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Tag: Ökologie

Arapaima gigas, einer der größten Süßwasserfische – doch was sind Fische eigentlich?

Sie sind beeindruckende Fische, nicht nur aufgrund ihrer Größe. Und doch kennen die meisten Menschen sie nur aus den Aquarienhäusern zoologischer Gärten. Arapaima gigas wird mindestens zwei Meter lang und erreicht in Ausnahmefällen sogar Längen von über drei Metern. Beheimatet ist die Art im Bereich des Amazonas-Beckens und ist in Peru, Brasilien und Guyana verbreitet.

 

Arapaima gigas, einer der größten bekannten Süßwasserfische aus dem Amazonas-Gebiet

 

Arapaima ist ein Räuber. Erwachsene Fische ernähren sich von anderen Fischen sowie Tieren in vergleichbarer Größe, wie zum Beispiel auch kleineren Säugern. Besonders auffällig sind die kräftig gestalteten großen Schuppen, die den Körper der Tiere umschließen. Sie dienen unter anderem als mechanischer Schutz gegen Angriffe durch Feinde. So können sie beispielsweise den Attacken der im selben Lebensraum beheimateten Piranhas, die zwar wesentlich kleiner sind, aber bekanntlich empfindliche Beißwerkzeuge besitzen, wirkungsvoll widerstehen. Das schützt Arapaima freilich nicht vor seinem größten Feind, dem Menschen. Er ist ein beliebter Speisefisch, der durch massenhafte Bejagung in seinem Bestand immer wieder gefährdet wird.

Arapaima gigas wird häufig als größter Süßwasserfisch der Welt bezeichnet. Dies basiert jedoch auf Übertreibungen. In Wahrheit befindet er sich in der Größenordnung des Europäischen Welses, dem größten europäischen Süßwasserfisch.

 

„Fische“ ist keine spezielle systematische Gruppierung

 

Ich verwendete bislang stets unkommentiert den Begriff „Fisch“. Was sind Fische eigentlich?Welche sogenannte Fische kennt man noch? Wie verhält es sich beispielsweise mit dem Bullenhai, der über drei Meter lang werden kann und neben marinen Habitaten auch im Süßwasser auftreten kann. Kann er als Gigant des Süßwassers mit dem Arapaima, dem Gigant aus dem Amazonas verglichen werden? Nach evolutionsbiologisch-systematischen (=phylogenetisch) Gesichtspunkten kann er das nicht. Der Begriff „Fisch“ bezeichnet nämlich keine spezielle, systematisch in sich geschlossene Gruppe. Stattdessen haben wir es mit einem deskriptiven Begriff zu tun, der alle Tiere umfasst, die in ihrer Gestalt ganz grundsätzlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Goldfisch aufweisen.

Wenn wir außer Acht lassen, dass auch „Tintenfische“ und „Walfische“ nach demselben Muster benannt wurden, die bekanntlich zu den Mollusken und Säugetieren gehören, weist die Fischgestalt zumindest in den meisten Fällen auf eine irgendwie gestaltete Verwandtschaft hin. Jedoch sind Haie und Arapaima dennoch nicht sonderlich nahe miteinander verwandt.

 

Arapaima gigas im Aquarium des Zoos Berlin, ein gigantischer Süßwasserfisch, der regelmäßig atmosphärische Luft an der Wasseroberfläche aufnehmen muss. Copyrights Stefan F. Wirth

 

Bei den „Fischen“ handelt es sich nämlich um eine sogenannte paraphyletische Gruppe. Das heißt, sie umschließt zwar eine ihnen allen gemeinsame Stammart, jedoch keineswegs alle dazu gehörigen Tochtergruppen. Dazu würden nämlich auch alle Landwirbeltiere gehören. Eine vergleichbare paraphyletische Gruppe stellen beispielsweise die „Reptilien“ dar, zu denen Eidechsen/Schlangen, Schildkröten, Krokodile und alle Dinosaurier gehören. Da die Vögel aus den Dinosauriern hervorgingen, jedoch nicht zu den „Reptilien“ gezählt werden, haben wir es unter dieser Bezeichnung wieder mit einer Stammart und nur einem Teil aller Tochtergruppen zu tun, die allerdings im Stammbaum der Tiere nebeneinander stehen und daher näher miteinander verwandt sind, so wie auch bei den „Fischen“.

Im Falle der „Fische“ (paraphyletische Gruppen werden häufig in Anführungszeichen gesetzt) verhält es sich so, dass die verschiedenen als Fische bezeichneten Gruppen neben nur ihnen eigenen Merkmalen auch unterschiedliche Merkmale aufweisen, die auf eine Ahnenlinie hin zu den Wirbeltieren zurückgeführt werden müssen. Was unterscheidet also Knorpelfische (zum Beispiel Haie) und Strahlenflosser (Actinopterygii = echte Fische) voneinander? Eine Frage, die so in der modernen Systematik, die stets nach Gemeinsamkeiten sucht, eigentlich nicht gestellt wird. Richtiger ist es, zu fragen: Welche Merkmale teilen die Knorpelfische mit den Landwirbeltieren (z. B. knöcherner Schädel, Kiefer) und welche die Strahlenflosser (z.B. Lunge). Wenn man dennoch über Unterschiede sprechen möchte, ist festzustellen, dass Knorpelfische noch keine Lunge, die mit jener der Landwirbeltiere homolog ist, besitzen, Strahlenflosser aber schon. Die Lunge ist also auf der Ahnenlinie der Knorpelfische hin zu den Strahlenflossern evolviert. Anders als die „Fische“ sind die Strahlenflosser, die ich hier auch als echte Fische bezeichne, sehr wohl eine geschlossene systematische Einheit (=Monophylum), die auf Merkmale einer gemeinsamen Stammart zurückgeführt werden kann, die nur dieser Gruppe eigen sind. Ein Beispiel ist die namengebende Gestalt der Flossen, die durch Flossenstrahlen durchsetzt sind.

 

Zuerst gab es Lungen, aus denen Schwimmblasen evolvierten

 

Die Strahlenflosser (Actinopterygii), zu denen neben unzähligen Arten auch Arapaima gehört, besitzen also in der Tat ursprünglich paarige Lungen als Respirationsorgane. Diese sind demzufolge nicht erst vor dem Abzweig der Lungenfische entstanden, die als nächste Verwandte der Landwirbeltiere gelten. Die dortige Neuerung betrifft, anders als der Name Lungenfisch vermuten lässt, die Evolution eines Lungenkreislaufs, den es bei urtümlichen „Fischen“ mit Lunge noch nicht gegeben hat.

Aber besitzen echte Fische (Actinopteryii) nicht Schwimmblasen und atmen ausschließlich durch Kiemen? Mitnichten. Ursprüngliche Vertreter der echten Fische werden beispielsweise durch die Flösselhechte (Polypteriformes) representiert, die paarige sackförmige Lungen besitzen und neben der Kiemenatmung daher auch atmosphärische Luft veratmen können. Diese beeindruckenden Tiere können sich mithilfe ihrer Flossen nicht nur an Land fortbewegen, sondern lassen sich (es gibt Experimente an Senegal-Flösselhechten) auch unter vorwiegend terrestrischen Bedingungen in Terrarien halten.

Erst innerhalb der echten Fische ist die Schwimmblase entstanden, die sich durch Evolution aus den Lungen heraus bildete. Die fachgerechte Beschreibung lautet daher: Lunge und Schwimmblase sind einander homologe Organe. Innerhalb der Actinopterygii gibt es einen evolutiven Trend, demzufolge die Schwimmblase bei urtümlicheren Vertretern (noch) der Atmung dient, bei evolutiv weiter abgeleiteten Vertretern hingegen nur noch die Funktion der Austarierung im Wasser übernimmt.

Allerdings ist es innerhalb der echten Fische oftmals schwierig zu entschlüsseln und noch immer Gegenstand phylogenetischer Studien, ob die Lungenfunktion einer Schwimmblase einen Hinweis auf Urtümlichkeit darstellt, oder ob sekundär aus einer Schwimmblase mit Tarierfunktion erneut ein Atmungsorgan entstanden ist. In der Evolutionsbiologie werden im Übrigen unabhängige Entwicklungsschritte stets als Konvergenzen bezeichnet.

 

Arapaima gigas veratmet mithilfe seiner Schwimmblase atmosphärische Luft

 

Auch Arapaima gigas ist ein Luftatmer, der auf den Einsatz seines zusätzlichen Atmungsorgans in Form einer Schwimmblase sogar angewiesen ist. Er ist ein obligater Schwimmblasenatmer, der atmosphärische Luft an der Wasseroberfläche mithilfe seiner Mundöffnung aufnehmen muss. Dies wird als Anpassung an den häufig sauerstoffarmen Lebensraum der Tiere interpretiert, die sich häufig in Überflutungszonen des Amazonasbeckens aufhalten, wo wenig im Wasser gelöster Sauerstoff zur Verfügung steht. Der Literatur zufolge muss Arapaima gigas alle fünf bis fünfzehn Minuten die Wasseroberfläche aufsuchen, um dort mit seinem oberständigen Maul Luft einzuschnappen.

 

Berlin, Februar 2019, copyrights Stefan F. Wirth

Neozoen sind in Berlin längst allgegenwärtig, doch Grund zur Panik besteht nicht

Wer mit offenen und kundigen Augen über Berliner Sommerwiesen wandert, wird dort auch Tiere und Pflanzen finden, die hier nicht ursprünglich beheimatet waren. Sogenannte Neozoen oder Neophyten entstammen anderen Teilen Europas oder der Welt und sind irgendwie durch Menscheneinwirkung verschleppt und dann freigesetzt worden. Dies geschieht zumeist durch menschliche Handelsaktivitäten. Dabei geht der Transport einer Art aus ihrem ursprünglichen in einen fremden Lebensraum in der Regel ungewollt vonstatten. Der Tier- und Pflanzenhandel verbreitet Arten jedoch mitunter auch vorsätzlich. Eine dauerhafte Etablierung der Arten ist meist jedoch unbeabsichtigt.

Die Auswirkungen der Verschleppung können höchst unterschiedlich ausfallen. So sind einige Organismen bekannt, die sich aus tropischen Regionen über den internationalen Pflanzenhandel weltweit verbreitet haben, die jedoch aufgrund ihrer ökologischen Vorlieben nur in Gewächshäusern überleben können.

Derlei Neozoen können daher die heimische Fauna der Region, in die sie verschleppt wurden, und somit das dortige Ökosystem nicht schädigen. Sie sind in gewisser Hinsicht und unter bestimmten Umständen sogar nützlich. So beherbergt beispielsweise das „Tropical Islands“ südlich von Berlin, ein riesiges Freizeitbad mit tropischer Vegetation unter der Glaskuppel einer ehemaligen Produktionsstätte für Luftschiffe, neben verschiedenen Organismen, die man typischer Weise in Gewächshäusern antrifft (tropische Schaben, Hundertfüßer, Tausendfüßer, kleine Springspinnen) auch sogenannte Zwerggeißelskorpione (Schizomida, Spinnentiere). Diese findet man keineswegs in jedem beliebigen Gewächshaus, wohl weil sie (unbekannte) besondere Ansprüche an ihre Umgebung stellen. Ich durfte im Tropical Islands mehrfach zusammen mit meinen damaligen Studenten der FU Milben und Schizomiden aufsammeln. So war es mir möglich, meinen Bildungsauftrag in besonderer Weise zu erfüllen und meinen Studenten mit den gefundenen Zwerggeißelskorpionen hinsichtlich Gestalt und Biologie äußerst ungewöhnliche Spinnentiere vorzuführen. Dabei muss man berücksichtigen, dass so mancher ausgewachsene Spinnentierforscher diese Tiere noch nie lebend zu Gesicht bekam. Ich nutzte die besondere Gelegenheit auch gleich, um hochauflösende Videos zu Verhaltensaspekten dieser bizarren und grazilen Tiere zu erstellen. Diese haben mehrfach die Aufmerksamkeit von Schizomiden-Forschern erregt, die ihrer Arbeit zwar in den ursprünglichen Verbreitungsgebieten der Tiere nachgehen, jedoch offenbar außerstande sind, qualitativ vergleichbares Videomaterial zu erstellen. Wie auch zoologische Gärten können Neozoen in Gewächshäusern also die Bildung bereichern.

 

alle Urheberrechte des Videos liegen bei Stefan F. Wirth, Berlin 2018

 

Im Übrigen muss betont werden, dass alle hier im Zusammenhang mit Gewächshäusern allgemein und dem „Tropical Island“ im Speziellen genannten Organismen für Menschen ungefährlich und meist mikroskopisch klein sind. Sie stellen in künstlichen „Regenwäldern“ einen für das Gedeihen der Flora notwendigen Bestandteil deren Ökosystems dar.

Generell sind aber auch Fälle von Pflanzen oder Tieren bekannt, die den Weg aus Gewächshäusern oder Aquarien in den angrenzenden, ihnen unbekannten Lebensraum fanden und dort (zumindest zeitweise) bestehen konnten. So wurde beispielsweise der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis), der ursprünglich im östlichen Asien beheimatet ist, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gewächshauskulturen zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, und zwar zunächst in den USA, wo er entkam und sich auch im Freien etablieren konnte. Inzwischen ist der Käfer auch im Freiland Südamerikas, Afrikas und Europas ansässig geworden und schadet unter anderem einheimischen Marienkäferarten. Denn als Konkurrent ist er nahezu unbesiegbar. So ist sein Appetit nach Blattläusen kaum zu stoppen, doch auch gegen Infektionen erweist er sich deutlich resistenter als beispielsweise deutsche Marienkäferarten. Erschwerend kommt hinzu, dass er die Sporen eines parasitischen Einzellers, sogenannte Mikrosporidien, an heimische Arten weitergeben kann, die im Gegensatz zu H. axyridis keine oder eine herabgesetzte Immunität gegen diesen Parasiten besitzen.

Der Käfer ist häufig auf Berliner Wiesen im Sommer anzutreffen, wo er mit oder ohne deutlich sichtbaren Punkten auf den Flügeldecken auftreten kann. Wie er dorthin kommt? Zunächst einmal haben Forscher mithilfe genetischer Marker herausgefunden, dass die meisten Käferpopulationen in Europa, Südamerika oder Afrika auf Tiere aus den USA zurückzuführen sind. Sie sind daher international vorwiegend durch den Menschen verbreitet worden. Darüber hinaus kann die Art, die ja effizient in der heimischen Natur bestehen kann, natürlich auch aus eigener Kraft neue, nah gelegene Lebensräume erschließen.

Gemäß den Aussagen des Leiters der NABU-FG Entomologie in Berlin, Thomas Ziska, wurde der Asiatische Marienkäfer 2004 erstmals in Berlin nachgewiesen. Zwischen 2005 und 2008 hat die genannte Fachgruppe den Käfer zudem regelmäßig im Bereich des Tegeler Fließtals angetroffen.

Das nämlich war genau der Anlass meiner Kontaktaufnahme mit dem NABU. Im Rahmen eines eigenen kleinen Forschungs- und Kunstprojektes habe ich im Sommer 2018 Beobachtungen zur Insektenvielfalt (vorwiegend Blütenbesucher) auf Berliner Sommerwiesen gemacht. Schwerpunktmäßig ging es mir dabei auch um Fotografie. So besuchte ich regelmäßig das Tempelhofer Feld, das Teufelsberg-Gebiet sowie das Areal des Nord-Berliner Köppchensees, das einen Teil des Tegeler Fließtals darstellt. Der Köppchensee sowie seine angrenzenden Ökosysteme werden naturkundlich durch die NABU Berlin betreut, die in vorbildlicher Weise dafür Sorge trägt, dass der Besucher dieses Natur-Refugiums über zoologische Besonderheiten ausführlich in Form von Informationsplakaten informiert wird.

Von besonderem Interesse für alle Naturliebhaber und Naturkenner ist das Gebiet aufgrund eines Mosaiks aus verschiedenen Feuchtgebiet-Typen sowie sandiger Areale mit entsprechender Sandlückenfauna, ergänzt durch Trockenwiesen, die zum Teil auf einer Anhöhe gelegen und mit alten Obstbaumpflanzungen versehen sind. Diese gedeihen aufgrund einer exponierten Sonnenlage ausgezeichnet und liefern vor allem verschiedene Pflaumen- und Apfelsorten.

 

Das gesamte Köppchensee-Gebiet zeichnet sich durch eine artenreiche Flora und Fauna aus. Zudem ist es ein Refugium für zahlreiche Vogelarten. So lassen sich beispielsweise auf den Obst-Trockenwiesen im frühen Sommer Neuntöter bei der Jagd und der Aufzucht der Jungtiere beobachten.

Im Vergleich zu den Arealen Teufelsberg und Tempelhofer Feld waren mir nicht nur asiatische Marienkäfer am Köppchensee besonders häufig aufgefallen, freilich ohne eine Statistik angefertigt zu haben. Auch ein weiteres Neozoon aus dem östlichen Asien scheint sich um den Köppchensee auffällig etabliert zu haben, nämlich der Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis).

 

Der auffällige Schmetterling war mir mehrfach ausschließlich am Köppchensee, und zwar auf der Trockenwiese in Höhe der Aussichtsplattform vor die Kameralinse geflattert, nicht am Teufelsberg und nicht auf dem Tempelhofer Feld. Dies mag allerdings Zufall sein, da der Buchsbaumzünsler gemäß der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz bereits seit 2017 „flächig im Stadtgebiet Berlin vertreten“ ist.

Hinzu kommt, dass erwachsene Falter zwar zur Nahrungsaufnahme verschiedene Blütenpflanzen ansteuern, die Larven jedoch strikt auf die Anwesenheit von Buchsbäumen (Buxus) angewiesen sind, die es laut Thomas Ziska von der NABU-FG Entomologie am Köppchensee direkt gar nicht gibt. So ist davon auszugehen, dass die von mir beobachteten Falter in angrenzenden privaten Gärten geschlüpft sind.

Vermutlich durch den Handel mit Zier- und Nutzbäumen konnte sich der Buchsbaumzünsler aus seiner eigentlichen Heimat in Ostasien nach Europa verbreiten, wo er sich inzwischen auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich etabliert hat. Auch aus Belgien und einigen osteuropäischen Ländern gibt es entsprechende Meldungen.

Die Schadwirkung des Schmetterlings beschränkt sich auf Buchsbaumbestände in Parkanlagen und privaten Gärten sowie wilden Exemplaren in naturbelassenen Gebieten. Die können bei Befall jedoch vollständig kahl gefressen werden. Inwiefern heimische Insekten, die an das Leben an Buchsbäumen angepasst sind, durch das Neozoon in Mitleidenschaft gezogen werden, habe ich nicht recherchiert.

Direkt am Holzzaun der Aussichtsplattform, die von einer Anhöhe aus einen beeindruckenden Überblick über den Köppchensee verschafft, habe ich ein weiteres Tier entdeckt, das offenbar ein Neozoon darstellt, nämlich die marmorierte Baumwanze Halyomorpha halys. Allerdings bin ich bis heute unsicher, ob ich als Nicht-Wanzenkundler die eigentlich auffällige Baumwanze anhand des einzigen Fotos, das mir zur Verfügung stand, korrekt bestimmt habe. Thomas Ziska bestätigt dies jedoch in seiner Email mit den Worten: „Der Nachweis von H. halys am Köppchensee ist neu.“

Auch die marmorierte Baumwanze ist ursprünglich im Osten Asiens beheimatet und fand über Transportkisten erst Anfang dieses Jahrtausends ihren Weg aus China nach Nordamerika, wo sie sich etablieren und rasant ausbreiten konnte. Nachweise aus Europa liegen erst seit 2007 vor. Es ist mir nicht bekannt, ob die Verschleppung direkt aus China erfolgte oder über den Umweg durch die USA. Seit 2016 jedenfalls verbreitet sich die Art zunehmend in Deutschland, allerdings eher in südlichen Bundesländern. Gemäß Informationen durch Th. Ziska trat die Wanze auch 2016 erstmals in Berlin auf.

H. halys tritt aufgrund ihrer biologischen Neigungen vorwiegend als Pflanzenschädling in Erscheinung. Wie üblich für Baumwanzen saugt die Art an Pflanzensäften. Hierbei verursacht sie wirtschaftlichen Schaden, indem sie verschiedene Nutzhölzer attackiert. So werden beispielsweise die Fruchtanlagen von Apfel, Birne, Pfirsisch oder Haselnuss angestochen, was die Entwicklung der Früchte stört, so dass Missbildungen die Folge sein können.

Ein weiteres Neozoon, das mir bei meinen Foto-Exkursionen häufiger aufgefallen ist, stellt die Büffelzikade Stictocephala bisonia dar. Allerdings fand ich diese gerade nicht am Köppchensee, dafür aber auf dem Tempelhofer Feld und im Schillerpark im Berliner Bezirk Wedding.

Die faszinierende kleine Buckelzikade stammt ursprünglich aus Nordamerika und scheint der Literatur zufolge über Triebe zur Veredelung von Obstbäumen nach Europa eingeführt worden zu sein, wo eine flächige Ausbreitung ab spätestens 1912 erfolgte. Waren zunächst der Mittelmeerraum, Mittelasien und Nordafrika betroffen, begann die Art seit den 1960er Jahren nordwärts gen Mitteleuropa zu wandern. Hier breitet sich die Zikade seit etwa 2000 in Deutschland aus, Nachweise aus Brandenburg liegen seit 2004 vor.

Die Pflanzensauger scheinen der Literatur zufolge hinsichtlich ihrer Wirte nicht sehr wählerisch zu sein. So werden neben Rosengewächsen, wo ich sie zumeist antraf, auch Obstbäume oder Pappeln befallen. Die wirtschaftlich relevanten Schäden entstehen weniger durch die Saugaktivitäten der erwachsenen Insekten als vielmehr durch die Eiablage. Denn die erfolgt in dichten Abständen zueinander. Da Pflanzenteile, die über den Eiern liegen, zumeist absterben, kann hierdurch ein beträchtliches Schadbild an den Wirtspflanzen entstehen. Auch in diesem Zusammenhang ist mir nicht bekannt, inwieweit das Neozoon eine ernsthafte Konkurrenz für ursprünglich einheimische Zikadenarten darstellt.

Es ist übrigens kalendarisch definiert worden, ab wann eine Pflanze oder ein Tier als Neozoon oder Neophyt zu bezeichnen ist. Als festgelegtes Datum gilt die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492. Arten, die davor mit menschlicher Hilfe verbreitet wurden, werden als Archäobiota, also Archäozoen oder Archäophyten bezeichnet. Danach wird die Vorsilbe Neo- zur Anwendung gebracht.

Ein Beispiel für ein Archäophyt ist die Wilde Karde Dipsacus fullonum, die man beispielsweise in den Trockenwiesen am Berliner Köppchensee bestaunen kann. Das dekorativ erscheinende Geißblattgewächs stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Die Pflanze gilt als eher nützlich und findet zum Beispiel in der Volksheilkunde Verwendung.

 

Andere Neozoen, die in Berlin häufig anzutreffen sind, sollen hier nicht weiter erläutert werden. Hierzu gehören beispielsweise der Waschbär Procyon lotor oder der Louisiana-Flußkrebs Procambarus clarkii. Auch die Süßwasserqualle Craspedacusta sowerbii und die Chinesische Wollhandkrabbe Eriocheir sinensis sind neozoische Einwanderer in Deutschland und tauchen immer wieder in Berlin auf.

Wasserlebende Neozoen, wie beispielsweise die Wollhandkrabbe, werden häufig durch den Frachtschiffverkehr über große Distanzen transportiert. Ballastwasser kann eine Quelle der Verschleppung sein. Jedoch ist der Effekt solcher unplanmäßigen Tiertransporte keineswegs immer ein Desaster. Denn manche Organismen überleben nur kurzzeitig in der hierzulande warmen Jahreszeit und können daher auch keine eigenständigen Populationen entwickeln.

 

Sind Neobiota grundsätzliche durch Menschen verursachte Naturkatastrophen?

 

Der Mensch als Vektor für die Verschleppung von Organismen, so viel muss festgehalten werden, kann seiner Umwelt Schaden zufügen, so wie viele andere seiner Aktivitäten auch.

Und doch ist ein Artensterben, beispielsweise hervorgerufen durch neu etablierte Tiere, die verwandte einheimische Arten verdrängen, ein Prozess, den es nicht erst seit der Evolution des Homo sapiens gibt.

Dass Arten aussterben und neue Arten entstehen ist das Prinzip der Evolution auf unserem Planeten. Neben tektonischen spielen hierbei auch klimatische Veränderungen eine große Rolle. Klimaerwärmungen beispielsweise ermöglichen wärmeliebenden Arten grundsätzlich, zuvor lebensfeindliche Gebiete besiedeln zu können. Dabei gibt es neben der Verschleppung durch den Menschen auch natürliche Wege der Verbreitung über große Distanzen, beispielsweise durch Zugvögel oder Treibgut auf Ozeanen.

Dennoch formt der Mensch seine Natur in einer Weise, die es vor seinem Erscheinen auf diesem Planeten nicht gegeben hat. Daher kann man sich nicht zurücklegen und sagen: Arten kommen und andere vergehen, das ist nun einmal der Lauf der Natur. Ein effizienter Naturschutz, der auch die Bekämpfung mancher Neobiota beinhaltet, ist unerlässlich.

Berlin, 12.11.2018

All Copyrights Stefan F. Wirth

 

 

 

Invasion der Gammaeule beim EM-Finale im Stade de France

 

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  Gammaeule (Autographa gamma), Bildquelle Wikipedia, nicht im Stade de France aufgenommen.

 

Im Grunde gibt es doch nichts Langweiligeres als ein Fußballspiel, das im Fernsehen übertragen wird. Doch Fußball gilt als wichtig, insbesondere dann, wenn große Meisterschaften anstehen, wie beispielsweise eine EM. Selbst die edelsten Restaurants stellen plötzlich Fernseher auf und scheren sich einen feuchten Kehricht darum, ob der Gast Fußball schauen möchte oder nicht.

Es wissen aber die Gastronomie-Betriebe auch sehr wohl, dass ohnehin nur eine Minderheit der Anwesenden ihre Abneigung gegen den Anblick grün übersättigter Fernsehbilder mit darin durchgeknallt umherzuckenden Kamikaze-Farbklecksen offen zugeben würde. Wie wild geworden hüpfen grell leuchtende T-Shirts einem Ball hinterher und entblößen dabei immer wieder mit dem Gehabe eines wütenden Orang-Utans auf GHB ihre nackten Oberkörper. So soll wenigstens auf erotische Weise die Aufmerksamkeit der Zuschauer erfolgreich zum Geschehen auf dem Rasen zurückgeführt werden. Schlägereien und Beschimpfungen unter Gästen in den Zuschauer-Tribünen werden ja regelmäßig zu Selbstzwecken und lassen das eigentliche Spiel im Hintergrund verblassen.

Schließlich sind die meisten Zuschauer auch ohnehin viel zu betrunken, um sich ernsthaft auf die sportlichen Taktik-Manöver der athletischen Elf konzentrieren zu können. Anspruchsvolle Strategien lassen sich im Alkoholrausch nun einmal prinzipiell nicht angemessen würdigen. Väterchen Alkohol blockiert stets zuverlässig alle Nervenleitungen, die für einen konstruktiven Intellekt verantwortlich sind. In der Folge dringen nur noch niedere Gefühlsregungen nach draußen, die für mich oft klingen wie ein trostlos-aggressives „Muuuh“ und „Määäh“.

Zum Glück erfordert blöder Nationalismus keine nennenswert differenzierten Abwägungen. Gelingt der richtigen Nationalfahne ein Tor, schreit man einfach „muuh“. Geht stattdessen der gegnerischen Mannschaft ein Ball ins Netz, stöhnt man hingegen missmutig „määäh“ oder schlägt wahlweise dem Nachbarn, der eine andere Fahne wedelt, aufs Maul.

Und so geht das wochenlang, Spiel für Spiel, Abend für Abend, immer wieder lautes Gekreische, paranoides Grunzen und stakkatoartig gelallte Ratschläge an die Fußballspieler, die diese nie befolgen.

Doch dann geschieht es: Beim EM-Finale am Sonntag, dem 10.07.2016, landet ein waschechtes UFO direkt vom Heimat-Planeten der Klingonen auf dem grünen Fussel-Parkett, und kleine grüne Männchen befallen das gesamte Spielfeld und tanzen auf den Köpfen der Fußball-Milliardäre einen argentinischen Tango.

Die Medien nehmen das Ganze jedoch sehr gefasst auf. Lapidar heißt es da nur: „Merkwürdige kleine grüne Dinger haben den Spielverlauf gestört. Techniker konnten sie am Ende dann doch noch erfolgreich mit einem Besen entfernen“.

Gut, ich gestehe, es ist kein UFO im Stade de France gelandet. Auch die Ausbreitung kleiner grüner Männchen war eine glatte Lüge.

Und doch ist eigentlich etwas sehr Ähnliches geschehen. Ein beeindruckendes Naturschauspiel stellt nämlich kurzerhand das alberne finale Ballgehopse in den Schatten. „Mottenplage im Stade de France“, verkündet sportschau.de, „Ekel-Alarm beim EM-Finale: Motten im Stade de France“, weiß express.de. Doch auch Spiegel Online nimmt nichts als kleine geflügelte Lästlinge zur Kenntnis und meldet: „EM-Finale in Paris: Motten stören im Stade de France“.

Schande über die dümmlich piefige Ignoranz unserer Medien. Denn der Schmetterling Autographa gamma (Noctuidae, Lepidoptera), auf Deutsch „Gammaeule“ genannt, bietet weit mehr Spektakel als etwas, das hastig mit dem Besen weggeputzt werden muss.

Die Gammaeule ist ein Wanderfalter, der aus Südeuropa kommend in nördlichere Regionen über Mitteleuropa bis nach Skandinavien ausfliegt, um dort weitere Generationen hervorzubringen. Im Herbst treten dann Teile dieser Nachkommen wieder den Rückflug an. Nur gelegentlich wird ein Massenauftreten der Falter dokumentiert, wie nun offenbar im Stade de France zu sehen. Ich vermute, dass der Falter sich noch im Süden massenhaft vermehrt hat und die daraus hervorgegangenen erwachsenen Tiere nun zeitgleich auf der Durchreise waren. Es könnte sich jedoch auch bereits um eine Folgegeneration handeln, die kürzlich im Umfeld von Paris besonders zahlreich geschlüpft ist.

Die Gammaeule gehört zu den häufigsten Faltern, die hierzulande angetroffen werden können. Dies liegt unter anderem an der flexiblen Lebensweise der Art. Denn der Schmetterling ist tag- und nachtaktiv und daher auch bei Sonnenschein regelmäßig Nektar sammelnd im Schwebeflug über Blüten zu beobachten. Bei Nacht fliegen die Tiere häufig Lichtquellen an, wie zum Beispiel im Stade de France am gestrigen Abend.

Denn Berichten zufolge war das Stadion aus Sicherheitsgründen angesichts einer möglichen Terrorgefahr auch vor dem Finalspiel schon Tag und Nacht beleuchtet worden.

Aber warum um alles in der Welt fliegen diese Schmetterlinge, bei denen es sich wirklich nicht im Mindesten um „Motten“ handelt, überhaupt bei Nacht ins Licht?

Weil sie Opfer einer Verwechslung geworden sind, lautet eine wissenschaftlich gut begründete Hypothese. Ein heller Lichtschein in der Nacht ist für ein im Dunkeln aktives Insekt nämlich immer der Mond, der einen wichtigen Beitrag zur Orientierung dieser Hexapoden leistet. Indem das Tier einen bestimmten Winkel zu dem weit entfernten und aus seiner Sicht daher unbewegten Gestirn einhält, gelingt es ihm auch bei Dunkelheit, zuverlässig geradeaus zu fliegen. Erstrahlt eine künstliche Lichtquelle heller als der Mond, wird diese vom Insekt, hier dem Falter, mit dem leuchtenden Erdtrabanten verwechselt. Es bemüht sich nun instinktiv, den üblichen Flug-Winkel zum vermeintlichen Gestirn einzunehmen, das sich allerdings unerwartet nicht im All, sondern in unmittelbarer Nähe befindet. In der Folge umkreist das Tier eine Lampe, bis es an ihr verbrennt oder nicht weit entfernt erschöpft zu Boden geht, offenkundig so geschehen im Stade de France.

Die hier vorgestellte sogenannte Navigationstheorie ist allerdings nur eine von mehreren Theorien, um den zuverlässigen Flug  nachtaktiver Insekten zu künstlichen Lichtquellen zu erklären. Sie gilt jedoch als besonders plausibel.

Biologen machen sich die Eigenart des Lichtfluges vieler Insektenarten übrigens oft gezielt zunutze, wenn es darum geht, bestimmte Arten aus Forschungsgründen einzufangen. Leuchtstoffe, die Zoologen aus wissenschaftlicher Motivation mit dem Ziel aufstellen, Insekten anzulocken, werden als „Lichtfallen“ bezeichnet.

Selbst aktiv Fußball zu spielen macht Spaß, möchte ich noch hinzufügen. Doch anderen bei der sportlichen Betätigung zuzuschauen, ist für mich eine ganz besonders perfide Folter mit dem grausamen Werkzeug der hoffnungslos grenzenlosen Langeweile. Da muss erst ein solches Naturspektakel aufkommen, um mein Interesse an den Geschehnissen der Europameisterschaft zu erwecken.

 

Copyrights für den Text: Stefan F. Wirth, 2016.

Das Zeitalter des Menschen – Homo sapiens im Konflikt mit seiner Umwelt im Anthropozän

blue blossom signiert

 

Der Mensch kontrolliert zunehmend seinen Planeten. Ist es daher richtig, ihm namentlich ein neues geologisches Zeitalter zu widmen? Das gut lesbare Buch „Die Welt im Anthropozän“ gibt hierauf Antworten, beleuchtet darüber hinaus aber auch, welche Verantwortung dem Menschen für die Gestaltung seiner eigenen Zukunft obliegt.

Der übergeordnete erdgeschichtliche Zeitabschnitt, in dem wir uns jetzt gerade befinden, ist das Quartär. Es handelt sich dabei um ein vergleichsweise lächerlich kurzes Zeitalter, das „erst“ vor etwa 2,6 Millionen Jahren begann. In seinem Verlauf vollzogen sich Änderungen an der Erdoberfläche, die gemessen an allen vorausgehenden Ereignissen auf der Erde seit ihrer Entstehung vor etwa 4,6 Milliarden Jahren allenfalls graduell sind.

Und doch ist innerhalb des Quartärs etwas geschehen, das für ein künftiges Fortbestehen der Erde von immenser Bedeutung sein wird: Die Evolution des intellektuell begabten modernen Menschen, ausgehend von urtümlicheren Vertretern der Gattung Homo.

Es ist wissenschaftlich gesichert, dass sich wesentliche Abschnitte der Menschwerdung in Afrika zugetragen haben. Hierzu gehört die Evolution des aufrechten Ganges, aber vor allem auch die nachfolgende Vergrößerung der Großhirnrinde, die in die Zeit des Quartärs fällt. Erst mit frühen Vertretern der Gattung Homo haben Ausbreitungsereignisse auf den eurasischen Kontinent und in der Folge auch auf andere Kontinente stattgefunden.

Ein bedeutender Teil der Evolution des Menschen ist mit dem Quartär in eine äußerst wechselhafte Zeitperiode gefallen. Die Besonderheit des Quartärs besteht nämlich darin, dass Kalt- und Warmzeiten einander immer wieder abwechselten. Was für widrige Umstände für das Leben früher Hominiden, mag sich der Leser jetzt denken, doch aus evolutionsbiologischer Sicht ist dem keineswegs so. Denn je unsteter die Umweltbedingungen sind, desto leichter werden Artbildungsprozesse in Gang gesetzt. Nur so konnten wir in unserer heutigen Form evolvieren. Insbesondere die Existenz eiszeitlicher Gletscher ist für sogenannte allopatrische Artneuentstehungen sehr bedeutsam, denn sie fungierten nachweislich für zahlreiche Tiergruppen als nicht überwindbare Barrieren, so dass die Evolution neuer Arten begünstigt wurde. Die späte Evolution des Menschen war also geprägt durch diese starken globalen klimatischen Veränderungen.

Heute trägt der Mensch erheblich selbst zur Entstehung des Klimas auf der Erde und dem Fortbestand ihrer Artenvielfalt bei. Und zwar in einer Effizienz, zu der vor ihm kein einziger tierischer Erdenbewohner jemals imstande war.

Doch ist die besondere Einwirkung des modernen Menschen auf das Weltklima auch dazu geeignet, von den üblichen Kriterien zur Benennung von Erdzeitabschnitten abzuweichen und das neueste Zeitalter nach dem Menschen selbst zu benennen? Sind die Auswirkungen menschlicher Aktivität auf das Weltklima tatsächlich mit gravierenden geologischen Veränderungen der Erde gleichzusetzen, die üblicher Weise zur Benennung von Erdzeitaltern herangezogen werden? Ist also die Einführung eines Zeitalters namens Anthropozän gerechtfertigt? Eine Frage, die keineswegs erst infolge einer aktuell nachweisbaren und scheinbar durch den Menschen hervorgerufenen Klimaerwärmung laut wird. Der Zoologe und Philosoph Ernst Haeckel äußert sich bereits 1870 weitsichtig und realistisch: „Aus diesem Grunde…können wir mit vollem Rechte die Ausbreitung des Menschen mit seiner Cultur als Beginn eines besonderen letzten Hauptabschnitts der organischen Erdgeschichte bezeichnen.“

In dem Buch „Die Welt im Anthropozän, Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität“ der Herausgeber Wolfgang Haber, Martin Held und Markus Vogt wird die historische Entwicklung des Begriffes „Anthropozän“ zusammengefasst. Namhafte Geistes- und Naturwissenschaftler diskutieren darüberhinaus, wie der Mensch am besten seine Verantwortung für die Zukunft der Erde wahrnehmen kann.

Dass der moderne Mensch heutzutage starken Einfluss auf das Weltklima ausübt und dadurch erheblich an einer Klimaerwärmung und dem damit verbundenen Aussterben von Arten verantwortlich sei, ist ein breiter Konsens unter vielen zeitgenössischen Wissenschaftlern. In den 1980er Jahren hat der Biologe Eugene F. Stoermer aus diesem Grunde bereits den Begriff Anthropozän in seinen Veröffentlichungen verwendet. Der Erdsystem-Forscher Paul J. Crutzen rät in einer Publikation aus dem Jahre 2000 ergänzend, das derzeitige Zeitalter sogar offiziell durch das Anthropozän abzulösen.

Formell befinden wir uns derzeit jedoch noch immer im jüngsten Zeitabschnitt innerhalb des Quartärs, der als Holozän bezeichnet wird und vor etwa 11700 Jahren begann. Auch diese Periode ist nach rein geologischen Gesichtspunkten definiert worden. Sie beginnt mit dem Ende der sogenannten jüngeren Tundrenzeit, einer kürzeren Eiszeit, die auf die letzte große Kaltzeit, zu der in Nordeuropa das Weichsel-Glazial gezählt wird, folgte.

Der Beginn des Holozäns wird mit einer nachweisbaren ungewöhnlich schnellen Wiedererwärmung nach der Tundrenzeit begründet. Als Beleg hierfür dient ein Eisbohrkern aus fast 1500 m Tiefe, der in Form seiner Isotopenchemie aufzeigt, dass sich eine merkliche Klimaerwärmung zu jener Zeit innerhalb von wenigen Jahren vollzogen haben muss. Er wird in Kopenhagen aufbewahrt.

Doch wie könnte es gelingen, möglichst präzise den Beginn eines neuen Zeitalters festzulegen, das eben nicht aufgrund rein geologischer Abläufe, sondern nach der Aktivität einer besonderen Tierart, nämlich dem Menschen, benannt werden soll? Hierüber herrscht noch Uneinigkeit, wie dem Buch „Die Welt im Anthropozän“ zu entnehmen ist. Forscher haben schon den Beginn der industriellen Revolution, aber auch die große Akzeleration um 1950 als möglichen Startpunkt des Anthropozäns vorgeschlagen, jedoch sogar ganz konkret auch den 16. Juli 1945 (den Tag des ersten Atombombentestversuchs).

Um den Begriff des Anthropozäns aber letztlich erfolgreich als offizielles Erdzeitalter etablieren zu können, ist vor allem auch eines wichtig: der Nachweis, dass der moderne Mensch inzwischen tatsächlich die Hauptverantwortung für die aktuell einsetzende Klimaerwärmung und ein damit einhergehendes Aussterben von Arten trägt. Hierzu kann allein die naturwissenschaftliche Forschung beitragen, während es die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist, sich mit ethischen Gesichtspunkten im Umgang des Menschen mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen.

Es ist unter Wissenschaftlern durchaus umstritten, ob die derzeitige weltweite Klimaerwärmung vollständig oder zumindest zu einem beträchtlichen Teil auf menschliche Aktivitäten, so etwa seine hohen CO2-Emissionen, zurückgeführt werden kann. Denn seit Anbeginn des Quartärs hat sich das Klima nach Kaltzeiten immer wieder aufs Neue erwärmt, und zwar zunächst völlig ohne Zutun des Homo sapiens.

In dem Kapitel „Der Mensch und das Anthropozän – Hat das sechste Massenaussterben bereits begonnen?“ widmet sich der Evolutionsbiologe und Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera der Frage, ob Klimaveränderung und ein aktuelles Aussterben von Arten mit menschlichen Aktivitäten korrelieren. Ist der Mensch sogar imstande, künftig ein neues Massenaussterben von Arten zu verursachen? Unter anderem legt der Autor bezugnehmend auf seine eigene Forschung dar, dass sehr aktuelle Aussterbeereignisse überhaupt nachweisbar seien. Allerdings präsentiert der Autor lediglich zwei Fall-Beispiele. Wir erfahren leider nicht, ob es ein bloßer persönlicher Eindruck des Forschers ist, diese Tiere seien im Vorkommen seltener geworden oder ob repräsentative wissenschaftliche Studien zugrunde liegen. So ist der Europäische Landegel (Xerobdella lecomptei), eine kälteliebende und ohnehin seltene Art aus der Gruppe der Ringelwürmer, in seinem ursprünglichen Lebensraum kaum mehr anzutreffen. Die Klimaerwärmung brachte gemäß Kutscheras Forschungserkenntnissen aber auch einen Vertreter einer ganz anderen Tiergruppe an den Rand des Aussterbens. Der kalifornische Baumsalamander (Aneides lugubris) wird nämlich zunehmend seltener, da die zu seiner Brutpflege benötigten feuchten Baumhöhlen aufgrund anhaltender Trockenheit kaum mehr zur Verfügung stehen.

Der Autor legt einen Zusammenhang mit modernen Aussterbeereignissen und der Technologisierung des Menschen nahe. Insbesondere das Treibhausgas Kohlendioxid, das seit Jahrzehnten in großer Menge, zum Beispiel durch die Automobilindustrie, ausgeschieden wird, habe eine erhebliche Mitschuld an der globalen Klimaerwärmung. Der Zusammenhang wird jedoch mit keinem Wort nachvollziehbar begründet. Der Leser muss sich also mit einer Behauptung zufrieden geben. Der Begriff des katastrophenartigen Massenaussterbens von Arten kann übrigens auf den französischen Naturforscher Georges Cuvier (1769-1832) zurückgeführt werden, der anhand wechselnder Artenzusammensetzungen in Sedimentschichten Katastrophentheorien aufstellte. Kutschera stellt uns nun eine weitere Aussterbe-Katastrophe in Aussicht, die womöglich allein durch den Homo sapiens verschuldet wäre. Aufgrund ihrer extremen Anpassungsfähigkeit sei dann zu erwarten, dass fast ausschließlich Bakterien unbeschadet aus einem solchen Szenario hervorgingen.

Schon jetzt, so berichtet der Anthropologe Volker Sommer, seien nicht nur Avertebraten und urtümliche Wirbeltiere, sondern auch verschiedenste Affenarten ernsthaft in ihrem Fortbestehen bedroht,  also des Menschen nächste Verwandtschaft. Wilderei, aber vor allem auch die Nutzbarmachung vormals naturbelassener Landschaften, lassen den Lebensraum der Affen-Arten zunehmend schrumpfen. In der Folge werden wohl ganze Primatengruppen die Zukunft unseres Planeten nicht mehr erleben können.

Doch das Buch hegt den Anspruch, nicht nur düstere Prognosen für die Zukunft unserer Umwelt zu stellen und die Definition eines neuen Zeitalters zu diskutieren. Es geht auch um die Frage, wie der Mensch seiner besonderen Verantwortung gegenüber der Welt, in der er lebt, gerecht werden kann und sollte. So befasst sich die Wissenschaftlerin Ute Eser mit dem Konflikt zwischen Humanität und Natur. Die Forscherin, die einen Tätigkeitsschwerpunkt auf den Bereich der Umweltethik legt, wendet die Frage „guten und richtigen Handelns unter gegebenen Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten…auf die Haltungen von Personen und Institutionen“ (Definition der Ethik nach Mieth 1995) auf den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt an. Sie betont, dass es eine unzulässige Vereinfachung sei, in der Existenz einer ständig anwachsenden Weltbevölkerung, nichts anderes als eine „Krankheit“, vergleichbar einem „Krebsgeschwür“, zu sehen. Stattdessen sei ein „inklusives Verständnis von Menschsein“ notwendig, das die Spannung zwischen den Polen aushalten solle, „statt sie einseitig zugunsten einer Seite aufzulösen“. So gehe es nicht darum, ein negatives Menschenbild aufrecht zu erhalten, sondern die Vor- und Nachteile aus der Nutzung der Natur weltweit gerechter an die gesamte Weltbevölkerung zu verteilen und dabei eine emotionale Naturverbundenheit zu entwickeln.

Ethische Aspekte verfolgen auch die Theologen Markus Vogt, Wolfgang Schürger und Hans Jürgen Münk. Vogt betont den Begriff der Humanökologie, der zufolge die Beziehungen des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt einerseits und zu seiner kulturellen Umwelt andererseits konsequenter miteinander zu verknüpfen seien. Schürger prägt den Begriff der „Mitgeschöpflichkeit“ und appeliert für mehr Respekt anderen Arten gegenüber. Der Schweizer Münk leitet den Begriff der „Würde der Kreatur“ als Rechtsbegriff aus dessen Geschichte als Bestandteil der schweizerischen Bundesverfassung her. Der Terminus wurde 1992 im Zusammenhang mit den Fortschritten der Gentechnologie und der Reproduktionsmedizin via Volksentscheid in einen neuen Verfassungsartikel aufgenommen. Juristisch wird die „Kreatur“ jedoch nur auf die belebte Umwelt bezogen. Daher empfiehlt der Autor die künftige Einbindung von einer „Würde der Natur“. Die formal-juristischen Ausführungen werden anschließend auch theologisch kommentiert. Dabei möchte Münk klar abgegrenzt wissen, welchen Lebewesen überhaupt Würde zukommen könne. Zu berücksichtigen sei zwar, dass in Gen1,26-28 dem Menschen immerhin eine Sonderstellung eingeräumt werde. Dessen Gemeinsamkeit mit der belebten und unbelebten Natur liege aber immerhin „im Bezug zum gleichen Schöpfer, im Merkmal der Mitgeschöpflichkeit“.

Die theologisch motivierten Kapitel lesen sich aus Sicht eines Naturwissenschaftlers und Humanisten furchtbar, und ich möchte sie daher erst gar nicht zur Lektüre empfehlen. Das Gedankengut der göttlichen Schöpfung, also der Kreationismus, hat in der Moderne, einer aufgeklärten Zeit, schlicht keinen Platz. Weder Bibelworte noch Begriffe wie „Mitgeschöpflichkeit“ sind geeignet, den sachlichen und sehr konkreten Konflikt des Menschen mit seiner Umwelt zu lösen. Eine hoffentlich rosige Zukunft auf der Erde erfordert hingegen Wissen, technologischen Fortschritt und freies Denken. Der christlich motivierte Kreationismus hingegen fördert Unwissen und eine naive und unkritische Glaubensbereitschaft. Wohin auch immer sich die Kirche mit missionarischem Eifer in den vergangenen Jahrhunderten ausgebreitet hat, brachte sie schlimme durch den Menschen verursachte Umwelt-Katastrophen sowie unerträgliches menschliches Leid hervor. Ich will der Theologie daher die Fähigkeit einer konstruktiven Mitgestaltung unserer bedrohten Zukunft rigoros absprechen.

Viel interessanter ist doch die seriöse wissenschaftliche Diskussion, die beispielsweise die Frage aufwirft, inwieweit wir technisch überhaupt imstande sind, die zunehmende Erderwärmung einzudämmen. Welche Möglichkeiten hierzu werden diskutiert? Und ist es sinnvoll, von ihnen überhaupt Gebrauch zu machen? Der Autor, Claudio Caviezel ist Mitarbeiter im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag und stellt aktuelle Konzepte eines Climate Engineerings vor. Zur Diskussion stehen demnach derzeit zwei Verfahren, um die zunehmende Klimaerwärmung künstlich abmildern zu können. Das Carbon-Dioxide-Removal (CDR) legt es darauf an, erhöhte Konzentrationen an CO2 „aus der Atmosphäre zu entfernen“. Eine Reduktion der eintreffenden Sonneneinstrahlung versprechen zudem die Verfahren des Radiation-Managements (RM).

Beide Verfahren sind derzeit noch nicht einsatzbereit und werden zunächst in Form von Computersimulationen getestet. Dabei wurden jedoch auch drohende Nebenwirkungen ersichtlich, die mitunter schwerwiegende ökologische Schädigungen zur Folge haben können. Aber auch drohende gesellschaftliche Konflikte lässt der Autor nicht unberücksichtigt. Verschiedene CDR-Ansätze existieren, am häufigsten jedoch wird die Möglichkeit diskutiert, die Ozeane mit Nährstoffen zu düngen, um die Biomasse an Algen erheblich zu erhöhen, die dann CO2 aus der Atmosphäre in beträchtlicher Weise binden könnten. Naheliegend ist allerdings die gut begründete Befürchtung, dass der künstlich hervorgerufene Erfolg bestimmter Arten den Misserfolg anderer Arten mit sich führen würde. Doch auch die Verbringung von Schwefelpartikeln in höhere Atmosphären-Schichten (eine Version des RM) führt zwar eventuell zu einer so starken Rückreflektion der Sonneneinstrahlung, dass die Erdoberfläche vor einer Überhitzung geschützt würde, jedoch wäre der Effekt nicht selektiv einsetzbar und könnte daher zu weitreichen klimatischen Veränderungen auf globaler Ebene führen. Außerdem hätte ein plötzliches Aussetzen der Technologie einen abrupten Klimaanstieg zur Folge, und zwar mit praktisch unkontrollierbaren Konsequenzen.

Doch auch negative geopolitische Konsequenzen beschäftigen den Autoren, denn das Climate-Engineering ermögliche es nur „potenten“ Staaten, dem Problem des Klimawandels entgegen zu arbeiten. Dabei seien sie nicht „auf die Kooperation mit oder die Zustimmung von anderen Staaten angewiesen. „Ein fundamentaler Gegensatz zur bisherigen Klimapolitik“, der zufolge nämlich in der globalen Gemeinschaftlichkeit die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren sei.

Interessant ist zudem, dass die Thematik des Climate Engineering in der politischen und medialen Landschaft noch kaum bekannt ist, weswegen die differenzierte Einführung in diese neue Forschungsdisziplin durch den Autor Caviezel aus meiner Sicht wichtig für konstruktive Diskussionen um die globale Klimaerwärmung sein kann.

Der Erhalt einer stabilen Umwelt hängt natürlich auch von der Frage ab, wie viel Lebensraum künftig anderen Arten überlassen werden sollte, bzw. wie viel Platz wir selbst benötigen und einnehmen dürfen, ohne Klima und Artenvielfalt nachhaltig zu schädigen. Dieser Thematik nimmt sich Christina von Haaren an, deren Forschungsschwerpunkte unter anderem Umweltethik und Naturschutzkommunikation sind. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Naturwissenschaften keine ausreichenden und daher verbindlichen Normen, insbesondere im Hinblick auf unsere Zukunft, liefern können. Daher würden gesellschaftliche Normen benötigt, die durch Volksvertreter in Form von Gesetzen zu verankern seien. Diese sind der Autorin zufolge so zu formulieren und zu begründen, dass sie für jeden Bürger „im Prinzip nachvollziehbar“ seien, „auch wenn die persönlichen Interessen im konkreten Fall konträr sein mögen“.

Kurz kommt sie sogar auf die Bedeutung der Religionen für den Umweltschutz zu sprechen. So schreibt von Haaren, es sei hilfreich, dass der Papst in seiner letzten Enzyklika von 2015 deutlich zum Umweltschutz aufrufe. Sie schlussfolgert aber: „Grundsätzlich müssen jedoch religiöse Begründungen nicht für alle Mitglieder unserer Gesellschaft im Prinzip nachvollziehbar sein“.

Abgesehen von seinem unverhältnismäßig starken Schwerpunkt in den Bereichen der Theologie, der immerhin gleich drei Kapitel füllt, ist das Buch „Die Welt im Anthropozän“ auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und befasst sich in kontroverser Diskussion und aus den Blickwinkeln ganz verschiedener Wissenschaftsdisziplinen mit nichts Geringerem als unserer Zukunft auf der Erde. Die Lektüre bildet, ist gut verständlich und daher empfehlenswert.