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Tag: Biologie

Tod den Naturwissenschaften – Es lebe „Inter“? Warum das individuelle Geschlechtsempfinden zwar staatlichen Schutz verdient, jedoch nicht zum biologischen Fakt erhoben werden darf

Im letzten Jahr bereits beschließt das Bundesverfassungsgericht, dass es in Deutschland als Diskriminierung anzusehen sei, wenn von Bürgern verlangt werde, sich in offiziellen Dokumenten entweder dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen. Konsequenter Weise entschied der Bundestag nun, dass etwa im Zusammenhang mit Wahlunterlagen neben der Einordnung in männlich oder weiblich als dritte Möglichkeit „divers“ eingeräumt werden solle.

 

Geburten ohne eindeutige Geschlechterzugehörigkeit

 

Klingt absurd, ist aber nicht aus der Luft gegriffen, denn in der Tat ist es biologischer Fakt, dass statistisch bei etwa einer von tausend Geburten beide Geschlechtsmerkmale gleichzeitig ausgebildet sind. Aufgrund dieser äußerlich klar nachweisbaren Merkmalszusammensetzung ist der betroffene Mensch weder ein Mann noch eine Frau. Das bereits seit der Antike gut bekannte Phänomen wird umgangssprachlich daher auch etwa als „Zwitter“ oder „Hermaphrodit“ bezeichnet. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind jedoch beide Begriffe unzutreffend. Hermaphroditismus ist in der Pflanzen- und Tierwelt nämlich ein durchaus häufig auftretendes Phänomen. Per Definitionem wird aber vorausgesetzt, dass betroffene Individuen reproduktionsfähig sind. Dies ist bei Menschen, die mit beiderlei Geschlechtsanlagen auf die Welt kommen, hingegen nicht der Fall.

Ein echter Hermaphrodit: der Regenwurm. Copyrights Stefan F. Wirth

 

Es war bislang übliches Procedere, dass Menschen mit beiden Geschlechtsanlagen im selben Körper noch im Kleinkindalter einer sogenannten geschlechtsangleichenden Operation unterzogen wurden. Dabei wird das in Folge äußerlich auszumachende Geschlecht häufig nach rein pragmatischen Überlegungen ausgewählt, nämlich gemäß der leichteren medizinischen Praktikabilität in Bezug auf den Prozess des operativen Eingriffs. Damit geschieht den Betroffenen möglicherweise Unrecht. Dass überhaupt die Entscheidung getroffen wird, Menschen ohne eindeutige Geschlechtsanlagen auf eine männliche oder weibliche Erscheinung umzuformen, wird mit psychologischen Argumenten begründet. So könne sich ein betroffenes Kind leichter in eine Welt einleben, die durch zwei klar unterscheidbare Geschlechter dominiert werde. Obwohl mir dieser Ansatz sehr plausibel erscheint, liegt eindeutig eine Diskriminierung derjenigen vor, deren Eltern sich entweder gegen die frühzeitige geschlechtsangleichende Operation entschieden haben oder die nach Erreichen der gesetzlichen Mündigkeit die Entscheidung treffen, diese wieder rückgängig machen zu lassen.

Der Entschluss des Deutschen Bundestages ist daher richtig, wird allerdings einem Phänomen gerecht, das nur selten auftritt.

 

Einfluss sozialer und psychischer Faktoren auf die Geschlechterbestimmung?

 

Erwartungsgemäß wird die Thematik jedoch politisch instrumentalisiert. Etwa vom Lesben- und Schwulenverband LSVD, dessen Vorstand, Henny Engels, zu dem Schluss kommt „, dass sich das Geschlecht nicht allein nach körperlichen Merkmalen bestimmen lässt, sondern von sozialen und psychischen Faktoren mitbestimmt wird“. Dies ist faktisch falsch und mit den Kenntnissen der modernen Naturwissenschaften nicht in Übereinstimmung zu bringen. Zwar ist es Fakt, dass es vergleichsweise häufig vorkommt, dass Menschen an sich selbst subjektiv ein anderes als ihr biologisches Geschlecht wahrnehmen, dies hat jedoch keinen Einfluss auf das faktische biologische Geschlecht. Eine biologische Frau etwa, die sich jedoch männlich oder „inter“ fühlt, bleibt faktisch zumindest dann ganz eindeutig Frau, wenn sie weiterhin empfängnis- und gebärfähig ist. Führt diese Person beispielsweise eine geschlechtsangleichende Operation zum Mann durch, handelt es sich de facto um eine Frau, die infolge eines medizinischen Eingriffs juristisch zu einem Mann geworden ist. Das Geschlecht kann aus biologischer Sicht nicht gewechselt werden. Es handelt sich lediglich um eine körperliche Angleichung, die der psychischen Wahrnehmung der betroffenen Person gerechter wird. Dass es diese Möglichkeiten gibt, ist richtig. Dass Betroffene durch Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze geschützt werden müssen, erst recht.

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Verschwimmen die Geschlechtergrenzen? Copyrights Stefan F. Wirth

 

Auch ist zu strikter Biologismus zu kritisieren, zum Beispiel dann, wenn es um die Frage geht, ob es sich bei einem Menschen, der mit der körperlichen Ausstattung einer Frau geboren wurde und sich auch weiblich fühlt, jedoch aus welchen Gründen auch immer unfruchtbar ist, um eine biologisch „vollwertige“ Frau handelt. Wäre der Ansatz aus wissenschaftlicher Sicht eventuell zwar vertretbar, würde er der Lebensrealität moderner Gesellschaften allerdings nicht einmal im Ansatz gerecht werden. Allzu schnell gelangte man zu Denkweisen, die nur als unmenschlich bezeichnet werden können  und beispielsweise integraler Bestandteil des menschenverachtenden Systems des Nationalsozialismus gewesen sind.

Es ist daher allgemein grundsätzlich richtig, nicht nur im Alltag, sondern auch per Gesetz der individuellen Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmung ein Stück weit Rechnung zu tragen. Es ist dabei allerdings äußerste Vorsicht geboten. Grenzen müssen eingehalten werden. Ließe sich die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht künftig durch ein Individuum willkürlich festlegen, käme das dem Niedergang der Naturwissenschaften und somit dem inzwischen Jahrhunderte alten Geist der Aufklärung gleich.

 

Zukunft der Naturwissenschaften

 

Was sollte denn dann der Biologie-Lehrer seinen Schülern, was der Biologie-Professor seinen Studenten vermitteln? Dass die Geschlechterdeterminierung im Tierreich allgemein Folge naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten sei, es sich beim Menschen jedoch um eine Glaubensangelegenheit handele? So weit dürfen wir nicht kommen! Daher ist es aus meiner Sicht bereits ein falscher Weg, dass die geplanten Reformen der großen Koalition vorsehen, dass in bestimmten Ausnahmefällen kein ärztliches Attest, sondern eine eidesstattliche Versicherung des Betroffenen ausreichen solle.

 

Das naturwissenschaftliche Verständnis der AfD

 

Das Thema erhitzt die Gemüter. Und so fühlen sich nicht nur eher linke Verbände zu kritischen Äußerungen genötigt. Auch das rechte Lager wittert umgehend ein Podium, um politisch konservatives Gedankengut zu verteidigen. So äußert die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD: „Die Geschlechtszugehörigkeit ist seit Bestehen der Menschheit ein objektives Faktum – so wie Alter und Körpergröße auch.“ Ein objektives Faktum ist vielmehr, wie sachlich unzutreffend diese Äußerung ist. Die Stellungnahme der Frau von Storch verwundert allerdings auch nicht weiter, hat sie doch bereits an anderen Stellen ihr fragwürdiges naturwissenschaftliches Verständnis vorgeführt, etwa, als sie in einem Interview forderte, es müsse erst einmal bewiesen werden, dass der Mensch Einfluss auf die zunehmende Klimaerwärmung ausübe.

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin Dezember 2018

 

 

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Deutschlands Kinder erleben die Natur als unzugängliche Blackbox – falsch verstandener Artenschutz fördert die Unbildung unserer jüngeren Generationen

Die Kröte blähte sich auf wie ein Luftballon, als der Junge mittels Strohhalm Luft in den Anus des Tieres blies. Die Amphibie starb einen qualvollen Tod. Ein Kollege erzählte mir einmal, dass derlei Experimente sein frühkindlicher Zugang zur späteren seriösen Naturbeobachtung gewesen seien. Worin unterscheidet sich dann die brutale Herangehensweise des angehenden Naturwissenschaftlers von der des Sadisten, der aus Lust an der Gewalt agiert?

Nun, der angehende Wissenschaftler stellt sich nach seiner Tat die Frage, wie es überhaupt möglich sein kann, dass sich die Kröte wie ein Luftballon verhält. Um der Lösung des Problems näher zu kommen, hat er vielleicht denselben Versuchsansatz an einer Maus durchgeführt, die dann bei aller Bemühung nicht zur aufgeblähten Kugel heranwachsen wollte. Nun ist Literaturrecherche angebracht: Was unterscheidet die Maus anatomisch vom Frosch? Bessere Biologie-Schulbücher warten mit des Rätsels Lösung auf: Dem Froschlurch fehlen Rippen sowie eine Trennung der Brusthöhle von der Bauchhöhle in Form eines Zwerchfells.

Sollen also Schullehrern ihren Schützlingen, die einmal Karriere als Zoologen machen wollen, dazu raten, für den Fall der Fälle stets ein Sortiment unterschiedlich großer Strohhalme bei sich zu tragen? Die Antwort ist nein, denn Gewalt gegen Tiere ist unmoralisch und daher verwerflich. Derselbe Wissensgewinn lässt sich nämlich auch auf ganz andere Art und Weise erzielen. Denn, wer hätte es gedacht, Kröten können sich auch von ganz alleine aufblasen, ohne dabei Schaden zu nehmen, Mäuse hingegen nicht. Die warzigen Froschlurche tun dies sogar in ganz unterschiedlichen Situationen, nämlich bei Bedrohung durch Fressfeinde, um größer zu erscheinen, und während der Paarung.  Letzteres steht gemäß einer wissenschaftlichen Publikation australischer Forscher aus dem Jahre 2010 im Zusammenhang mit der sogenannten sexuellen Selektion. Weibchen blähen sich auf, so dass nur entsprechend große Männchen sie umschlingen können. Denn je mehr Körpermasse ein Männchen sein Eigen nennt, desto größer ist der Befruchtungserfolg. Zumindest gilt dies so für die australische Riesenkröte Bufo marinus.

Doch Kinder wissen heutzutage weder, dass Kröten und Frösche eine Metamorphose im Wasser durchlaufen, noch, dass sie sich räuberisch ernähren, ganz zu schweigen von einer Schallblase der Männchen oder dem Verlauf des Paarungsverhaltens. Wie also kann aus ihnen die Kröten-Forscher-Generation der Zukunft werden? Doch nur dadurch, dass schon Kinder zur Naturbeobachtung motiviert werden. Und was sich nicht ohne Weiteres im Freiland beobachten lässt, kann oft unter künstlichen Bedingungen bestaunt werden.

Wer schon einmal ein Terrarium gebaut hat, lernt sehr schnell, dass geeignete Tiere darin nur dann ein natürliches Verhalten zeigen, wenn der natürliche Lebensraum so exakt wie möglich nachempfunden wurde. Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Bodengestaltung und geeignete Nahrungsbedingungen sind zu berücksichtigen. Terraristik oder Aquaristik können ein guter Start für ein Kind sein, später einmal den Weg in die Wissenschaft zu finden. Denn die Erkenntnis, dass Arten an einen ökologischen Kontext gebunden sind, lässt sich schwerlich eindrucksvoller gewinnen.

Doch zahlreiche einheimische Tiere stehen unter Artenschutz. Ihr Bestand ist gefährdet. Dies wird von Eltern oder Schullehrern gerne als Vorwand genutzt, um Kinder von der Erkundung der einheimischen Flora und Fauna kategorisch fernzuhalten, anstatt ihren Entdeckungsdrang mit der selbstverständlich gebotenen Rücksichtnahme auf unsere Natur zu unterstützen. Es lassen so leider falsch verstandene Naturschutzbestrebungen der Erziehungsbefugten die Vielfalt unserer Natur zu einer Blackbox für die Heranwachsenden werden. Unsere Artenvielfalt als etwas, von dem Kinder sich fernzuhalten haben. Wer kein Aquarium oder Terrarium anlegen, im Wald nicht von den Wegen abweichen und einen Maikäfer nicht anfassen darf, der erlangt weder Artenkenntnisse noch ein Verständnis von ökologischen Zusammenhängen. Und schlimmer noch: das Interesse an alldem wird gar nicht erst geweckt.

In meiner Zeit als freier Dozent an einer Berliner Universität habe ich Lehramtskandidaten im Master-Studiengang unterrichtet. Auffallend war, wie viele Studenten an Exkursionen nicht teilgenommen haben. Andere zeigten sich echauffiert, wenn bei Waldausflügen vom Wege abgegangen oder Insekten vorübergehend zur Vor-Ort-Bestimmung eingefangen wurden. Doch wie sonst wollen angehende Biologielehrer unseren Nachwuchs von der Vielfalt des Lebens begeistern?

Jungen Biologiestudenten in den ersten Semestern fehlt heutzutage häufig die grundlegende fachliche Allgemeinbildung. In ihrer Schulausbildung können sie daher nur unzureichend ausgebildet worden sein und auch außerhalb des Unterrichts zu wenig Erfahrung gesammelt haben. Nicht nur haben sie noch nie die Entwicklung einer Kaulquappe beobachtet, weil ihnen stets verboten worden ist, einige Froscheier ins heimische Aquarium zu verbringen, auch Zoobesuche gehören offenbar nicht mehr zum Standard moderner Kindererziehung. Nur so ist es zu erklären, dass Biologiestudenten im ersten Semester häufig die Menschenaffen, immerhin unsere nächsten biologischen Verwandten, nicht benennen können.

Mein Weg zur Zoologie lief über die Terraristik. Und ich habe als Kind durchaus Gelbbauchunken, Grasfrösche oder Zauneidechsen, zumindest kurzzeitig, im Terrarium beobachtet. Letzteres ist allerdings heutzutage mancherorts im Saarland, wo ich aufgewachsen bin, kaum mehr möglich, auch nicht in dem Wald- und Wiesenbiotop, das an das Grundstück meines Elternhauses grenzte. Die Zauneidechse (Lacerta agilis) ist hier rar geworden. Doch keineswegs aufgrund der Zudringlichkeiten naturbegeisterter Terrarianer. Es ist vielmehr die Mauereidechse (Podarcis muralis), die an ihrer Stelle nun zunehmend häufiger anzutreffen ist, vermutlich begünstigt durch Klimaveränderungen.

Doch nicht allein die durch den Menschen weltweit hervorgerufene Klimaerwärmung bedroht die bestehende Artenvielfalt. Rücksichtslose Bauvorhaben, das Anlegen von Monokulturen zu agrarwirtschaftlichem Nutzen, die Einführung invasiver Arten oder die verantwortungslose Verschmutzung einheimischer Gewässer führen zur Dezimierung der heimischen Artenvielfalt. Natur- und Artenschutz sind dazu da, dem entgegenzuwirken. Doch kann er nicht ernsthaft das Ziel verfolgen, Kinder davon abzuhalten, mit Gummistiefeln, Insektennetz und Einmachglas die Natur zu erkunden.

Dennoch darf terraristisches Bestreben nicht maßlos sein. Daher ist löblich hervorzuheben, dass Interessensgemeinschaften wie die DGHT (Deutsche herpetologische Gesellschaft) strikten Artenschutzbestimmungen folgen. Denn häufig geht das Interesse an Naturbeobachtungen im heimischen Wohnzimmer weit über das Ziel hinaus, nämlich dann, wenn es in Sammelleidenschaft umschlägt. Wer es zur eigenen Profilierung beispielsweise darauf anlegt, möglichst seltene, gar endemische Arten, sein Eigen zu nennen, der bedroht bestehende Tierpopulationen im In- oder Ausland und muss daher in seine Schranken verwiesen werden.

Im Übrigen lassen sich interessante Tierbeobachtungen hinter Glas nicht nur an der heimischen Fauna erleben. Zahlreiche exotische Tierarten, die sich für die Terrarienhaltung eignen, können heutzutage erfolgreich durch Terrarianer nachgezüchtet werden. Sie eignen sich daher gut für eine ökologisch gut vertretbare Haltung in den eigenen vier Wänden. Ob tropische Ameisen oder exotische bunt schillernde Blatthornkäfer,  sie alle eignen sich hervorragend, um lehrreiches und mitunter sehr ungewöhnliches Tierverhalten studieren zu können.

Die Aufwand des Hobbys Naturerkundung lohnt immer, denn je mehr inhaltlich motivierter wissenschaftlicher Nachwuchs hervorgebracht wird, desto größer sind die Chancen, unsere Artenvielfalt auch in Zukunft effektiv schützen zu können. Der britische Astrophysiker Steven Hawking verwies kürzlich in einem Vortrag an der University of Cambridge auf die Fragilität unseres Planeten, auf dem die Menschheit seiner Einschätzung nach die nächsten tausend Jahre nicht überleben wird. Umso wichtiger ist es für kommende Generationen, über ein umfassendes Umweltbewusstsein  zu verfügen. Die Basis hierfür ist ein gutes Bildungsniveau, und hierzu gehören auch aktive Naturerlebnisse, und zwar bereits in der Kindheit.

Ganz allgemein ist das Bildungsniveau Heranwachsender in Deutschland im internationalen Vergleich derzeit schlecht. Gute Lehrer wecken und unterstützen die Wissbegierde ihrer Schüler. Schlechte Lehrer haben selbst nie Wissbegierde gekannt. Sie sind daher für ihren Beruf ungeeignet.

 

 

Copyrights Stefan F. Wirth, November 2016.

Invasion der Gammaeule beim EM-Finale im Stade de France

 

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  Gammaeule (Autographa gamma), Bildquelle Wikipedia, nicht im Stade de France aufgenommen.

 

Im Grunde gibt es doch nichts Langweiligeres als ein Fußballspiel, das im Fernsehen übertragen wird. Doch Fußball gilt als wichtig, insbesondere dann, wenn große Meisterschaften anstehen, wie beispielsweise eine EM. Selbst die edelsten Restaurants stellen plötzlich Fernseher auf und scheren sich einen feuchten Kehricht darum, ob der Gast Fußball schauen möchte oder nicht.

Es wissen aber die Gastronomie-Betriebe auch sehr wohl, dass ohnehin nur eine Minderheit der Anwesenden ihre Abneigung gegen den Anblick grün übersättigter Fernsehbilder mit darin durchgeknallt umherzuckenden Kamikaze-Farbklecksen offen zugeben würde. Wie wild geworden hüpfen grell leuchtende T-Shirts einem Ball hinterher und entblößen dabei immer wieder mit dem Gehabe eines wütenden Orang-Utans auf GHB ihre nackten Oberkörper. So soll wenigstens auf erotische Weise die Aufmerksamkeit der Zuschauer erfolgreich zum Geschehen auf dem Rasen zurückgeführt werden. Schlägereien und Beschimpfungen unter Gästen in den Zuschauer-Tribünen werden ja regelmäßig zu Selbstzwecken und lassen das eigentliche Spiel im Hintergrund verblassen.

Schließlich sind die meisten Zuschauer auch ohnehin viel zu betrunken, um sich ernsthaft auf die sportlichen Taktik-Manöver der athletischen Elf konzentrieren zu können. Anspruchsvolle Strategien lassen sich im Alkoholrausch nun einmal prinzipiell nicht angemessen würdigen. Väterchen Alkohol blockiert stets zuverlässig alle Nervenleitungen, die für einen konstruktiven Intellekt verantwortlich sind. In der Folge dringen nur noch niedere Gefühlsregungen nach draußen, die für mich oft klingen wie ein trostlos-aggressives „Muuuh“ und „Määäh“.

Zum Glück erfordert blöder Nationalismus keine nennenswert differenzierten Abwägungen. Gelingt der richtigen Nationalfahne ein Tor, schreit man einfach „muuh“. Geht stattdessen der gegnerischen Mannschaft ein Ball ins Netz, stöhnt man hingegen missmutig „määäh“ oder schlägt wahlweise dem Nachbarn, der eine andere Fahne wedelt, aufs Maul.

Und so geht das wochenlang, Spiel für Spiel, Abend für Abend, immer wieder lautes Gekreische, paranoides Grunzen und stakkatoartig gelallte Ratschläge an die Fußballspieler, die diese nie befolgen.

Doch dann geschieht es: Beim EM-Finale am Sonntag, dem 10.07.2016, landet ein waschechtes UFO direkt vom Heimat-Planeten der Klingonen auf dem grünen Fussel-Parkett, und kleine grüne Männchen befallen das gesamte Spielfeld und tanzen auf den Köpfen der Fußball-Milliardäre einen argentinischen Tango.

Die Medien nehmen das Ganze jedoch sehr gefasst auf. Lapidar heißt es da nur: „Merkwürdige kleine grüne Dinger haben den Spielverlauf gestört. Techniker konnten sie am Ende dann doch noch erfolgreich mit einem Besen entfernen“.

Gut, ich gestehe, es ist kein UFO im Stade de France gelandet. Auch die Ausbreitung kleiner grüner Männchen war eine glatte Lüge.

Und doch ist eigentlich etwas sehr Ähnliches geschehen. Ein beeindruckendes Naturschauspiel stellt nämlich kurzerhand das alberne finale Ballgehopse in den Schatten. „Mottenplage im Stade de France“, verkündet sportschau.de, „Ekel-Alarm beim EM-Finale: Motten im Stade de France“, weiß express.de. Doch auch Spiegel Online nimmt nichts als kleine geflügelte Lästlinge zur Kenntnis und meldet: „EM-Finale in Paris: Motten stören im Stade de France“.

Schande über die dümmlich piefige Ignoranz unserer Medien. Denn der Schmetterling Autographa gamma (Noctuidae, Lepidoptera), auf Deutsch „Gammaeule“ genannt, bietet weit mehr Spektakel als etwas, das hastig mit dem Besen weggeputzt werden muss.

Die Gammaeule ist ein Wanderfalter, der aus Südeuropa kommend in nördlichere Regionen über Mitteleuropa bis nach Skandinavien ausfliegt, um dort weitere Generationen hervorzubringen. Im Herbst treten dann Teile dieser Nachkommen wieder den Rückflug an. Nur gelegentlich wird ein Massenauftreten der Falter dokumentiert, wie nun offenbar im Stade de France zu sehen. Ich vermute, dass der Falter sich noch im Süden massenhaft vermehrt hat und die daraus hervorgegangenen erwachsenen Tiere nun zeitgleich auf der Durchreise waren. Es könnte sich jedoch auch bereits um eine Folgegeneration handeln, die kürzlich im Umfeld von Paris besonders zahlreich geschlüpft ist.

Die Gammaeule gehört zu den häufigsten Faltern, die hierzulande angetroffen werden können. Dies liegt unter anderem an der flexiblen Lebensweise der Art. Denn der Schmetterling ist tag- und nachtaktiv und daher auch bei Sonnenschein regelmäßig Nektar sammelnd im Schwebeflug über Blüten zu beobachten. Bei Nacht fliegen die Tiere häufig Lichtquellen an, wie zum Beispiel im Stade de France am gestrigen Abend.

Denn Berichten zufolge war das Stadion aus Sicherheitsgründen angesichts einer möglichen Terrorgefahr auch vor dem Finalspiel schon Tag und Nacht beleuchtet worden.

Aber warum um alles in der Welt fliegen diese Schmetterlinge, bei denen es sich wirklich nicht im Mindesten um „Motten“ handelt, überhaupt bei Nacht ins Licht?

Weil sie Opfer einer Verwechslung geworden sind, lautet eine wissenschaftlich gut begründete Hypothese. Ein heller Lichtschein in der Nacht ist für ein im Dunkeln aktives Insekt nämlich immer der Mond, der einen wichtigen Beitrag zur Orientierung dieser Hexapoden leistet. Indem das Tier einen bestimmten Winkel zu dem weit entfernten und aus seiner Sicht daher unbewegten Gestirn einhält, gelingt es ihm auch bei Dunkelheit, zuverlässig geradeaus zu fliegen. Erstrahlt eine künstliche Lichtquelle heller als der Mond, wird diese vom Insekt, hier dem Falter, mit dem leuchtenden Erdtrabanten verwechselt. Es bemüht sich nun instinktiv, den üblichen Flug-Winkel zum vermeintlichen Gestirn einzunehmen, das sich allerdings unerwartet nicht im All, sondern in unmittelbarer Nähe befindet. In der Folge umkreist das Tier eine Lampe, bis es an ihr verbrennt oder nicht weit entfernt erschöpft zu Boden geht, offenkundig so geschehen im Stade de France.

Die hier vorgestellte sogenannte Navigationstheorie ist allerdings nur eine von mehreren Theorien, um den zuverlässigen Flug  nachtaktiver Insekten zu künstlichen Lichtquellen zu erklären. Sie gilt jedoch als besonders plausibel.

Biologen machen sich die Eigenart des Lichtfluges vieler Insektenarten übrigens oft gezielt zunutze, wenn es darum geht, bestimmte Arten aus Forschungsgründen einzufangen. Leuchtstoffe, die Zoologen aus wissenschaftlicher Motivation mit dem Ziel aufstellen, Insekten anzulocken, werden als „Lichtfallen“ bezeichnet.

Selbst aktiv Fußball zu spielen macht Spaß, möchte ich noch hinzufügen. Doch anderen bei der sportlichen Betätigung zuzuschauen, ist für mich eine ganz besonders perfide Folter mit dem grausamen Werkzeug der hoffnungslos grenzenlosen Langeweile. Da muss erst ein solches Naturspektakel aufkommen, um mein Interesse an den Geschehnissen der Europameisterschaft zu erwecken.

 

Copyrights für den Text: Stefan F. Wirth, 2016.

Biologie des Menschen und politisch korrektes Gender-Mainstreaming, ein Konflikt?

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Am vierzehnten Mai 1429 geschieht etwas Ungewöhnliches. Französische Truppen, denen einige Tage zuvor der Durchbruch in das von englischen Soldaten umzingelte Orléans gelungen war, wagen  einen halsbrecherischen Angriff auf die Belagerer. Vornweg reitet eine siebzehnjährige Frau:  Jeanne d’Arc, auch bekannt als die „Jungfrau von Orléans“ (1412 – 1431). Trotz einer Verwundung und eines Sturzes vom Pferd kämpft die wackere Jugendliche auf dem Schlachtfeld und motiviert ihre Truppen dadurch, eigentlich Unmögliches zu vollbringen. Bereits einen Tag später verlassen die besiegten Engländer ihre Stellung.

In der Endphase des Spätmittelalters sind Frauen eigentlich noch weit davon entfernt, sich als große Kämpferinnen in Augenhöhe mit männlichen Zeitgenossen zu verwirklichen. Jeanne ist eine Ausnahmeerscheinung. Nur durch Vortäuschung göttlicher Visionen und einer nachweisbaren Jungfräulichkeit gelang es ihr nach einem dreiwöchigen Prüfungsverfahren, den französischen Kronrat davon zu überzeugen, sie in militärischem Auftrag zu entsenden.

Wer als Frau keinen göttlichen Auftrag glaubhaft machen kann, lebt in Europas Mittelalter allerdings unter unangenehmen Bedingungen. Frauen sind unter anderem aufgrund des religiösen Dogmas dem Manne Untertan, insbesondere in der Ehe. Die übliche Trauungsformel betonte dies wortwörtlich, um in den zwangsverheirateten sehr jungen Mädchen auch ja keine Missverständnisse aufkeimen zu lassen. Die Ehefrau unterstand der  Vormundschaft ihres Gatten, er kontrollierte in der Regel über ihr volles Vermögen und konnte sie nach Lust und Laune züchtigen oder verstoßen. An ein weibliches Mitspracherecht in Fragen der Politik war schon überhaupt nicht zu denken

Bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dauerte die Versklavung der Frau in der europäischen Gesellschaft an, ohne auch nur im Mindesten für ernsthafte kontroverse Diskussionen unter Männern zu sorgen. Erst 1865 bewegte sich etwas, das die Situation der Frau in der deutschen Gesellschaft schrittweise verbessern sollte.  Der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) wurde gegründet und war stark beeinflusst durch das intellektuelle Wirken der Frauenrechtlerin und Pazifistin Hedwig Dom, die sich besonders für ein Recht der Frau auf Bildung und Arbeit engagierte. Doch die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau war ein langwieriger und steiniger Prozess. Vom Wahlrecht für Frauen war noch gar nicht die Rede. Diesbezügliche Forderungen durch den Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) stießen erst nach Ende des Ersten Weltkrieges auf fruchtbaren Boden. In der Folge erließ der Rat der Volksbeauftragten ein Dekret, das das Frauenwahlrecht im Gesetz verankerte.

Das Dritte Reich jedoch erwies sich zunehmend als erneuter Tiefpunkt  der Emanzipation der Frau, ein ideologisches Frauenbild wurde umgesetzt, das weibliche Bürger zu Gebärmaschinen und Putzzofen männlicher Haushalte degradierte. Zwar wurde unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges in Westdeutschland das Grundgesetzt erschaffen, das die Gleichberechtigung von Mann und Frau verbindlich vorschrieb, jedoch konnte der moderne Feminismus erst ab 1968 in Folge der Studentenbewegung  Fuß fassen. Umzusetzende Forderungen zur Ent-Diskriminierung  der weiblichen Bevölkerung gab es nämlich noch immer zuhauf. Dazu gehörten das Recht auf Abtreibung oder eine geschlechtsunabhängige Gleichsetzung  der Löhne.

Anders als Frauen, die auch in der römischen und griechischen Antike Unterdrückung durch die Männerwelt erfuhren, war  männliche Homoerotik in jenen Epochen durchaus gesellschaftlich akzeptiert, wenn auch seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert in Rom per Gesetz unter bestimmten Bedingungen unter Geldstrafe gestellt. Der größte Feldherr der Antike, Alexander der Große (356 – 323 v. Chr.), liebte Hephaistion (um 360 – 324/23 v. Chr.) . Und über die Liaison Julius Cäsars (100 – 44 v. Chr.) mit dem bithynischen König Nikomedes IV (bis 74 v. Chr.) wurde zwar  bereits von den Zeitgenossen getratscht, was jedoch über ein gehässiges Spötteln nicht hinausreichte.

Erst ab dem frühen Mittelalter, einhergehend mit der gesellschaftlichen Vormachtstellung der christlichen Kirche, wurde praktizierte Homoerotik als todeswürdiges Verbrechen behandelt.

Nahezu nahtlos wurde die Diffamierung gleichgeschlechtlicher Liebe, insbesondere der männlichen, in der Neuzeit in Form eines Gesetzesparagraphen übernommen. So erschuf das Deutsche Kaiserreich im Jahre 1872 den Paragraphen 175, der den Beischlaf unter Männern mit einer Gefängnisstrafe ahndete. In einer abgemilderten Form war dasselbe Gesetz immerhin bis zum 10. März 1994 in Kraft.

Die moderne Gleichstellung der Geschlechter und die gesellschaftliche Akzeptanz  gleichgeschlechtlicher Lebensformen sind das Resultat  eines politischen Kampfes, den mutige Streiter zu Gunsten einer gerechten,  bunteren und harmonischeren Gemeinschaft ausgefochten haben. Alle Belange der Gleichstellung werden heutzutage unter dem Begriff Genderismus oder Gender-Mainstreaming zusammengefasst.

Allerdings sind menschliches Sexualverhalten und die Geschlechterrollen grundsätzlich Folgen der Biologie des Menschen, und so ist ein Verständnis ihrer Zusammenhänge abhängig von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, explizit der biologischen Forschung.

Daher wehren sich Naturwissenschaftler zunehmend zurecht gegen Trends des modernen Gender-Mainstreamings, die nicht mehr darauf ausgerichtet sind, durch die Gesellschaft begangenes Unrecht zu beseitigen, sondern inzwischen bedauerlicher Weise quasi-religiöse Züge angenommen haben. Es ist für Aktivisten offenbar problematisch, sich das vollständige Erreichen ihrer ursprünglichen Ziele eingestehen zu müssen. In der Folge entbehren Forderungen jeder argumentativen Grundlage und verkommen zu idealisierten Überzeichnungen mit kreationistisch-dogmatischem Charakter.

Aktivistische Organisationen wie LGBT lösen den Menschen aus seiner Biologie und der Systematik des Tierreichs heraus und formulieren Thesen, denen zufolge der Homo sapiens mystische Fähigkeiten besitzen soll. Es wird ihm unterstellt, sein Geschlecht und seine erotischen Präferenzen frei wählen zu können.  Doch genauso wenig wie sich der Hahn durch Willenskraft in eine Henne verwandeln kann, ist es dem Menschen möglich, sich sein Geschlecht selbst zu erschaffen. In der Tat gesteht das Gender-Mainstreaming dem Menschen schöpferische, im Sinne göttlicher Fähigkeiten zu.

Daher überzeugt der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera mit seiner Schlussfolgerung, dass der Genderismus eine moderne Form des Kreationismus sei.

Wie Kutschera in seinem Buch „Das Gender-Paradoxon“ kompetent und mit einer Kaskade naturwissenschaftlicher Argumente darlegt, sind es genetische, hormonelle, anatomische und neurologische Determinanten, die bei H. sapiens sowohl für die Ausprägung der erotischen Präferenzen wie auch für die Ausbildung des biologischen Geschlechts verantwortlich sind.

Längst übt der Genderismus weltliche Macht aus und vermag sich daher effizient gegen begründete Einwände zur Wehr zu setzen, ohne selbst jemals auch nur den Hauch eines Arguments dargelegt zu haben. Wer die Genderismus-Bewegung unter Vorweisung naturwissenschaftlicher Fakten kritisiert, wird isoliert, hämisch der Diskriminierung von Minderheiten beschuldigt oder gar  demonstrativ in das rechtsextremistische politische Umfeld eingeordnet.

Und in der Tat wird eine Genderismus-Kritik beispielsweise gerne in den rechtsextremistischen Kreisen des AfD vorgetragen. Es gilt jedoch stets, dass wenn zwei Menschen mehr oder weniger dasselbe sagen, keineswegs notwendiger Weise dasselbe gemeint ist. Der Rechtsextremismus möchte eine multikulturelle Lebensvielfalt mit allen Mitteln diffamieren und diskreditieren, wozu keine neutralen Argumente vonnöten sind. Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie werden ganz im Gegenteil durch  leicht eingängige und innen hohle Parolen propagiert. Pauschaler Hass benötigt keine aufzuführenden Fakten.

Seriösen Naturwissenschaftlern wie Herrn Kutschera oder mir liegen jedoch Diskriminierungen und Diffamierungen aller Art vollständig fern. So bin ich beispielsweise bekannt dafür, selbst einer der genannten Minderheiten zugehörig zu sein und außerdem ausschließlich der Partei Die Linke eine sozial-gerechte Regierung zuzutrauen.

Ulrich Kutschera ist bekennend heterosexuell, parteilos und Nicht-Wähler. Er betont, dass ihn stets nur Fakten interessierten und belegt diese Aussage auch eindrucksvoll in seinem hervorragend recherchierten Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“.

Kein seriöser Wissenschaftler bezweifelt, dass Frauen dem Mann juristisch gleichgestellt sein müssen. Daraus jedoch zu schlussfolgern, Mann und Frau seien auch biologisch gleich, ist falsch. Kutschera erklärt detailreich, dass der Homo sapiens  einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus aufweist.

Neben den bekannten genetischen, hormonellen und morphologischen Geschlechtsunterschieden wird auch auf die Hypothese der „primären Weiblichkeit des Menschen“ mit dem Mann als sekundärem Geschlecht ausführlich eingegangen. Es geht hierbei beispielsweise um die Existenz der männlichen Brustwarzen, die einer wissenschaftlichen Hypothese aus dem Jahre 2014 zufolge auf einen Entwicklungsweg in der frühen Embryogenese hinweisen, der erst später in die „männliche Linie umprogrammiert“ werde. Genau genommen handelt es sich um das sogenannte SRY-Gen, das im Verlaufe der frühen Embryonalentwicklung aktiviert wird und einen Anstieg des Testosterons zur Folge hat.

Nachweislich zeigen die beiden Geschlechter des Menschen auch unabhängig von einer elterlichen Prägung signifikante geschlechtstypische Verhaltensweisen, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Völlig anders hingegen lautet die Erklärungsweise zur Existenz zweier menschlicher Geschlechter aus der Feder des Genderismus. So äußerst sich beispielsweise die US-Gender- und Sprachforscherin Judith Butler wie folgt zur von ihr postulierten Festlegung des Geschlechtes nach der Geburt: Die Geschlechtsfeststellung durch die Hebamme sei  keineswegs „eine Beschreibung oder bloße Feststellung, sondern zugleich eine Anweisung, ein weibliches Geschlecht zu sein“. Ein Baby ohne Geschlecht wird hernach durch einen Sprechakt einem bestimmten Geschlecht zugewiesen. Butler folgt dabei  in ihrer Denkweise dem Moneyismus, der auf den US-Psychologen und Erziehungswissenschaftler John Money (1921 – 2006) zurück geht. Der vorgebliche Wissenschaftler gelangte zu dem Schluss, dass geschlechtsneutrale Wesen erst ab dem zweiten Lebensjahr über Erziehungsmaßnahmen und kulturelle Einflüsse einem Geschlecht zugeordnet würden und dass davon auszugehen sei, dass der Schöpfergott der Bibel nur ein Hermaphrodit gewesen sein könne.

Ähnliche bizarre Genderismus-Thesen werden auch auf das Erotikverhalten des Menschen übertragen. So sei die erotische Präferenz für ein Geschlecht, beispielsweise das eigene, völlig willkürlich wählbar. Seriöse Forschungsansätze in den letzten hundert Jahren haben jedoch klar dargelegt, dass beispielsweise die homoerotische Veranlagung bei Männern genetisch determiniert ist. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang auf die Forschung an eineiigen Zwillingen durch den Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) verwiesen werden.

Bis heute ist allerdings das Phänomen der Bisexualität bei Männern wissenschaftlich schlecht untersucht, weswegen in seriösen Fachpublikationen Häufigkeit und Vielfalt des Auftretens dieser Erotik-Präferenz aus meiner Sicht eventuell unterschätzt wird. Herr Kutschera verkennt die Vielfalt in der Welt der gleichgeschlechtlichen männlichen Liebe, in der die Bisexualität meiner Erfahrung gemäß eine wichtige Rolle spielt. Es klingt daher diffamierend, die Existenz von Männern, die zunächst Kinder gezeugt haben, sich dann aber ausschließlich oder  vorwiegend der Homophilie widmen, zu leugnen. Fehlende seriöse Publikationen zum Thema weisen nicht hin auf dessen Nicht-Relevanz. Aus meiner Berliner Erfahrung sind homophil veranlagte Männer, die eigene Kinder gezeugt haben, häufig. Dass sie in wissenschaftlichen Studien kaum oder gar nicht auftauchen, liegt daran, dass Betroffene nicht selten ein Doppelleben führen und ihre Homophilie bei wissenschaftlichen Befragungen nie eingestehen würden. Auch bisexuelle Männer folgen, was den Grad ihrer Veranlagung zum einen und zum anderen Geschlecht angeht, vorwiegend einer genetischen Information. Die freie Wählbarkeit der erotischen Vorliebe bleibt ein unbegründetes Märchen.

Das detailierte, dabei aber leicht verständliche Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“ erlaubt vielseitige und kompetent dargestellte Einblicke in die Biologie des Menschen, jedoch auch in die relevante Wissenschaftsgeschichte und legt nachvollziehbar und gut begründet dar, wieso Wissen und Erkenntnis einem religiösen Dogma, das also allein auf Glauben beruht, vorzuziehen ist.

Autoren wie Kutschera, die mit unerbittlichem Engagement und klaren Argumenten gegen den derzeit überall auf der Welt populären spirituell motivierten Mainstream vorgehen, verdienen meinen Respekt. Als ein Verfechter der Wissenschaft befindet man sich heutzutage immer häufiger in einer Höhle des Löwen, so wie einst der italienische Dichter, Priester und Philosoph Giordano Bruno (1548 – 1600), der in einer Zeit des Glaubens trotz der drohenden Hinrichtung  an seinen Erkenntnissen, es gäbe keine Gottessohnschaft Christi und auch kein jüngstes Gericht, festhielt. Zudem beharrte er auf dem Ergebnis seiner astronomischen Beobachtungen und postulierte auch im Angesicht des Todes seine wahre These, dass nicht eine, sondern viele Welten existierten.