biologe

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Tag: Phoresie

Louisiana, New Orleans und der Bible Belt

Wer aus dem Landesinnere Louisianas bis an die Südspitze nach New Orleans gelangen will, benötigt ein Auto. Das Bahnnetz ist nicht ausgebaut, und die Busse benötigen eine halbe Ewigkeit.

Überhaupt ist Louisiana ein typischer US-Bundesstaat, in dem das Auto eines der wichtigsten und am häufigsten genutzten Besitztümer der Menschen ist. Wer läuft, ist verdächtig, verdächtig, ein Krimineller oder sogar ein Obdachloser zu sein.

Ersterer hätte in einem Land mit harter Justiz, in dem sogar die Todesstrafe verhängt werden kann, schlechte Karten, letzterer hingegen könnte auf Unterstützung und Wohlwollen derjenigen hoffen, die im sozialen Gefüge besser situiert sind. Zwar wird man in Louisiana nicht gerne an Missstände und gesellschaftliche Probleme erinnert (es gilt das Prinzip des Wegschauens ), da jedoch das Sozialsystem der USA verglichen mit dem  Deutschlands oder auch Frankreichs als rückständig gilt, zeigt zumindest der US-amerikanische Mittelstand gerne die Bereitschaft, durch Mitfahrangebote mit dem Auto oder Essens-Angebote auszuhelfen.

So wurde ich während meines dreimonatigen Aufenthaltes gleich mehrfach, jeweils trotz  meines freundlichen Protestes,  in ein fremdes Auto hinein komplimentiert, um abends bei strömendem Tropen- Regen die halbstündige Strecke vom Kaufmarkt zurück zu meinem rustikalen Holz-Apartment nicht als Fußgänger zurücklegen zu müssen. Denn auf ein Leihauto hatte ich meist verzichtet, aus finanziellem Kalkül und, um die wunderschöne Natur nicht von einem Autofenster aus bewundern zu müssen.

Mein hauptsächlicher Aufenthaltsort in Louisiana war, wie der Leser sicher bereits vermutet, eben nicht New Orleans, sondern im Landesinneren gelegen, unweit von Alexandria, um genau zu sein am ländlichen Rande der Kleinstadt Pineville, die von ungewöhnlich konservativer Religiosität geprägt ist. So hatte Pineville im Alleingang ein generelles Alkoholverkaufsverbot eingeführt, dass Berichten zufolge erst Anfang 2014 gelockert wurde. Die leeren Bierdosen, die sich dennoch überall am Straßenrand fanden,  stammten aus dem benachbarten Alexandria, das durch eine Brücke über den Red River mit Pineville in Verbindung steht. Hier gabt es ausnahmsweise einen recht regen Fußgängerverkehr.

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Red River Brücke (Copyrights Stefan F. Wirth)

Tagsüber und bei Sonnenschein hielten die Autos eher nicht an, um mich als einsamen Fußgänger irgendwohin mitnehmen zu wollen. Denn zu dieser Tageszeit wurde ich bevorzugt als dubioser Landstreicher wahrgenommen, der scheinbar unmotiviert in den Wäldern,  auf den Wiesen und entlang der Straßen herumstreunte, gelegentlich innehielt und wie unter Drogeneinwirkung den Boden unter sich anstarrte, um anschließend mit Stöcken darin herumzustochern. Wie sollten die Beobachter auch erahnen, dass ich als Milbenforscher die Nester der roten Feuerameise Solenopsis invicta öffnete, um an die geflügelten Jungköniginnen zu gelangen, die unter bestimmten klimatischen Bedingungen dort auf ihren Hochzeitsflug warteten. Denn die Milbenart, die an diesen Kopulations-Manövern in luftiger Höhe regelmäßig, sozusagen als blinder Passagier, teilnahm, war das Ziel meiner Forschungsaktivitäten. Meine etwa ein halbes Jahr später und mit einem amerikanischen Kollegen zusammen publizierte Artbeschreibung gab dieser Milbe als neuer Art erstmals einen wissenschaftlichen Namen.

Als ich einmal an einem klaren schönen Sommertag, es war flirrend heiß, die hohe Luftfeuchtigkeit ließ mir warme Schweißperlen auf der Stirn entstehen, auf einer kleinen Brücke stand und auf die bunte Vegetation hinabblickte, war mir das Polizeiauto mit der Aufschrift „Sheriff“ erst aufgefallen, als es sich in betont langsamer Geschwindigkeit hinter meinem Rücken vorbei schob. Die Brücke war eng und bot im Grunde nur Platz für die passierenden Fahrzeuge. Fußgänger hingegen sind bis heute auf den Brücken der Region nicht berücksichtigt. Offenbar nur für Notfälle im Zusammenhang mit Autopannen ist ein erhobener und  etwa fünfzig Zentimeter breiter Gehsteig vorhanden, auf dem ich gerade mit Mühe das Gleichgewicht hielt, eine brennende Zigarette in der rechten Hand, die kleine kompakte Digitalkamera in der Hosentasche auf Bereitschaft, die Augen mit aufmerksamem Interesse in das blühende und vor Insektengeschwirr wimmelnde Grün unter mir gerichtet.

Die neugierigen und verständnislosen Augen der beiden Polizisten in dem Auto, das der Behörde des Sheriffs gehörte, spürte ich im Rücken, ohne mich umdrehen zu müssen. Mit einem kurzen Blick zur linken Seite konnte ich erkennen, dass das Gefährt jenseits der Brücke am Straßenrand stehengeblieben war, von wo aus man mich offenbar weiterhin beobachtete. Ein unbehagliches Gefühl, das mich jedoch nicht daran hinderte, meine Zigarette in Ruhe aufzurauchen. Einige Minuten später hatte ich das Sheriff-Auto zu Fuß erreicht und erkundigte mich höflich nach dem Grund der freundlichen Aufmerksamkeit, worauf man mir ebenso höflich entgegnete, man habe befürchtet, dass ich mit suizidaler Absicht womöglich habe springen wollen.

Ich bedankte mich kurz angebunden und Kopf schüttelnd und wusste sofort, dass die Beamten nicht zugeben wollten, mich nur unter Beobachtung gestellt zu haben, weil ich am hellichten Tage auf zwei Beinen unterwegs gewesen war. Zumindest hoffte ich, dass diese Interpretation der Wahrheit entspräche, konnte ich mir doch nicht vorstellen, dass US-Polizisten tatenlos einen Selbstmord beobachten würden. Ohnehin handelte es sich um die niedrigste Brücke weit und breit, die für einen Suizid nicht hätte ungeeigneter sein können.

Das banale Ereignis führte dazu, dass mich mein Weg künftig nicht mehr über diese Brücke, sondern neben ihr vorbei führte, was ein wesentlich intensiveres Naturerleben  zur Folge hatte. Das eigentliche Feuchtgebiet um das niedrige Rinnsal herum, das ich mit Leichtigkeit überspringen konnte, war mit dichtem Gestrüpp umwachsen, blieb jedoch eng begrenzt und ging mehr oder weniger abrupt an beiden Seiten der Brücke in Sandhänge mit Trockenvegetation über. Wie für die Region üblich hat der Sand, der an den Hängen teilweise feucht bleibt, eine rötliche Färbung, durch eisenhaltige Einlagerungen hervorgerufen. Krötenwinzlinge, gerade ihrer Metamorphose entsprungen, hüpften um diese Jahreszeit vor meinen Füßen umher, während der vollkommen trockene und lockere Sand  direkt unter der niedrigen Fahrbahn ein symmetrisches Muster kleiner Krater aufwies, an deren Basis die Larven der Ameisenjungfern mit giftigen Mandibeln auf Beute lauerten. Ich gewöhnte mir an, mich gelegentlich zu ihnen zu gesellen, um im Schatten ein wenig abzukühlen und den Geräuschen der Autos auf der Straße über mir zu lauschen, ein beruhigendes dumpfes, mehrstimmiges Rauschen, das unregelmäßig an- und abschwoll.

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Die kleine Brücke von unten gesehen (Copyrights Stefan F. Wirth)

Mein Weg führte mich häufig an jener Brücke vorbei, und es wurde mir zur Angewohnheit, unter ihr zu verweilen, kleine Insekten in die Fallen der Ameisenlöwen purzeln zu sehen, dem Gesang der Frösche zuzuhören und die bunten Tagfalter zu beobachten, die um die Blüten der Büsche herum tanzten. Eigentlich war es ein kleiner, unscheinbarer Ort, der den meisten Menschen nicht weiter aufgefallen wäre. Doch mir war er zunehmend zu einem inspirierenden Mini-Paradies geworden, an das ich mich noch lange erinnern wollte. Daher zeigen zahlreihe Fotoaufnahmen eine leicht marode, eher unscheinbare kleine Brücke aus allen denkbaren Perspektiven. Doch war es mir darüberhinaus wichtig, dass dieses Natur-Idyll auch eine Erinnerung an mich behalten sollte, weswegen ich mich mit einem meiner Schlüssel irgendwo im Beton mit Namen und Datum verewigte.

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Brücke als Natur-Idyll (Copyrights Stefan F. Wirth)

Rassismus, Weiß gegen Schwarz, ist in Louisiana leider kein Thema von gestern, zumindest nicht auf dem Lande und in den Kleinstädten. Die Ortschaften, in denen Farbige meist in unübersehbarer Armut leben, werden als „No-Go-Areas“ für Touristen und sonstige Reisende ausgewiesen. Der Besucher empfindet dies zurecht als Attacke gegen alle modernen gesellschaftlichen Werte. Und doch verbirgt sich offenbar ein Teufelskreis dahinter, der für alle Beteiligten schwer zu durchbrechen ist. Es gäbe durchaus eine gegenseitige Separation beider Seiten voneinander, zumindest heutzutage, berichtete mir eine ungewöhnlich gesprächige Frau, der ich beim Einkauf im Supermarkt begegnete und die mich durch ihren Mitteilungsdrang mindestens fünfundvierzig Minuten zwischen Pasta und Salzbrezeln festhielt. Das Gespräch vermittelte mir zwar kein wirkliches Verständnis der vorherrschenden, unterschwellig überall bemerkbaren Rassendiskriminierung,  erklärte aber immerhin die Wahrnehmung der Einheimischen bezüglich dieses unsympathischen gesellschaftlichen Phänomens.

Ich jedoch, dem Charakter nach immun gegen Massentrends seiend, missachtete den „No-Go“-Hinweis und fuhr mit einem Leihwagen im Armenviertel Alexandrias vor.

Das Auto hatte ich nur für kurze Zeit,  für etwa drei bis vier Tage, ein schwarzer PKW, die Marke habe ich vergessen, auf jeden Fall zu auffällig für Alexandrias verbotene Zone. Doch dessen war ich mir damals aus Dummheit nicht hinreichend bewusst. Dass man den Weg über die Hauptstraße des Viertels bei zügiger Weiterfahrt bedenkenlos nehmen konnte, war mir nach einigen Tagen des Herumfahrens, um die Gegend zu erkunden, bekannt. An jenem Tage jedoch blitzte mir dort kurz vor Sonnenuntergang rot leuchtender Metallschrott entgegen, Regale, Gestelle, Autoteile und kleinere Container. So parkte ich spontan mein Fahrzeug auf einem dafür vorgesehenen markierten Bereich ab, nahm die Fotokamera unter den Arm und lief um den alten Schrott herum, der so lebendig in der Sonne funkelte, um zu fotografieren. Zig Bilder habe ich dort aufgenommen, manche Motive im Sekundenrhythmus gleich mehrfach abgelichtet, da sich die Lichtverhältnisse stetig geringfügig veränderten und ich im Nachhinein die schönste Version am Computer auszuwählen gedachte. Die großen Container ganz im Hintergrund habe ich auch fotografiert, doch sie waren mir die Mühe einer direkten Annäherung, um auch die Rückseiten betrachten zu können, nicht wert. Auffällig die Löcher inmitten des stark korrodierten Bleches, die nicht durch natürliche Zerfallsprozesse entstanden waren.

Das Schrottmaterial, tief rostrot verfärbt, wurde durch den roten Boden in seiner dynamischen Leuchtkraft zusätzlich verstärkt, inmitten der zunehmenden Düsternis des Abends. Es schien, als stünde ich inmitten einer schönen, jedoch lichterloh brennenden Landschaft.

Ich wähnte mich zunächst vollkommen alleine, doch in Wirklichkeit wurde ich beobachtet. Als ich mich umsah, war da etwas entfernt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehend, ein Mann. Um nicht noch mehr Aufmerksam auf mich zu ziehen, entschloss ich mich zum gemütlichen Rückzug. Wieder im Auto sitzend und fast abfahrtbereit klopfte es an das Fenster meiner Fahrerseite, das ich daraufhin mit Hilfe der Elektronik öffnete. Ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters, groß und kräftig gebaut, sprach mich sichtlich erregt an, warum ich hier parkte, ich hätte hier nichts verloren. Worauf ich entgegnete, meine Gründe hierfür seien vollkommen harmlos und freundlich, ich hätte nur einige Fotos machen wollen, was der Mann keineswegs als akzeptable Entschuldigung für meinen unerwünschten Aufenthalt durchgehen ließ. Er geriet zunehmend in Rage. Sollte ich es jemals erneut wagen, mein Auto hier zu parken und auszusteigen, würde er umgehend seine Pistole auf mich richten, „richten“ hat er gesagt, nicht „mich erschießen“, und doch erschien mir dies fast gleichbedeutend, insbesondere, da sich sein Gesicht immer weiter verkrampfte, er die Stirn in Zornesfalten zusammenpresste, hastig und deutlich hörbar durch den Mund atmend,  und er plötzlich geradezu hysterisch in seiner Jacke herumkramte.  Eine Situation, die mir niemals zuvor widerfahren war. Ich hatte Angst und spürte mein Adrenalin wie ein Feuerwerk durch meinen gesamten Körper schießen. Er suchte nach seiner Waffe;  was konnte ich tun? Mein Körper zitterte, auf meine Vernunft, überhaupt den gesamten vorderen Hirnlappen, hatte ich keinen Zugriff mehr. Ich reagierte daher instinktiv. Mein Überlebensinstinkt führte mich.  Hastig verschloss  ich ohne ein weiteres Wort das Fenster und fuhr zügig von dannen.

Wahrscheinlich hatte ich versehentlich auf privatem Grund geparkt, ein im Grunde unverzeihlicher Fehler. Wusste ich doch, dass in nicht wenigen Teilen der USA Privatgrundstücke durch Waffengewalt verteidigt werden dürfen.

Tage später betrachtete ich die Schrottplatz- Fotos auf meinem Laptop. Keines ist richtig gut geworden, jedenfalls nicht vom künstlerisch-ästhetischen Standpunkt aus gesehen. Doch die Container im Hintergrund, im Bild besser zu sehen als vor Ort, wirkten dennoch unerklärlich geheimnisvoll. Eine Bilderreihe zeigte immer wieder denselben Container mit unveränderter Perspektive. Allerdings erst bei zügigem Vor- und Zurückklicken der Aufnahmen wurde erkennbar, dass sich hinter den großen Öffnungen im Container etwas veränderte. So etwas wie ein Vorhang wanderte vor und zurück. Auf dem letzten Foto war jedoch gar kein Vorhang mehr zu sehen, stattdessen war da ein Gesicht, unscharf, etwas überbelichtet, doch eindeutig ein Menschenkopf. Jemand musste sich dort aufgehalten, womöglich versteckt haben, zumindest jedoch wird derjenige  meinen Besuch eher nicht als begrüßenswert empfunden haben. Die befremdliche Wut des alten Mannes an meinem Auto war so zudem vielleicht besser erklärbar geworden.  Eigentlich ist mir dieses Erlebnis peinlich, denn irgendwie hatte mich mein Leichtsinn an diesem Tage offenbar zum Porzellanladen-Elefanten werden lassen.

Als Wissenschaftler und Evolutionsbiologe interessierte ich mich dafür, wie die enge Verknüpfung der Lebensstrategien von Feuerameise und Milben wohl entstanden sein mochte. Eher ungewöhnliche Fragestellungen in dieser Region, denn Louisiana liegt mitten auf dem Bible Belt, der im Grunde alle Südstaaten der USA umfasst. Evangelikaler Protestantismus und das Wort der Bibel bestimmen beträchtliche Aspekte des Alltagslebens,  ist integraler Bestandteil im Selbstverständnis aller Ethnien vor Ort.  Die Religion verbindet auch Schwarz und Weiß, jedoch bevorzugt man häufig getrennte Kirchen. Die Vielfalt an Freizeitbeschäftigungen ist in den ländlichen Regionen eher begrenzt und kann oft eingeschränkt werden auf Fischen, Jagen und soziales Engagement. Letzteres meint fast immer kirchliche Tätigkeiten, die ehrenamtlich ausgeführt werden. Das Wort „Evolution“ hört man nicht gerne, denn zumeist ist die biblische Schöpfungsgeschichte  fest verwurzelt in einer Logik,  die so im Grunde alles erklären kann, soziale Phänomene, ethnische und kulturelle Unterschiede, die Vielfalt des Lebens.

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Verbreitungsstadium der Milbe Histiostoma blomquisti (Copyrights Stefan F. Wirth)

Für Einheimische scheint es zwingend zu sein, einer Kirche anzugehören, üblich sind dabei verschiedene Versionen des Protestantismus, baptistisch, lutherisch oder anglikanisch. Notfalls sind auch nicht-konfessionelle oder über-konfessionelle Kirchengruppierungen erlaubt. Atheismus jedoch gilt als inakzeptabel exzentrisch.

Mein US-amerikanischer Kollege und Kooperationspartner vor Ort war damals bereits achtzig Jahre alt, kam ursprünglich nicht aus dem Süden und galt durchaus als komischer Kauz, vor allem sicherlich, weil er sich hartnäckig weigerte, trotz langjährigen Ruhestandes auf die tägliche Forschungsarbeit zu verzichten. Er war derjenige, der mich zum ersten Mal überhaupt darauf hingewiesen hatte, dass  es den Bibel-Gürtel gibt. Kreationismus, der wörtliche Glaube an die Schöpfung Gottes, wird hier von vielen Menschen erschreckend wörtlich genommen. Wenn im ersten Buch Mose (2,4b-3,24) steht: „Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute…„, so wird das tatsächlich Wort für Wort als Tatsachenbericht angenommen, sogar dann noch , wenn es im selben Abschnitt des Mose-Buches weiter heißt, Gott habe dem Menschen „den Odem des Lebens in seine Nase geblasen„. Wer an blasende Götter glauben möchte, nimmt allgemein vieles als gegeben hin, die Komplexität des Lebens muss nicht überdacht werden, gesellschaftliche Ordnungen werden kritiklos als gottgegeben akzeptiert. Wer auf die Bibel verweist, wenn er nach den Prinzipien des Lebens gefragt wird, benötigt keine differenzierten Gedankengänge. Kreationismus fördert fördert Unmündigkeit und Denkfaulheit.

Die Schlange kommt in der Bibel leider nicht gut weg. Steht sie doch für Unvollkommenheit, das Teuflische und die Hinterlist. Ihre Beliebtheit innerhalb des Bible Belts hält sich daher auch sehr in Grenzen. In Lousiana habe ich einige kennengelernt, die sich nur bei Regen und Kälte nach draußen wagen, denn dann haben sich die schlängelnden Reptilien in ihre Verstecke zurückgezogen. Eine hysterische Angst, so albern wie unbegründet. Nur zwei Arten gelten hier als giftig, ich habe überall nach ihnen gesucht, sie jedoch nirgends gefunden.

Sie sind selten, denn die Landschaft hier wird durch den Menschen recht stark manipuliert. Wilde Wiesen werden gemäht und Wälder durch Brandrodung kontrolliert. Das hält nicht nur die Schlangen fern, sondern auch die Alligatoren, die hier eigentlich überall sein müssten. Gewässer gibt es genug. Doch nur in den Swamps bei New Orleans kann man sie zahlreich entdecken. Doch wer will schon ein Krokodil im Swimmingpool? Nein, Schlangen und Krokodile will man hier lieber nicht. Ich hörte, dass Klapperschlangen erschlagen werden, wenn sie sich unkluger Weise zu nahe an die Behausungen heran schlängeln. Ob man auf Alligatoren schießt?

Andere Tiere entdeckte ich allerdings häufig, tot am Straßenrand, und ich muss gestehen, den ersten Kadaver, dr mir begegnete, für einen Alligatoren gehalten zu haben. Doch in Wirklichkeit handelte es sich um einen Säuger, ein Gürteltier, die man hier Armadillo nennt.  Leider sieht man sie niemals lebendig, denn sie sind streng nachtaktiv. Bizarre Tiere, scheinbar eine Mischung aus Schildkröte, Alligator, Igel und Saftkugler.

Das Wandern entlang der Straßen in Louisiana ist überhaupt sehr spannend, denn überfahrene oder sonst wie verendete Tiere werden nicht weggeräumt. So findet man auch Schlangen, Stinktiere, Schildkröten und Riesenheuschrecken. Vor allem jedoch Gürteltiere. Das Warum trieb mich an, weswegen ich umgehend meinen älteren Kollegen bezüglich der vielen Gürteltier-Kadaver konsultierte. Die Gürteltiere besäßen ein ganz besonderes Verhalten, so erläuterte er mir, sie hüpften bei Gefahr instinktiv in die Höhe, was eben auf der befahrenen Straße eine äußerst ungünstige Form der Problembewältigung sei. So stellten sie nämlich sicher, von jedem sich nähernden Auto tatsächlich auch getötet zu werden. Gürteltiere gebe es recht viele hier in Louisiana, Autos leider auch.

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Gürteltierkadaver am Straßenrand (Copyrights Stefan F. Wirth)

Es ist dies ein gewagter Themenwechsel, nach Berichten über verwesende Tierkadaver am Straßenrand auf kulinarische Genüsse zu sprechen zu kommen. Doch da wir ausgehend von lebenden Alligatoren in den Sümpfen von New Orleans rhetorisch geschickt überleiten konnten zu zerfetzten Gürteltier-Kadavern in Pineville, ist es nun dem Leser sicherlich gut nachvollziehbar, im Folgenden zu den Alligatoren zurückzufinden und uns diese quasi ebenfalls in zerteilter Erscheinungsweise vorzustellen, in dem Falle nicht breitgefahren auf einem Trottoir, sondern hübsch arrangiert auf dem Essgeschirr eines Feinschmeckerrestaurants. Am Beispiel frittierter Alligatorenfilets möchte ich an dieser Stelle nämlich verdeutlichen, dass die Kunst der Haute Cuisine nicht darin liegt, besonders exklusive Objekte aufzutischen, sondern darin, diese exklusiv zuzubereiten. In unserem Falle stehen diesem Prinzip leider die Bedürfnisse ländlich geprägter Gaumen entgegen, die offenbar nach einem starken Wiedererkennungseffekt verlangen und lieber auf Experimente verzichten. Das Risiko, ein neues Geschmackserlebnis als unangenehm zu empfinden, wird nämlich minimiert bei gleichzeitiger Reduzierung der Fremdartigkeit, die den Geschmackssensillen der Zunge zugemutet wird. Viel Panade und ranziges Fett lassen tatsächlich Auster, Alligatorenfilet, Kartoffelstreifen und Pilze geschmacklich eins werden. Die Bekömmlichkeit ist dem Fremden dabei keineswegs garantiert, jedoch meiner Erfahrung gemäß zumindest Gewöhnungssache.

Nun könnte man glauben, meinen Ausführungen entnehmen zu müssen, in Louisiana verstünde man nichts von guter Küche. Ganz so stimmt das jedoch nicht. Wenn man irgendwo auf der Welt hervorragend zubereiteten Flusskrebs speisen kann, dann vermutlich hier. Die hummerartigen Süßwasser-Crustaceen der Art Procambarus clarkii kommen hier nicht nur überall vor, sondern werden auch genauso regelmäßig und  in großer Zahl zum Verzehr angeboten, eine wahre Gaumenfreude, die vorangegangene und unangenehme Erlebnisse mit schmierigen Panade-Champions schnell in Vergessenheit geraten lässt. Es ist ein „must“ für Louisiana-Reisende, den „crayfish“ , wie die Tiere hier heißen, zu kosten.

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Flußkrebs in Pineville, Louisiana (Copyrights Stefan F. Wirth)

Wenn wir schon einmal bei landestypischen Speisen angelangt sind, ist die Frage nach dem Verbleib derjenigen Menschen, die sie vermutlich als erste überhaupt jemals gekostet haben, nicht abwegig. So erkundigte ich mich einmal voller Neugierde, was denn eigentlich aus den Indianern des Landes geworden sei, ob es Reservate gäbe und wo sich diese befänden. Doch zu meiner Überraschung wurde die Existenz von Indianern zunächst resolut verneint. Ungläubig und verwundert nahm ich sogleich die nächste Gelegenheit wahr, dies mithilfe der Internetrecherche zu überprüfen, die sofort Gegenteiliges zutage förderte. So sind zum Beispiel die Chitimacha aus der Sprachfamilie der Algonkin-Indianer vor allem im Bereich des Grand Lake in Reservationen angesiedelt worden, einer Region des Landes, die im übrigen ursprünglich einmal vollständig ihnen gehört hatte. Der zuvor Gefragte, nun mit meinen Google-Ergebnissen konfrontiert, winkte geringschätzig ab und entgegnete mir ein: “ Ach die…, ja die gibt es, … die wollen aber lieber unter sich sein…“.

Derselbe schwarz glänzende Leihwagen, der mich in Alexandria beinahe dem Lauf einer auf mein Gesicht gezielten Pistole ausgeliefert hätte, brachte mich nun wohlbehalten nach New Orleans, runter an den Golf von Mexiko, eine etwa dreistündige Autofahrt, vorbei an zurecht gestutzten und niedrig gemähten Waldrändern auf der einen und Sumpfgebieten mit Kleingewässern, wie an einer Perlenkette miteinander in Verbindung stehend, auf der anderen Seite. Die Stadt selbst ist von Wasser umgeben, weshalb mehrere Brücken passiert werden müssen, um schließlich in die „Wiege des Jazz“ gelangen zu können.

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Typisches Feuchtgebiet in Louisiana (Copyrights Stefan F. Wirth)

Man kann die berühmte Bourbon Street im French Quarter auch als Touristen-Meile bezeichnen, die dazu dient, den Reisenden davon abzuhalten, einen Blick auf andere Stadtteile zu werfen, die man dann als weniger attraktiv empfinden würde. Doch damit tut man der berühmten Straße und dem dazu gehörigen Viertel Unrecht.

Es war später Vormittag, die Sonne brannte über New Orleans, die Luft war feucht, alles Bunte funkelte im Tageslicht, es roch nach Menschen-Schweiß, wohlriechendem Körpergeruch, der pheromongeschwängert war, viele Schwarze Männer mit freien Oberkörpern auf der Straße, Gelächter und Stimmengewirr von allen Seiten. Die Bourbon Street köchelt vor Energie, Lebendigkeit, Erotik flirrt durch die Luft. Menschen saßen auf Terrassen in den oberen Stockwerken der Bars. Große Deckenventilatoren surrten über ihnen, während fröhliche Augen das Treiben auf den Straßen beobachteten. Der Geruch nach lebendigem Wasser, aber auch Fäulnis, Algen und toten Fischen drang vom nahegelegenen Mississippi herüber. Jazzige Töne raunten in allen Ecken, Live-Musik aus den benachbarten Gaststätten unter freiem Himmel.

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Alligator aus den Sümpfen bei New Orleans (Copyrights Stefan F. Wirth)

Ich erreichte einen Kunstmarkt, auf dem Malerei durch die Urheber ihrer Werke höchst selbst feilgeboten wurde. Ein durchaus hohes Niveau, die Künstler waren gesprächsbereit, und ich erfuhr, dass die meisten von ihnen auch in Galerien ausstellten, dort zum höheren Preis, versteht sich. Ich kaufte das dynamische und farbenprächtige Gemälde eines Saxophon-Spielers für etwa hundert Dollar, mehr, als mich mir eigentlich leisten konnte, doch ich liebe Kunst.

Irgendwo traf ich schließlich einen alten Mann, ein Schwarzer, ein beeindruckender Typ, ein Maler, doch sein Werk, das mir so gut gefiel, wollte er mir partout nicht verkaufen, Fragen dazu ignorierte er konsequent, lieber wollte er erzählen und fand in mir einen geduldigen und interessierten Zuhörer. Seine Erzählung war mindestens so lebendig wie seine Malerei, dabei erschien es mir unerheblich, ob seine schier unglaubliche Geschichte der Wahrheit entsprach oder ob er einfach ein begnadeter Märchenerzähler war. Er berichtete von seinen Erlebnissen während einer gewaltigen Naturkatastrophe, die vor vier Jahren die Region um New Orleans heimgesucht hatte, nämlich im August 2005 (der hier vorliegende Erlebnisbericht, bezieht sich demnach also auf eine Reise, die ich 2009 unternommen habe). Er lebte allein mit seinem Hund, einem größeren Mischling, in einem kleinen Holzhaus auf dem Lande, mit angrenzendem Garten und einigen Bäumen, das ganze auf einer gewissen Erhöhung stehend, einem Hügel vielleicht, als Hurrikan Katrina wie eine gnadenlose Furie das Land verwüstete und zahlreiche Bewohner tötete. Die verstörenden Fernsehbilder gingen um die Welt. Und aus dem Holzhaus mit dem Garten war eine Insel geworden. Nichts darauf hat größeren Schaden genommen, nicht das Eigenheim, nicht seine beiden Bewohner und auch nicht der Garten. Doch die gesamte Umgebung war nicht mehr. So blieb nur noch die Rettung per Helikopter, wusste man doch schließlich nicht, was noch kommen würde, außerdem war man vollständig von der Versorgung abgeschnitten. Die Rettung für den Maler erfolgte nach eigener Aussage auch prompt auf diesem Wege, jedoch musste der Hund zurückbleiben. Es dauerte Wochen, bis das Hochwasser zurückgegangen war. Als dann der Künstler, der die Zeit in New Orleans verbracht hatte, zurückkehrte, schon im Vorfeld trauernd um den vermutlich verstorbenen Vierbeiner, der ihm stets ein sehr treuer Begleiter gewesen war, befand dieser sich völlig unerwartet bei bester Gesundheit.

Eine andere Künstlerin, offenbar betucht, meinte hierzu, der alte Mann erzähle Lügengeschichten. Sie ließ es sich jedoch nicht nehmen, nun auch ihre eigenen Erfahrungen der Katastrophe kund zu tun. Mit schickem Haus und Swimmingpool wohnte sie direkt in New Orleans. Als in Folge des Hurrikans Strom- und Wasserversorgung versagten, hätten die Nachbarn, zuvor Unbekannte, plötzlich Schlange gestanden, um dringend benötigtes Trinkwasser ihrem Pool entnehmen zu können. Überall seien plötzlich Fremde gewesen, ihr Grundstück so faktisch zu einem öffentlichen Gebäude geworden. Wohlwollend habe sie alles an ihre Mitmenschen abgegeben, vor allem das Wasser. Ob die Bedürftigen allerdings dabei in ihrer Not gechlortes Wasser zu sich nehmen mussten, blieb indes offen.

Über den Sturm gibt es noch viele Geschichten mehr. Gerne erzählt man sie, insbesondere den Touristen, denn Katrina „sells“, könnte man sagen. Überall von Hand geschriebene Werbeschilder und dazu gehörige Souvenir-Shops.

Das berühmte Aquarium von New Orleans nahm sich von diesem Werbetrend keineswegs aus. Neu eröffnet, war es doch während des Hurrikans schwer beschädigt worden, lud es dazu ein, die wenigen inzwischen legendenumwobenen tierischen Überlebenden der Katastrophe in Augenschein zu nehmen, zum Beispiel den großen Albino-Alligator.

Ungeschönt hatte ich mir hingegen während meines vorherigen Aufenthaltes vor zwei Jahren ein Bild der Katastrophe machen können. Ein Kollege brachte mich zu einem Armenviertel, das vollständig zerstört worden war. 2007 standen dort die meisten Häuser leer, eine Geisterstadt, nur wenige Gebäude waren provisorisch repariert worden, Plastikfolien schützten dort die löchrigen Dächer vor Wassereinfall. Einmal hatte ich gegen den Rat meines Begleiters das Auto verlassen und kurz eines der Häuser betreten, war durch das völlig leerstehende und zudem ausgebrannte Gemäuer in den dahinter liegenden Garten gelangt und hatte dort einen leeren Grill vorgefunden, teilweise von Geröll beladen, daneben die Grillwerkzeuge, noch immer fein säuberlich angeordnet, noch immer vergeblich auf ihren Einsatz wartend. Die Momentaufnahme eines Unglücks. Die Wiese verwildert, das Gesumme der Bienen und das Geknarre der Heuschrecken in der Luft.

Im Grunde ist New Orleans eine moderne und tolerante Stadt. Die Hautfarben mischen sich, zumindest im French Quarter, und die europäischen Einflüsse sind überall spürbar (wer sich auskennt, findet hervorragende Restaurants. Ich empfehle dem Reisenden, die „Softshell Crab“ zu kosten. Man isst den zarten Panzer einfach mit). Minderheiten stellen eine Selbstverständlichkeit dar, und bereits am ersten Tage waren mir mehrere Mini-Gay-Paraden aufgefallen, die sich offenbar zu spontanen Kundgebungen zusammengefunden hatten. Überhaupt scheint die halbe Bourbon Street (der hintere Bereich) aus Gaybars zu bestehen. Als an meinem ersten Abend vor Ort, ich war in Feierlaune, plötzlich im unteren Areal der Ausgehmeile das Licht ausging, war weit und breit kein Lamentieren zu hören. Die Massen wanderten einfach Straße aufwärts und nahmen dort ihre Plätze ein, und zwar in den zahlreichen nebeneinander aufgereihten Schwulenbars, die als einzige noch über Strom verfügten, denn ein Brand weiter unten hatte einen zentralen Stromverteiler-Kasten beschädigt. Die Reparaturen dauerten die ganze Nacht über an. Die Feier-Stimmung unter allen Anwesenden, ob gay oder nicht, war dennoch prächtig. Gogo-Boys tanzen, auf den Tresen stehend, ausdauernd auf und ab, manche von ihnen schienen Drogen eingenommen zu haben.

New Orleans ist auch eine magische Stadt. Wie schon mit Katrina wird auch mit diesem Image geschäftstüchtig Geld umgesetzt. Überall bieten Voodoo-Läden feil, was sich der Reisende so unter Voodoo-Utensilien vorstellt.

Es ist die Stadt, in der Anne Rice noch vor einigen Jahre lebte und auch geboren worden war, in der ihre Vampirromane spielen. Sie schildert in ihren Werken all das, was der Reisende tatsächlich vorfindet, die Hitze, die Erotik, die Homosexualität, und Orte ihrer Erzählungen sind häufig die Gruften und gewaltigen Friedhöfe. Und die wirken, wenn man sie besucht, vor allem deshalb so wuchtig und beeindruckend, weil Erdgräber unüblich sind. Zu feucht ist der Boden, weswegen man die Verstorbenen stattdessen in Mausoleen bestattet. Zwischen ihnen hindurch zu laufen war, als befinde man sich in einer wahrhaftigen Stadt der Toten. Vereinzelt blühendes Gestrüpp zwischen ansonsten kahlem, oft rissigem Stein und Beton. Subtropische Schmetterlinge tanzten scheinbar bedächtig um die Totenhäuser.

© aller Textpassagen Stefan F. Wirth. Alle Rechte der Textpassagen vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieser Seite darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung von Stefan F. Wirth reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Die Weiterverwendung der Fotos erfortert ebenfalls der Zustimmung von S. F. Wirth, der das alleinige Urheberrecht besitzt . 

Das Geheimnis der Bernstein-Tierchen

Image    Stefan F. Wirth betreibt Forschung in den Bereichen Zoologie, Acarologie, Evolutionsbiologie und Ökologie in Kooperation mit verschiedenen internationalen Instituten. Sein Forschungsschwerpunkt sind Milben, die an Insekten und andere Arthropoden gebunden sind. Außerdem doziert er an der FU Berlin zur Biologie der Insekten und Milben sowie zu evolutionsbiologischen und ökologischen Themen. 

© aller Textpassagen Stefan F. Wirth. Alle Rechte der Textpassagen vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieser Seite darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung von Stefan F. Wirth reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Die Weiterverwendung der Fotos erfortert zudem die Zustimmung weiterer Personen des Urheberrechts. 

Da ich mich von nun an selbst publizieren möchte, habe ich den Artikel, für den nur ich die Urheberrechte besitze, von der Seite natur.de entfernen lassen.

DAS GEHEIMNIS DER BERNSTEIN-TIERCHEN

Bernsteine stammen aus längst vergangenen Zeitaltern. Manchmal sind in diesen Steinen winzige Tiere eingeschlossen, Milben oder kleinste Spinnen beispielsweise. Noch steht die Erforschung dieser Wesen am Anfang. Doch sie verspricht spannende Erkenntnisse über die Frühzeit des Lebens. Von Stefan F. Wirth .

Fast jeder kennt die orange-gelb schimmernden und häufig durchsichtigen Steine und hat womöglich schon Museums-Stücke bewundert, die manchmal im Innern winzige Tierchen beinhalten – wie im Foto links: eine Spinne. Bernstein ist ein ungemein ästhetisch anmutendes Gestein. Nicht umsonst gilt das legendäre Bernsteinzimmer des Preußenkönigs Friedrich I. als  „achtes Weltwunder“.

Bernstein ist dabei nur der Sammelbegriff für vorzeitliches Baumharz, das die Jahrmillionen überdauerte. Im Detail gibt es unterschiedliche Sorten aus verschiedenen Zeitaltern, die sich im chemischen Aufbau voneinander unterscheiden.

Doch welchen Nutzen hat Bernstein für die Forschung? Warum sind mikroskopisch kleine Milben darin zum Beispiel interessante Studienobjekte, und warum ist davon auszugehen, dass manche Tier- und Pflanzenarten, die gemeinsam im Bernstein eingeschlossen wurden, sich dort nicht zufällig begegnet sind, sondern vielmehr üblicherweise gemeinschaftlich auftreten?

Die Frage lässt sich zunächst allgemein beantworten: Fossilien, um die es sich ja auch im Falle der Bernstein-Organismen handelt, gewinnen häufig durch den Vergleich mit heutigen Lebewesen erst an wissenschaftlicher Aussagekraft.

Finden wir zunächst also scheinbar nichts weiter als eine Hummel, eine Ameise, einen Käfer oder eine Spinne im Bernstein erhalten, dann stellt sich bei genauem Hinsehen heraus, dass diese Tiere selten allein sind. Winzige Organismen sitzen auf ihnen drauf. Sind das natürliche Bedingungen oder Zufälle?

Blinde Passagiere, Mitflieger und Reisegesellschaften

An Fossilien kann man das manchmal nicht mit Sicherheit beantworten. Untersucht man jedoch noch heute lebende Gliedertiere, wird man feststellen, dass es tatsächlich „Mitreisende“ gibt. Und die kann man mitunter sogar leicht mit dem Transport-Tier zusammen züchten und die Zusammenhänge derartiger Bindungen zueinander im Detail studieren. Erst wenn solche Erkenntnisse aus der heutigen Welt der Tiere vorliegen, können Wissenschaftler Fossilien hinreichend verstehen und im richtigen Kontext interpretieren.

Tatsächlich zeigen Vergleiche mit heutigen Organismen, dass die oben genannten Tiere regelmäßig Mitläufer oder Mitflieger an sich tragen. Man kann sogar sagen: Das Insekt oder die Spinne wird zum Lebensraum, einem Mini-Ökosystem, obwohl manche dieser blinden Passagiere eher an ruhende Taxi-Passagiere erinnern und weniger an aktive Lebewesen.

Ökosysteme sind für Biologen interessante Forschungsobjekte. Darunter versteht man meist die Gemeinschaft verschiedener Arten, die in einer Wechselwirkung mit ihrer (unbelebten) Umwelt stehen. Manchmal finden sich sogar Hinweise auf eine gemeinsam verlaufene Evolutionsgeschichte der verschiedenen Organismen, die zu solch einer Artengemeinschaft gehören, zum Beispiel der auf einem Insekt. Das Phänomen, in dem nicht näher miteinander verwandte Organismen sich schrittweise durch Evolution aufeinander spezialisiert haben, bezeichnet man als Koevolution.

Man kennt solche Hinweise auf parallel verlaufene Evolutionen zum Beispiel von Blütenpflanzen und einigen sie bestäubenden Insekten. Wie man eine solche Koevolution überhaupt nachweisen kann?

Hierzu müssen die Evolutionsbiologen Stammbäume rekonstruieren und nachprüfen, ob die der betroffenen Organismen an entsprechenden Stellen ein ähnliches Verzweigungsmuster aufweisen.

Im Zusammenhang mit Insekten und anderen Gliedertieren sind parasitische „blinde Passagiere“ bekannt, die es häufig auf das Blut ihrer Wirte abgesehen haben. Aber auch solche „Mitreisenden“ kennt man, die nur transportiert werden wollen, weil sie zu klein und zu langsam sind, um neue Lebensräume selbstständig erreichen zu können. Manche der Parasiten und auch einige dieser neutralen „Mitreisenden“ haben offenbar einen langen Abschnitt ihrer Evolution in Wechselwirkung mit der ihres Insektes durchlaufen. In vielen anderen Fällen ist die Forschung noch immer gefordert, diese Zusammenhänge zu klären.

In Bernstein eingeschlossen: Farne, Moose, Flechten und kleine Wirbeltiere

In meiner Forschung sind besonders solche Milben dankbare Studienobjekte, die sich bei einer Größe von weniger als einem halben Millimeter mit komplizierten Saugnäpfen auf Insekten und anderen Tieren festheften, um so transportiert zu werden – (das unten stehende Foto zeigt die Milbe bei lichtmikroskopischer Vergrößerung).

Es handelt sich dabei nicht um Parasiten, sondern vielmehr um neutrale „Mitflieger“. Häufig werden nämlich fliegende Insekten von Milben als Transportmittel bevorzugt, denen im Übrigen trotz mitunter recht zahlreichen Passagieren kein bemerkbarer Schaden entsteht.

Derlei „Reisegesellschaften“ gab es bereits in längst vergangenen Zeitperioden unserer Erde. Sie sind bislang aber sehr unzureichend untersucht worden. Besonders ergiebig für die Milbensuche ist Baltischer Bernstein, der wissenschaftlich übrigens als „Succinit“ bezeichnet wird. Bernsteineinschlüsse werden der Forschung noch Überraschende Erkenntnisse liefern.

Doch was hat es mit diesem Gestein auf sich? Bernstein mit Einschlüssen konnte sich bilden, indem Organismen wie Moose, Farne, Flechten, kleine Wirbeltiere und insektenartige Gliedertiere zufällig in das noch flüssige Baumharz von Nadelbäumen gelangten, wo sie festklebten und vollständig umschlossen wurden. Nach dem Erhärten des Harzes, das die eingeschlossenen Organismen nun luftdicht eingebettet vor bakterieller Zersetzung bewahrte, sorgten chemische Veränderungen dafür, dass aus dem Baumharz-Brocken Schritt für Schritt Bernstein wurde, wie wir ihn heute kennen.

Was simpel klingt, konnte im Detail noch nicht durch die Wissenschaft erklärt werden. So ist zum Beispiel nichts über den Artenreichtum Succinit-bildender Bernstein-Baumarten bekannt. Stittig ist auch, welche Verwandten der Bernsteinbäume es unter den heutigen Nadelholz-Gruppen gibt.

Nicht mehr bezweifelt wird indes, dass die Bernstein-Bäume ungewöhnliche Eigenschaften hatte: Sie besaßen ein besonders schnell aushärtendes Harz, wie wir es bei modernen Nadelbäumen in dieser Ausprägung nicht finden können. Es gibt klare Hinweise, die belegen, dass es bereits am lebenden Baum zu seiner endgültigen Gestalt erstarrt sein muss. Nur so ist zu erklären, dass die tierischen und pflanzlichen Einschlüsse unversehrt in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleiben konnten, ohne dass es durch den späteren Druck beim Einlagern in die Erde zu Verformungen kam. Deformationen kennen wir von Fossilien aus Schieferlagerstätten nur zu gut.

Baltische Bernsteine sind etwa 30 bis 50 Millionen Jahre alt und entstammen einer Region, bestehend aus der heutigen Ostsee und der skandinavischen Halbinsel, die einst mit ausgedehnten Wäldern bedeckt war.

Erforschung einer weitgehend unbekannten Mikrowelt

Obwohl Bernstein in unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung und auch aus verschiedenen Zeitepochen erhalten ist, erweist sich der Baltische Bernstein als besonders zahlreich mit darin eingeschlossenen Organismen versehen. Dies ist jedoch vor allem auf seine Fundhäufigkeit und die damit einhergehende bessere wissenschaftliche Bearbeitung zurückzuführen.

Vertreter von Insekten, aber auch Asseln als Repräsentanten der Krebse, Hundertfüßer und Spinnentiere sind in all ihren mikroskopisch kleinen Strukturen so wunderbar erhalten, dass man glauben könnte, sie seien erst gestern verstorben.

Die Mikrowelt aus Milben und Insekten, Spinnen oder Tausendfüßern im Bernstein ist nur unzureichend erforscht und wenn überhaupt, dann nur lückenhaft dargestellt, was oft vor allem auf technische Beschränkungen zurückzuführen ist. Denn wie soll man eine Milbe aussagekräftig sichtbar machen, die weniger als einen halben Millimeter groß ist? Selbst hoch auflösende Lichtmikroskope sind überfordert, zumindest solange der Anspruch erhoben wird, den Bernstein nicht zu beschädigen. Denn dies wird häufig von den Museen oder Sammlungsbesitzern nicht gestattet.

In dieser Situation befand sich auch die Bernstein-Milbe, die ich zusammen mit einem Kollegen des Museums für Naturkunde in Berlin und weiteren Wissenschaftlern aus Manchester untersuchte. Das nur etwa 176 µm lange Tier, ein Jugendstadium, das als „Deutonymphe“ bezeichnet wird, sitzt festgesaugt auf dem Vorderkörper einer ausgestorbenen Sechsaugenspinne (eine bedrohlich aussehende Webspinnen-Gruppe, die auch heute noch vorkommt), bei der es sich um genauso ein Original handelt, das als Vorlage für die neue Beschreibung dieser Spinnenart diente. Daher durfte das Bernsteinstück nicht zerschnitten werden, um beispielsweise mikroskopisch dünne Schliffe für die Untersuchung mithilfe normaler Lichtmikroskope anzufertigen.

Um die winzige Milbe, die aus der recht großen Gruppe der so genannten „astigmaten Milben“ stammt, dennoch dreidimensional sichtbar machen zu können, entschlossen wir uns, die Computertomographie einzusetzen. Ein eventuell wegweisendes und ungewöhnliches Unterfangen!

Unserer Kenntnis nach haben wir in unserer Publikation aus dem Jahre 2011 weltweit erstmalig ein Tier dieser winzigen Größe (176 µm) mithilfe der einfachen Mikro-CT  dreidimensional und in sehr guter Auflösung darstellen können.

Wir wissen jetzt: Schon vor Millionen von Jahren gab es „Taxis“

Unser Erkenntnisgewinn: Es handelt sich scheinbar um den ältesten bekannten Nachweis einer Milbe aus der Familie der Histiostomatidae (wobei aufgrund der fossil erhaltenen Merkmalssituation – die Milbe war teilweise beschädigt – des Tieres auch die Zugehörigkeit zu einer anderen, nah verwandten Milben-Gruppe nicht  auszuschließen ist). Das Alter des Tieres aus dem Eozän (44 bis 49 Millionen Jahre) wird von uns als Mindestalter angesehen, dennoch wissen wir nun sicher, dass die eigenartige Verbreitungsweise dieser Milben, nämlich ein größeres und schnelleres Tier als „Taxi“ zu gebrauchen, schon Millionen Jahre alt ist.

Aus der Milben-Gruppe, mit der ich mich derzeit befasse, sind bislang nur wenige Fossilien bekannt, was auf die geringe Größe dieser besonders kleinen Tiere zurückzuführen ist. Sie werden dadurch nämlich oft übersehen. Bessere optische Technologien, aber auch die gewachsene Aufmerksamkeit der interessierten Zoologen, werden dazu führen, dass bislang im Bernstein kaum beachtete Vertreter winziger Tiere wie diesen Milben, künftig viel besser wissenschaftlich bewertet werden können.

Auch das aus evolutionsbiologischer Sicht äußerst spannende Phänomen der gemeinsamen, aneinander gebundenen Evolutionsgeschichte unterschiedlicher Tiergruppen kann durch Bernsteinfossilien künftig wohl besser verstanden werden.

Ein gutes Beispiel für diesen Forschungsansatz sind Milbenarten, die an unterschiedlichen Arten von Borkenkäfern gebunden sind. Möglicherweise hat man es hier mit Koevolution zu tun. So bearbeite ich derzeit ein Bernsteinstück, das einen heute ausgestorbenen Borkenkäfer mit winzigen Milben behaftet enthält. Diese Milbenart zeigt bereits äußerliche Merkmale, die man auch bei heutigen Borkenkäfermilben aus dieser Verwandtschaftsgruppe finden kann.

Es ist im Übrigen ganz grundsätzlich bei der Bewertung von Fossilien stets zu berücksichtigen, dass sie die Artenvielfalt und ökologische Zusammenhänge vergangener Zeitalter, abhängig von zufälligen Einbettungsereignissen, stets nur lückenhaft wiedergeben. Fossilien sind daher als kleines Puzzlestück aus einem großen Ganzen zu bewerten, das zu einem beträchtlichen Teil auf immer verloren ist.

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Foto oben: Spinne im Bernstein – Copyright: Jason Dunlop, Museum für Naturkunde Berlin.

CT-Foto unten – Copyright: University of Manchester/Andrew McNeil.

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