursacht haben.

Wer westliche Interventionen in arabischen Ländern, insbesondere dem Irak, neutral, aber konsequent beurteilen möchte, kann beispielsweise nicht umhin, eindeutige Angriffskriege durch die USA gegen den Irak einzuräumen. Der Hass, der sich daraufhin in Teilen der geschädigten Regionen ausgebildet hat, sollte daher nicht allzu sehr verwundern.

Nun ist es zwar leicht gesagt, dass der islamische Terrorismus in Teilen eine Schöpfung des Westens ist, andererseits muss dennoch die Frage erlaubt sein, wie gegen diese immer weiter um sich greifende Gewaltbereitschaft aus Gruppierungen des Nahen Ostens vorgegangen werden sollte. Kriege alleine können meiner Ansicht nach den Terror nicht besiegen. Die Unterstützung der Terrorgruppen in den dortigen Bevölkerungen ist schlicht zu groß. Neue Extremisten-Verbände würden schnell aus dem Boden spießen, da die Ursachen für die tief sitzenden Missstimmungen nicht durch immer weitere Gewaltakte seitens westlicher Großmächte ausgeräumt werden können.

Die USA und ihre Bündnispartner müssen endlich damit aufhören, nach antikem Vorbild weltweite Expansionen anzustreben.

Drastischere Worte hierzu fand der emeritierte Professor für Linguistik und Intellektuelle Noam Chomsky, der in einem Fernsehinterview nicht im IS die international bedeutsamste Terrororganisation sieht, sondern stattdessen vor allem Die USA beschuldigt, die Welt unentwegt mit globalen Terrorakten zu traktieren (Interview euronews: https://www.youtube.com/watch?v=Jm3fiiBMZ9w).