biologe

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Tag: Bevölkerung

Eine Reise durch die Stadt Tjumen

Ich habe aus beruflichen Gründen mehrere Monate in Tjumen verbracht, einer eher unbekannten russischen Stadt in West-Sibirien. Als zoologischer Forscher war ich an der dortigen Universität vorübergehend angestellt. Tjumen, eine kleine Metropole des Wohlstands, und doch ein hässliches Entlein, das niemals zu einem prachtvollen Schwan heranreifen wird. Oder doch?

Die Stadt muss man als neureich bezeichnen, Bodenschätze in der Umgebung haben Industrielle aus allen Ländern der Welt mobilisiert. Das färbt sichtbar auf die Stadt ab.  Golden lackierte Autos glänzen im Sonnenlicht, sind aber zu jeder Jahreszeit meist durch eine Staubschicht bedeckt, die sich bei feuchter Witterung schnell in eine unansehnliche Schlammmaske verwandelt. Keine Frage, man imitiert den offiziell verhassten Westen, insbesondere die USA. Anders als in Deutschland zahlt man auch Pfennigbeträge mit der Kreditkarte. Riesige Einkaufszentren sprießen in die Höhe, in denen zu erstehen ist, was immer der Käufer begehrt. Internationales Niveau. Die Lebensmittelabteilungen borden über vor namhaften Westprodukten. Toilettenartikel – auch für den eitlen Mann – stammen aus Frankreich, Italien und Deutschland, eher ungern aus Russland selbst, nicht selten jedoch auch aus China. Haute Couture, Markenklamotten überall, allerdings im Gegensatz zu Hygieneartikeln und Lebensmitteln auch zum hohen Preis. Da macht man in Berlin leichter ein Schnäppchen.

Tjumen hat eine wunderschöne Altstadt, die sich auszeichnet durch Relikte ursprünglicher Holzwohnhäuser, mit verschnörkelten Fassaden und verzierten Fensterläden. Der Rest der Stadt gleicht Berlin Marzahn. Allerdings darf der Besucher die eintönigen und trostlosen Hochhäuser keinesfalls als Plattenbauten oder sozialen Wohnungsbau bezeichnen. Das beleidigt die Einheimischen, denn was den Eindruck erweckt, aus einer anderen Zeit zu stammen, ist in Wahrheit neu und wird als weithin sichtbares Anzeichen des Wohlstandes verstanden. Wer in einem solchen Hochhaus wohnt, der hat es geschafft, der ist im modernen Zeitalter angelangt, dem geht es gut – etwa so wie in Berlin Marzahn, dort allerdings zu DDR-Zeiten.

Die Stadt wird durch einen Fluss aus dem Ural zweigeteilt, die Tura. Diesseits der Tura befinden sich das historische Stadtzentrum, die Universität, die Hochhäuser, die guten Restaurants, kurz der Wohlstand. Jenseits der Tura lebt die Armut. Die Menschen bewohnen kleine Holzhütten und besitzen nur das Nötigste.

Der Unterschied zwischen diesseits und jenseits ist auch am Fluss selbst nicht zu übersehen. Das diesseitige Ufer ist durch eine pompöse Promenade geschmückt, die sich über mehrere Etagen erstreckt, denn im Frühjahr gibt es starkes Hochwasser, das die unteren Wege dann vollständig verschluckt. Jenseits ist das Ufer verwildert und ein Biotop für brütende Wasservögel. Keine Promenade, nur ein kleiner Trampelpfad, natürlich auch kein Hochwasserschutz.

Mein russischer Vorgesetzter, ein rundlicher Mann mit freundlichem Lachen, erklärte mir einmal, jenseits wohnten vor allem Zigeuner. Er machte dabei eine verächtliche Handbewegung, man solle sich von dort besser fernhalten. Ich akzeptiere allerdings keine No-Go-Areas, nirgendwo, auch nicht in Tjumen. Auch jenseits stand nämlich ein Einkaufszentrum, das man meist nicht trockenen Fußes erreichte, und das ich trotzdem oft besuchte. Einmal widerfuhr mir auf dem Wege dorthin tatsächlich etwas. Ein etwa 18-jähriger Jugendlicher attackierte mich körperlich nach meiner Weigerung, ihm eine Zigarette auszuhändigen. Abgesehen hatte er es bei seinem Angriff auf mein bereits angerauchtes Exemplar, das er mir schließlich erfolgreich entriss. Meist verhielten sich die Menschen jenseits jedoch friedlich, zumindest mir gegenüber.

Friedlich erschien auch das diesseitige Straßenleben, und sehr amerikanisch obendrein, zumindest, was die Aktivitäten der Jugendlichen anbelangte, die fröhlich auf Fahrrädern, Skate- und Hoverboards unterwegs waren. Ohne jemals dabei zu lachen allerdings. Russland ist ein Kontrollstaat, und lachen in der Öffentlichkeit scheint untersagt. Modische junge Männer könnten leicht mit Berlinern verwechselt werden, wären sie nicht so starr und teilnahmslos in sich selbst gefangen. Kälte regiert die Straßen, auch im warmen Frühsommer. Ausgelassene Fröhlichkeit ist nur hinter verschlossenen Türen erlaubt, und es bedarf einiger Gläser Wodka, um sie wirklich aus sich herauszulassen.

Modische junge Frauen erinnern fast nie an Berlin. Und wenn, dann an den dortigen Straßenstrich. Frauen tragen in der Regel alles eher zu dick auf, zu viel Make-Up, zu hohe High-Heels. Ein besonders kalter Gesichtsausdruck scheint die Männer erst recht zu betören, zumindest die heterosexuellen Exemplare. Homosexualität hingegen ist zwar legal, es soll sogar in Tjumen Homo-Bars geben, doch sieht man von alldem nichts auf den Straßen. Denn ein Auftreten in gemischt-geschlechtlichen Paarungen scheint ebenfalls vorgeschrieben. Mann und Mann spazieren niemals über die Uferpromenade, und falls doch, laufen stets zwei Frauen hinterdrein.

An moderner Kunst scheint der Stadt nicht sehr gelegen zu sein. Der imposante Neubau des Kunstmuseums ist seit Jahren unvollendet. Straßenkunst ist selten, manchmal spielt ein junger Musikstudent auf einer Geige. Staatlich verordnete Kunst ist klassizistisch, muss gegenständlich sein, die zahlreichen Büsten und Statuen entlang der Uferpromenade sind nie verrückt, schrill oder abstrakt. Es ist eher die Ästhetik einer frühen Leni Riefenstahl oder eines Albert Speer.

Überhaupt ist die Nazi-Zeit noch immer ein wichtiges Ereignis, das jedes Jahr erneut in den Fokus der Erinnerung rückt. Höhepunkt eines Jahres ist die große Militärparade zu Ehren des Sieges über Nazi-Deutschland. Die Fernsehkameras übertragen eher die große Militärschau aus Moskau. Doch auch in Tjumen werden Besuchertribünen aufgebaut und Straßen gesperrt. Das Volksfest, bei dem selbstverständlich nicht gelacht werden darf, wird über Wochen vorbereitet, und die Bevölkerung so eingestimmt. Kinder in Soldatenkostümen flanieren durch die Gassen, die Straßenlaternen entlang der Uferpromenade spielen militärische Marschmusik aus kleinen Lautsprechern, Big Brother is everywhere. Freiluft-Fotoausstellungen zeigen Aufnahmen des zerstörten Berlins. Die Vorfreude auf die Panzer-Parade ist groß.

Natürlich gibt es auch andere Volksfeste, jedoch nur für Kinder, und die dürfen dort auch nicht lachen. So beherbergt das diesseitige Stadtzentrum einen dauerhaft eingerichteten Rummelplatz mit zahlreichen Karussellen, die stetig in Betrieb sind. Ausgelassene Stimmung, Gekreische? Natürlich absolut Fehl am Platze. Die Ruine des stillgelegten Rummelplatzes im Berliner Plänterwald wirkt lebendiger, wenn sich bei sanftem Wind das alte, rostige Riesenrad knarzend von selbst in Bewegung setzt.

Mein russischer Chef reist gerne, obwohl er Ausländer nicht allzu sehr schätzt. Reisen ist für ihn Zeichen des besonderen Privilegs. Ein Russe lässt sich zudem nur im Ausland richtig gehen, wir Berliner beobachten dieses Phänomen immer wieder, wenn zugedrogte russische Reisende das frivole Vergnügen in den Clubs unserer Metropole suchen, um es dort richtig krachen zu lassen.

Er isst auch gerne, und lädt dazu immer wieder freundlich ein. Und in der Tat sind die Restaurants gut. Man legt generell Wert auf frische Zutaten, Instant-Suppen und amerikanisches Fastfood sind in Tjumen stark verpönt. Und man verweist stolz auf die traditionelle Küche. Damit ist oft Tatarisch gemeint. Einmal waren wir sogar in einem echten tatarischen Restaurant, natürlich außerhalb der Stadt. Russland möchte nicht nur weltweit, sondern auch national volle Kontrolle ausüben, ganz nach US-amerikanischem Vorbild. Dazu gehört freilich nicht nur der Einsatz von Plastikgeld, der an jedem Kiosk möglich ist, auch bei der Frage nach dem Umgang mit der Urbevölkerung hat man weit gen Westen geschielt. Ein Land kann nur beherrschen, wer die ursprünglichen Besitzer kontrolliert. Nicht, dass es gleich Reservationen gäbe. Doch in der sauberen Stadt möchte man keine schmutzigen Tataren sehen. Man hat sie einfach ausquartiert, wo sie in sehr armen Siedlungen zusammengepfercht versuchen, ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf ihres kulturellen Erbes zu bestreiten.

Tjumen selbst spielt in der Geschichte kaum eine Rolle. Die Umgebung ist hingegen sehr berühmt. Nur wenige Kilometer weiter östlich befindet sich das Geburtshaus Rasputins, des großen Wahrsagers, der das letzte Zarenpaar allzu sehr in seinen Bann zog. Jene wiederum wurden im weiter westlich gelegenen Jekatarinburg samt Familienanhang durch kommunistische Aktivisten ermordet.

Mit dem düsteren Einzelgänger Rasputin brüstet man sich in der Region gerne. Erst recht mit dem Entdecker, Biologen und Ethnologen Georg Wilhelm Steller, der in Tjumen gestorben ist. Dass man ihn schäbig auf einem Feld begaben hat, da er nicht orthodoxen Glaubens war, wird in diesem Zusammenhang freilich eher verschwiegen. Auch die genauen Todesumstände beleuchtet man nicht allzu gerne, ist er doch vermutlich aufgrund wiederholter russischer Schikanen überhaupt erst an seinem tödlichen Fieber erkrankt. Heute jedenfalls gedenkt man seiner ungeniert öffentlich und hat jüngst sogar eine Rekonstruktion seines Antlitzes in Öl der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Bei der feierlichen Präsentation war ich zufällig zugegen. Beeindruckt hat mich dabei vor allem die Rede eines russischen Historikers, der mehrfach betonte, dass Steller im Grunde ein Russe gewesen sei. Nun ja, in Wahrheit war er ein Deutscher.

Gesteht man im Russland der Putin-Ära historischen Figuren gerne ihren besonderen Individualismus zu, ist selbiger natürlich für die moderne Bevölkerung nicht denkbar. Auch eine moderne und eher gemäßigte Diktator fürchtet die Selbstdenker. Mein Chef erklärte es mir ohne Umschweife, Individualismus sei in Tjumen nicht erwünscht, in Russland generell nicht. Akademiker von Rang, die ich in Tjumen kennenlernte, sind grundsätzlich sehr linientreu, sie folgen den Gedanken ihres Präsidenten, und zwar ohne Abwege. So wurde die Krim befreit und nicht völkerrechtswidrig besetzt. Und nicht nur die Ukraine, sondern alle ehemaligen Sowjetstaaten wurden widerrechtlich dem Schoße Mütterchen Russlands entrissen. Insbesondere die EU ist daher ein gemeiner Dieb, den es zu maßregeln gilt. Zum Beispiel, indem europafeindliche Gruppierung des europäischen Auslandes gezielt gefördert werden.

Bei geselligen Zusammentreffen spricht man nicht über Politik. Übrigens auch nicht über Wissenschaft. Ersteres ist hinfällig, da die Denk-Linie ohnehin vorgegeben ist. Letztere ist redundant, da sich russische Forscher schnell als „Leading-Scientists“ wahrnehmen, die schon alles wissen und daher nichts dazuzulernen brauchen. Doch über den Besuch der deutschen AfD auf der Halbinsel Krim, darüber hat man gesprochen. Das ist nämlich die Strategie Russlands, die Feinde Europas zu unterstützen. Und davor müssen wir uns vorsehen. Ich glaube allerdings nicht, dass Russland imstande ist, Wahlen in anderen Ländern direkt beeinflussen zu können, nicht in Deutschland und auch nicht in den USA.

Meine Tyumen-Aufenthalte waren trotz allem die Reise wert. Wer das Schöne sucht, so wie ich, der kann es überall finden, auch in Westsibirien. Wissenschaftlich ist die Region eine wahre Fundgrube. Ich habe gleich eine interessante neue Milbenart beschrieben.

Und die Hoffnung auf Veränderungen stirbt stets zuletzt. Einmal wartete ich in der Schlange vor einer Supermarkt-Kasse, die nur langsam voranschritt, da auch russische Kassiererinnen inzwischen angehalten sind, ihre Käufer nach Punkte- und Rabattkarten zu befragen, so wie bei „Real“ in Berlin. Auf einmal tauchten zwei exotisch anmutende Gestalten hinter mir auf. Ein Gothic-Pärchen, in düstere Gewänder gekleidet mit schwarz geschminkten Augen- und Lippenpartien. Und, oh wunder, sie wurden toleriert, kein Getuschel, keine abfälligen Blicke.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin 18.01.2017

Kanzlerin Dr. Angela Merkel fordert vom deutschen Volk eine Rückbesinnung zu mehr religiöser Spiritualität

Es ist zugegebenermaßen eine Zumutung, die die offenbar schon leicht ermüdete Kanzlerin über sich ergehen lassen muss. So ist sie am 3. September 2015 extra nach Bern gereist, um den Ehrendoktertitel durch die dortige Universität entgegenzunehmen, hat sich die Laudatio des Direktors Martin Täuber angehört, um dann anschließend selbst eine Dankesrede zu halten.

Zum Abschluss gibt es noch einige Fragen durch das Publikum an die Kanzlerin. Schließlich passiert das Unvermutete, eine einfache populistische Frage lässt sie ganz offenbar vollständig die Contenance verlieren. Es scheint, als sei ihr jeder intellektuelle Kontrollmechanismus abhanden gekommen, wodurch sie vor laufenden Kameras ein ungefiltertes Bild über das Selbstverständnis der deutschen Regierungspartei offenbart. Frau Dr. Merkel wirkt noch unbeholfener als sonst. Die Haare sitzen wie eine schlecht auftoupierte Perücke, die Augen wirken klein und eingefallen, die Mundwinkel-Falten ziehen sich tief gefurcht bis unter das Kinn herab. Und Frau Dr. Merkel redet sich um Kopf und Kragen, ihre Ausführungen wirken so krude und unüberlegt, dass die konservativen Medien im Ausland voller Schadenfreude triumphieren.

Was genau ist eigentlich geschehen? Eine Frau mittleren Alters, Blümchenbluse, blonde Schulmädchen-Frisur und übergroße eckige Plastikbrille, möchte wissen, was im Grunde jeder ausländerfeindliche Populist in Deutschland gerne fragen würde. Es gehe doch darum, das Volk auch zu schützen, schließlich „…kommen ja noch mehr Leute mit einem islamischen Hintergrund zu uns. Und ich glaube, was der Herr vorhin angesprochen hat, beinhaltet ja auch eine große Angst hier in Europa zu dieser Islamisierung, die immer mehr stattfindet. Wie wollen Sie Europa in dieser Hinsicht und unsere Kultur schützen?“.

Die Frage birgt nichts Neues, man könnte sie leicht souverän beantworten. Schließlich gibt es keinerlei Hinweise auf eine Bedrohung durch Flüchtlinge. Auch die freche Unterstellung, Deutschland islamisieren zu wollen, lässt jedes argumentative Fundament vermissen. Der Deutsche an sich neigt nun einmal zur Fremdenfeindlichkeit und schreckt daher auch nicht davor zurück, sogar den Diebstahl von Steuergeldern zu unterstellen. Der brave Bürger kann sich offenbar nicht vorstellen, dass hilfebedürftige Ausländer weder per se gefährlich sind noch die Staatskasse aus Steuergeldern über Gebühr belasten. Ganz davon zu schweigen, dass eine große Zahl deutscher Steuerzahler selbst ausländische Wurzeln hat und dass Steuersünder, die ihre Schwarzgeld- Bankkonten im Ausland anlegen, dem deutschen Volk weitaus größeren Schaden zufügen als jeder einzelne Flüchtling jemals vermag.

Doch Frau Merkel argumentiert anders. Ihr Mund verkleinert sich, und verkniffen presst sie die Lippen aufeinander. Die Augen sind zwei schmale dunkle Spalten, und es scheint, als rutsche ihr gleich das Toupet vom Kopf. Der islamistische Terror befinde sich in Syrien, Lybien und dem Norden des Irak, zu dem die Europäische Union leider jedoch eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen habe. Überhaupt sei Angst nie ein guter Ratgeber gewesen, weder im persönlichen noch im gesellschaftlichen Leben.

So weit, so mit gutem Willen noch akzeptabel. Zwar tut sich mir die Frage auf, ob eine Schuldanerkenntnis des Westens an der eskalierenden Gewalt im nahen Osten tatsächlich mit Verweis auf immerhin in Deutschland aufgewachsene Terroristen erfolgen sollte. Das benachbarte Ausland jedenfalls spöttelt über diesen eher hilflos wirkenden Argumentationsstrang. Vielmehr hat doch der Westen, insbesondere USA und Großbritannien, aus wirtschaftlichem Kalkül heraus militärische Interventionen in den betreffenden Ländern durchgeführt und damit Hassreaktionen der Bevölkerung hervorgerufen. Das verschweigt die Kanzlerin hier. Und dafür habe ich Verständnis, schließlich beabsichtigt sie ganz offensichtlich, sich aus dieser universitären Veranstaltung herauszuwinden, ohne im Publikum polarisierende Wirkungen zu erzeugen.

Doch da hat die Kanzlerin nicht nachhaltig gedacht. Denn eine Bemühung um kurzfristige Unauffälligkeit kann langfristig schadhaft sein. Frau Dr. Merkel muss sogar damit rechnen, dass die Aufzeichnung dieser Peinlichkeit lebenslang von den Medien hervor gekramt werden wird, immer dann, wenn vom Image der Ex-Kanzlerin und ihrer historischen Bedeutung die Rede sein soll.

Doch warum eigentlich peinlich? Bisher wurde doch lediglich mangelnde rhetorische Eleganz bemängelt, eine Eigenschaft, für die die Kanzlerin bereits seit ihrer Amtsübernahme bekannt ist. Nichts Neues also, könnte man meinen.

Doch, oh Schreck, ihre Einlassungen zur Beantwortung der Frage aus dem Publikum sind noch nicht abgeschlossen. Was nun kommt, ließ mir aus Fremdscham die Nackenhaare zu Berge stehen.

Zunächst führt sie noch aus, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Eine eigenartige Formulierungsweise, wie ich finde, sollte es doch eigentlich besser heißen: Muslimische Menschen gehören zu Deutschland. Doch erbost und verständnislos nehme ich erst die folgenden Ausführungen der Kanzlerin zur Kenntnis:

„Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, wir haben doch alle Chancen und alle Freiheiten uns zu unserer Religion, sofern wir sie ausüben und an sie glauben, zu bekennen. Und wenn ich was vermisse, dann ist das nicht, dass ich irgendjemandem vorwerfe, dass er sich zu seinem muslimischen Glauben bekennt, sondern dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind, haben wir doch den Mut, zu sagen, dass wir da in einen Dialog eintreten. Haben wir…(Stotterer, Anm. Autor)…dann aber auch bitteschön die Tradition, mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder bisschen bibelfest zu sein und vielleicht auch mal n‘ Bild in der Kirche noch erklären zu können, und, wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würd ich mal sagen, isses mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das find ich irgendwie komisch. Und vielleicht kann uns diese Debatte auch mal wieder dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und n‘ bisschen mehr Kenntnis darüber haben. Und insofern finde ich diese Debatte sehr defensiv. Gegen terroristische Gefahren muss man sich wappnen. …“

Im Anschluss weist Frau Merkel noch darauf hin, dass wir als Deutsche aufgrund unserer historischen Vergangenheit nun wahrlich kein Anrecht auf  „Hochmut“ besäßen. Vielleicht hat sie damit recht. Doch befassen möchte ich mich mit den epischen Ausführungen, die hier in wörtlicher Rede widergegeben sind.

Was genau soll hier vermittelt werden? Unterstellt Frau Dr. Merkel Neid als Ursache für Vorbehalte gegen muslimische Einwanderer, Neid auf eine kulturell-religiöse Identität, die jene Einwanderer besitzen, den zunehmend atheistisch werdenden Deutschen aber fehlt? Oder hat sie sich schlicht im Fach des Zynismus versucht, frei nach dem Motto: Wenn Ihr die komplexe Problematik der Flüchtlingsströme nach Deutschland auf religiöse Vorbehalte reduziert, befasst Euch doch erst einmal mit Eurer eigenen Religion?

Aus Gründen meiner Einschätzung ihres allgemeinen Intellekts traue ich Frau Dr. Merkel dies jedoch nicht zu. Als Vorsitzende einer Partei, die die christliche Religion im Parteilogo trägt, meint sie tatsächlich, was sie sagt, vermisst sie in der Tat die Kenntnis der jüngeren Generation darüber, was Pfingsten eigentlich sei.

Was ist Pfingsten? Natürlich weiß ich das nicht mehr, habe es absichtlich vergessen, aber für diesen Artikel extra einmal nachrecherchiert. Und das, obwohl ich aus reiner Bequemlichkeit der Evangelischen Kirche NOCH nicht ausgetreten bin und obwohl ich (als evangelische Minderheit) eine katholische Privatschule besucht habe.

Pfingsten feiert die „Ausgießung“ des heiligen Geistes. Jener, so die biblische Überlieferung, kam nämlich auf die Jünger und Apostel herab, während sie sich zur Begehung des jüdischen Festes Schawuot zusammenfanden. Die Bibel schildert das Ereignis ausführlich, beispielsweise in der Apostelgeschichte des Lukas (Apg2, 1-4, EU): „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“.

Frau Dr. Merkel: Deutschland braucht keinen Glauben an nicht belegbare Wundergeschichten. Deutschland braucht Bildung. Deutschland war weltweit führend, beispielsweise im Bereich der Naturwissenschaften. Das haben Sie abgeschafft! Hochqualifizierte Forscher flüchten längst ins Ausland, denn sie haben in Deutschland kaum noch Aussichten auf eine Anstellung. Und das, weil Sie, Frau Kanzlerin (bzw. Ihre Regierung), fleißig Forschungsstellen gestrichen haben!

Warum Sie das getan haben (bzw. Ihre Regierung)? Um Kritiker wie mich mundtot zu machen, Kritiker, denen vor Entsetzen schwindelig wird, wenn sie sich Ihre öffentlichen Auftritte anschauen müssen. Kritiker, die zwar voller Mitleid mit Ihnen fühlen, wenn man Sie unvorbereitet mit Fragen konfrontiert, die Ihnen dann aber beim besten Willen nur ein „ausreichend minus“ bescheinigen können, und zwar dafür, dass Sie überhaupt zum Interview erschienen sind.

So auch beim Interview, das Sie, Frau Dr. Merkel, am 7.10.2010 in der ARD bei Anne Will zu bewältigen hatten. Wie Sie sich geschlagen haben, wollen Sie von mir wissen, Frau Merkel? Wie üblich, ist meine Antwort, gerade so bestanden mit einem ausreichend minus, der Anwesenheit wegen!

Deutschland braucht keine Kanzlerin, die für wirre Äußerungen wie die folgende in die Geschichte eingehen wird: „…Dann ist doch die Aufgabe, dass man so heran geht, dass man es schafft, und dann kann man das auch schaffen. Und ich hab überhaupt keinen Zweifel, und stellen Sie sich mal vor, wir würden alle miteinander erklären, wir schaffens nicht. Und dann? Das geht doch nicht!“ (Zitat: ARD, „Anne Will“, 07.10.2015, 21:45).

Nein, Frau Dr. Merkel, da haben Sie recht, das geht so doch nicht! Sie und Ihre Partei sowie Ihre Regierung gehen nicht, und zwar so gar nicht!