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Tag: Kreationismus

Fall aus Rendsburg: Dürfen Schulen ihre Schüler zum Besuch von Kirchen nötigen?

Medienberichten zufolge hat das Amtsgericht Meldorf in Schleswig-Holstein die Eltern eines dreizehn-jährigen Jungen zu einem Bußgeld in Höhe von zwei mal 25 Euro wegen eines vorsätzlichen Verstoßes gegen das Schulgesetz verurteilt. Der verhandelte Fall ereignete sich bereits in 2016: Aufgrund der Befürchtung einer religiösen Indoktrination hatten die Eltern ihrem Sohn die Teilnahme an einer Moschee-Besichtigung, die von der organisiert wurde, untersagt.

Gemäß den Einlassungen des väterlichen Anwalts sei der Besuch der Moschee als Religionsunterricht eingestuft worden, zu dessen Teilnahme keine Verpflichtung bestehe. Die Eltern seien jedoch Atheisten und befürchteten durch den Schulausflug eine religiöse Beeinflussung ihres Sohnes. Darüber hinaus kritisiere man allgemein einen „Umbau“ der Bundesrepublik in eine „multikulturelle Wertegesellschaft“.

Das Gericht folgte diesen Einschätzungen jedoch nicht. Werbung für den Islam habe es nicht gegeben, weswegen der Moschee-Besuch dem Schüler zumutbar gewesen sei. Das Gericht ließ jedoch die Möglichkeit einer Rechtsbeschwerde zu. Es berichteten unter anderem die Kieler Nachrichten.

Die Schule selbst legte dar, dass Religionsunterricht nur dann vorliege, wenn Religionen als „wahr“ dargestellt würden, dies sei aber hier nicht der Fall gewesen.

Spiritualität und Gottesglaube haben menschliche Kulturen seit jeher erheblich beeinflusst. Viele menschliche Errungenschaften stehen im engen Bezug zur Religiosität. Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Architekturgeschichte, und das weltweit und keineswegs nur im europäischen Raum. Generell gilt: Wenn wir eine Kultur verstehen wollen, das betrifft auch längst vergangene Kulturen, ist das Verständnis des spirituellen Lebens von zentraler Bedeutung. Denn in den meisten Kulturen der Welt gibt und gab es keine Unterscheidung zwischen Weltlichkeit und Glaube.

Daher kann der Besuch auch eines aktiven Gotteshauses in unserer Zeit, welcher Religion auch immer zugehörig, eine Bereicherung sein, die das allgemeine Bildungsniveau erhöht. Ich beispielsweise besuche als religionsloser Wissenschaftler und Künstler gerne Kirchen, insbesondere alte und geschichtsträchtige Gebäude. Dabei beeindrucken mich nicht nur die Entwicklung architektonischer Errungenschaften, sondern natürlich auch die der bildenden Kunst. Zudem weisen Gotteshäuser häufig besondere akustische Eigenschaften auf, die jedes Konzert zu einem wahren Erlebnis werden lassen.

Und dennoch stellt sich die Frage, ob es Bürgern im Deutschland des 21. Jahrhunderts frei stehen sollte, ob sie eine Kirche betreten möchten oder nicht. Indoktrinieren aktive Gotteshäuser nun per se, oder tun sie das nicht? Jede aktive Kirche in moderner Zeit ist darauf aus, Gläubige an sich zu binden. Daher konfrontiert eine Kirche immer jeden Besucher mit Ansätzen der Beeinflussung, also der Indoktrination.

Anders als in fast allen vergangenen und der Mehrheit moderner Kulturen sind im modernen Deutschland Glaube und Weltlichkeit strikt voneinander getrennt, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob dies der Kanzlerin bekannt ist. Es ist daher aus meiner Sicht nicht zu vertreten, dass Menschen gegen ihren Willen zum Kirchgang verpflichtet werden. Ein Bildungsdefizit hierdurch ist heutzutage längst nicht mehr gegeben. Die digitale Revolution macht es leicht möglich, Aspekte kirchlicher Kunst oder Architektur auch virtuell in hinreichender Qualität erleben zu können. Daher ist mir die hier vorliegende gerichtliche Entscheidung zur Gänze nicht nachvollziehbar.

Die Welt und unser Bildungsniveau leiden derzeit unter einer ganz neuartigen Welle religiösen Wahns. Der fanatische Islamismus mag eine Ausprägung davon sein, die verschiedenen Facetten ursprünglich christlicher Schöpfungsmythen sind jedoch mit Sicherheit eine andere, und zwar eine nicht unbedingt minder bedrohliche. Vorwiegend aus den USA kommend stellen Kreationismus und Intelligent Design Wissen und Erkenntnisse aus den seriösen Wissenschaften der letzten zweihundert Jahre in Frage. Gläubigen wird so geschickt die Befähigung zur selbstständigen Hinterfragung von Sachverhalten des täglichen Lebens genommen. Das macht Menschen zwar leichter kontrollierbar, der Fortschritt der wissenschaftlichen Forschung jedoch wird erheblich beeinträchtigt.

Dabei müssen spirituelle Glaubensdogmen in heutiger Zeit keineswegs deutlich sichtbar das Etikett einer Religionsgemeinschaft tragen. Ein Beispiel hierfür sind bestimmte Denkansätze des Gender-Mainstreamings, die unter anderem den genetisch und hormonell determinierten Geschlechtsdimorphismus beim Menschen bestreiten. Es handelt sich um Pseudo-Naturwissenschaften, basierend auf Glaubensentwürfen, die derzeit in Deutschland zum Nachteil der echten Naturwissenschaften mit erheblichen Forschungsgeldern ausgestattet werden.

Es ist besonders vor diesem Hintergrund hervorzuheben, dass die Aufgabe unserer Schulen vor allem darin besteht, Wissen und nicht Glauben zu vermitteln, um beispielsweise seriösen wissenschaftlichen Nachwuchs heranzuziehen. Doch diesem Bildungsauftrag kommen deutsche Schulen bereits seit Jahren nicht mehr hinreichend nach. Es hapert bei jungen Studenten mitunter ganz erheblich an jeder grundlegenden Allgemeinbildung, wovon ich mich als universitärer Dozent immer wieder überzeugen konnte.

Gerade in diesem Zusammenhang erscheint mir der hier verhandelte Fall als lächerliche Farce, die aus meiner Sicht die Seriosität deutscher Schulen an sich in Frage stellt.

Das soll allerdings nicht bedeuten, dass ich den Ausführungen der väterlichen Seite bei Gericht folgen möchte, denen zufolge Deutschland sich im Umbau hin zu einer multikulturellen Wertegesellschaft befinde. Als seien multikulturelle, also durch verschiedene Ethnien geprägte Gesellschaften etwas Besonderes. Ohne die permanente Vermischung von Populationen hätte nämlich der moderne Mensch die letzten 300 000 Jahre aufgrund der Notwendigkeit genetischer Vielfalt nicht überleben können.

Berlin, Juli 2018

Copyrights Stefan F. Wirth

 

 

 

Das Zeitalter des Menschen – Homo sapiens im Konflikt mit seiner Umwelt im Anthropozän

blue blossom signiert

 

Der Mensch kontrolliert zunehmend seinen Planeten. Ist es daher richtig, ihm namentlich ein neues geologisches Zeitalter zu widmen? Das gut lesbare Buch „Die Welt im Anthropozän“ gibt hierauf Antworten, beleuchtet darüber hinaus aber auch, welche Verantwortung dem Menschen für die Gestaltung seiner eigenen Zukunft obliegt.

Der übergeordnete erdgeschichtliche Zeitabschnitt, in dem wir uns jetzt gerade befinden, ist das Quartär. Es handelt sich dabei um ein vergleichsweise lächerlich kurzes Zeitalter, das „erst“ vor etwa 2,6 Millionen Jahren begann. In seinem Verlauf vollzogen sich Änderungen an der Erdoberfläche, die gemessen an allen vorausgehenden Ereignissen auf der Erde seit ihrer Entstehung vor etwa 4,6 Milliarden Jahren allenfalls graduell sind.

Und doch ist innerhalb des Quartärs etwas geschehen, das für ein künftiges Fortbestehen der Erde von immenser Bedeutung sein wird: Die Evolution des intellektuell begabten modernen Menschen, ausgehend von urtümlicheren Vertretern der Gattung Homo.

Es ist wissenschaftlich gesichert, dass sich wesentliche Abschnitte der Menschwerdung in Afrika zugetragen haben. Hierzu gehört die Evolution des aufrechten Ganges, aber vor allem auch die nachfolgende Vergrößerung der Großhirnrinde, die in die Zeit des Quartärs fällt. Erst mit frühen Vertretern der Gattung Homo haben Ausbreitungsereignisse auf den eurasischen Kontinent und in der Folge auch auf andere Kontinente stattgefunden.

Ein bedeutender Teil der Evolution des Menschen ist mit dem Quartär in eine äußerst wechselhafte Zeitperiode gefallen. Die Besonderheit des Quartärs besteht nämlich darin, dass Kalt- und Warmzeiten einander immer wieder abwechselten. Was für widrige Umstände für das Leben früher Hominiden, mag sich der Leser jetzt denken, doch aus evolutionsbiologischer Sicht ist dem keineswegs so. Denn je unsteter die Umweltbedingungen sind, desto leichter werden Artbildungsprozesse in Gang gesetzt. Nur so konnten wir in unserer heutigen Form evolvieren. Insbesondere die Existenz eiszeitlicher Gletscher ist für sogenannte allopatrische Artneuentstehungen sehr bedeutsam, denn sie fungierten nachweislich für zahlreiche Tiergruppen als nicht überwindbare Barrieren, so dass die Evolution neuer Arten begünstigt wurde. Die späte Evolution des Menschen war also geprägt durch diese starken globalen klimatischen Veränderungen.

Heute trägt der Mensch erheblich selbst zur Entstehung des Klimas auf der Erde und dem Fortbestand ihrer Artenvielfalt bei. Und zwar in einer Effizienz, zu der vor ihm kein einziger tierischer Erdenbewohner jemals imstande war.

Doch ist die besondere Einwirkung des modernen Menschen auf das Weltklima auch dazu geeignet, von den üblichen Kriterien zur Benennung von Erdzeitabschnitten abzuweichen und das neueste Zeitalter nach dem Menschen selbst zu benennen? Sind die Auswirkungen menschlicher Aktivität auf das Weltklima tatsächlich mit gravierenden geologischen Veränderungen der Erde gleichzusetzen, die üblicher Weise zur Benennung von Erdzeitaltern herangezogen werden? Ist also die Einführung eines Zeitalters namens Anthropozän gerechtfertigt? Eine Frage, die keineswegs erst infolge einer aktuell nachweisbaren und scheinbar durch den Menschen hervorgerufenen Klimaerwärmung laut wird. Der Zoologe und Philosoph Ernst Haeckel äußert sich bereits 1870 weitsichtig und realistisch: „Aus diesem Grunde…können wir mit vollem Rechte die Ausbreitung des Menschen mit seiner Cultur als Beginn eines besonderen letzten Hauptabschnitts der organischen Erdgeschichte bezeichnen.“

In dem Buch „Die Welt im Anthropozän, Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität“ der Herausgeber Wolfgang Haber, Martin Held und Markus Vogt wird die historische Entwicklung des Begriffes „Anthropozän“ zusammengefasst. Namhafte Geistes- und Naturwissenschaftler diskutieren darüberhinaus, wie der Mensch am besten seine Verantwortung für die Zukunft der Erde wahrnehmen kann.

Dass der moderne Mensch heutzutage starken Einfluss auf das Weltklima ausübt und dadurch erheblich an einer Klimaerwärmung und dem damit verbundenen Aussterben von Arten verantwortlich sei, ist ein breiter Konsens unter vielen zeitgenössischen Wissenschaftlern. In den 1980er Jahren hat der Biologe Eugene F. Stoermer aus diesem Grunde bereits den Begriff Anthropozän in seinen Veröffentlichungen verwendet. Der Erdsystem-Forscher Paul J. Crutzen rät in einer Publikation aus dem Jahre 2000 ergänzend, das derzeitige Zeitalter sogar offiziell durch das Anthropozän abzulösen.

Formell befinden wir uns derzeit jedoch noch immer im jüngsten Zeitabschnitt innerhalb des Quartärs, der als Holozän bezeichnet wird und vor etwa 11700 Jahren begann. Auch diese Periode ist nach rein geologischen Gesichtspunkten definiert worden. Sie beginnt mit dem Ende der sogenannten jüngeren Tundrenzeit, einer kürzeren Eiszeit, die auf die letzte große Kaltzeit, zu der in Nordeuropa das Weichsel-Glazial gezählt wird, folgte.

Der Beginn des Holozäns wird mit einer nachweisbaren ungewöhnlich schnellen Wiedererwärmung nach der Tundrenzeit begründet. Als Beleg hierfür dient ein Eisbohrkern aus fast 1500 m Tiefe, der in Form seiner Isotopenchemie aufzeigt, dass sich eine merkliche Klimaerwärmung zu jener Zeit innerhalb von wenigen Jahren vollzogen haben muss. Er wird in Kopenhagen aufbewahrt.

Doch wie könnte es gelingen, möglichst präzise den Beginn eines neuen Zeitalters festzulegen, das eben nicht aufgrund rein geologischer Abläufe, sondern nach der Aktivität einer besonderen Tierart, nämlich dem Menschen, benannt werden soll? Hierüber herrscht noch Uneinigkeit, wie dem Buch „Die Welt im Anthropozän“ zu entnehmen ist. Forscher haben schon den Beginn der industriellen Revolution, aber auch die große Akzeleration um 1950 als möglichen Startpunkt des Anthropozäns vorgeschlagen, jedoch sogar ganz konkret auch den 16. Juli 1945 (den Tag des ersten Atombombentestversuchs).

Um den Begriff des Anthropozäns aber letztlich erfolgreich als offizielles Erdzeitalter etablieren zu können, ist vor allem auch eines wichtig: der Nachweis, dass der moderne Mensch inzwischen tatsächlich die Hauptverantwortung für die aktuell einsetzende Klimaerwärmung und ein damit einhergehendes Aussterben von Arten trägt. Hierzu kann allein die naturwissenschaftliche Forschung beitragen, während es die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist, sich mit ethischen Gesichtspunkten im Umgang des Menschen mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen.

Es ist unter Wissenschaftlern durchaus umstritten, ob die derzeitige weltweite Klimaerwärmung vollständig oder zumindest zu einem beträchtlichen Teil auf menschliche Aktivitäten, so etwa seine hohen CO2-Emissionen, zurückgeführt werden kann. Denn seit Anbeginn des Quartärs hat sich das Klima nach Kaltzeiten immer wieder aufs Neue erwärmt, und zwar zunächst völlig ohne Zutun des Homo sapiens.

In dem Kapitel „Der Mensch und das Anthropozän – Hat das sechste Massenaussterben bereits begonnen?“ widmet sich der Evolutionsbiologe und Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera der Frage, ob Klimaveränderung und ein aktuelles Aussterben von Arten mit menschlichen Aktivitäten korrelieren. Ist der Mensch sogar imstande, künftig ein neues Massenaussterben von Arten zu verursachen? Unter anderem legt der Autor bezugnehmend auf seine eigene Forschung dar, dass sehr aktuelle Aussterbeereignisse überhaupt nachweisbar seien. Allerdings präsentiert der Autor lediglich zwei Fall-Beispiele. Wir erfahren leider nicht, ob es ein bloßer persönlicher Eindruck des Forschers ist, diese Tiere seien im Vorkommen seltener geworden oder ob repräsentative wissenschaftliche Studien zugrunde liegen. So ist der Europäische Landegel (Xerobdella lecomptei), eine kälteliebende und ohnehin seltene Art aus der Gruppe der Ringelwürmer, in seinem ursprünglichen Lebensraum kaum mehr anzutreffen. Die Klimaerwärmung brachte gemäß Kutscheras Forschungserkenntnissen aber auch einen Vertreter einer ganz anderen Tiergruppe an den Rand des Aussterbens. Der kalifornische Baumsalamander (Aneides lugubris) wird nämlich zunehmend seltener, da die zu seiner Brutpflege benötigten feuchten Baumhöhlen aufgrund anhaltender Trockenheit kaum mehr zur Verfügung stehen.

Der Autor legt einen Zusammenhang mit modernen Aussterbeereignissen und der Technologisierung des Menschen nahe. Insbesondere das Treibhausgas Kohlendioxid, das seit Jahrzehnten in großer Menge, zum Beispiel durch die Automobilindustrie, ausgeschieden wird, habe eine erhebliche Mitschuld an der globalen Klimaerwärmung. Der Zusammenhang wird jedoch mit keinem Wort nachvollziehbar begründet. Der Leser muss sich also mit einer Behauptung zufrieden geben. Der Begriff des katastrophenartigen Massenaussterbens von Arten kann übrigens auf den französischen Naturforscher Georges Cuvier (1769-1832) zurückgeführt werden, der anhand wechselnder Artenzusammensetzungen in Sedimentschichten Katastrophentheorien aufstellte. Kutschera stellt uns nun eine weitere Aussterbe-Katastrophe in Aussicht, die womöglich allein durch den Homo sapiens verschuldet wäre. Aufgrund ihrer extremen Anpassungsfähigkeit sei dann zu erwarten, dass fast ausschließlich Bakterien unbeschadet aus einem solchen Szenario hervorgingen.

Schon jetzt, so berichtet der Anthropologe Volker Sommer, seien nicht nur Avertebraten und urtümliche Wirbeltiere, sondern auch verschiedenste Affenarten ernsthaft in ihrem Fortbestehen bedroht,  also des Menschen nächste Verwandtschaft. Wilderei, aber vor allem auch die Nutzbarmachung vormals naturbelassener Landschaften, lassen den Lebensraum der Affen-Arten zunehmend schrumpfen. In der Folge werden wohl ganze Primatengruppen die Zukunft unseres Planeten nicht mehr erleben können.

Doch das Buch hegt den Anspruch, nicht nur düstere Prognosen für die Zukunft unserer Umwelt zu stellen und die Definition eines neuen Zeitalters zu diskutieren. Es geht auch um die Frage, wie der Mensch seiner besonderen Verantwortung gegenüber der Welt, in der er lebt, gerecht werden kann und sollte. So befasst sich die Wissenschaftlerin Ute Eser mit dem Konflikt zwischen Humanität und Natur. Die Forscherin, die einen Tätigkeitsschwerpunkt auf den Bereich der Umweltethik legt, wendet die Frage „guten und richtigen Handelns unter gegebenen Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten…auf die Haltungen von Personen und Institutionen“ (Definition der Ethik nach Mieth 1995) auf den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt an. Sie betont, dass es eine unzulässige Vereinfachung sei, in der Existenz einer ständig anwachsenden Weltbevölkerung, nichts anderes als eine „Krankheit“, vergleichbar einem „Krebsgeschwür“, zu sehen. Stattdessen sei ein „inklusives Verständnis von Menschsein“ notwendig, das die Spannung zwischen den Polen aushalten solle, „statt sie einseitig zugunsten einer Seite aufzulösen“. So gehe es nicht darum, ein negatives Menschenbild aufrecht zu erhalten, sondern die Vor- und Nachteile aus der Nutzung der Natur weltweit gerechter an die gesamte Weltbevölkerung zu verteilen und dabei eine emotionale Naturverbundenheit zu entwickeln.

Ethische Aspekte verfolgen auch die Theologen Markus Vogt, Wolfgang Schürger und Hans Jürgen Münk. Vogt betont den Begriff der Humanökologie, der zufolge die Beziehungen des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt einerseits und zu seiner kulturellen Umwelt andererseits konsequenter miteinander zu verknüpfen seien. Schürger prägt den Begriff der „Mitgeschöpflichkeit“ und appeliert für mehr Respekt anderen Arten gegenüber. Der Schweizer Münk leitet den Begriff der „Würde der Kreatur“ als Rechtsbegriff aus dessen Geschichte als Bestandteil der schweizerischen Bundesverfassung her. Der Terminus wurde 1992 im Zusammenhang mit den Fortschritten der Gentechnologie und der Reproduktionsmedizin via Volksentscheid in einen neuen Verfassungsartikel aufgenommen. Juristisch wird die „Kreatur“ jedoch nur auf die belebte Umwelt bezogen. Daher empfiehlt der Autor die künftige Einbindung von einer „Würde der Natur“. Die formal-juristischen Ausführungen werden anschließend auch theologisch kommentiert. Dabei möchte Münk klar abgegrenzt wissen, welchen Lebewesen überhaupt Würde zukommen könne. Zu berücksichtigen sei zwar, dass in Gen1,26-28 dem Menschen immerhin eine Sonderstellung eingeräumt werde. Dessen Gemeinsamkeit mit der belebten und unbelebten Natur liege aber immerhin „im Bezug zum gleichen Schöpfer, im Merkmal der Mitgeschöpflichkeit“.

Die theologisch motivierten Kapitel lesen sich aus Sicht eines Naturwissenschaftlers und Humanisten furchtbar, und ich möchte sie daher erst gar nicht zur Lektüre empfehlen. Das Gedankengut der göttlichen Schöpfung, also der Kreationismus, hat in der Moderne, einer aufgeklärten Zeit, schlicht keinen Platz. Weder Bibelworte noch Begriffe wie „Mitgeschöpflichkeit“ sind geeignet, den sachlichen und sehr konkreten Konflikt des Menschen mit seiner Umwelt zu lösen. Eine hoffentlich rosige Zukunft auf der Erde erfordert hingegen Wissen, technologischen Fortschritt und freies Denken. Der christlich motivierte Kreationismus hingegen fördert Unwissen und eine naive und unkritische Glaubensbereitschaft. Wohin auch immer sich die Kirche mit missionarischem Eifer in den vergangenen Jahrhunderten ausgebreitet hat, brachte sie schlimme durch den Menschen verursachte Umwelt-Katastrophen sowie unerträgliches menschliches Leid hervor. Ich will der Theologie daher die Fähigkeit einer konstruktiven Mitgestaltung unserer bedrohten Zukunft rigoros absprechen.

Viel interessanter ist doch die seriöse wissenschaftliche Diskussion, die beispielsweise die Frage aufwirft, inwieweit wir technisch überhaupt imstande sind, die zunehmende Erderwärmung einzudämmen. Welche Möglichkeiten hierzu werden diskutiert? Und ist es sinnvoll, von ihnen überhaupt Gebrauch zu machen? Der Autor, Claudio Caviezel ist Mitarbeiter im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag und stellt aktuelle Konzepte eines Climate Engineerings vor. Zur Diskussion stehen demnach derzeit zwei Verfahren, um die zunehmende Klimaerwärmung künstlich abmildern zu können. Das Carbon-Dioxide-Removal (CDR) legt es darauf an, erhöhte Konzentrationen an CO2 „aus der Atmosphäre zu entfernen“. Eine Reduktion der eintreffenden Sonneneinstrahlung versprechen zudem die Verfahren des Radiation-Managements (RM).

Beide Verfahren sind derzeit noch nicht einsatzbereit und werden zunächst in Form von Computersimulationen getestet. Dabei wurden jedoch auch drohende Nebenwirkungen ersichtlich, die mitunter schwerwiegende ökologische Schädigungen zur Folge haben können. Aber auch drohende gesellschaftliche Konflikte lässt der Autor nicht unberücksichtigt. Verschiedene CDR-Ansätze existieren, am häufigsten jedoch wird die Möglichkeit diskutiert, die Ozeane mit Nährstoffen zu düngen, um die Biomasse an Algen erheblich zu erhöhen, die dann CO2 aus der Atmosphäre in beträchtlicher Weise binden könnten. Naheliegend ist allerdings die gut begründete Befürchtung, dass der künstlich hervorgerufene Erfolg bestimmter Arten den Misserfolg anderer Arten mit sich führen würde. Doch auch die Verbringung von Schwefelpartikeln in höhere Atmosphären-Schichten (eine Version des RM) führt zwar eventuell zu einer so starken Rückreflektion der Sonneneinstrahlung, dass die Erdoberfläche vor einer Überhitzung geschützt würde, jedoch wäre der Effekt nicht selektiv einsetzbar und könnte daher zu weitreichen klimatischen Veränderungen auf globaler Ebene führen. Außerdem hätte ein plötzliches Aussetzen der Technologie einen abrupten Klimaanstieg zur Folge, und zwar mit praktisch unkontrollierbaren Konsequenzen.

Doch auch negative geopolitische Konsequenzen beschäftigen den Autoren, denn das Climate-Engineering ermögliche es nur „potenten“ Staaten, dem Problem des Klimawandels entgegen zu arbeiten. Dabei seien sie nicht „auf die Kooperation mit oder die Zustimmung von anderen Staaten angewiesen. „Ein fundamentaler Gegensatz zur bisherigen Klimapolitik“, der zufolge nämlich in der globalen Gemeinschaftlichkeit die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren sei.

Interessant ist zudem, dass die Thematik des Climate Engineering in der politischen und medialen Landschaft noch kaum bekannt ist, weswegen die differenzierte Einführung in diese neue Forschungsdisziplin durch den Autor Caviezel aus meiner Sicht wichtig für konstruktive Diskussionen um die globale Klimaerwärmung sein kann.

Der Erhalt einer stabilen Umwelt hängt natürlich auch von der Frage ab, wie viel Lebensraum künftig anderen Arten überlassen werden sollte, bzw. wie viel Platz wir selbst benötigen und einnehmen dürfen, ohne Klima und Artenvielfalt nachhaltig zu schädigen. Dieser Thematik nimmt sich Christina von Haaren an, deren Forschungsschwerpunkte unter anderem Umweltethik und Naturschutzkommunikation sind. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Naturwissenschaften keine ausreichenden und daher verbindlichen Normen, insbesondere im Hinblick auf unsere Zukunft, liefern können. Daher würden gesellschaftliche Normen benötigt, die durch Volksvertreter in Form von Gesetzen zu verankern seien. Diese sind der Autorin zufolge so zu formulieren und zu begründen, dass sie für jeden Bürger „im Prinzip nachvollziehbar“ seien, „auch wenn die persönlichen Interessen im konkreten Fall konträr sein mögen“.

Kurz kommt sie sogar auf die Bedeutung der Religionen für den Umweltschutz zu sprechen. So schreibt von Haaren, es sei hilfreich, dass der Papst in seiner letzten Enzyklika von 2015 deutlich zum Umweltschutz aufrufe. Sie schlussfolgert aber: „Grundsätzlich müssen jedoch religiöse Begründungen nicht für alle Mitglieder unserer Gesellschaft im Prinzip nachvollziehbar sein“.

Abgesehen von seinem unverhältnismäßig starken Schwerpunkt in den Bereichen der Theologie, der immerhin gleich drei Kapitel füllt, ist das Buch „Die Welt im Anthropozän“ auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und befasst sich in kontroverser Diskussion und aus den Blickwinkeln ganz verschiedener Wissenschaftsdisziplinen mit nichts Geringerem als unserer Zukunft auf der Erde. Die Lektüre bildet, ist gut verständlich und daher empfehlenswert.

 

 

 

 

Gottesglaube und Wissenschaft? Neue Formen des Kreationismus bedrohen die Bildung in Deutschland!

Welcher Zoologe hat sich jemals mit der wichtigen Frage auseinandergesetzt, ob Tiere ebenso wie der verstorbene Mensch Zugang zum ewigen Himmelreich erhalten können? Keiner? Ein Versäumnis! Obwohl man als Naturwissenschaftler natürlich gute Argumente vorbringen kann, die den nicht gedachten Gedanken plausibel erklären: Denn der aufgeklärte Biologe tut sich auch mit dem göttlichen Paradies für verstorbene Menschenseelen schwer. Wissenschaftler sind es nämlich gewohnt, zu verstehen, zu argumentieren und begründete Thesen auszuformulieren. Eine begründete These zur Existenz eines himmlischen Paradieses lässt sich jedoch nicht aufstellen. Es existieren nämlich nicht die geringsten Indizien für die Wahrhaftigkeit einer Seele, geschweige denn für die Realität eines göttlichen Ortes, der durch Seelen bevölkert wird.

Also ist es ausgemachter Humbug, sich als Zoologe wissenschaftlich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob Hundeseelen in den Himmel kommen. Oder nicht?

Nun, als ich im vorletzten Jahrzehnt mein Biologie-Studium in Berlin aufnahm, ging ich fest davon aus, mich in eine Welt des Wissens und der Beweise zu begeben. Das war damals auch der tatsächliche Stand der Dinge. Wundergläubige Zoologen, die öffentlich Gottes Schöpfung lehren, hätten uns Studenten demonstrierend auf die Straßen getrieben. Denn wir alle folgten dem Gedanken der Aufklärung. Scharlatanerie, das Verbreiten frei erfundener Wundergeschichten unter dem Deckmantel der Naturwissenschaften, das hätte uns alle in höchstem Maße empört.

Heute sieht das in weiten Kreisen der Biologie anders aus. Ein privates Institut, das sich selbst als Forschungsinstitut bezeichnet, und von einem katholischen Priester geleitet wird, der einst zusätzlich in Zoologie promoviert hat, kann heutzutage nahezu ungebremst über das Himmelreich für Hunde und den 5. Schöpfungstag in namhaften Printmedien fabulieren.

Eine Zeit, in der die organismische Biologie in Deutschland zurückgedrängt wird, in der niemand mehr Forschungsgelder in morphologische Artbeschreibungen, Verhaltensstudien und die Erforschung ökologischer Zusammenhänge investiert, in der vorwiegend Studien auf molekularem Niveau förderwürdig erscheinen,  ist der klare Gedanke auch in den Köpfen vieler Biologen verloren gegangen. Man argumentiert mit DNA-Sequenzen, einer Aneinanderreihung von Buchstaben also, ist häufig so einseitig gebildet, dass man einen Käfer nicht mehr von einer Schabe unterscheiden kann. Systematik ist zu einer Blackbox verkommen, in der einem Organismus keine anderen Aspekte mehr abgewonnen werden können als die, die das Genom bereithält. Für viele jüngere Biologen von heute sind Organismen amorphe Säcke, die alle gleich aussehen, jedoch unterschiedliche Buchstabenabfolgen beinhalten.

Moderne Biologen in Deutschland verfügen über keine Artenkenntnisse mehr, wissen nichts über die Lebensweise ihrer Organismen, interessieren sich auch nicht dafür. Phylogenetische Stammbäume sind verkommen zu bloßen statistischen Verzweigungsmustern, die Verwandtschaftsverhältnisse aufzeigen. Warum das Verzweigungsmuster dichotom ist, was die jeweiligen Linien bedeuten, was eine Ahnenlinie und was eine Stammlinie ist, welche Bedeutung die Stammart hat und was Apomorphien und Plesiomorphien sind, das weiß man nicht mehr, es scheint auch nicht mehr von Interesse zu sein. Dass phylogenetische Stammbäume in den 1950er Jahren eingeführt wurden, um die Evolution der Organismen nachvollziehbar werden zu lassen, hat man längst vergessen. Vorträge, die die Entwicklung der Vögel aus den Dinosauriern heraus an einem begründeten Kladogramm vorführen, findet man nicht mehr, der Ansatz gilt als gestrig.

Moderne Evolutionsbiologen argumentieren nicht mehr mit Stammbäumen als gut begründeten  Hypothesen für die schrittweise Evolution von Merkmalen, die geeignet sind, die Evolutionsgeschichte anhand konkreter Organismengruppen nachzuweisen. Sie konzentrieren sich stattdessen vorwiegend auf das Vortragen der evolutionsbiologischen Grundphänomene. In Vorträgen heißt es dann: So funktioniert die Evolution grundsätzlich. Und weil sie so funktioniert, müssen wir schlussfolgern, dass alle Organismen nach diesem Prinzip evolviert sind. Alles klar?

Äh, nein. Nichts ist klar. Wie sind die Vögel aus Dinosauriern evolviert? Sind sie überhaupt aus den Dinosauriern heraus entstanden? Diese Fragen bleiben offen. Der Nachweis für die Evolutionsgeschichte der Organismen bleibt offen. Und wer die Evolutionsgeschichte nicht klar vertreten kann, nicht vor anderen und nicht vor sich selbst, der öffnet dem Kreationismus die Tore!

Die Evolutionsbiologie ist zu einer Wissenschaft verkommen, die ausschließlich für Insider halbwegs nachvollziehbar ist. Eine Nischen-Wissenschaft, voller wirrer Gedanken, in denen die Abfolge eintöniger Basenpaarungen, durch Buchstabenkombinationen dargestellt, alles und nichts erklären kann. Evolutionsbiologen, die ihre eigene Forschung nur im Rahmen einer Blackbox mit abstraktem Vokabular verstehen können, vermögen niemanden mehr vom ursprünglich klaren, argumentativen Gedanken der Evolutionsbiologie zu überzeugen. Nicht andere und auch nicht sich selbst.

Sie sind daher die Schwachstelle, die der moderne Kreationismus sich zunutze macht. Wenn Systematiker und sogar Evolutionsbiologen nicht mehr klar denken können, warum dann nicht gleich die Spiritualität wieder einführen? Gensequenzen hin oder her. Widersprechen sie denn klar nachvollziehbar der biblischen Schöpfungsgeschichte? Vielleicht ja nicht? Welcher der modernen Fachidioten, die sich heutzutage in Deutschland als Biologen bezeichnen dürfen, vermag das schon zu sagen?

Darum stört sich auch keiner an jener perfiden Innovation aus Münster, schleichend und zunächst unauffällig eingeführt durch die katholische Kirche, mit dem Ziel, die kirchliche Lehre wieder als vollwertige Alternative zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen anzubieten. Und wer ist dafür besser geeignet als der Theologe Dr. Rainer Hagencord, der nicht nur katholischer Priester, sondern zudem auch promovierter Zoologe ist? Ein knallharter Naturwissenschaftler also, der zudem das Wort Gottes predigt? Nun, ob die Dissertation mit dem Titel „Das Tier: Eine Herausforderung für die christliche Anthropologie. Theologische und verhaltensbiologische Argumente für einen Perspektivenwechsel“  als knallharte wissenschaftliche Leistung gewertet werden kann, halte ich für mehr als fraglich. Die meisten kompetenten Betreuer der älteren Schule hätten die Annahme einer spirituellen Fragestellung in einer naturwissenschaftlichen Disziplin schlicht verweigert. Und doch fand Herr Hagencord einen Betreuer, weswegen er sich völlig legal als promovierten Naturwissenschaftler bezeichnen darf.

Wenn ein promovierter Naturwissenschaftler über die Schöpfung spricht und die Dackel und Schäferhunde dieser Nation von einem friedlichen Hundehimmel träumen lässt, muss doch da was dran sein, an diesen Wundergeschichten. Schließlich werden sie immerhin durch einen Wissenschaftler vorgetragen.

Zwar spricht nach wie vor kein klares Argument für die Existenz eines biblischen Gottes, auch nicht für eine himmlische Erlösung oder einen Schöpfungsakt in wenigen Tagen.  Doch da moderne Systematiker und Evolutionsbiologen vor lauter Fachidiotie ebenfalls keine klaren Argumente mehr vorzubringen wissen, also argumentativ nichts  gegen ein angebliches göttliches Wirken einwenden können, begegnet man sich also heutzutage auf Augenhöhe mit den Verkündern spiritueller Zauberwelten.

Daher wird der Kreationismus in Deutschland zunehmend an Einfluss gewinnen, ein Phänomen, das ich mir noch vor 10 Jahren niemals hätte vorstellen können. Nur noch Wenige haben das Potential und die Kraft, sich zur Wehr zu setzen. Denjenigen gilt mein Aufruf: Lasst es im Namen der Aufklärung und unserer wertvollen Bildung nicht zu!

Lasst Euch nicht täuschen durch den Tarnmantel des Tierschutzes. Dies ist nicht, was das Institut für Theologische Zoologie in Münster tatsächlich antreibt. Lasst Euch auch nicht durch den prominenten Namen der Schirmherrin in die Irre führen. Noch vor Jahren schimpfte Jane Goodall in einem Fernsehinterview über ihre verstorbene Kollegin Dian Fossey. Zum Berggorilla sei sie mutiert und habe während einer Vortragsveranstaltung hinter den Kulissen einen Wutanfall erlitten und dabei gebrüllt wie ein gestandener Silberrücken.

Schaut Euch das Video an, das die Rede Jane Goodalls zur Eröffnung der Theologischen Zoologie in Münster zeigt. Da blökt sie plötzlich aus heiterem Himmel die Zuhörer an, denn sie glaubt allen Ernstes, im Verlaufe ihrer Arbeit die Sprache der Schimpansen erlernt zu haben. Wer sich als vermeintlicher Primatenforscher auf das intellektuelle Niveau von Schimpansen begibt, ist in der Konsequenz selbstverständlich für allen spirituellen Quatsch zu haben.

Louisiana, New Orleans und der Bible Belt

Wer aus dem Landesinnere Louisianas bis an die Südspitze nach New Orleans gelangen will, benötigt ein Auto. Das Bahnnetz ist nicht ausgebaut, und die Busse benötigen eine halbe Ewigkeit.

Überhaupt ist Louisiana ein typischer US-Bundesstaat, in dem das Auto eines der wichtigsten und am häufigsten genutzten Besitztümer der Menschen ist. Wer läuft, ist verdächtig, verdächtig, ein Krimineller oder sogar ein Obdachloser zu sein.

Ersterer hätte in einem Land mit harter Justiz, in dem sogar die Todesstrafe verhängt werden kann, schlechte Karten, letzterer hingegen könnte auf Unterstützung und Wohlwollen derjenigen hoffen, die im sozialen Gefüge besser situiert sind. Zwar wird man in Louisiana nicht gerne an Missstände und gesellschaftliche Probleme erinnert (es gilt das Prinzip des Wegschauens ), da jedoch das Sozialsystem der USA verglichen mit dem  Deutschlands oder auch Frankreichs als rückständig gilt, zeigt zumindest der US-amerikanische Mittelstand gerne die Bereitschaft, durch Mitfahrangebote mit dem Auto oder Essens-Angebote auszuhelfen.

So wurde ich während meines dreimonatigen Aufenthaltes gleich mehrfach, jeweils trotz  meines freundlichen Protestes,  in ein fremdes Auto hinein komplimentiert, um abends bei strömendem Tropen- Regen die halbstündige Strecke vom Kaufmarkt zurück zu meinem rustikalen Holz-Apartment nicht als Fußgänger zurücklegen zu müssen. Denn auf ein Leihauto hatte ich meist verzichtet, aus finanziellem Kalkül und, um die wunderschöne Natur nicht von einem Autofenster aus bewundern zu müssen.

Mein hauptsächlicher Aufenthaltsort in Louisiana war, wie der Leser sicher bereits vermutet, eben nicht New Orleans, sondern im Landesinneren gelegen, unweit von Alexandria, um genau zu sein am ländlichen Rande der Kleinstadt Pineville, die von ungewöhnlich konservativer Religiosität geprägt ist. So hatte Pineville im Alleingang ein generelles Alkoholverkaufsverbot eingeführt, dass Berichten zufolge erst Anfang 2014 gelockert wurde. Die leeren Bierdosen, die sich dennoch überall am Straßenrand fanden,  stammten aus dem benachbarten Alexandria, das durch eine Brücke über den Red River mit Pineville in Verbindung steht. Hier gabt es ausnahmsweise einen recht regen Fußgängerverkehr.

Bild

Red River Brücke (Copyrights Stefan F. Wirth)

Tagsüber und bei Sonnenschein hielten die Autos eher nicht an, um mich als einsamen Fußgänger irgendwohin mitnehmen zu wollen. Denn zu dieser Tageszeit wurde ich bevorzugt als dubioser Landstreicher wahrgenommen, der scheinbar unmotiviert in den Wäldern,  auf den Wiesen und entlang der Straßen herumstreunte, gelegentlich innehielt und wie unter Drogeneinwirkung den Boden unter sich anstarrte, um anschließend mit Stöcken darin herumzustochern. Wie sollten die Beobachter auch erahnen, dass ich als Milbenforscher die Nester der roten Feuerameise Solenopsis invicta öffnete, um an die geflügelten Jungköniginnen zu gelangen, die unter bestimmten klimatischen Bedingungen dort auf ihren Hochzeitsflug warteten. Denn die Milbenart, die an diesen Kopulations-Manövern in luftiger Höhe regelmäßig, sozusagen als blinder Passagier, teilnahm, war das Ziel meiner Forschungsaktivitäten. Meine etwa ein halbes Jahr später und mit einem amerikanischen Kollegen zusammen publizierte Artbeschreibung gab dieser Milbe als neuer Art erstmals einen wissenschaftlichen Namen.

Als ich einmal an einem klaren schönen Sommertag, es war flirrend heiß, die hohe Luftfeuchtigkeit ließ mir warme Schweißperlen auf der Stirn entstehen, auf einer kleinen Brücke stand und auf die bunte Vegetation hinabblickte, war mir das Polizeiauto mit der Aufschrift „Sheriff“ erst aufgefallen, als es sich in betont langsamer Geschwindigkeit hinter meinem Rücken vorbei schob. Die Brücke war eng und bot im Grunde nur Platz für die passierenden Fahrzeuge. Fußgänger hingegen sind bis heute auf den Brücken der Region nicht berücksichtigt. Offenbar nur für Notfälle im Zusammenhang mit Autopannen ist ein erhobener und  etwa fünfzig Zentimeter breiter Gehsteig vorhanden, auf dem ich gerade mit Mühe das Gleichgewicht hielt, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die kleine kompakte Digitalkamera in der Hosentasche auf Bereitschaft, die Augen mit aufmerksamem Interesse in das blühende und vor Insektengeschwirr wimmelnde Grün unter mir gerichtet.

Die neugierigen und verständnislosen Augen der beiden Polizisten in dem Auto, das der Behörde des Sheriffs gehörte, spürte ich im Rücken, ohne mich umdrehen zu müssen. Mit einem kurzen Blick zur linken Seite konnte ich erkennen, dass das Gefährt jenseits der Brücke am Straßenrand stehengeblieben war, von wo aus man mich offenbar weiterhin beobachtete. Ein unbehagliches Gefühl, das mich jedoch nicht daran hinderte, meine Zigarette in Ruhe aufzurauchen. Einige Minuten später hatte ich das Sheriff-Auto zu Fuß erreicht und erkundigte mich höflich nach dem Grund der freundlichen Aufmerksamkeit, worauf man mir ebenso höflich entgegnete, man habe befürchtet, dass ich mit suizidaler Absicht womöglich habe springen wollen.

Ich bedankte mich kurz angebunden und Kopf schüttelnd und wusste sofort, dass die Beamten nicht zugeben wollten, mich nur unter Beobachtung gestellt zu haben, weil ich am hellichten Tage auf zwei Beinen unterwegs gewesen war. Zumindest hoffte ich, dass diese Interpretation der Wahrheit entspräche, konnte ich mir doch nicht vorstellen, dass US-Polizisten tatenlos einen Selbstmord beobachten würden. Ohnehin handelte es sich um die niedrigste Brücke weit und breit, die für einen Suizid nicht hätte ungeeigneter sein können.

Das banale Ereignis führte dazu, dass mich mein Weg künftig nicht mehr über diese Brücke, sondern neben ihr vorbei führte, was ein wesentlich intensiveres Naturerleben  zur Folge hatte. Das eigentliche Feuchtgebiet um das niedrige Rinnsal herum, das ich mit Leichtigkeit überspringen konnte, war mit dichtem Gestrüpp umwachsen, blieb jedoch eng begrenzt und ging mehr oder weniger abrupt an beiden Seiten der Brücke in Sandhänge mit Trockenvegetation über. Wie für die Region üblich hat der Sand, der an den Hängen teilweise feucht bleibt, eine rötliche Färbung, durch eisenhaltige Einlagerungen hervorgerufen. Krötenwinzlinge, gerade ihrer Metamorphose entsprungen, hüpften um diese Jahreszeit vor meinen Füßen umher, während der vollkommen trockene und lockere Sand  direkt unter der niedrigen Fahrbahn ein symmetrisches Muster kleiner Krater aufwies, an deren Basis die Larven der Ameisenjungfern mit giftigen Mandibeln auf Beute lauerten. Ich gewöhnte mir an, mich gelegentlich zu ihnen zu gesellen, um im Schatten ein wenig abzukühlen und den Geräuschen der Autos auf der Straße über mir zu lauschen, ein beruhigendes dumpfes, mehrstimmiges Rauschen, das unregelmäßig an- und abschwoll.

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Die kleine Brücke von unten gesehen (Copyrights Stefan F. Wirth)

Mein Weg führte mich häufig an jener Brücke vorbei, und es wurde mir zur Angewohnheit, unter ihr zu verweilen, kleine Insekten in die Fallen der Ameisenlöwen purzeln zu sehen, dem Gesang der Frösche zuzuhören und die bunten Tagfalter zu beobachten, die um die Blüten der Büsche herum tanzten. Eigentlich war es ein kleiner, unscheinbarer Ort, der den meisten Menschen nicht weiter aufgefallen wäre. Doch mir war er zunehmend zu einem inspirierenden Mini-Paradies geworden, an das ich mich noch lange erinnern wollte. Daher zeigen zahlreihe Fotoaufnahmen eine leicht marode, eher unscheinbare kleine Brücke aus allen denkbaren Perspektiven. Doch war es mir darüberhinaus wichtig, dass dieses Natur-Idyll auch eine Erinnerung an mich behalten sollte, weswegen ich mich mit einem meiner Schlüssel irgendwo im Beton mit Namen und Datum verewigte.

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Brücke als Natur-Idyll (Copyrights Stefan F. Wirth)

Rassismus, Weiß gegen Schwarz, ist in Louisiana leider kein Thema von gestern, zumindest nicht auf dem Lande und in den Kleinstädten. Die Ortschaften, in denen Farbige meist in unübersehbarer Armut leben, werden als „No-Go-Areas“ für Touristen und sonstige Reisende ausgewiesen. Der Besucher empfindet dies zurecht als Attacke gegen alle modernen gesellschaftlichen Werte. Und doch verbirgt sich offenbar ein Teufelskreis dahinter, der für alle Beteiligten schwer zu durchbrechen ist. Es gäbe durchaus eine gegenseitige Separation beider Seiten voneinander, zumindest heutzutage, berichtete mir eine ungewöhnlich gesprächige Frau, der ich beim Einkauf im Supermarkt begegnete und die mich durch ihren Mitteilungsdrang mindestens fünfundvierzig Minuten zwischen Pasta und Salzbrezeln festhielt. Das Gespräch vermittelte mir zwar kein wirkliches Verständnis der vorherrschenden, unterschwellig überall bemerkbaren Rassendiskriminierung,  erklärte aber immerhin die Wahrnehmung der Einheimischen bezüglich dieses unsympathischen gesellschaftlichen Phänomens.

Ich jedoch, dem Charakter nach immun gegen Massentrends seiend, missachtete den „No-Go“-Hinweis und fuhr mit einem Leihwagen im Armenviertel Alexandrias vor.

Das Auto hatte ich nur für kurze Zeit,  für etwa drei bis vier Tage, ein schwarzer PKW, die Marke habe ich vergessen, auf jeden Fall zu auffällig für Alexandrias verbotene Zone. Doch dessen war ich mir damals aus Dummheit nicht hinreichend bewusst. Dass man den Weg über die Hauptstraße des Viertels bei zügiger Weiterfahrt bedenkenlos nehmen konnte, war mir nach einigen Tagen des Herumfahrens, um die Gegend zu erkunden, bekannt. An jenem Tage jedoch blitzte mir dort kurz vor Sonnenuntergang rot leuchtender Metallschrott entgegen, Regale, Gestelle, Autoteile und kleinere Container. So parkte ich spontan mein Fahrzeug auf einem dafür vorgesehenen markierten Bereich ab, nahm die Fotokamera unter den Arm und lief um den alten Schrott herum, der so lebendig in der Sonne funkelte, um zu fotografieren. Zig Bilder habe ich dort aufgenommen, manche Motive im Sekundenrhythmus gleich mehrfach abgelichtet, da sich die Lichtverhältnisse stetig geringfügig veränderten und ich im Nachhinein die schönste Version am Computer auszuwählen gedachte. Die großen Container ganz im Hintergrund habe ich auch fotografiert, doch sie waren mir die Mühe einer direkten Annäherung, um auch die Rückseiten betrachten zu können, nicht wert. Auffällig die Löcher inmitten des stark korrodierten Bleches, die nicht durch natürliche Zerfallsprozesse entstanden waren.

Das Schrottmaterial, tief rostrot verfärbt, wurde durch den roten Boden in seiner dynamischen Leuchtkraft zusätzlich verstärkt, inmitten der zunehmenden Düsternis des Abends. Es schien, als stünde ich inmitten einer schönen, jedoch lichterloh brennenden Landschaft.

Ich wähnte mich zunächst vollkommen alleine, doch in Wirklichkeit wurde ich beobachtet. Als ich mich umsah, war da etwas entfernt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehend, ein Mann. Um nicht noch mehr Aufmerksam auf mich zu ziehen, entschloss ich mich zum gemütlichen Rückzug. Wieder im Auto sitzend und fast abfahrtbereit klopfte es an das Fenster meiner Fahrerseite, das ich daraufhin mit Hilfe der Elektronik öffnete. Ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters, groß und kräftig gebaut, sprach mich sichtlich erregt an, warum ich hier parkte, ich hätte hier nichts verloren. Worauf ich entgegnete, meine Gründe hierfür seien vollkommen harmlos und freundlich, ich hätte nur einige Fotos machen wollen, was der Mann keineswegs als akzeptable Entschuldigung für meinen unerwünschten Aufenthalt durchgehen ließ. Er geriet zunehmend in Rage. Sollte ich es jemals erneut wagen, mein Auto hier zu parken und auszusteigen, würde er umgehend seine Pistole auf mich richten, „richten“ hat er gesagt, nicht „mich erschießen“, und doch erschien mir dies fast gleichbedeutend, insbesondere, da sich sein Gesicht immer weiter verkrampfte, er die Stirn in Zornesfalten zusammenpresste, hastig und deutlich hörbar durch den Mund atmend,  und er plötzlich geradezu hysterisch in seiner Jacke herumkramte.  Eine Situation, die mir niemals zuvor widerfahren war. Ich hatte Angst und spürte mein Adrenalin wie ein Feuerwerk durch meinen gesamten Körper schießen. Er suchte nach seiner Waffe;  was konnte ich tun? Mein Körper zitterte, auf meine Vernunft, überhaupt den gesamten vorderen Hirnlappen, hatte ich keinen Zugriff mehr. Ich reagierte daher instinktiv. Mein Überlebensinstinkt führte mich.  Hastig verschloss  ich ohne ein weiteres Wort das Fenster und fuhr zügig von dannen.

Wahrscheinlich hatte ich versehentlich auf privatem Grund geparkt, ein im Grunde unverzeihlicher Fehler. Wusste ich doch, dass in nicht wenigen Teilen der USA Privatgrundstücke durch Waffengewalt verteidigt werden dürfen.

Tage später betrachtete ich die Schrottplatz- Fotos auf meinem Laptop. Keines ist richtig gut geworden, jedenfalls nicht vom künstlerisch-ästhetischen Standpunkt aus gesehen. Doch die Container im Hintergrund, im Bild besser zu sehen als vor Ort, wirkten dennoch unerklärlich geheimnisvoll. Eine Bilderreihe zeigte immer wieder denselben Container mit unveränderter Perspektive. Allerdings erst bei zügigem Vor- und Zurückklicken der Aufnahmen wurde erkennbar, dass sich hinter den großen Öffnungen im Container etwas veränderte. So etwas wie ein Vorhang wanderte vor und zurück. Auf dem letzten Foto war jedoch gar kein Vorhang mehr zu sehen, stattdessen war da ein Gesicht, unscharf, etwas überbelichtet, doch eindeutig ein Menschenkopf. Jemand musste sich dort aufgehalten, womöglich versteckt haben, zumindest jedoch wird derjenige  meinen Besuch eher nicht als begrüßenswert empfunden haben. Die befremdliche Wut des alten Mannes an meinem Auto war so zudem vielleicht besser erklärbar geworden.  Eigentlich ist mir dieses Erlebnis peinlich, denn irgendwie hatte mich mein Leichtsinn an diesem Tage offenbar zum Porzellanladen-Elefanten werden lassen.

Als Wissenschaftler und Evolutionsbiologe interessierte ich mich dafür, wie die enge Verknüpfung der Lebensstrategien von Feuerameise und Milben wohl entstanden sein mochte. Eher ungewöhnliche Fragestellungen in dieser Region, denn Louisiana liegt mitten auf dem Bible Belt, der im Grunde alle Südstaaten der USA umfasst. Evangelikaler Protestantismus und das Wort der Bibel bestimmen beträchtliche Aspekte des Alltagslebens,  ist integraler Bestandteil im Selbstverständnis aller Ethnien vor Ort.  Die Religion verbindet auch Schwarz und Weiß, jedoch bevorzugt man häufig getrennte Kirchen. Die Vielfalt an Freizeitbeschäftigungen ist in den ländlichen Regionen eher begrenzt und kann oft eingeschränkt werden auf Fischen, Jagen und soziales Engagement. Letzteres meint fast immer kirchliche Tätigkeiten, die ehrenamtlich ausgeführt werden. Das Wort „Evolution“ hört man nicht gerne, denn zumeist ist die biblische Schöpfungsgeschichte  fest verwurzelt in einer Logik,  die so im Grunde alles erklären kann, soziale Phänomene, ethnische und kulturelle Unterschiede, die Vielfalt des Lebens.

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Verbreitungsstadium der Milbe Histiostoma blomquisti (Copyrights Stefan F. Wirth)

Für Einheimische scheint es zwingend zu sein, einer Kirche anzugehören, üblich sind dabei verschiedene Versionen des Protestantismus, baptistisch, lutherisch oder anglikanisch. Notfalls sind auch nicht-konfessionelle oder über-konfessionelle Kirchengruppierungen erlaubt. Atheismus jedoch gilt als inakzeptabel exzentrisch.

Mein US-amerikanischer Kollege und Kooperationspartner vor Ort war damals bereits achtzig Jahre alt, kam ursprünglich nicht aus dem Süden und galt durchaus als komischer Kauz, vor allem sicherlich, weil er sich hartnäckig weigerte, trotz langjährigen Ruhestandes auf die tägliche Forschungsarbeit zu verzichten. Er war derjenige, der mich zum ersten Mal überhaupt darauf hingewiesen hatte, dass  es den Bibel-Gürtel gibt. Kreationismus, der wörtliche Glaube an die Schöpfung Gottes, wird hier von vielen Menschen erschreckend wörtlich genommen. Wenn im ersten Buch Mose (2,4b-3,24) steht: „Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute…„, so wird das tatsächlich Wort für Wort als Tatsachenbericht angenommen, sogar dann noch , wenn es im selben Abschnitt des Mose-Buches weiter heißt, Gott habe dem Menschen „den Odem des Lebens in seine Nase geblasen„. Wer an blasende Götter glauben möchte, nimmt allgemein vieles als gegeben hin, die Komplexität des Lebens muss nicht überdacht werden, gesellschaftliche Ordnungen werden kritiklos als gottgegeben akzeptiert. Wer auf die Bibel verweist, wenn er nach den Prinzipien des Lebens gefragt wird, benötigt keine differenzierten Gedankengänge. Kreationismus fördert fördert Unmündigkeit und Denkfaulheit.

Die Schlange kommt in der Bibel leider nicht gut weg. Steht sie doch für Unvollkommenheit, das Teuflische und die Hinterlist. Ihre Beliebtheit innerhalb des Bible Belts hält sich daher auch sehr in Grenzen. In Lousiana habe ich einige kennengelernt, die sich nur bei Regen und Kälte nach draußen wagen, denn dann haben sich die schlängelnden Reptilien in ihre Verstecke zurückgezogen. Eine hysterische Angst, so albern wie unbegründet. Nur zwei Arten gelten hier als giftig, ich habe überall nach ihnen gesucht, sie jedoch nirgends gefunden.

Sie sind selten, denn die Landschaft hier wird durch den Menschen recht stark manipuliert. Wilde Wiesen werden gemäht und Wälder durch Brandrodung kontrolliert. Das hält nicht nur die Schlangen fern, sondern auch die Alligatoren, die hier eigentlich überall sein müssten. Gewässer gibt es genug. Doch nur in den Swamps bei New Orleans kann man sie zahlreich entdecken. Doch wer will schon ein Krokodil im Swimmingpool? Nein, Schlangen und Krokodile will man hier lieber nicht. Ich hörte, dass Klapperschlangen erschlagen werden, wenn sie sich unkluger Weise zu nahe an die Behausungen heran schlängeln. Ob man auf Alligatoren schießt?

Andere Tiere entdeckte ich allerdings häufig, tot am Straßenrand, und ich muss gestehen, den ersten Kadaver, dr mir begegnete, für einen Alligatoren gehalten zu haben. Doch in Wirklichkeit handelte es sich um einen Säuger, ein Gürteltier, die man hier Armadillo nennt.  Leider sieht man sie niemals lebendig, denn sie sind streng nachtaktiv. Bizarre Tiere, scheinbar eine Mischung aus Schildkröte, Alligator, Igel und Saftkugler.

Das Wandern entlang der Straßen in Louisiana ist überhaupt sehr spannend, denn überfahrene oder sonst wie verendete Tiere werden nicht weggeräumt. So findet man auch Schlangen, Stinktiere, Schildkröten und Riesenheuschrecken. Vor allem jedoch Gürteltiere. Das Warum trieb mich an, weswegen ich umgehend meinen älteren Kollegen bezüglich der vielen Gürteltier-Kadaver konsultierte. Die Gürteltiere besäßen ein ganz besonderes Verhalten, so erläuterte er mir, sie hüpften bei Gefahr instinktiv in die Höhe, was eben auf der befahrenen Straße eine äußerst ungünstige Form der Problembewältigung sei. So stellten sie nämlich sicher, von jedem sich nähernden Auto tatsächlich auch getötet zu werden. Gürteltiere gebe es recht viele hier in Louisiana, Autos leider auch.

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Gürteltierkadaver am Straßenrand (Copyrights Stefan F. Wirth)

Es ist dies ein gewagter Themenwechsel, nach Berichten über verwesende Tierkadaver am Straßenrand auf kulinarische Genüsse zu sprechen zu kommen. Doch da wir ausgehend von lebenden Alligatoren in den Sümpfen von New Orleans rhetorisch geschickt überleiten konnten zu zerfetzten Gürteltier-Kadavern in Pineville, ist es nun dem Leser sicherlich gut nachvollziehbar, im Folgenden zu den Alligatoren zurückzufinden und uns diese quasi ebenfalls in zerteilter Erscheinungsweise vorzustellen, in dem Falle nicht breitgefahren auf einem Trottoir, sondern hübsch arrangiert auf dem Essgeschirr eines Feinschmeckerrestaurants. Am Beispiel frittierter Alligatorenfilets möchte ich an dieser Stelle nämlich verdeutlichen, dass die Kunst der Haute Cuisine nicht darin liegt, besonders exklusive Objekte aufzutischen, sondern darin, diese exklusiv zuzubereiten. In unserem Falle stehen diesem Prinzip leider die Bedürfnisse ländlich geprägter Gaumen entgegen, die offenbar nach einem starken Wiedererkennungseffekt verlangen und lieber auf Experimente verzichten. Das Risiko, ein neues Geschmackserlebnis als unangenehm zu empfinden, wird nämlich minimiert bei gleichzeitiger Reduzierung der Fremdartigkeit, die den Geschmackssensillen der Zunge zugemutet wird. Viel Panade und ranziges Fett lassen tatsächlich Auster, Alligatorenfilet, Kartoffelstreifen und Pilze geschmacklich eins werden. Die Bekömmlichkeit ist dem Fremden dabei keineswegs garantiert, jedoch meiner Erfahrung gemäß zumindest Gewöhnungssache.

Nun könnte man glauben, meinen Ausführungen entnehmen zu müssen, in Louisiana verstünde man nichts von guter Küche. Ganz so stimmt das jedoch nicht. Wenn man irgendwo auf der Welt hervorragend zubereiteten Flusskrebs speisen kann, dann vermutlich hier. Die hummerartigen Süßwasser-Crustaceen der Art Procambarus clarkii kommen hier nicht nur überall vor, sondern werden auch genauso regelmäßig und  in großer Zahl zum Verzehr angeboten, eine wahre Gaumenfreude, die vorangegangene und unangenehme Erlebnisse mit schmierigen Panade-Champions schnell in Vergessenheit geraten lässt. Es ist ein „must“ für Louisiana-Reisende, den „crayfish“ , wie die Tiere hier heißen, zu kosten.

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Flußkrebs in Pineville, Louisiana (Copyrights Stefan F. Wirth)

Wenn wir schon einmal bei landestypischen Speisen angelangt sind, ist die Frage nach dem Verbleib derjenigen Menschen, die sie vermutlich als erste überhaupt jemals gekostet haben, nicht abwegig. So erkundigte ich mich einmal voller Neugierde, was denn eigentlich aus den Indianern des Landes geworden sei, ob es Reservate gäbe und wo sich diese befänden. Doch zu meiner Überraschung wurde die Existenz von Indianern zunächst resolut verneint. Ungläubig und verwundert nahm ich sogleich die nächste Gelegenheit wahr, dies mithilfe der Internetrecherche zu überprüfen, die sofort Gegenteiliges zutage förderte. So sind zum Beispiel die Chitimacha aus der Sprachfamilie der Algonkin-Indianer vor allem im Bereich des Grand Lake in Reservationen angesiedelt worden, einer Region des Landes, die im übrigen ursprünglich einmal vollständig ihnen gehört hatte. Der zuvor Gefragte, nun mit meinen Google-Ergebnissen konfrontiert, winkte geringschätzig ab und entgegnete mir ein: “ Ach die…, ja die gibt es, … die wollen aber lieber unter sich sein…“.

Derselbe schwarz glänzende Leihwagen, der mich in Alexandria beinahe dem Lauf einer auf mein Gesicht gezielten Pistole ausgeliefert hätte, brachte mich nun wohlbehalten nach New Orleans, runter an den Golf von Mexiko, eine etwa dreistündige Autofahrt, vorbei an zurecht gestutzten und niedrig gemähten Waldrändern auf der einen und Sumpfgebieten mit Kleingewässern, wie an einer Perlenkette miteinander in Verbindung stehend, auf der anderen Seite. Die Stadt selbst ist von Wasser umgeben, weshalb mehrere Brücken passiert werden müssen, um schließlich in die „Wiege des Jazz“ gelangen zu können.

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Typisches Feuchtgebiet in Louisiana (Copyrights Stefan F. Wirth)

Man kann die berühmte Bourbon Street im French Quarter auch als Touristen-Meile bezeichnen, die dazu dient, den Reisenden davon abzuhalten, einen Blick auf andere Stadtteile zu werfen, die man dann als weniger attraktiv empfinden würde. Doch damit tut man der berühmten Straße und dem dazu gehörigen Viertel Unrecht.

Es war später Vormittag, die Sonne brannte über New Orleans, die Luft war feucht, alles Bunte funkelte im Tageslicht, es roch nach Menschen-Schweiß, wohlriechendem Körpergeruch, der pheromongeschwängert war, viele Schwarze Männer mit freien Oberkörpern auf der Straße, Gelächter und Stimmengewirr von allen Seiten. Die Bourbon Street köchelt vor Energie, Lebendigkeit, Erotik flirrt durch die Luft. Menschen saßen auf Terrassen in den oberen Stockwerken der Bars. Große Deckenventilatoren surrten über ihnen, während fröhliche Augen das Treiben auf den Straßen beobachteten. Der Geruch nach lebendigem Wasser, aber auch Fäulnis, Algen und toten Fischen drang vom nahegelegenen Mississippi herüber. Jazzige Töne raunten in allen Ecken, Live-Musik aus den benachbarten Gaststätten unter freiem Himmel.

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Alligator aus den Sümpfen bei New Orleans (Copyrights Stefan F. Wirth)

Ich erreichte einen Kunstmarkt, auf dem Malerei durch die Urheber ihrer Werke höchst selbst feilgeboten wurde. Ein durchaus hohes Niveau, die Künstler waren gesprächsbereit, und ich erfuhr, dass die meisten von ihnen auch in Galerien ausstellten, dort zum höheren Preis, versteht sich. Ich kaufte das dynamische und farbenprächtige Gemälde eines Saxophon-Spielers für etwa hundert Dollar, mehr, als mich mir eigentlich leisten konnte, doch ich liebe Kunst.

Irgendwo traf ich schließlich einen alten Mann, ein Schwarzer, ein beeindruckender Typ, ein Maler, doch sein Werk, das mir so gut gefiel, wollte er mir partout nicht verkaufen, Fragen dazu ignorierte er konsequent, lieber wollte er erzählen und fand in mir einen geduldigen und interessierten Zuhörer. Seine Erzählung war mindestens so lebendig wie seine Malerei, dabei erschien es mir unerheblich, ob seine schier unglaubliche Geschichte der Wahrheit entsprach oder ob er einfach ein begnadeter Märchenerzähler war. Er berichtete von seinen Erlebnissen während einer gewaltigen Naturkatastrophe, die vor vier Jahren die Region um New Orleans heimgesucht hatte, nämlich im August 2005 (der hier vorliegende Erlebnisbericht, bezieht sich demnach also auf eine Reise, die ich 2009 unternommen habe). Er lebte allein mit seinem Hund, einem größeren Mischling, in einem kleinen Holzhaus auf dem Lande, mit angrenzendem Garten und einigen Bäumen, das ganze auf einer gewissen Erhöhung stehend, einem Hügel vielleicht, als Hurrikan Katrina wie eine gnadenlose Furie das Land verwüstete und zahlreiche Bewohner tötete. Die verstörenden Fernsehbilder gingen um die Welt. Und aus dem Holzhaus mit dem Garten war eine Insel geworden. Nichts darauf hat größeren Schaden genommen, nicht das Eigenheim, nicht seine beiden Bewohner und auch nicht der Garten. Doch die gesamte Umgebung war nicht mehr. So blieb nur noch die Rettung per Helikopter, wusste man doch schließlich nicht, was noch kommen würde, außerdem war man vollständig von der Versorgung abgeschnitten. Die Rettung für den Maler erfolgte nach eigener Aussage auch prompt auf diesem Wege, jedoch musste der Hund zurückbleiben. Es dauerte Wochen, bis das Hochwasser zurückgegangen war. Als dann der Künstler, der die Zeit in New Orleans verbracht hatte, zurückkehrte, schon im Vorfeld trauernd um den vermutlich verstorbenen Vierbeiner, der ihm stets ein sehr treuer Begleiter gewesen war, befand dieser sich völlig unerwartet bei bester Gesundheit.

Eine andere Künstlerin, offenbar betucht, meinte hierzu, der alte Mann erzähle Lügengeschichten. Sie ließ es sich jedoch nicht nehmen, nun auch ihre eigenen Erfahrungen der Katastrophe kund zu tun. Mit schickem Haus und Swimmingpool wohnte sie direkt in New Orleans. Als in Folge des Hurrikans Strom- und Wasserversorgung versagten, hätten die Nachbarn, zuvor Unbekannte, plötzlich Schlange gestanden, um dringend benötigtes Trinkwasser ihrem Pool entnehmen zu können. Überall seien plötzlich Fremde gewesen, ihr Grundstück so faktisch zu einem öffentlichen Gebäude geworden. Wohlwollend habe sie alles an ihre Mitmenschen abgegeben, vor allem das Wasser. Ob die Bedürftigen allerdings dabei in ihrer Not gechlortes Wasser zu sich nehmen mussten, blieb indes offen.

Über den Sturm gibt es noch viele Geschichten mehr. Gerne erzählt man sie, insbesondere den Touristen, denn Katrina „sells“, könnte man sagen. Überall von Hand geschriebene Werbeschilder und dazu gehörige Souvenir-Shops.

Das berühmte Aquarium von New Orleans nahm sich von diesem Werbetrend keineswegs aus. Neu eröffnet, war es doch während des Hurrikans schwer beschädigt worden, lud es dazu ein, die wenigen inzwischen legendenumwobenen tierischen Überlebenden der Katastrophe in Augenschein zu nehmen, zum Beispiel den großen Albino-Alligator.

Ungeschönt hatte ich mir hingegen während meines vorherigen Aufenthaltes vor zwei Jahren ein Bild der Katastrophe machen können. Ein Kollege brachte mich zu einem Armenviertel, das vollständig zerstört worden war. 2007 standen dort die meisten Häuser leer, eine Geisterstadt, nur wenige Gebäude waren provisorisch repariert worden, Plastikfolien schützten dort die löchrigen Dächer vor Wassereinfall. Einmal hatte ich gegen den Rat meines Begleiters das Auto verlassen und kurz eines der Häuser betreten, war durch das völlig leerstehende und zudem ausgebrannte Gemäuer in den dahinter liegenden Garten gelangt und hatte dort einen leeren Grill vorgefunden, teilweise von Geröll beladen, daneben die Grillwerkzeuge, noch immer fein säuberlich angeordnet, noch immer vergeblich auf ihren Einsatz wartend. Die Momentaufnahme eines Unglücks. Die Wiese verwildert, das Gesumme der Bienen und das Geknarre der Heuschrecken in der Luft.

Im Grunde ist New Orleans eine moderne und tolerante Stadt. Die Hautfarben mischen sich, zumindest im French Quarter, und die europäischen Einflüsse sind überall spürbar (wer sich auskennt, findet hervorragende Restaurants. Ich empfehle dem Reisenden, die „Softshell Crab“ zu kosten. Man isst den zarten Panzer einfach mit). Minderheiten stellen eine Selbstverständlichkeit dar, und bereits am ersten Tage waren mir mehrere Mini-Gay-Paraden aufgefallen, die sich offenbar zu spontanen Kundgebungen zusammengefunden hatten. Überhaupt scheint die halbe Bourbon Street (der hintere Bereich) aus Gaybars zu bestehen. Als an meinem ersten Abend vor Ort, ich war in Feierlaune, plötzlich im unteren Areal der Ausgehmeile das Licht ausging, war weit und breit kein Lamentieren zu hören. Die Massen wanderten einfach Straße aufwärts und nahmen dort ihre Plätze ein, und zwar in den zahlreichen nebeneinander aufgereihten Schwulenbars, die als einzige noch über Strom verfügten, denn ein Brand weiter unten hatte einen zentralen Stromverteiler-Kasten beschädigt. Die Reparaturen dauerten die ganze Nacht über an. Die Feier-Stimmung unter allen Anwesenden, ob gay oder nicht, war dennoch prächtig. Gogo-Boys tanzen, auf den Tresen stehend, ausdauernd auf und ab, manche von ihnen schienen Drogen eingenommen zu haben.

New Orleans ist auch eine magische Stadt. Wie schon mit Katrina wird auch mit diesem Image geschäftstüchtig Geld umgesetzt. Überall bieten Voodoo-Läden feil, was sich der Reisende so unter Voodoo-Utensilien vorstellt.

Es ist die Stadt, in der Anne Rice noch vor einigen Jahre lebte und auch geboren worden war, in der ihre Vampirromane spielen. Sie schildert in ihren Werken all das, was der Reisende tatsächlich vorfindet, die Hitze, die Erotik, die Homosexualität, und Orte ihrer Erzählungen sind häufig die Gruften und gewaltigen Friedhöfe. Und die wirken, wenn man sie besucht, vor allem deshalb so wuchtig und beeindruckend, weil Erdgräber unüblich sind. Zu feucht ist der Boden, weswegen man die Verstorbenen stattdessen in Mausoleen bestattet. Zwischen ihnen hindurch zu laufen war, als befinde man sich in einer wahrhaftigen Stadt der Toten. Vereinzelt blühendes Gestrüpp zwischen ansonsten kahlem, oft rissigem Stein und Beton. Subtropische Schmetterlinge tanzten scheinbar bedächtig um die Totenhäuser.

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