biologe

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Tag: Intoleranz

Christian hate preachers in Germany? The dubious case of a hardliner

He is 53 years old, a hunter and a strength athlete, but Olaf Latzel is unfortunately also an evangelical pastor of the St.-Martini church municipality in the German city Bremen. Livestreams of his church services during times of the corona-crisis since February 2020 had up to 30000 clicks. He and his work are well liked not only in his own municipality. But fortunately, there is also much and harsh criticism against his preaching.

His style of sermonizing is, according to what I saw on his Youtube-Channel, very passionate. His sermons have a very dominant and commanding pitch, and when he talks against homosexuals and other religions, his emotions force his significant nasolabial wrinkles downwards to a grim face, and his eyes peer to the ceiling, when he emphasizes that we had one lord only, and he often shouts an almost hysteric „hallelujah“, when he subsequently continues with statements like „ein Knecht, ein Sklave, hat nur einen Herrn (a servant, a slave, has only one lord)“ and later „kein Knecht kann zwei Herren dienen…(no servant can serve two gods)“. He accordingly is strictly against mixed church services, wants Buddha statues or amulets in households to be destroyed and is such focused on details of ancient text details of the bible that female pastors in his church are not allowed to wear a talar (robe of an evangelical priest) or to preach from the pulpit. Homosexuals are welcome in his municipality only according to the principle „against sins, but for sinners“. Muslims can be treated with mercy, again only following the same principle. But I say: It is a sin to create sinners based o the natural diversity of life!

Apart from discriminating statements against Islam, Buddhism or homosexuals, the slave and servant idea is one of his main topics. According to his preaching, the believers represent nothing else than slaves or servants of god, who even paid for this slave service due to the blood of Jesus Christ. Olaf Latzel is a hardliner, and he does not try to hide this. But the distinct reduction of believers to slaves, to a herd of sheep in the full sense of this term, is also a very clever gambit against individualism, independent free thoughts and criticism. Stupid sheep are easy to control, they ask no critical questions, they even don’t express doubts about statements, written in a thousands of years old ancient book. But there is no god, who demands for thoughtless sheep, there are only very secular authorities in the disguise of religious leaders, who need sheep to fulfill their very secular motivations, namely to live a privileged life on the costs of their slavish subjects. If god preferred sheep instead of humans, he would have appeared as sheep among sheep.

Jesus Christ was the historical human being Jesus from Nazareth. He was an individualist with free thoughts and represented a critic of old and traditional religious attitudes. He considered the stupid human sheep in the Temple in Jerusalem his opponents, and his major aim was to teach and practice charity. His followers were women, who he met as equals, and unmarried men with unknown erotic preferences  (Who knows, may be some considered themselves even as non-binaries!). The disciples of Jesus from Nazareth had a subversive and creative power to modernize the communities, they did not look back to their ancient past, but instead invested their energy in a more human future (at least originally). They today would not find any of their ideals in municipalities with Christian hate preachers.

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Jesus meets two strangers in an evening twilight scenery, a man and a woman, on an equal level. Both strangers are proud of being free thinkers, the man might even be gay, we don’t know. Oil on canvas, Berlin May 2020, copyrights Stefan F. Wirth.

 

 

Berlin, May 2020, copyrights Stefan F. Wirth

Kardinal Brandmüller und seine Heuchelei über vorgebliche Heuchelei

Missbrauchsskandale in erheblichem Ausmaße erschüttern bereits seit geraumer Zeit die Katholische Kirche. Seit geraumer Zeit? Im Grunde muss man doch annehmen, dass es in Wahrheit um einen Zeitraum geht, der die gesamte Dauer der Existenz dieser Kirche umfasst, doch dazu später mehr.

Missbrauch an Minderjährigen im Deutschland der vergangenen 68 Jahre

Papst Franziskus hat sich mehrfach deutlich gegen Täter in den eigenen Reihen ausgesprochen, womöglich aber erst, als Leugnung oder Ignoranz aufgrund offen gelegter Fakten nicht mehr möglich waren. Einer Studie aus dem letzten Jahr konnte entnommen werden, dass im Zeitraum zwischen 1946 und 2014 in Deutschland insgesamt 1670 katholische Geistliche sexuellen Missbrauch an 3677 Minderjährigen betrieben, wobei es sich bei den Opfern zumeist um heranwachsende Männer handelte.

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Papst Franziskus, für viele ein Reformverweigerer, für manch hochbetagten Kleriker jedoch unzumutbar modern, Quelle Foto: Wikipedia

Der deutsche Kardinal Walter Brandmüller und seine Bemühung zur Verniedlichung sexueller Straftaten durch Mitarbeiter der Kirche

Der fast 90-jährige deutsche Kardinal Walter Brandmüller nimmt dies zum Anlass, eine gegen die Kirchenmoral sprechende Statistik ins vermeintlich richtige Licht zu rücken. „Was in der Kirche an Missbrauch passiert ist, ist nichts anderes, als was in der Gesellschaft überhaupt geschieht“, so seine Stellungnahme. Sexueller Missbrauch sei kein spezifisch katholisches Phänomen. Außerdem sei darauf hinzuweisen, dass „80 Prozent der Missbrauchsfälle“ an männlichen Jugendlichen begangen worden seien, womit er den direkten Zusammenhang zwischen Homosexualität und dem Missbrauch an heranwachsenden Männern konstruiert.

Kardinal Brandmüller gilt als erzkonservativ und zählt zu den offenen Kritikern von Papst Franziskus, der aus Sicht vieler Intellektueller zu wenige Reformen durchsetzt, in den Augen von Hardlinern wie Brandmüller jedoch mit Neuerungen allzu sehr über die Stränge schlägt. So hat er zusammen mit dem ebenfalls konservativen Joachim Meisner (inzw. verstorben) einen offenen Kritik-Brief an den Papst verfasst, der als „Dubia-Brief“ bezeichnet wird und vor allem die Öffnung der Kirche gegenüber wieder verheirateten Geschiedenen kritisierte.

Die Katholische Kirche als Refugium

In seinen Einlassungen zu den Missbrauchsfällen, die die Kirche erschüttern, hat Kardinal Brandmüller keineswegs grundsätzlich Unrecht. Sexueller Missbrauch findet auch außerhalb von Institutionen der katholischen Kirche statt. Außerdem legen sexuelle Straftaten männlicher Kleriker an männlichen Jugendlichen in der Tat einen homosexuellen Zusammenhang nahe. Doch bleibt uns Herr Brandmüller eine Erklärung dafür schuldig, welche Institution in Deutschland außer der Katholischen Kirche eine Statistik vorweisen kann, die es im Verlaufe von nur 68 Jahren auf ganze 3677 Missbrauchsfälle an Minderjährigen gebracht hat. Wohlgemerkt die Dunkelziffer nicht nachgewiesener Straftaten außer Acht gelassen!

Klar ist, dass die Neigung zu sexuellen Straftaten unter hetero-, bi- und homosexuellen Männern generell gleich verteilt ist. Nicht ganz so klar ist allerdings, warum sich homoerotisch motivierte Straftaten in beeindruckender Dichte nun ausgerechnet in den Reihen der Katholischen Kirche häufen. Hierzu äußert sich der betagte Kardinal ebenfalls nicht. Legt eine Betrachtung der gesamten Kirchengeschichte denn nicht nahe, dass es sich bei dieser Institution schon seit jeher um ein Refugium für Menschen mit ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben handelte? Ist ja klar, mag mancher jetzt argumentieren, Schwule neigen nun einmal zur Perversion. Aber mitnichten!! Lediglich ist es so, dass die strukturelle Organisation der Kirche gezielt schon immer diejenigen erotischen Abweichler aus einem großen Pool der Bevölkerung herausfilterte, die zudem zufällig schwul oder bisexuell veranlagt waren. Denn wer sonst fühlt sich in Gemeinschaften wohl, die fast ausschließlich aus Männern zusammengesetzt sind? Doch warum das besondere Potential für sexuelle Straftaten? Weil die Kirche zum einen legale erotische Verbindungen verbietet, Stichwort Zölibat, und weil es wenige vergleichbare Großorganisationen gibt, in denen persönliche Willkür, Machtmissbrauch und Korruption eine ähnlich lange und vor allem erfolgreiche Tradition haben, geradezu eine Einladung also an alle, die nach Unmoralischem und striktem Eigennutz streben.

Kritik wird von Kardinal Brandmüller harsch zurückgewiesen. „Da benimmt sich die Gesellschaft ziemlich heuchlerisch“, äußert er im Zusammenhang mit den stattlichen Missbrauchszahlen durch Kleriker. Ist es nicht heuchlerisch, dort Heuchelei zu unterstellen, wo berechtigte Kritik vorgebracht wird, die eigentlich nur eine Reaktion moralisch vertretbar macht: die Bitte um Vergebung begangener zahlreicher und schwerer Sünden sowie die Gelobigung der Besserung? Zumindest in diesem Punkt ist der eigentlich selbst viel zu rückständige Papst Franziskus in der Tat in seinem Handeln weit voraus!

Wünschenswerte und notwendige Reformen

Ich bin kein Fan der Katholischen Kirche, wahrlich nicht. Sie hat seitdem sie existiert Leid über die Menschheit gebracht, hat gemordet, Kriege geführt und gefoltert, sich gegen die Aufklärung und selbstbestimmte Denker gestellt. Es ist ihr nach all den Jahrhunderten endlich eine Erkenntnis der Werte zu wünschen, für die ihr Namensgeber ursprünglich eingestanden ist: Nächstenliebe, Toleranz und Moral! Zwar muss man bei aller kritischen Haltung auch anerkennen, dass es genau diese Kirche war, die sich zwar stets bemühte, unerwünschtes Wissen zu bekämpfen, andererseits jedoch durch Vertreter der eigenen Reihen auch erheblich zu Erkenntnisgewinn beigetragen hat, nicht zuletzt auch dadurch, die Literatur der letzten Jahrtausende in hervorragend organisierten Bibliotheken für die Nachwelt zu erhalten. Auch die Entwicklungen in der Kunstgeschichte wurden maßgeblich durch die Kirche mit beeinflusst. Da jedoch all dies heute längst durch andere Einrichtungen übernommen wird, kommt die katholische Kirche nicht mehr umhin, sich vollständig umzustrukturieren, um vergangene Fehler zu vermeiden. Es muss das Prinzip Vorrang finden: weniger Dogmatismus, stattdessen unbegrenzte geistige Freiheit und vor allem mehr soziale Verantwortung. Wird das nicht ernst genug genommen, wird diese Kirche keinen Platz mehr in der Zukunft haben, die uns bevorsteht!

Berlin, Januar 2018, copyrights Stefan F. Wirth

Warum Flüchtlinge keine Gefahr für die Sicherheit eines Landes sind

Millionen Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen, um hier Schutz vor Verfolgung im eigenen Land zu suchen. Ein modernes Land, das sich der Menschlichkeit verpflichtet, kann nicht anders als Menschen in Not zu unterstützen. Es gibt da kein Wenn und Aber!

Wenn ich auch an der Merkel-Regierung kaum ein gutes Haar entdecken kann, so hat sie in Form der großzügigen Aufnahme in Not geratener Menschen das getan, was im 21. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit sein muss.

Eine Willkommensbereitschaft mit dem Argument in Frage zu stellen, dass neben Bedürftigen auch Attentäter und so genannte Gefährder ins Land eingereist seien, ist inakzeptabel.

Schon vor Beginn der großen Migrationswelle quollen Berliner Bezirke über vor türkischen, arabischen, russischen und südamerikanischen Einwanderern, die keine Asylanträge gestellt haben. Eine Person ausländischen Hintergrundes mit deutscher Staatsbürgerschaft, aber auch eine solche mit Jahrhunderte langer Verwurzelung in Deutschland kann problemlos durch Heirat Neu-Deutsche aus anderen Herkunftsländern ins Land „importieren“, wovon auch reichlich Gebrauch gemacht wird. Für potentielle Straftäter ist dies eine von mehreren Möglichkeiten, nach Deutschland einzuwandern, auf diese Weise dann ganz unter Umgehung des erniedrigenden deutschen Asylverfahrens.

Täter, die nach Deutschland wollen, finden somit verschiedene Wege, ihr Ziel zu erreichen. Sie sind nicht darauf angewiesen, sich wochenlang unter erheblicher Gefährdung des eigenen Lebens abenteuerlichen Flüchtlingswanderungen anzuschließen.

Daher ist jede pauschale Gleichsetzung nordafrikanischer Flüchtlinge mit Terror-Tätern und Vergewaltigern nichts anderes als ein Zeichen von Inhumanität, Fremdenverachtung und schamloser Dummheit.

Es wird behauptet, auch in der vergangenen Silvesternacht habe es Ströme von Nordafrikanern gegeben, die mit unbekanntem Ziel und nicht nachvollziehbarer Motivation bei den öffentlichen Silvesterfeierlichkeiten aufgetaucht seien.

Ich besuchte die Feierlichkeiten am Berliner Brandenburger Tor, die größte Menschenansammlung der Weltmetropole. Wo sind denn nun all die abertausende deutschen Zeugen, die genauso wie ich beobachtet haben, was das wahre Ansinnen dieser Flüchtlingsgruppen gewesen ist? Ist denn diese Erkenntnis zu banal, um sie öffentlich kundzutun? Sie kamen, um feierlich das Silvester-Ereignis zu begehen, so wie jeder andere auch. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen.

Im dem Bereich, den ich überblicken konnte, und der war groß, ist nur ein Mann dadurch aufgefallen, betrunkener Weise Frauen zu belästigen. Er war ein US-Amerikaner, und die betroffenen Frauen konnten sich seiner selbstbewusst und erfolgreich erwehren.

Schlagzeilen macht derzeit die Agenda des neuen Präsidenten der USA, Donald Trump, gegen grundsätzlich alle muslimischen Immigranten des Landes. Bedarf das wirklich einer Diskussion? Trump richtet seine Agenden gegen alle Menschlichkeit, offenbar davon ausgehend, dass nur dies geeignet sei, um Amerika wieder groß werden zu lassen. Making America great again. Unter dieser neuen Größe leidet sein eigenes Volk, Homosexuelle, Indianer, Muslime, mexikanische Arbeiter, Künstler und Intellektuelle.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Januar 2017

Eine Nicht Gewollte Geburt

Normalerweise besteht schon früh im Mutterleib eine innige Bindung zwischen Mutter und ungeborenem Kind. Über die Plazenta steht der Fötus mit dem Stoffwechsel der Mutter in direktem Kontakt. Später, wenn das neue Lebewesen prinzipiell fertig ausgereift ist, wenn alle Sinnesorgane funktionieren, dann reagiert der kleine Mensch auch auf liebevolle Berührungen, man sagt, sogar Geräusche wie Musik könnten wahrgenommen werden.

Die Mutter hat bis zu diesem Stadium schweren körperlichen Einsatz erbracht, hat für zwei gelebt, geatmet, gegessen und getrunken. Ihr Unterleib ist bis zur Schmerzgrenze aufgebläht, und doch ist sie meist voller Vorfreude, voller Liebe für das neue Menschlein, das sie in sich trägt.

Und das noch nicht geborene Kind kann dies spüren. Womöglich kann auch es so etwas wie eine freudige Erwartung in seinem noch unreifen kleinen Gehirn wahrnehmen, ein angenehmes, wohlig warmes Empfinden, das es darauf einstimmt, bald das Licht dieser Welt erblicken zu dürfen. So ist es meistens. Kann man das so sagen? Ich möchte mich vorsichtig ausdrücken und sage daher lieber: So ist es oft.

Doch was, wenn die Mutter sich nicht freut? Was, wenn ihr der Fremdkörper im Leib unbehaglich erscheint, wenn sie noch nicht so recht verstanden hat, wie er da überhaupt hineingelangen konnte, was also, wenn die Mutter, das, was sich hier anschickt, geboren zu werden, möglichst schnell wieder loswerden möchte, womöglich sogar muss?

Eine kleine Zeitreise: Frühe 1970er Jahre im Südwesten Deutschlands, unweit der deutsch-französischen Grenze nach Elsass-Lothringen. Sie ist hübsch, etwa 18 Jahre alt. Schönes langes braunes Haar soll sie noch heute haben, damals kann es nur noch schöner gewesen sein. Sie ist klug und wollte schnell ins Arbeitsleben überwechseln. Daher ist sie Verkäuferin geworden.  Zwar sieht sie nicht wirklich südländisch aus, doch sie fällt auf, ist als Tochter einer italienischen Einwandererfamilie sozusagen Exotin inmitten einer provinziellen deutschen Bürgerschaft.

Die 68er Bewegung liegt noch nicht lange zurück, Flowerpower flirrt durch die Luft, eine gute Zeit, eine endlich aufgeklärte und tolerante Zeit ist angebrochen. Junge Menschen starten mit neuen Ideen ins Leben, mit moderneren Idealen. Aus ist es mit der biederen Nachkriegszeit, den miefigen dunklen Wohnungen, in denen Frauen den Haushalt führen und Männer das Sagen haben. Farben sind in die Wohnzimmer eingekehrt, um auch optisch einen Wandel anzukündigen, knallige, bunte Farben, in großflächigen Mustern und blumenartigen Motiven.

Konventionen sollen gebrochen werden. Männer tragen lange Haare und Frauen enge Jeans. Man tanzt bis in die Morgenstunden, kifft Marihuana, trinkt Wein und Bier, ist intellektuell und liest Foucault. Sexualität ist kein Tabuthema mehr, Sex wird nicht mehr versteckt unter der Bettdecke und nur mit dem Ziele der Reproduktion betrieben, sondern aus Spaß und Lust und manchmal auch im Rausch.

Der Beginn einer modernen Zeit, die uns heute längst vertraut ist. Zumindest in Berlin, damals wie heute.

Doch was geschah nun vor über vierzig Jahren weit, weit im Westen Deutschlands mit unserer brünetten, jungen Schönheit? In welcher Welt lebte sie in jener Zeit dort am Rande der Republik, wo Männer üblicherweise als Bergarbeiter oder in der Eisenhüttenindustrie ihre Arbeitskraft verloren und Frauen deren Hemden bügelten und die gemeinsamen Kinder fütterten? Es war eine kleine und geordnete Welt, an deren Fundament die neue Zeit kaum zu rütteln vermochte. Und das blieb so, in die 80er hinein, so lange, bis die Industrie aufhörte zu existieren, im Grunde bis heute. Eine kleinbürgerliche Gesellschaft war es, als unsere junge Italienerin eine Bekanntschaft machte, mit einem Mann, womöglich ebenfalls ein Gastarbeiter-Sprössling, ein Pole vielleicht? Woher sonst diese slawischen Züge in meinem Gesicht?

Sie haben Sex miteinander, es ist vermutlich ihr erstes Mal. Als er sie umarmt, fühlt sie sich geborgen, als er auf ihr liegt und ihr die Beine spreizt, fühlt sie sich schwach und als er in sie eindringt, da ist sie mutig, frei, eine junge Frau der Siebziger, die sich auflehnt, die tut, was ihr gefällt, die ihre Lust genießt und sich dem Abenteuer ausliefert. Mit ihm zusammen fühlt sie sich stark, stark genug, um mit Verachtung an die Blicke der  alten Bäckerin, des treuen Briefträgers, der anständigen  Eltern und Großeltern zu denken. Es ist  dann auch nur ein kurzer Augenblick, in dem die kleine Welt an der Saar für unsere Protagonistin Kopf steht, in dem in der Luft bunte Lichter tanzen und sich der Geruch ihres Schweißes mit seinen starken Pheromonen mischt, ein verführerischer Cocktail der Sinne, der sie vollends berauscht, so dass sie nicht mehr denkt, sondern nur noch empfindet.

Warum ich all dies schildere? Nun, ich war sozusagen dabei, ein größerer Teil von mir steckte in ihr, ein kleinerer in ihm überwand schier unermessliche Hürden, in dem er abertausende Konkurrenten erfolgreich im Wettkampf des Lebens bezwang.

Die Idee der Zeit, der Freiheit, der Selbstbestimmtheit, der Ungezwungenheit und der Toleranz, die war damals überall. Tragfähig war diese Idee jedoch  nur hier und dort, vielleicht in Hamburg und Köln, ganz sicher in Westberlin, auf keinen Fall allerdings an der Saar.

Männer haben tagsüber gearbeitet, in ihrer Freizeit besuchten sie den Kegelclub, gingen zur Jagd oder fanden sich zum gepflegten Besäufnis an einem der zahlreichen Stammtische zusammen. Frauen taten eher nicht viel, zum Glück war das Fernsehen schon erfunden. Die Grenzen der Städte einzuhalten, das war ganz wichtig, damals wie heute. Ein „Neunkircher“ ist „e Neinkejer“ und ein Saarbrücker „e Saarbrigger“. Das ist zweierlei, versteht sich. Es ist das Reich des Konservatismus, der Kleinbürgerlichkeit, sozusagen eine absurde Tim-Burton-Welt, in der für jenen Edward, der Scheren anstatt Fingern trägt, kein Platz ist. Nun gut, wenn überhaupt irgendwo, dann vielleicht in Saarbrücken. Niemals jedoch in „Neinkeje“.

Und dort, ausgerechnet dort, ist unsere Protagonistin schwanger geworden und hatte sich damit zunächst nichts vorzuwerfen, ein befreiendes Erlebnis, ein Akt des Sich-Auflehnens, des Andersseins, ganz im Sinne des allgemeinen Zeitgeistes, zumindest desjenigen in Hamburg oder West-Berlin, vielleicht sogar in München.  In „Neinkeje“ jedoch murmelt schon bald die erste Nachbarin „ei die is doch gar net verheiraat“, während die nächste, freilich hinter vorgehaltener Hand, das obligate „ei, die is doch noch selba e Kind“ äußert.  Wenn sie über die Straße geht, erlebt sie, was wir in solchen Gesellschaften alle nur zu gut kennen. Alle gaffen, doch niemand will es gewesen sein. Ihre glotzenden Fratzen bleiben daher fast unsichtbar, wären da nicht überall die gleichen verräterischen Bewegungen der Vorhänge. Wenn sie nur genau hinschaut, kann sie die stumpfen Visagen dahinter erkennen, die entsetzt ihre leeren Köpfe schütteln.

Und die Familie? Kann unsere brünette Schönheit dort auf Verständnis und Unterstützung hoffen? In der modernen Zeit immerhin, hinter den betont bunten Vorhängen und den vor Farbenpracht nur so strotzenden Tapeten? Sie kann natürlich nicht. Jede Familie will hier eine anständige Familie sein. Das ist hier schon immer so gewesen.

Ungewollte Kinder werden daher ebenso anständig wie unauffällig „entsorgt“. Dass da etwas gewesen ist, das hat die Nachbarschaft dann schnell vergessen. Auf dieses Vergessen kommt es an. Das Kind wurde per offiziellem Dokument zur Adoption freigegeben, direkt nach der Geburt.

Ich habe eine glückliche Kindheit verbracht, aufgezogen durch liebevolle Eltern, die auch heute noch für mich da sind. Unsere Protagonistin habe ich nie kennengelernt. Mein Bild von ihr entstammt allein meiner Fantasie. Sie trägt keine Schuld, obgleich ich fürchte, dass ein ungewolltes Kind eventuell auch mit dem instinktiven Gefühl des Unerwünschtseins geboren wird.

Das Saarland habe ich unmittelbar nach Beendigung der Schulzeit verlassen. Ich konnte es kaum erwarten. Wenn ich ausnahmsweise einmal dort zu Besuch bin, wenn ich dann in der Nachbarschaft des Elternhauses die Straße entlang laufe, dann kann ich sie sehen, ihre verstohlenen Fratzen, hinter sich zurückziehenden Vorhängen. Sie starren mich an.

 

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