biologe

Blog and online journal with editorial content about science, art and nature.

Tag: Russland

Eine Reise durch die Stadt Tjumen

Ich habe aus beruflichen Gründen mehrere Monate in Tjumen verbracht, einer eher unbekannten russischen Stadt in West-Sibirien. Als zoologischer Forscher war ich an der dortigen Universität vorübergehend angestellt. Tjumen, eine kleine Metropole des Wohlstands, und doch ein hässliches Entlein, das niemals zu einem prachtvollen Schwan heranreifen wird. Oder doch?

Die Stadt muss man als neureich bezeichnen, Bodenschätze in der Umgebung haben Industrielle aus allen Ländern der Welt mobilisiert. Das färbt sichtbar auf die Stadt ab.  Golden lackierte Autos glänzen im Sonnenlicht, sind aber zu jeder Jahreszeit meist durch eine Staubschicht bedeckt, die sich bei feuchter Witterung schnell in eine unansehnliche Schlammmaske verwandelt. Keine Frage, man imitiert den offiziell verhassten Westen, insbesondere die USA. Anders als in Deutschland zahlt man auch Pfennigbeträge mit der Kreditkarte. Riesige Einkaufszentren sprießen in die Höhe, in denen zu erstehen ist, was immer der Käufer begehrt. Internationales Niveau. Die Lebensmittelabteilungen borden über vor namhaften Westprodukten. Toilettenartikel – auch für den eitlen Mann – stammen aus Frankreich, Italien und Deutschland, eher ungern aus Russland selbst, nicht selten jedoch auch aus China. Haute Couture, Markenklamotten überall, allerdings im Gegensatz zu Hygieneartikeln und Lebensmitteln auch zum hohen Preis. Da macht man in Berlin leichter ein Schnäppchen.

Tjumen hat eine wunderschöne Altstadt, die sich auszeichnet durch Relikte ursprünglicher Holzwohnhäuser, mit verschnörkelten Fassaden und verzierten Fensterläden. Der Rest der Stadt gleicht Berlin Marzahn. Allerdings darf der Besucher die eintönigen und trostlosen Hochhäuser keinesfalls als Plattenbauten oder sozialen Wohnungsbau bezeichnen. Das beleidigt die Einheimischen, denn was den Eindruck erweckt, aus einer anderen Zeit zu stammen, ist in Wahrheit neu und wird als weithin sichtbares Anzeichen des Wohlstandes verstanden. Wer in einem solchen Hochhaus wohnt, der hat es geschafft, der ist im modernen Zeitalter angelangt, dem geht es gut – etwa so wie in Berlin Marzahn, dort allerdings zu DDR-Zeiten.

Die Stadt wird durch einen Fluss aus dem Ural zweigeteilt, die Tura. Diesseits der Tura befinden sich das historische Stadtzentrum, die Universität, die Hochhäuser, die guten Restaurants, kurz der Wohlstand. Jenseits der Tura lebt die Armut. Die Menschen bewohnen kleine Holzhütten und besitzen nur das Nötigste.

Der Unterschied zwischen diesseits und jenseits ist auch am Fluss selbst nicht zu übersehen. Das diesseitige Ufer ist durch eine pompöse Promenade geschmückt, die sich über mehrere Etagen erstreckt, denn im Frühjahr gibt es starkes Hochwasser, das die unteren Wege dann vollständig verschluckt. Jenseits ist das Ufer verwildert und ein Biotop für brütende Wasservögel. Keine Promenade, nur ein kleiner Trampelpfad, natürlich auch kein Hochwasserschutz.

Mein russischer Vorgesetzter, ein rundlicher Mann mit freundlichem Lachen, erklärte mir einmal, jenseits wohnten vor allem Zigeuner. Er machte dabei eine verächtliche Handbewegung, man solle sich von dort besser fernhalten. Ich akzeptiere allerdings keine No-Go-Areas, nirgendwo, auch nicht in Tjumen. Auch jenseits stand nämlich ein Einkaufszentrum, das man meist nicht trockenen Fußes erreichte, und das ich trotzdem oft besuchte. Einmal widerfuhr mir auf dem Wege dorthin tatsächlich etwas. Ein etwa 18-jähriger Jugendlicher attackierte mich körperlich nach meiner Weigerung, ihm eine Zigarette auszuhändigen. Abgesehen hatte er es bei seinem Angriff auf mein bereits angerauchtes Exemplar, das er mir schließlich erfolgreich entriss. Meist verhielten sich die Menschen jenseits jedoch friedlich, zumindest mir gegenüber.

Friedlich erschien auch das diesseitige Straßenleben, und sehr amerikanisch obendrein, zumindest, was die Aktivitäten der Jugendlichen anbelangte, die fröhlich auf Fahrrädern, Skate- und Hoverboards unterwegs waren. Ohne jemals dabei zu lachen allerdings. Russland ist ein Kontrollstaat, und lachen in der Öffentlichkeit scheint untersagt. Modische junge Männer könnten leicht mit Berlinern verwechselt werden, wären sie nicht so starr und teilnahmslos in sich selbst gefangen. Kälte regiert die Straßen, auch im warmen Frühsommer. Ausgelassene Fröhlichkeit ist nur hinter verschlossenen Türen erlaubt, und es bedarf einiger Gläser Wodka, um sie wirklich aus sich herauszulassen.

Modische junge Frauen erinnern fast nie an Berlin. Und wenn, dann an den dortigen Straßenstrich. Frauen tragen in der Regel alles eher zu dick auf, zu viel Make-Up, zu hohe High-Heels. Ein besonders kalter Gesichtsausdruck scheint die Männer erst recht zu betören, zumindest die heterosexuellen Exemplare. Homosexualität hingegen ist zwar legal, es soll sogar in Tjumen Homo-Bars geben, doch sieht man von alldem nichts auf den Straßen. Denn ein Auftreten in gemischt-geschlechtlichen Paarungen scheint ebenfalls vorgeschrieben. Mann und Mann spazieren niemals über die Uferpromenade, und falls doch, laufen stets zwei Frauen hinterdrein.

An moderner Kunst scheint der Stadt nicht sehr gelegen zu sein. Der imposante Neubau des Kunstmuseums ist seit Jahren unvollendet. Straßenkunst ist selten, manchmal spielt ein junger Musikstudent auf einer Geige. Staatlich verordnete Kunst ist klassizistisch, muss gegenständlich sein, die zahlreichen Büsten und Statuen entlang der Uferpromenade sind nie verrückt, schrill oder abstrakt. Es ist eher die Ästhetik einer frühen Leni Riefenstahl oder eines Albert Speer.

Überhaupt ist die Nazi-Zeit noch immer ein wichtiges Ereignis, das jedes Jahr erneut in den Fokus der Erinnerung rückt. Höhepunkt eines Jahres ist die große Militärparade zu Ehren des Sieges über Nazi-Deutschland. Die Fernsehkameras übertragen eher die große Militärschau aus Moskau. Doch auch in Tjumen werden Besuchertribünen aufgebaut und Straßen gesperrt. Das Volksfest, bei dem selbstverständlich nicht gelacht werden darf, wird über Wochen vorbereitet, und die Bevölkerung so eingestimmt. Kinder in Soldatenkostümen flanieren durch die Gassen, die Straßenlaternen entlang der Uferpromenade spielen militärische Marschmusik aus kleinen Lautsprechern, Big Brother is everywhere. Freiluft-Fotoausstellungen zeigen Aufnahmen des zerstörten Berlins. Die Vorfreude auf die Panzer-Parade ist groß.

Natürlich gibt es auch andere Volksfeste, jedoch nur für Kinder, und die dürfen dort auch nicht lachen. So beherbergt das diesseitige Stadtzentrum einen dauerhaft eingerichteten Rummelplatz mit zahlreichen Karussellen, die stetig in Betrieb sind. Ausgelassene Stimmung, Gekreische? Natürlich absolut Fehl am Platze. Die Ruine des stillgelegten Rummelplatzes im Berliner Plänterwald wirkt lebendiger, wenn sich bei sanftem Wind das alte, rostige Riesenrad knarzend von selbst in Bewegung setzt.

Mein russischer Chef reist gerne, obwohl er Ausländer nicht allzu sehr schätzt. Reisen ist für ihn Zeichen des besonderen Privilegs. Ein Russe lässt sich zudem nur im Ausland richtig gehen, wir Berliner beobachten dieses Phänomen immer wieder, wenn zugedrogte russische Reisende das frivole Vergnügen in den Clubs unserer Metropole suchen, um es dort richtig krachen zu lassen.

Er isst auch gerne, und lädt dazu immer wieder freundlich ein. Und in der Tat sind die Restaurants gut. Man legt generell Wert auf frische Zutaten, Instant-Suppen und amerikanisches Fastfood sind in Tjumen stark verpönt. Und man verweist stolz auf die traditionelle Küche. Damit ist oft Tatarisch gemeint. Einmal waren wir sogar in einem echten tatarischen Restaurant, natürlich außerhalb der Stadt. Russland möchte nicht nur weltweit, sondern auch national volle Kontrolle ausüben, ganz nach US-amerikanischem Vorbild. Dazu gehört freilich nicht nur der Einsatz von Plastikgeld, der an jedem Kiosk möglich ist, auch bei der Frage nach dem Umgang mit der Urbevölkerung hat man weit gen Westen geschielt. Ein Land kann nur beherrschen, wer die ursprünglichen Besitzer kontrolliert. Nicht, dass es gleich Reservationen gäbe. Doch in der sauberen Stadt möchte man keine schmutzigen Tataren sehen. Man hat sie einfach ausquartiert, wo sie in sehr armen Siedlungen zusammengepfercht versuchen, ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf ihres kulturellen Erbes zu bestreiten.

Tjumen selbst spielt in der Geschichte kaum eine Rolle. Die Umgebung ist hingegen sehr berühmt. Nur wenige Kilometer weiter östlich befindet sich das Geburtshaus Rasputins, des großen Wahrsagers, der das letzte Zarenpaar allzu sehr in seinen Bann zog. Jene wiederum wurden im weiter westlich gelegenen Jekatarinburg samt Familienanhang durch kommunistische Aktivisten ermordet.

Mit dem düsteren Einzelgänger Rasputin brüstet man sich in der Region gerne. Erst recht mit dem Entdecker, Biologen und Ethnologen Georg Wilhelm Steller, der in Tjumen gestorben ist. Dass man ihn schäbig auf einem Feld begaben hat, da er nicht orthodoxen Glaubens war, wird in diesem Zusammenhang freilich eher verschwiegen. Auch die genauen Todesumstände beleuchtet man nicht allzu gerne, ist er doch vermutlich aufgrund wiederholter russischer Schikanen überhaupt erst an seinem tödlichen Fieber erkrankt. Heute jedenfalls gedenkt man seiner ungeniert öffentlich und hat jüngst sogar eine Rekonstruktion seines Antlitzes in Öl der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Bei der feierlichen Präsentation war ich zufällig zugegen. Beeindruckt hat mich dabei vor allem die Rede eines russischen Historikers, der mehrfach betonte, dass Steller im Grunde ein Russe gewesen sei. Nun ja, in Wahrheit war er ein Deutscher.

Gesteht man im Russland der Putin-Ära historischen Figuren gerne ihren besonderen Individualismus zu, ist selbiger natürlich für die moderne Bevölkerung nicht denkbar. Auch eine moderne und eher gemäßigte Diktator fürchtet die Selbstdenker. Mein Chef erklärte es mir ohne Umschweife, Individualismus sei in Tjumen nicht erwünscht, in Russland generell nicht. Akademiker von Rang, die ich in Tjumen kennenlernte, sind grundsätzlich sehr linientreu, sie folgen den Gedanken ihres Präsidenten, und zwar ohne Abwege. So wurde die Krim befreit und nicht völkerrechtswidrig besetzt. Und nicht nur die Ukraine, sondern alle ehemaligen Sowjetstaaten wurden widerrechtlich dem Schoße Mütterchen Russlands entrissen. Insbesondere die EU ist daher ein gemeiner Dieb, den es zu maßregeln gilt. Zum Beispiel, indem europafeindliche Gruppierung des europäischen Auslandes gezielt gefördert werden.

Bei geselligen Zusammentreffen spricht man nicht über Politik. Übrigens auch nicht über Wissenschaft. Ersteres ist hinfällig, da die Denk-Linie ohnehin vorgegeben ist. Letztere ist redundant, da sich russische Forscher schnell als „Leading-Scientists“ wahrnehmen, die schon alles wissen und daher nichts dazuzulernen brauchen. Doch über den Besuch der deutschen AfD auf der Halbinsel Krim, darüber hat man gesprochen. Das ist nämlich die Strategie Russlands, die Feinde Europas zu unterstützen. Und davor müssen wir uns vorsehen. Ich glaube allerdings nicht, dass Russland imstande ist, Wahlen in anderen Ländern direkt beeinflussen zu können, nicht in Deutschland und auch nicht in den USA.

Meine Tyumen-Aufenthalte waren trotz allem die Reise wert. Wer das Schöne sucht, so wie ich, der kann es überall finden, auch in Westsibirien. Wissenschaftlich ist die Region eine wahre Fundgrube. Ich habe gleich eine interessante neue Milbenart beschrieben.

Und die Hoffnung auf Veränderungen stirbt stets zuletzt. Einmal wartete ich in der Schlange vor einer Supermarkt-Kasse, die nur langsam voranschritt, da auch russische Kassiererinnen inzwischen angehalten sind, ihre Käufer nach Punkte- und Rabattkarten zu befragen, so wie bei „Real“ in Berlin. Auf einmal tauchten zwei exotisch anmutende Gestalten hinter mir auf. Ein Gothic-Pärchen, in düstere Gewänder gekleidet mit schwarz geschminkten Augen- und Lippenpartien. Und, oh wunder, sie wurden toleriert, kein Getuschel, keine abfälligen Blicke.

 

Copyrights Stefan F. Wirth, Berlin 18.01.2017

Eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz menschliche Arbeitskräfte ablösen wird

 

unbenannt-1-kopie

Symbolbild, Copyrights Stefan F. Wirth

 

Wir befinden uns in der fernen Zukunft, etwa im Jahre 2150. Eine ökologische Katastrophe, hervorgerufen durch mangelndes Umweltbewusstsein des Menschen, hat die vollständige Schmelzung der Polkappen herbeigeführt und einen weltweiten Klimawandel ausgelöst. Manhattan liegt unter Wasser, nur die obersten Etagen einstmaliger Wolkenkratzer ragen noch über die Fluten hinaus. Auch der Alltag der Menschheit hat sich drastisch verändert. So genannte Mechas sind eine ernsthafte Konkurrenz für Menschen aus Fleisch und Blut geworden. Die Roboter-Technologie ist so weit voran geschritten, dass Roboter der Zukunft nicht nur menschenartig aussehen, sondern auch selbstständig denken können. Sie sind zu Individuen geworden, die individuelle Ziele verfolgen können und auch hinsichtlich ihrer physischen Leistungsfähigkeit dem Menschen ebenbürtig sind.

Der Prototyp eines Unternehmens namens Cybertronics ist ein kleiner Junge, David, der dazu erschaffen wurde, kinderlosen Ehepaaren als Kind-Ersatz zu dienen (https://www.youtube.com/watch?v=2WlcL_6sa9M). David unterscheidet sich dabei optisch nicht von einem biologischen Menschenkind im Alter von etwa elf Jahren. Steven Spielberg erzählt in seinem visionären filmischen Meisterwerk aus dem Jahre 2001 im Grunde eine alte Geschichte. Carlo Collodis Pinocchio-Erzählung aus dem Jahre 1881 hat lediglich ein neues Gewand erhalten (https://www.youtube.com/watch?v=_19pRsZRiz4). In Spielbergs Zukunftsvision ist es nun nicht mehr eine Holzpuppe mit Bewusstsein, getrieben von der tiefen Sehnsucht, einmal ein richtiger Mensch aus Fleisch und Blut zu werden, sondern ein Mensch-gleicher Roboter, der sich auf die Suche nach der blauen Fee begibt, um von ihr in ein echtes Kind verwandelt zu werden. Obgleich sich das Bemühen um echte Menschlichkeit durch eine Hightech-Puppe im Film nur teilweise erfüllt, dem Zuschauer also vor Augen geführt wird, dass Sehnsucht oft Selbstzweck ist, aber auch dass  alle noch so ausgefeilte Hochtechnologie niemals imstande sein wird, einen biologischen Organismus zu erschaffen, bleibt doch die Frage nach der möglichen Wahrhaftigkeit einer solchen Zukunftsvision mit Robotern und echten Menschen im Konkurrenzkampf um einen Platz inmitten menschlicher Gemeinschaften bestehen.

Die Roboter-Technologie ist bereits in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts erstaunlich weit entwickelt. Folgerichtig wird zunehmend durch allerlei Medien die Frage aufgeworfen, inwieweit der Mensch seine eigenen Geschöpfe in Zukunft einmal als Konkurrenten fürchten muss. Philosophische Zukunftsmusik?

Keineswegs. So hat ein internationales Forschungsprojekt in Kooperation mit der Shadow Robot Company in London bereits 2013 der Weltöffentlichkeit die reelle Version eines „One Million Dollar Man“ präsentiert, namentlich eine Reminiszenz an die Fernsehserie „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“ aus den 1970-er Jahren. In der bekannten TV-Serie wird ein Astronaut durch einen Flugzeugabsturz so schwer verletzt, dass nur das Anbringen bionischer Körperteile (Beine, ein Arm, ein Auge) das Überleben ermöglichen kann.

Rex (Kurzform für „robotic exoskeletons“), der eine Million Dollar (?) schwere Roboter, ist weiter fortgeschritten, als man sich in den 1979-ern nur vorstellen konnte. Er verfügt über eine Gliedmaßen-Anatomie, die bis ins Detail der des realen Menschen nachempfunden ist. Laufen allerdings kann er aufgrund seiner fragilen Konstruktion nur mittels einer mechanischen Stütz-Apparatur (https://www.youtube.com/watch?v=V9scEFSIlwI&index=11&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). Doch damit nicht genug. Er ist zudem dazu in der Lage, visuelle Reize in elektronische Impulse zu verwandeln und imitiert somit die Funktionsweise eines tierischen Nervensystems.

Auch ein funktionierendes Herz-Kreislauf-System nennt die Hightech-Kreatur ihr Eigen (https://www.youtube.com/watch?v=2B7Iu15NPDM&index=9&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). An der Herstellung weiterer künstlicher Organsysteme, wie Harnblase, Bauchspeicheldrüse oder Lunge wird derzeit hingegen noch geforscht.

Wohin sollen diese Innovationen führen, wirklich alles nur teure Spielerei? Nein, denn die bionische Forschung verfolgt natürlich sehr konkrete und angewandte Ziele. Es geht um die Herstellung möglichst lebensechter Prothesen. Obwohl die Transplantation eines bionischen Gesichts noch blanke Science Fiction ist, arbeiten zahlreiche Unternehmen weltweit an der Entwicklung künstlicher Gesichtszüge, die menschliche Mimik imitieren sollen. Zugegeben, die aktuellen Ergebnisse lassen nur schwer erahnen, dass in ferner Zukunft vielleicht tatsächlich ein vollkommen menschlich aussehender David  erzeugt werden kann. Dennoch beeindruckt die Vielfalt künstlicher Persönlichkeiten mit humanoidem Antlitz schon heute.

Seit Jahren ist Japan in diesem Forschungssegment ein internationaler Vorreiter. Die Hiroshi Ishiguro Laboratories betreiben mehrere Forschungsgruppen, die sich mit verschiedenen Aspekten der Mensch-Robotor-Interaktion befassen. Neben einer möglichst menschenähnlichen Erscheinung der Androiden gehört hierzu natürlich auch die Fähigkeit, Sprache zu verstehen und passend dazu eine realistische mimische Reaktion zu erzeugen. Generell sollte ein intelligenter künstlicher Gesprächspartner darüber hinaus natürlich auch dazu in der Lage sein, verschiedene Geräusche im dreidimensionalen Raum voneinander trennen und richtig interpretieren zu können, eine Forschungsrichtung, mit der sich die sogenannte SI-group (sound environment intelligence) unter der Leitung von Carlos T. Ishi auseinandersetzt.

Wer aus Metall, Kunststoffen und Mikrochips die Imitation eines menschlichen Gesprächspartners erschaffen will, tut gut daran, sich an einem konkreten Vorbild zu orientieren, um tatsächlich zu individuellen Gesichtszügen des Roboters zu gelangen. So ist beispielsweise der Geminoid HI-2 der Forschergruppe aus Japan eine Nachbildung der realen Person des Teamleiters der Geminoid Research Group, Hiroshi Ishiguro (https://www.youtube.com/watch?v=WijMCSfX0RA).

Bisher wurde jedoch nur ein Aspekt der Spielberg’schen Vision aus dem Jahre 2001 hinsichtlich der Umsetzbarkeit bis heute beleuchtet, nämlich die äußere Erscheinung eines Androiden mit möglichst menschlichen Gesichtszügen und der Fähigkeit, die menschliche Fortbewegungsweise zu imitieren. Doch Roboter benötigen keineswegs eine Menschengestalt, um effizient und flexible Arbeit intelligent koordinieren und verrichten zu können. Je nach Aufgabenbereich, in dem die künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen soll, kann sogar auf die Fähigkeit zu laufen ganz verzichtet werden. Soll die Maschine hingegen menschlichen Fähigkeiten von vornherein hoch überlegen sein, so empfiehlt sich eine neuartige Fortbewegungsart, die umsetzen kann, wozu kein Mensch in der Lage ist. So sind die Roboter Case and Tars aus dem Spielfilm Interstellar aus dem Jahr 2014 wahre Formwandler, eine Fiktion, die der Erforschung extraterrestrischer Lebensräume sicher sehr förderlich wäre, die im Zuge der Verfilmung jedoch damit auskommen musste, durch Puppenspieler in Gang gebracht zu werden (http://www.moviepilot.de/news/interstellar-roboter-wurden-von-puppenspieler-gesteuert-146906).

Auf innovative Fortbewegungs-Technologien von selbstständig agierenden Robotern setzt das US-Unternehmen Boston Dynamics. Beeindruckende Videoaufnahmen zeigen beispielsweise Roboter der Atlas-Reihe beim Spaziergang im Wald (https://www.youtube.com/watch?v=rVlhMGQgDkY) oder Cheetah, den Roboter, der weltweit am schnellsten auf vier Beinen laufen kann (https://www.youtube.com/watch?v=chPanW0QWhA). Nicht Mensch und nicht Gepard waren hier alleinige Vorbilder, und doch sind die Bewegungsabläufe dieser Modelle eindeutig der tierischen Natur entlehnt. Anders der beeindruckende „Sandfloh“, der auf vier Rädern rollt, jedoch durch eine besondere Sprungmechanik unbeschadet ein Hausdach erreichen kann, um dort seinen Weg fortzusetzen (https://www.youtube.com/watch?v=6b4ZZQkcNEo).

Die Einsatzmöglichkeiten dieser intelligenten Maschinen sind vielfältig. Sie reichen von militärischen Aufgaben über die Erkundung schwer zugänglicher Lebensräume (wie beispielsweise der Tiefsee) bis hin zur Assistenz bei medizinischen Operationen am Menschen. Doch auch in der Vermittlung von Werbe-Informationen sollen Roboter künftig Einsatz finden, sind sie doch weit geduldiger und ausdauernder als menschliche Promoter. Spezialisiert hierauf hat sich das russische Unternehmen Promobot aus Perm in Russland, das besondere mediale Aufmerksamkeit erreichte, als eines seiner elektronischen Kreationen im Juni 2016 unerlaubt das Firmengelände verließ und auf der Straße einen Verkehrsstau erzeugte, weil dem neugierigen kleinen Kerl, der auszog, um die Welt zu erkunden, ausgerechnet dort der Strom ausgegangen war (https://www.youtube.com/watch?v=zmzG7kv8DGA).

Deutlich ernster zu nehmen ist natürlich die reale Aussicht, dass Roboter aller Art schon in naher Zukunft Tätigkeiten übernehmen werden, die heute noch Arbeitsplätze für menschliche Kräfte sind. Befasst hat sich mit dieser für manche Leser sicherlich düsteren Thematik beispielsweise die Zeitschrift Der Spiegel in ihrer Ausgabe vom 3.9.2016. Neben Beispielen für Roboter-Einsätze, die schon jetzt vormals menschliche Arbeitskräfte ersetzen, vermittelt die Zeitschrift einen Eindruck davon, welche Berufe in Zukunft ganz besonders von einer maschinellen Automatisierung in Gestalt Computer betriebener Arbeiter betroffen sein können. Als Quelle diente dabei eine Statistik der international agierenden US-Unternehmensberatung A. T. Kearney, derzufolge vor allem in klassischen Arbeiterberufen eine große Wahrscheinlichkeit besteht, dass Menschen durch leistungsfähigere und zugleich billigere Roboter ersetzt werden. In den drei oberen Positionen im Ranking um die meist gefährdeten Tätigkeitsbereiche stehen demnach Büro- und Sekretariatskräfte, gefolgt von Verkäufern und dem Gasronomieservice. Ungleich resistenter gegen eine Verdrängung durch elektronische Arbeitskräfte sind jene Berufe, die eine besondere Komplexität an Handlungsweisen verlangen. Dazu gehören beispielsweise Kinderbetreuung, Kfz-Technik, Sozialarbeit, Altenpflege und Hochschullehre, bzw. -forschung.

Aus meiner Sicht kann solchen Prognosen gerade in Deutschland nur entgegengewirkt werden, indem Regierung und Bildungsministerien das Bildungssystem drastisch umstrukturieren. Mehr Bildung ist erforderlich einhergehend mit nicht immer kürzeren, sondern deutlich längeren Schulzeiten. Bislang geht die Rechnung in Deutschland gut auf, nach dem erweiterten Hauptschulabschluss eine handfeste Arbeiterlehre zu absolvieren, um hernach als Sekretär, Postzusteller, Restaurant-Servicekraft oder Buchhalter ein gutes Auskommen zu finden, das nicht selten zu Gehältern führt, von denen manch ein akademischer Forscher nur träumen kann. Oft wird sogar bestraft, wer nach 13 Jahren Abitur ein naturwissenschaftliches Hochschulstudium absolviert, anschließend promoviert und danach als Forscher mit gelegentlichen Stipendien, Lehraufträgen und befristeten Anstellungen als Überlebenskünstler sein Dasein fristen muss. Der schnellste Weg zum eigenen Gehalt ist in vielen Augen auch heute noch der beste Weg. Und das muss sich dringend ändern. Denn kein Sozialsystem der Welt wird imstande sein, große Teile der Bevölkerung, die in Folge voranschreitender Automatisierungsprozesse im mittleren Alter aus ihren Berufen scheiden, effizient zu unterstützen und zu reintegrieren.

Copyrights für Text und Titelfoto: Stefan F. Wirth November 2016