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Tag: Ulrich Kutschera

Das Zeitalter des Menschen – Homo sapiens im Konflikt mit seiner Umwelt im Anthropozän

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Der Mensch kontrolliert zunehmend seinen Planeten. Ist es daher richtig, ihm namentlich ein neues geologisches Zeitalter zu widmen? Das gut lesbare Buch „Die Welt im Anthropozän“ gibt hierauf Antworten, beleuchtet darüber hinaus aber auch, welche Verantwortung dem Menschen für die Gestaltung seiner eigenen Zukunft obliegt.

Der übergeordnete erdgeschichtliche Zeitabschnitt, in dem wir uns jetzt gerade befinden, ist das Quartär. Es handelt sich dabei um ein vergleichsweise lächerlich kurzes Zeitalter, das „erst“ vor etwa 2,6 Millionen Jahren begann. In seinem Verlauf vollzogen sich Änderungen an der Erdoberfläche, die gemessen an allen vorausgehenden Ereignissen auf der Erde seit ihrer Entstehung vor etwa 4,6 Milliarden Jahren allenfalls graduell sind.

Und doch ist innerhalb des Quartärs etwas geschehen, das für ein künftiges Fortbestehen der Erde von immenser Bedeutung sein wird: Die Evolution des intellektuell begabten modernen Menschen, ausgehend von urtümlicheren Vertretern der Gattung Homo.

Es ist wissenschaftlich gesichert, dass sich wesentliche Abschnitte der Menschwerdung in Afrika zugetragen haben. Hierzu gehört die Evolution des aufrechten Ganges, aber vor allem auch die nachfolgende Vergrößerung der Großhirnrinde, die in die Zeit des Quartärs fällt. Erst mit frühen Vertretern der Gattung Homo haben Ausbreitungsereignisse auf den eurasischen Kontinent und in der Folge auch auf andere Kontinente stattgefunden.

Ein bedeutender Teil der Evolution des Menschen ist mit dem Quartär in eine äußerst wechselhafte Zeitperiode gefallen. Die Besonderheit des Quartärs besteht nämlich darin, dass Kalt- und Warmzeiten einander immer wieder abwechselten. Was für widrige Umstände für das Leben früher Hominiden, mag sich der Leser jetzt denken, doch aus evolutionsbiologischer Sicht ist dem keineswegs so. Denn je unsteter die Umweltbedingungen sind, desto leichter werden Artbildungsprozesse in Gang gesetzt. Nur so konnten wir in unserer heutigen Form evolvieren. Insbesondere die Existenz eiszeitlicher Gletscher ist für sogenannte allopatrische Artneuentstehungen sehr bedeutsam, denn sie fungierten nachweislich für zahlreiche Tiergruppen als nicht überwindbare Barrieren, so dass die Evolution neuer Arten begünstigt wurde. Die späte Evolution des Menschen war also geprägt durch diese starken globalen klimatischen Veränderungen.

Heute trägt der Mensch erheblich selbst zur Entstehung des Klimas auf der Erde und dem Fortbestand ihrer Artenvielfalt bei. Und zwar in einer Effizienz, zu der vor ihm kein einziger tierischer Erdenbewohner jemals imstande war.

Doch ist die besondere Einwirkung des modernen Menschen auf das Weltklima auch dazu geeignet, von den üblichen Kriterien zur Benennung von Erdzeitabschnitten abzuweichen und das neueste Zeitalter nach dem Menschen selbst zu benennen? Sind die Auswirkungen menschlicher Aktivität auf das Weltklima tatsächlich mit gravierenden geologischen Veränderungen der Erde gleichzusetzen, die üblicher Weise zur Benennung von Erdzeitaltern herangezogen werden? Ist also die Einführung eines Zeitalters namens Anthropozän gerechtfertigt? Eine Frage, die keineswegs erst infolge einer aktuell nachweisbaren und scheinbar durch den Menschen hervorgerufenen Klimaerwärmung laut wird. Der Zoologe und Philosoph Ernst Haeckel äußert sich bereits 1870 weitsichtig und realistisch: „Aus diesem Grunde…können wir mit vollem Rechte die Ausbreitung des Menschen mit seiner Cultur als Beginn eines besonderen letzten Hauptabschnitts der organischen Erdgeschichte bezeichnen.“

In dem Buch „Die Welt im Anthropozän, Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität“ der Herausgeber Wolfgang Haber, Martin Held und Markus Vogt wird die historische Entwicklung des Begriffes „Anthropozän“ zusammengefasst. Namhafte Geistes- und Naturwissenschaftler diskutieren darüberhinaus, wie der Mensch am besten seine Verantwortung für die Zukunft der Erde wahrnehmen kann.

Dass der moderne Mensch heutzutage starken Einfluss auf das Weltklima ausübt und dadurch erheblich an einer Klimaerwärmung und dem damit verbundenen Aussterben von Arten verantwortlich sei, ist ein breiter Konsens unter vielen zeitgenössischen Wissenschaftlern. In den 1980er Jahren hat der Biologe Eugene F. Stoermer aus diesem Grunde bereits den Begriff Anthropozän in seinen Veröffentlichungen verwendet. Der Erdsystem-Forscher Paul J. Crutzen rät in einer Publikation aus dem Jahre 2000 ergänzend, das derzeitige Zeitalter sogar offiziell durch das Anthropozän abzulösen.

Formell befinden wir uns derzeit jedoch noch immer im jüngsten Zeitabschnitt innerhalb des Quartärs, der als Holozän bezeichnet wird und vor etwa 11700 Jahren begann. Auch diese Periode ist nach rein geologischen Gesichtspunkten definiert worden. Sie beginnt mit dem Ende der sogenannten jüngeren Tundrenzeit, einer kürzeren Eiszeit, die auf die letzte große Kaltzeit, zu der in Nordeuropa das Weichsel-Glazial gezählt wird, folgte.

Der Beginn des Holozäns wird mit einer nachweisbaren ungewöhnlich schnellen Wiedererwärmung nach der Tundrenzeit begründet. Als Beleg hierfür dient ein Eisbohrkern aus fast 1500 m Tiefe, der in Form seiner Isotopenchemie aufzeigt, dass sich eine merkliche Klimaerwärmung zu jener Zeit innerhalb von wenigen Jahren vollzogen haben muss. Er wird in Kopenhagen aufbewahrt.

Doch wie könnte es gelingen, möglichst präzise den Beginn eines neuen Zeitalters festzulegen, das eben nicht aufgrund rein geologischer Abläufe, sondern nach der Aktivität einer besonderen Tierart, nämlich dem Menschen, benannt werden soll? Hierüber herrscht noch Uneinigkeit, wie dem Buch „Die Welt im Anthropozän“ zu entnehmen ist. Forscher haben schon den Beginn der industriellen Revolution, aber auch die große Akzeleration um 1950 als möglichen Startpunkt des Anthropozäns vorgeschlagen, jedoch sogar ganz konkret auch den 16. Juli 1945 (den Tag des ersten Atombombentestversuchs).

Um den Begriff des Anthropozäns aber letztlich erfolgreich als offizielles Erdzeitalter etablieren zu können, ist vor allem auch eines wichtig: der Nachweis, dass der moderne Mensch inzwischen tatsächlich die Hauptverantwortung für die aktuell einsetzende Klimaerwärmung und ein damit einhergehendes Aussterben von Arten trägt. Hierzu kann allein die naturwissenschaftliche Forschung beitragen, während es die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist, sich mit ethischen Gesichtspunkten im Umgang des Menschen mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen.

Es ist unter Wissenschaftlern durchaus umstritten, ob die derzeitige weltweite Klimaerwärmung vollständig oder zumindest zu einem beträchtlichen Teil auf menschliche Aktivitäten, so etwa seine hohen CO2-Emissionen, zurückgeführt werden kann. Denn seit Anbeginn des Quartärs hat sich das Klima nach Kaltzeiten immer wieder aufs Neue erwärmt, und zwar zunächst völlig ohne Zutun des Homo sapiens.

In dem Kapitel „Der Mensch und das Anthropozän – Hat das sechste Massenaussterben bereits begonnen?“ widmet sich der Evolutionsbiologe und Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera der Frage, ob Klimaveränderung und ein aktuelles Aussterben von Arten mit menschlichen Aktivitäten korrelieren. Ist der Mensch sogar imstande, künftig ein neues Massenaussterben von Arten zu verursachen? Unter anderem legt der Autor bezugnehmend auf seine eigene Forschung dar, dass sehr aktuelle Aussterbeereignisse überhaupt nachweisbar seien. Allerdings präsentiert der Autor lediglich zwei Fall-Beispiele. Wir erfahren leider nicht, ob es ein bloßer persönlicher Eindruck des Forschers ist, diese Tiere seien im Vorkommen seltener geworden oder ob repräsentative wissenschaftliche Studien zugrunde liegen. So ist der Europäische Landegel (Xerobdella lecomptei), eine kälteliebende und ohnehin seltene Art aus der Gruppe der Ringelwürmer, in seinem ursprünglichen Lebensraum kaum mehr anzutreffen. Die Klimaerwärmung brachte gemäß Kutscheras Forschungserkenntnissen aber auch einen Vertreter einer ganz anderen Tiergruppe an den Rand des Aussterbens. Der kalifornische Baumsalamander (Aneides lugubris) wird nämlich zunehmend seltener, da die zu seiner Brutpflege benötigten feuchten Baumhöhlen aufgrund anhaltender Trockenheit kaum mehr zur Verfügung stehen.

Der Autor legt einen Zusammenhang mit modernen Aussterbeereignissen und der Technologisierung des Menschen nahe. Insbesondere das Treibhausgas Kohlendioxid, das seit Jahrzehnten in großer Menge, zum Beispiel durch die Automobilindustrie, ausgeschieden wird, habe eine erhebliche Mitschuld an der globalen Klimaerwärmung. Der Zusammenhang wird jedoch mit keinem Wort nachvollziehbar begründet. Der Leser muss sich also mit einer Behauptung zufrieden geben. Der Begriff des katastrophenartigen Massenaussterbens von Arten kann übrigens auf den französischen Naturforscher Georges Cuvier (1769-1832) zurückgeführt werden, der anhand wechselnder Artenzusammensetzungen in Sedimentschichten Katastrophentheorien aufstellte. Kutschera stellt uns nun eine weitere Aussterbe-Katastrophe in Aussicht, die womöglich allein durch den Homo sapiens verschuldet wäre. Aufgrund ihrer extremen Anpassungsfähigkeit sei dann zu erwarten, dass fast ausschließlich Bakterien unbeschadet aus einem solchen Szenario hervorgingen.

Schon jetzt, so berichtet der Anthropologe Volker Sommer, seien nicht nur Avertebraten und urtümliche Wirbeltiere, sondern auch verschiedenste Affenarten ernsthaft in ihrem Fortbestehen bedroht,  also des Menschen nächste Verwandtschaft. Wilderei, aber vor allem auch die Nutzbarmachung vormals naturbelassener Landschaften, lassen den Lebensraum der Affen-Arten zunehmend schrumpfen. In der Folge werden wohl ganze Primatengruppen die Zukunft unseres Planeten nicht mehr erleben können.

Doch das Buch hegt den Anspruch, nicht nur düstere Prognosen für die Zukunft unserer Umwelt zu stellen und die Definition eines neuen Zeitalters zu diskutieren. Es geht auch um die Frage, wie der Mensch seiner besonderen Verantwortung gegenüber der Welt, in der er lebt, gerecht werden kann und sollte. So befasst sich die Wissenschaftlerin Ute Eser mit dem Konflikt zwischen Humanität und Natur. Die Forscherin, die einen Tätigkeitsschwerpunkt auf den Bereich der Umweltethik legt, wendet die Frage „guten und richtigen Handelns unter gegebenen Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten…auf die Haltungen von Personen und Institutionen“ (Definition der Ethik nach Mieth 1995) auf den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt an. Sie betont, dass es eine unzulässige Vereinfachung sei, in der Existenz einer ständig anwachsenden Weltbevölkerung, nichts anderes als eine „Krankheit“, vergleichbar einem „Krebsgeschwür“, zu sehen. Stattdessen sei ein „inklusives Verständnis von Menschsein“ notwendig, das die Spannung zwischen den Polen aushalten solle, „statt sie einseitig zugunsten einer Seite aufzulösen“. So gehe es nicht darum, ein negatives Menschenbild aufrecht zu erhalten, sondern die Vor- und Nachteile aus der Nutzung der Natur weltweit gerechter an die gesamte Weltbevölkerung zu verteilen und dabei eine emotionale Naturverbundenheit zu entwickeln.

Ethische Aspekte verfolgen auch die Theologen Markus Vogt, Wolfgang Schürger und Hans Jürgen Münk. Vogt betont den Begriff der Humanökologie, der zufolge die Beziehungen des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt einerseits und zu seiner kulturellen Umwelt andererseits konsequenter miteinander zu verknüpfen seien. Schürger prägt den Begriff der „Mitgeschöpflichkeit“ und appeliert für mehr Respekt anderen Arten gegenüber. Der Schweizer Münk leitet den Begriff der „Würde der Kreatur“ als Rechtsbegriff aus dessen Geschichte als Bestandteil der schweizerischen Bundesverfassung her. Der Terminus wurde 1992 im Zusammenhang mit den Fortschritten der Gentechnologie und der Reproduktionsmedizin via Volksentscheid in einen neuen Verfassungsartikel aufgenommen. Juristisch wird die „Kreatur“ jedoch nur auf die belebte Umwelt bezogen. Daher empfiehlt der Autor die künftige Einbindung von einer „Würde der Natur“. Die formal-juristischen Ausführungen werden anschließend auch theologisch kommentiert. Dabei möchte Münk klar abgegrenzt wissen, welchen Lebewesen überhaupt Würde zukommen könne. Zu berücksichtigen sei zwar, dass in Gen1,26-28 dem Menschen immerhin eine Sonderstellung eingeräumt werde. Dessen Gemeinsamkeit mit der belebten und unbelebten Natur liege aber immerhin „im Bezug zum gleichen Schöpfer, im Merkmal der Mitgeschöpflichkeit“.

Die theologisch motivierten Kapitel lesen sich aus Sicht eines Naturwissenschaftlers und Humanisten furchtbar, und ich möchte sie daher erst gar nicht zur Lektüre empfehlen. Das Gedankengut der göttlichen Schöpfung, also der Kreationismus, hat in der Moderne, einer aufgeklärten Zeit, schlicht keinen Platz. Weder Bibelworte noch Begriffe wie „Mitgeschöpflichkeit“ sind geeignet, den sachlichen und sehr konkreten Konflikt des Menschen mit seiner Umwelt zu lösen. Eine hoffentlich rosige Zukunft auf der Erde erfordert hingegen Wissen, technologischen Fortschritt und freies Denken. Der christlich motivierte Kreationismus hingegen fördert Unwissen und eine naive und unkritische Glaubensbereitschaft. Wohin auch immer sich die Kirche mit missionarischem Eifer in den vergangenen Jahrhunderten ausgebreitet hat, brachte sie schlimme durch den Menschen verursachte Umwelt-Katastrophen sowie unerträgliches menschliches Leid hervor. Ich will der Theologie daher die Fähigkeit einer konstruktiven Mitgestaltung unserer bedrohten Zukunft rigoros absprechen.

Viel interessanter ist doch die seriöse wissenschaftliche Diskussion, die beispielsweise die Frage aufwirft, inwieweit wir technisch überhaupt imstande sind, die zunehmende Erderwärmung einzudämmen. Welche Möglichkeiten hierzu werden diskutiert? Und ist es sinnvoll, von ihnen überhaupt Gebrauch zu machen? Der Autor, Claudio Caviezel ist Mitarbeiter im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag und stellt aktuelle Konzepte eines Climate Engineerings vor. Zur Diskussion stehen demnach derzeit zwei Verfahren, um die zunehmende Klimaerwärmung künstlich abmildern zu können. Das Carbon-Dioxide-Removal (CDR) legt es darauf an, erhöhte Konzentrationen an CO2 „aus der Atmosphäre zu entfernen“. Eine Reduktion der eintreffenden Sonneneinstrahlung versprechen zudem die Verfahren des Radiation-Managements (RM).

Beide Verfahren sind derzeit noch nicht einsatzbereit und werden zunächst in Form von Computersimulationen getestet. Dabei wurden jedoch auch drohende Nebenwirkungen ersichtlich, die mitunter schwerwiegende ökologische Schädigungen zur Folge haben können. Aber auch drohende gesellschaftliche Konflikte lässt der Autor nicht unberücksichtigt. Verschiedene CDR-Ansätze existieren, am häufigsten jedoch wird die Möglichkeit diskutiert, die Ozeane mit Nährstoffen zu düngen, um die Biomasse an Algen erheblich zu erhöhen, die dann CO2 aus der Atmosphäre in beträchtlicher Weise binden könnten. Naheliegend ist allerdings die gut begründete Befürchtung, dass der künstlich hervorgerufene Erfolg bestimmter Arten den Misserfolg anderer Arten mit sich führen würde. Doch auch die Verbringung von Schwefelpartikeln in höhere Atmosphären-Schichten (eine Version des RM) führt zwar eventuell zu einer so starken Rückreflektion der Sonneneinstrahlung, dass die Erdoberfläche vor einer Überhitzung geschützt würde, jedoch wäre der Effekt nicht selektiv einsetzbar und könnte daher zu weitreichen klimatischen Veränderungen auf globaler Ebene führen. Außerdem hätte ein plötzliches Aussetzen der Technologie einen abrupten Klimaanstieg zur Folge, und zwar mit praktisch unkontrollierbaren Konsequenzen.

Doch auch negative geopolitische Konsequenzen beschäftigen den Autoren, denn das Climate-Engineering ermögliche es nur „potenten“ Staaten, dem Problem des Klimawandels entgegen zu arbeiten. Dabei seien sie nicht „auf die Kooperation mit oder die Zustimmung von anderen Staaten angewiesen. „Ein fundamentaler Gegensatz zur bisherigen Klimapolitik“, der zufolge nämlich in der globalen Gemeinschaftlichkeit die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren sei.

Interessant ist zudem, dass die Thematik des Climate Engineering in der politischen und medialen Landschaft noch kaum bekannt ist, weswegen die differenzierte Einführung in diese neue Forschungsdisziplin durch den Autor Caviezel aus meiner Sicht wichtig für konstruktive Diskussionen um die globale Klimaerwärmung sein kann.

Der Erhalt einer stabilen Umwelt hängt natürlich auch von der Frage ab, wie viel Lebensraum künftig anderen Arten überlassen werden sollte, bzw. wie viel Platz wir selbst benötigen und einnehmen dürfen, ohne Klima und Artenvielfalt nachhaltig zu schädigen. Dieser Thematik nimmt sich Christina von Haaren an, deren Forschungsschwerpunkte unter anderem Umweltethik und Naturschutzkommunikation sind. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Naturwissenschaften keine ausreichenden und daher verbindlichen Normen, insbesondere im Hinblick auf unsere Zukunft, liefern können. Daher würden gesellschaftliche Normen benötigt, die durch Volksvertreter in Form von Gesetzen zu verankern seien. Diese sind der Autorin zufolge so zu formulieren und zu begründen, dass sie für jeden Bürger „im Prinzip nachvollziehbar“ seien, „auch wenn die persönlichen Interessen im konkreten Fall konträr sein mögen“.

Kurz kommt sie sogar auf die Bedeutung der Religionen für den Umweltschutz zu sprechen. So schreibt von Haaren, es sei hilfreich, dass der Papst in seiner letzten Enzyklika von 2015 deutlich zum Umweltschutz aufrufe. Sie schlussfolgert aber: „Grundsätzlich müssen jedoch religiöse Begründungen nicht für alle Mitglieder unserer Gesellschaft im Prinzip nachvollziehbar sein“.

Abgesehen von seinem unverhältnismäßig starken Schwerpunkt in den Bereichen der Theologie, der immerhin gleich drei Kapitel füllt, ist das Buch „Die Welt im Anthropozän“ auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und befasst sich in kontroverser Diskussion und aus den Blickwinkeln ganz verschiedener Wissenschaftsdisziplinen mit nichts Geringerem als unserer Zukunft auf der Erde. Die Lektüre bildet, ist gut verständlich und daher empfehlenswert.

 

 

 

 

Biologie des Menschen und politisch korrektes Gender-Mainstreaming, ein Konflikt?

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Am vierzehnten Mai 1429 geschieht etwas Ungewöhnliches. Französische Truppen, denen einige Tage zuvor der Durchbruch in das von englischen Soldaten umzingelte Orléans gelungen war, wagen  einen halsbrecherischen Angriff auf die Belagerer. Vornweg reitet eine siebzehnjährige Frau:  Jeanne d’Arc, auch bekannt als die „Jungfrau von Orléans“ (1412 – 1431). Trotz einer Verwundung und eines Sturzes vom Pferd kämpft die wackere Jugendliche auf dem Schlachtfeld und motiviert ihre Truppen dadurch, eigentlich Unmögliches zu vollbringen. Bereits einen Tag später verlassen die besiegten Engländer ihre Stellung.

In der Endphase des Spätmittelalters sind Frauen eigentlich noch weit davon entfernt, sich als große Kämpferinnen in Augenhöhe mit männlichen Zeitgenossen zu verwirklichen. Jeanne ist eine Ausnahmeerscheinung. Nur durch Vortäuschung göttlicher Visionen und einer nachweisbaren Jungfräulichkeit gelang es ihr nach einem dreiwöchigen Prüfungsverfahren, den französischen Kronrat davon zu überzeugen, sie in militärischem Auftrag zu entsenden.

Wer als Frau keinen göttlichen Auftrag glaubhaft machen kann, lebt in Europas Mittelalter allerdings unter unangenehmen Bedingungen. Frauen sind unter anderem aufgrund des religiösen Dogmas dem Manne Untertan, insbesondere in der Ehe. Die übliche Trauungsformel betonte dies wortwörtlich, um in den zwangsverheirateten sehr jungen Mädchen auch ja keine Missverständnisse aufkeimen zu lassen. Die Ehefrau unterstand der  Vormundschaft ihres Gatten, er kontrollierte in der Regel über ihr volles Vermögen und konnte sie nach Lust und Laune züchtigen oder verstoßen. An ein weibliches Mitspracherecht in Fragen der Politik war schon überhaupt nicht zu denken

Bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dauerte die Versklavung der Frau in der europäischen Gesellschaft an, ohne auch nur im Mindesten für ernsthafte kontroverse Diskussionen unter Männern zu sorgen. Erst 1865 bewegte sich etwas, das die Situation der Frau in der deutschen Gesellschaft schrittweise verbessern sollte.  Der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) wurde gegründet und war stark beeinflusst durch das intellektuelle Wirken der Frauenrechtlerin und Pazifistin Hedwig Dom, die sich besonders für ein Recht der Frau auf Bildung und Arbeit engagierte. Doch die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau war ein langwieriger und steiniger Prozess. Vom Wahlrecht für Frauen war noch gar nicht die Rede. Diesbezügliche Forderungen durch den Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) stießen erst nach Ende des Ersten Weltkrieges auf fruchtbaren Boden. In der Folge erließ der Rat der Volksbeauftragten ein Dekret, das das Frauenwahlrecht im Gesetz verankerte.

Das Dritte Reich jedoch erwies sich zunehmend als erneuter Tiefpunkt  der Emanzipation der Frau, ein ideologisches Frauenbild wurde umgesetzt, das weibliche Bürger zu Gebärmaschinen und Putzzofen männlicher Haushalte degradierte. Zwar wurde unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges in Westdeutschland das Grundgesetzt erschaffen, das die Gleichberechtigung von Mann und Frau verbindlich vorschrieb, jedoch konnte der moderne Feminismus erst ab 1968 in Folge der Studentenbewegung  Fuß fassen. Umzusetzende Forderungen zur Ent-Diskriminierung  der weiblichen Bevölkerung gab es nämlich noch immer zuhauf. Dazu gehörten das Recht auf Abtreibung oder eine geschlechtsunabhängige Gleichsetzung  der Löhne.

Anders als Frauen, die auch in der römischen und griechischen Antike Unterdrückung durch die Männerwelt erfuhren, war  männliche Homoerotik in jenen Epochen durchaus gesellschaftlich akzeptiert, wenn auch seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert in Rom per Gesetz unter bestimmten Bedingungen unter Geldstrafe gestellt. Der größte Feldherr der Antike, Alexander der Große (356 – 323 v. Chr.), liebte Hephaistion (um 360 – 324/23 v. Chr.) . Und über die Liaison Julius Cäsars (100 – 44 v. Chr.) mit dem bithynischen König Nikomedes IV (bis 74 v. Chr.) wurde zwar  bereits von den Zeitgenossen getratscht, was jedoch über ein gehässiges Spötteln nicht hinausreichte.

Erst ab dem frühen Mittelalter, einhergehend mit der gesellschaftlichen Vormachtstellung der christlichen Kirche, wurde praktizierte Homoerotik als todeswürdiges Verbrechen behandelt.

Nahezu nahtlos wurde die Diffamierung gleichgeschlechtlicher Liebe, insbesondere der männlichen, in der Neuzeit in Form eines Gesetzesparagraphen übernommen. So erschuf das Deutsche Kaiserreich im Jahre 1872 den Paragraphen 175, der den Beischlaf unter Männern mit einer Gefängnisstrafe ahndete. In einer abgemilderten Form war dasselbe Gesetz immerhin bis zum 10. März 1994 in Kraft.

Die moderne Gleichstellung der Geschlechter und die gesellschaftliche Akzeptanz  gleichgeschlechtlicher Lebensformen sind das Resultat  eines politischen Kampfes, den mutige Streiter zu Gunsten einer gerechten,  bunteren und harmonischeren Gemeinschaft ausgefochten haben. Alle Belange der Gleichstellung werden heutzutage unter dem Begriff Genderismus oder Gender-Mainstreaming zusammengefasst.

Allerdings sind menschliches Sexualverhalten und die Geschlechterrollen grundsätzlich Folgen der Biologie des Menschen, und so ist ein Verständnis ihrer Zusammenhänge abhängig von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, explizit der biologischen Forschung.

Daher wehren sich Naturwissenschaftler zunehmend zurecht gegen Trends des modernen Gender-Mainstreamings, die nicht mehr darauf ausgerichtet sind, durch die Gesellschaft begangenes Unrecht zu beseitigen, sondern inzwischen bedauerlicher Weise quasi-religiöse Züge angenommen haben. Es ist für Aktivisten offenbar problematisch, sich das vollständige Erreichen ihrer ursprünglichen Ziele eingestehen zu müssen. In der Folge entbehren Forderungen jeder argumentativen Grundlage und verkommen zu idealisierten Überzeichnungen mit kreationistisch-dogmatischem Charakter.

Aktivistische Organisationen wie LGBT lösen den Menschen aus seiner Biologie und der Systematik des Tierreichs heraus und formulieren Thesen, denen zufolge der Homo sapiens mystische Fähigkeiten besitzen soll. Es wird ihm unterstellt, sein Geschlecht und seine erotischen Präferenzen frei wählen zu können.  Doch genauso wenig wie sich der Hahn durch Willenskraft in eine Henne verwandeln kann, ist es dem Menschen möglich, sich sein Geschlecht selbst zu erschaffen. In der Tat gesteht das Gender-Mainstreaming dem Menschen schöpferische, im Sinne göttlicher Fähigkeiten zu.

Daher überzeugt der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera mit seiner Schlussfolgerung, dass der Genderismus eine moderne Form des Kreationismus sei.

Wie Kutschera in seinem Buch „Das Gender-Paradoxon“ kompetent und mit einer Kaskade naturwissenschaftlicher Argumente darlegt, sind es genetische, hormonelle, anatomische und neurologische Determinanten, die bei H. sapiens sowohl für die Ausprägung der erotischen Präferenzen wie auch für die Ausbildung des biologischen Geschlechts verantwortlich sind.

Längst übt der Genderismus weltliche Macht aus und vermag sich daher effizient gegen begründete Einwände zur Wehr zu setzen, ohne selbst jemals auch nur den Hauch eines Arguments dargelegt zu haben. Wer die Genderismus-Bewegung unter Vorweisung naturwissenschaftlicher Fakten kritisiert, wird isoliert, hämisch der Diskriminierung von Minderheiten beschuldigt oder gar  demonstrativ in das rechtsextremistische politische Umfeld eingeordnet.

Und in der Tat wird eine Genderismus-Kritik beispielsweise gerne in den rechtsextremistischen Kreisen des AfD vorgetragen. Es gilt jedoch stets, dass wenn zwei Menschen mehr oder weniger dasselbe sagen, keineswegs notwendiger Weise dasselbe gemeint ist. Der Rechtsextremismus möchte eine multikulturelle Lebensvielfalt mit allen Mitteln diffamieren und diskreditieren, wozu keine neutralen Argumente vonnöten sind. Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie werden ganz im Gegenteil durch  leicht eingängige und innen hohle Parolen propagiert. Pauschaler Hass benötigt keine aufzuführenden Fakten.

Seriösen Naturwissenschaftlern wie Herrn Kutschera oder mir liegen jedoch Diskriminierungen und Diffamierungen aller Art vollständig fern. So bin ich beispielsweise bekannt dafür, selbst einer der genannten Minderheiten zugehörig zu sein und außerdem ausschließlich der Partei Die Linke eine sozial-gerechte Regierung zuzutrauen.

Ulrich Kutschera ist bekennend heterosexuell, parteilos und Nicht-Wähler. Er betont, dass ihn stets nur Fakten interessierten und belegt diese Aussage auch eindrucksvoll in seinem hervorragend recherchierten Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“.

Kein seriöser Wissenschaftler bezweifelt, dass Frauen dem Mann juristisch gleichgestellt sein müssen. Daraus jedoch zu schlussfolgern, Mann und Frau seien auch biologisch gleich, ist falsch. Kutschera erklärt detailreich, dass der Homo sapiens  einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus aufweist.

Neben den bekannten genetischen, hormonellen und morphologischen Geschlechtsunterschieden wird auch auf die Hypothese der „primären Weiblichkeit des Menschen“ mit dem Mann als sekundärem Geschlecht ausführlich eingegangen. Es geht hierbei beispielsweise um die Existenz der männlichen Brustwarzen, die einer wissenschaftlichen Hypothese aus dem Jahre 2014 zufolge auf einen Entwicklungsweg in der frühen Embryogenese hinweisen, der erst später in die „männliche Linie umprogrammiert“ werde. Genau genommen handelt es sich um das sogenannte SRY-Gen, das im Verlaufe der frühen Embryonalentwicklung aktiviert wird und einen Anstieg des Testosterons zur Folge hat.

Nachweislich zeigen die beiden Geschlechter des Menschen auch unabhängig von einer elterlichen Prägung signifikante geschlechtstypische Verhaltensweisen, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Völlig anders hingegen lautet die Erklärungsweise zur Existenz zweier menschlicher Geschlechter aus der Feder des Genderismus. So äußerst sich beispielsweise die US-Gender- und Sprachforscherin Judith Butler wie folgt zur von ihr postulierten Festlegung des Geschlechtes nach der Geburt: Die Geschlechtsfeststellung durch die Hebamme sei  keineswegs „eine Beschreibung oder bloße Feststellung, sondern zugleich eine Anweisung, ein weibliches Geschlecht zu sein“. Ein Baby ohne Geschlecht wird hernach durch einen Sprechakt einem bestimmten Geschlecht zugewiesen. Butler folgt dabei  in ihrer Denkweise dem Moneyismus, der auf den US-Psychologen und Erziehungswissenschaftler John Money (1921 – 2006) zurück geht. Der vorgebliche Wissenschaftler gelangte zu dem Schluss, dass geschlechtsneutrale Wesen erst ab dem zweiten Lebensjahr über Erziehungsmaßnahmen und kulturelle Einflüsse einem Geschlecht zugeordnet würden und dass davon auszugehen sei, dass der Schöpfergott der Bibel nur ein Hermaphrodit gewesen sein könne.

Ähnliche bizarre Genderismus-Thesen werden auch auf das Erotikverhalten des Menschen übertragen. So sei die erotische Präferenz für ein Geschlecht, beispielsweise das eigene, völlig willkürlich wählbar. Seriöse Forschungsansätze in den letzten hundert Jahren haben jedoch klar dargelegt, dass beispielsweise die homoerotische Veranlagung bei Männern genetisch determiniert ist. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang auf die Forschung an eineiigen Zwillingen durch den Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) verwiesen werden.

Bis heute ist allerdings das Phänomen der Bisexualität bei Männern wissenschaftlich schlecht untersucht, weswegen in seriösen Fachpublikationen Häufigkeit und Vielfalt des Auftretens dieser Erotik-Präferenz aus meiner Sicht eventuell unterschätzt wird. Herr Kutschera verkennt die Vielfalt in der Welt der gleichgeschlechtlichen männlichen Liebe, in der die Bisexualität meiner Erfahrung gemäß eine wichtige Rolle spielt. Es klingt daher diffamierend, die Existenz von Männern, die zunächst Kinder gezeugt haben, sich dann aber ausschließlich oder  vorwiegend der Homophilie widmen, zu leugnen. Fehlende seriöse Publikationen zum Thema weisen nicht hin auf dessen Nicht-Relevanz. Aus meiner Berliner Erfahrung sind homophil veranlagte Männer, die eigene Kinder gezeugt haben, häufig. Dass sie in wissenschaftlichen Studien kaum oder gar nicht auftauchen, liegt daran, dass Betroffene nicht selten ein Doppelleben führen und ihre Homophilie bei wissenschaftlichen Befragungen nie eingestehen würden. Auch bisexuelle Männer folgen, was den Grad ihrer Veranlagung zum einen und zum anderen Geschlecht angeht, vorwiegend einer genetischen Information. Die freie Wählbarkeit der erotischen Vorliebe bleibt ein unbegründetes Märchen.

Das detailierte, dabei aber leicht verständliche Lehrbuch „Das Gender-Paradoxon“ erlaubt vielseitige und kompetent dargestellte Einblicke in die Biologie des Menschen, jedoch auch in die relevante Wissenschaftsgeschichte und legt nachvollziehbar und gut begründet dar, wieso Wissen und Erkenntnis einem religiösen Dogma, das also allein auf Glauben beruht, vorzuziehen ist.

Autoren wie Kutschera, die mit unerbittlichem Engagement und klaren Argumenten gegen den derzeit überall auf der Welt populären spirituell motivierten Mainstream vorgehen, verdienen meinen Respekt. Als ein Verfechter der Wissenschaft befindet man sich heutzutage immer häufiger in einer Höhle des Löwen, so wie einst der italienische Dichter, Priester und Philosoph Giordano Bruno (1548 – 1600), der in einer Zeit des Glaubens trotz der drohenden Hinrichtung  an seinen Erkenntnissen, es gäbe keine Gottessohnschaft Christi und auch kein jüngstes Gericht, festhielt. Zudem beharrte er auf dem Ergebnis seiner astronomischen Beobachtungen und postulierte auch im Angesicht des Todes seine wahre These, dass nicht eine, sondern viele Welten existierten.

 

 

 

 

 

 

Gleichgeschlechtliche erotische Handlungen unter Männern in der Evolutionsgeschichte des Homo sapiens

In einem aktuellen Radiointerview äußerte sich der renommierte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera zu den Themen Kreationismus und Gender-Mainstreaming (Genderismus). Ich unterstütze mit all meinen Kräften den Einsatz Kutscheras und anderer international bekannter Evolutionsbiologen gegen spirituell motivierte, alternative Erklärungsversuche zur Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten. Kirchliche Einrichtungen, Lobby-Verbände und sektenartige Zusammenschlüsse aller Art verfolgen mit der Verbreitung kreationistischen Gedankengutes die Bekämpfung der Aufklärung und Bildung in modernen Gesellschaften. Ziel ist es, das Niveau des Wissens und des Verstehens durch frei erfundene Wundergeschichten vorsätzlich herabzusetzen, um dadurch die Bereitschaft der Bevölkerung zu erhöhen, nicht mehr nach klaren Argumenten zu fragen, sondern unkritisch zu glauben. In der Regel verfolgt der Kreationismus daher Macht- und Wirtschaftsinteressen.

Im genannten Radiointerview äußerte sich Herr Kutschera allerdings auch zu seinem Verständnis zum Thema „Homosexualität“ (Anführungszeichen, weil der Begriff „Sexualität“ zurecht und auch gemäß Kutschera in diesem Zusammenhang biologisch inkorrekte Verwendung findet) bei Männern, und zwar aus der Sicht des Evolutionsbiologen. Von diesen Äußerungen muss ich mich jedoch distanzieren. Dies erscheint mir auch in dieser Schriftform notwendig zu sein, da Herr Kutschera und ich zusammen einen Artikel zum Thema Kreationismus veröffentlicht haben. Ich möchte nicht, dass Außenstehende daraus automatisch schlussfolgern, dass ich auch in anderen Äußerungen mit dem Fachkollegen übereinstimme.

Im Interview wird der Eindruck vermittelt, gleichgeschlechtliche erotische Neigungen („Homosexualität“) bei Männern seien ein äußerst seltenes Phänomen, das als eine Art zufälliger Fehlkonstruktion zu interpretieren sei. Aus den Erläuterungen geht ferner hervor, homophil veranlagte Männer seien grundsätzlich nicht befähigt zum sexuellen Akt mit einer Frau. Konsequenterweise seien sie also grundsätzlich nicht in der Lage, sich fortzupflanzen. Ein biologischer Nutzen homophiler Männer in menschlichen Gesellschaften wird daher bestritten. Als Beispiel wird die Biographie Tschaikowskis angeführt. Dieser habe zeitlebens vergeblich versucht, sich die Homosexualität abzugewöhnen. Obgleich er verheiratet gewesen sei mit einer deutlich jüngeren und vorgeblich attraktiven Frau, sei es ihm nicht gelungen, über seinen homophilen Schatten zu springen und die Gattin sexuell begehren zu können. Es wird der Eindruck vermittelt, diese Tragik veranschauliche das Dilemma aller homophil veranlagten Männer.

Alle diese Äußerungen weise ich vollständig als falsch zurück. Sowohl die Literatur, die Geschichtsbücher wie auch die alltägliche Wahrnehmung zeichnen nämlich ein völlig anderes Bild. So scheint mir der homoerotische Drang integraler Bestandteil männlichen Erotikverhaltens zu sein. Ich gehe davon aus, dass „Bisexualität“ den Normalzustand menschlicher Männer charakterisiert. Das Merkmal scheint dabei einer genetischen Variabilität zu unterliegen, an deren Randbereichen es selten auch zu vollständig „hetero-“ orientierten und vollständig „homo-“ orientierten Individuen kommt. Diese sind daher beide als Minderheiten zu interpretieren.

Der homophile Anteil im normalen männlichen Erotikverhalten ist durch Evolution entstanden. Merkmale, die durch Evolution hervorgebracht wurden, konnten sich nur deswegen in einer Population derselben Art etablieren, weil ein Selektionsdruck sie dauerhaft erhalten hat. Ein Merkmal erhält sich also, weil es einer Art in der Umgebung, in der sie lebt, Vorteile verschafft. Auch verhaltensbiologische Merkmale, denen erotische Handlungen zuzuordnen sind, unterliegen diesem Prinzip. Daher muss auch homoerotisches Verhalten unter Männern für frühe Hominiden-Gesellschaften vorteilhaft gewesen sein, sofern man nicht im Kutschera’schen Sinne von Missbildungen ausgeht. Welche Vorteile das gewesen sein mögen, ist noch zu erforschen.

Eine mögliche Hypothese könnte sein, dass erotische Handlungen unter Männern Spannungen in männlichen Gemeinschaften auf friedliche Weise abbauen konnten. Denn auch den Lehren Kutscheras zufolge ist davon auszugehen, dass in frühen Hominiden-Gesellschaften Männer- und Frauengruppen häufig voneinander getrennt waren.

Da durch Aggression in den Männergruppen hervorgerufene Gewaltakte mit Verletzungen und womöglich sogar dem Tod mancher Individuen einhergegangen wären, hätte dies die Fitness dieser Gruppe und somit auch der gesamten Population gefährdet. Friedliche Aggressionsbewältigung erhielt hingegen diese Fitness. Daher könnte in diesem Zusammenhang die Erklärung für die Entstehung homorerotischer Aktivität unter Männern zu finden sein. Zumindest ist dieser Zusammenhang aus der Forschung an Menschenaffen bekannt, und zwar genauer: Das Phänomen ist bei Bonobos in diesem Sinne interpretiert worden, betrifft dort allerdings Akte unter Weibchen und ist daher eventuell eher als ein analoges Szenario zu betrachten denn als besonderes Verwandtschaftsargument.

In der Evolutionsbiologie muss man sich übrigens gleich zwei Fragen stellen, wenn es um Erklärungsansätze für die Entstehung von Merkmalen gehen soll: Unter welchen Bedingungen konnte sich das Merkmal etablieren? Und warum hat es sich auch bei veränderten Bedingungen weiterhin erhalten? Diese zweite Frage lässt sich speziell für die Evolutionsgeschichte des Menschen oft nur schwer beantworten. Dies betrifft aber zahlreiche menschliche Eigenschaften (= Merkmale), so zum Beispiel den aufrechten Gang.

Doch zurück zu meiner These der Ausprägung eines Merkmals, hier der Homoerotik unter Männern, in Form einer sogenannten genetischen Variabilität. Laien mag dieser Ausdruck ebenso befremdlich erscheinen wie die Kutschera-These einer Missbildung oder eines Konstruktionsfehlers. In der Tat jedoch sind beide Erklärungsansätze in der Evolutionsbiologie völlig legitim. Denn Zwei- oder Vielgestaltigkeit eines Merkmals in derselben Population einer Art kann über das gesamte Tierreich hinweg grob nur auf drei Weisen erklärt werden. Zwei davon wurden schon genannt. Tritt ein Merkmal in vielfältigen Ausprägungen auf, die sich graduell in allen Zwischenformen voneinander unterscheiden, spricht man von genetischer Variabilität. Erscheint ein Merkmal hingegen in zwei oder mehreren Ausprägungen, die sich distinkt, also ohne Zwischenstufen, voneinander unterscheiden, bezeichnet der Evolutionsbiologe das Phänomen als Dimorphismus oder Polymorphismus. Ist eine bestimmte Ausprägung eines Merkmals, es können auch mehrere Erscheinungsformen dieses Merkmals sein, signifikant deutlich seltener als eine andere Ausprägung auf, die dann den Standard repräsentiert, birgt sie zudem offensichtliche Fitness-Nachteile für die betroffenen Individuen, muss die begründete Vermutung einer Missbildung (oder mehrerer Missbildungen = Konstruktionsfehler)) überprüft werden.

Meiner Hypothese zufolge ist das Beispiel der Tschaikowsky-Biographie alles andere als eindeutig. Da Tschaikowsky offenbar an dem Versuch scheiterte, eine bestimmte Frau sexuell begehren zu können, darf nicht ausgeschlossen werden, dass ihm Selbiges mit einer anderen Frau womöglich gelungen wäre. Er kann aber auch zu jener Minderheit gehört haben, die tatsächlich ausschließlich zur homophilen Erotik befähigt ist.

Der von mir verwendete Begriff der Variabilität darf nicht missverstanden werden. Es handelt sich nämlich um einen Fachterminus, den ich hier ausschließlich gemäß der oben benannten Definition verwende. Mit Variabilität ist ausdrücklich nicht gemeint, dass dasselbe Individuum beliebig variieren kann, welche erotischen Neigungen es pflegt. Dies entspräche lediglich dem Wunschgedanken der Genderismus-Anhänger, für den es jedoch keine Belege gibt und den ich daher negieren muss. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich dem Individuum Lern- und Erfahrungsprozesse absprechen möchte, die dazu führen können, seine erotischen Praktiken im Rahmen seiner genetisch festgelegten Veranlagung im Verlaufe eines Lebens ausreifen zu lassen.

Auch in anderem Zusammenhang kollidiert eine wissenschaftliche Herangehensweise übrigens mit den Thesen der Genderismus-Bewegung: Da es als mit höchster Wahrscheinlichkeit erwiesen gilt, dass frühe Hominiden-Gesellschaften aus häufig oder sogar weitgehend voneinander getrennten Männer- und Frauengruppen bestanden haben, müssen auch die Phänomene weibliche Homoerotik und männliche Homoerotik voneinander unterschieden werden. Es handelt sich um zwei verschiedene Phänomene, die in unterschiedlichen Kontexten entstanden sind. Hierin stimme ich mit den Thesen Kutscheras wieder überein.

Political Correctness und wissenschaftlich fundierte Thesen lassen sich nun einmal oft nicht miteinander vereinbaren. Dies beinhaltet jedoch keine moralische Bewertung der Vielfalt von Verhaltensformen in menschlichen Gesellschaften, die ich selbstverständlich alle gleichermaßen toleriere und respektiere.

Zahlreiche Hinweise aus unterschiedlichen Kulturkreisen heutiger Zeit unterstützen im Übrigen meine These, dass „Bisexualität“ den Normalzustand männlichen Erotikverhaltens darstellt. Auf nur einen davon möchte ich jedoch hiermit näher eingehen.  In zahlreichen modernen Kulturen ist männliche Homoerotik, meist nicht weibliche Homoerotik, unter drakonische Strafen gestellt. Es wird offenbar befürchtet, dass erotische Spiele unter Männern so stark ausufern können, dass diese nicht mehr die Zeit finden, ihren gesellschaftlichen und biologischen Aufgaben nachzugehen. Solche Befürchtungen wären jedoch redundant, ginge man in diesen Kulturkreisen davon aus, dass von jener Form der erotischen Versuchung lediglich eine vernachlässigbar kleine Minderheit betroffen sei.

Solche gesetzlichen Kontrollen männlicher Homoerotik lassen sogar sich bis in die Antike verfolgen. So argwöhnte Kaiser Augustus in Zeiten seiner späteren Regentschaft – sicherlich zu Unrecht – , dass die bis dahin erstaunlich frei und offen gelebte erotische Vielfalt römischer Bürger deren biologischen Fortbestand gefährden könnte. Daher führte er eine Heiratspflicht für Männer über 25 ein und verordnete zudem, dass jede Ehe drei Kinder zustande bringen musste.

Abschließend ist mir in diesem Artikel nur noch wichtig zu betonen, dass biologisches Vokabular im richtigen Zusammenhang verwendet werden muss. Das Gender-Mainstreaming, das vorgibt, ein eigener Wissenschaftszweig zu sein, verfügt nicht über das Recht, klar festgelegte Fachbegriffe aus den Naturwissenschaften umzudefinieren.

Die Bedeutung des Begriffes der Sexualität definiert und erläutert Herr Kutschera sehr ausführlich. Zwar bin ich der Ansicht, dass die Umgangssprache schon immer dazu neigte, Begrifflichkeiten zu lockern und zu vereinfachen. Jedoch halte ich es für wichtig, in der offiziellen Sprache ein korrektes Vokabular zu verwenden. Hierin stimme ich mit Herrn Kutschera und anderen Biologen völlig überein.

Schulbücher aus dem Dunstkreis des Genderismus, die Schüler lehren, das Geschlecht sowie erotische Neigungen seien nicht Ergebnis biologischer, sondern ausschliesslich gesellschaftlicher Phänomene, lehne ich genauso wie andere Kollegen ausdrücklich ab. diese tückische Form eines modernen Kreationismus darf nicht Einzug in unser Bildungssystem halten!