Eine Zukunft, in der künstliche Intelligenz menschliche Arbeitskräfte ablösen wird

von wirthstef

 

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Symbolbild, Copyrights Stefan F. Wirth

 

Wir befinden uns in der fernen Zukunft, etwa im Jahre 2150. Eine ökologische Katastrophe, hervorgerufen durch mangelndes Umweltbewusstsein des Menschen, hat die vollständige Schmelzung der Polkappen herbeigeführt und einen weltweiten Klimawandel ausgelöst. Manhattan liegt unter Wasser, nur die obersten Etagen einstmaliger Wolkenkratzer ragen noch über die Fluten hinaus. Auch der Alltag der Menschheit hat sich drastisch verändert. So genannte Mechas sind eine ernsthafte Konkurrenz für Menschen aus Fleisch und Blut geworden. Die Roboter-Technologie ist so weit voran geschritten, dass Roboter der Zukunft nicht nur menschenartig aussehen, sondern auch selbstständig denken können. Sie sind zu Individuen geworden, die individuelle Ziele verfolgen können und auch hinsichtlich ihrer physischen Leistungsfähigkeit dem Menschen ebenbürtig sind.

Der Prototyp eines Unternehmens namens Cybertronics ist ein kleiner Junge, David, der dazu erschaffen wurde, kinderlosen Ehepaaren als Kind-Ersatz zu dienen (https://www.youtube.com/watch?v=2WlcL_6sa9M). David unterscheidet sich dabei optisch nicht von einem biologischen Menschenkind im Alter von etwa elf Jahren. Steven Spielberg erzählt in seinem visionären filmischen Meisterwerk aus dem Jahre 2001 im Grunde eine alte Geschichte. Carlo Collodis Pinocchio-Erzählung aus dem Jahre 1881 hat lediglich ein neues Gewand erhalten (https://www.youtube.com/watch?v=_19pRsZRiz4). In Spielbergs Zukunftsvision ist es nun nicht mehr eine Holzpuppe mit Bewusstsein, getrieben von der tiefen Sehnsucht, einmal ein richtiger Mensch aus Fleisch und Blut zu werden, sondern ein Mensch-gleicher Roboter, der sich auf die Suche nach der blauen Fee begibt, um von ihr in ein echtes Kind verwandelt zu werden. Obgleich sich das Bemühen um echte Menschlichkeit durch eine Hightech-Puppe im Film nur teilweise erfüllt, dem Zuschauer also vor Augen geführt wird, dass Sehnsucht oft Selbstzweck ist, aber auch dass  alle noch so ausgefeilte Hochtechnologie niemals imstande sein wird, einen biologischen Organismus zu erschaffen, bleibt doch die Frage nach der möglichen Wahrhaftigkeit einer solchen Zukunftsvision mit Robotern und echten Menschen im Konkurrenzkampf um einen Platz inmitten menschlicher Gemeinschaften bestehen.

Die Roboter-Technologie ist bereits in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts erstaunlich weit entwickelt. Folgerichtig wird zunehmend durch allerlei Medien die Frage aufgeworfen, inwieweit der Mensch seine eigenen Geschöpfe in Zukunft einmal als Konkurrenten fürchten muss. Philosophische Zukunftsmusik?

Keineswegs. So hat ein internationales Forschungsprojekt in Kooperation mit der Shadow Robot Company in London bereits 2013 der Weltöffentlichkeit die reelle Version eines „One Million Dollar Man“ präsentiert, namentlich eine Reminiszenz an die Fernsehserie „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“ aus den 1970-er Jahren. In der bekannten TV-Serie wird ein Astronaut durch einen Flugzeugabsturz so schwer verletzt, dass nur das Anbringen bionischer Körperteile (Beine, ein Arm, ein Auge) das Überleben ermöglichen kann.

Rex (Kurzform für „robotic exoskeletons“), der eine Million Dollar (?) schwere Roboter, ist weiter fortgeschritten, als man sich in den 1979-ern nur vorstellen konnte. Er verfügt über eine Gliedmaßen-Anatomie, die bis ins Detail der des realen Menschen nachempfunden ist. Laufen allerdings kann er aufgrund seiner fragilen Konstruktion nur mittels einer mechanischen Stütz-Apparatur (https://www.youtube.com/watch?v=V9scEFSIlwI&index=11&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). Doch damit nicht genug. Er ist zudem dazu in der Lage, visuelle Reize in elektronische Impulse zu verwandeln und imitiert somit die Funktionsweise eines tierischen Nervensystems.

Auch ein funktionierendes Herz-Kreislauf-System nennt die Hightech-Kreatur ihr Eigen (https://www.youtube.com/watch?v=2B7Iu15NPDM&index=9&list=PLmC1FR_SSuY8zPeLJ3x3K6BgP61kuwJB5). An der Herstellung weiterer künstlicher Organsysteme, wie Harnblase, Bauchspeicheldrüse oder Lunge wird derzeit hingegen noch geforscht.

Wohin sollen diese Innovationen führen, wirklich alles nur teure Spielerei? Nein, denn die bionische Forschung verfolgt natürlich sehr konkrete und angewandte Ziele. Es geht um die Herstellung möglichst lebensechter Prothesen. Obwohl die Transplantation eines bionischen Gesichts noch blanke Science Fiction ist, arbeiten zahlreiche Unternehmen weltweit an der Entwicklung künstlicher Gesichtszüge, die menschliche Mimik imitieren sollen. Zugegeben, die aktuellen Ergebnisse lassen nur schwer erahnen, dass in ferner Zukunft vielleicht tatsächlich ein vollkommen menschlich aussehender David  erzeugt werden kann. Dennoch beeindruckt die Vielfalt künstlicher Persönlichkeiten mit humanoidem Antlitz schon heute.

Seit Jahren ist Japan in diesem Forschungssegment ein internationaler Vorreiter. Die Hiroshi Ishiguro Laboratories betreiben mehrere Forschungsgruppen, die sich mit verschiedenen Aspekten der Mensch-Robotor-Interaktion befassen. Neben einer möglichst menschenähnlichen Erscheinung der Androiden gehört hierzu natürlich auch die Fähigkeit, Sprache zu verstehen und passend dazu eine realistische mimische Reaktion zu erzeugen. Generell sollte ein intelligenter künstlicher Gesprächspartner darüber hinaus natürlich auch dazu in der Lage sein, verschiedene Geräusche im dreidimensionalen Raum voneinander trennen und richtig interpretieren zu können, eine Forschungsrichtung, mit der sich die sogenannte SI-group (sound environment intelligence) unter der Leitung von Carlos T. Ishi auseinandersetzt.

Wer aus Metall, Kunststoffen und Mikrochips die Imitation eines menschlichen Gesprächspartners erschaffen will, tut gut daran, sich an einem konkreten Vorbild zu orientieren, um tatsächlich zu individuellen Gesichtszügen des Roboters zu gelangen. So ist beispielsweise der Geminoid HI-2 der Forschergruppe aus Japan eine Nachbildung der realen Person des Teamleiters der Geminoid Research Group, Hiroshi Ishiguro (https://www.youtube.com/watch?v=WijMCSfX0RA).

Bisher wurde jedoch nur ein Aspekt der Spielberg’schen Vision aus dem Jahre 2001 hinsichtlich der Umsetzbarkeit bis heute beleuchtet, nämlich die äußere Erscheinung eines Androiden mit möglichst menschlichen Gesichtszügen und der Fähigkeit, die menschliche Fortbewegungsweise zu imitieren. Doch Roboter benötigen keineswegs eine Menschengestalt, um effizient und flexible Arbeit intelligent koordinieren und verrichten zu können. Je nach Aufgabenbereich, in dem die künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen soll, kann sogar auf die Fähigkeit zu laufen ganz verzichtet werden. Soll die Maschine hingegen menschlichen Fähigkeiten von vornherein hoch überlegen sein, so empfiehlt sich eine neuartige Fortbewegungsart, die umsetzen kann, wozu kein Mensch in der Lage ist. So sind die Roboter Case and Tars aus dem Spielfilm Interstellar aus dem Jahr 2014 wahre Formwandler, eine Fiktion, die der Erforschung extraterrestrischer Lebensräume sicher sehr förderlich wäre, die im Zuge der Verfilmung jedoch damit auskommen musste, durch Puppenspieler in Gang gebracht zu werden (http://www.moviepilot.de/news/interstellar-roboter-wurden-von-puppenspieler-gesteuert-146906).

Auf innovative Fortbewegungs-Technologien von selbstständig agierenden Robotern setzt das US-Unternehmen Boston Dynamics. Beeindruckende Videoaufnahmen zeigen beispielsweise Roboter der Atlas-Reihe beim Spaziergang im Wald (https://www.youtube.com/watch?v=rVlhMGQgDkY) oder Cheetah, den Roboter, der weltweit am schnellsten auf vier Beinen laufen kann (https://www.youtube.com/watch?v=chPanW0QWhA). Nicht Mensch und nicht Gepard waren hier alleinige Vorbilder, und doch sind die Bewegungsabläufe dieser Modelle eindeutig der tierischen Natur entlehnt. Anders der beeindruckende „Sandfloh“, der auf vier Rädern rollt, jedoch durch eine besondere Sprungmechanik unbeschadet ein Hausdach erreichen kann, um dort seinen Weg fortzusetzen (https://www.youtube.com/watch?v=6b4ZZQkcNEo).

Die Einsatzmöglichkeiten dieser intelligenten Maschinen sind vielfältig. Sie reichen von militärischen Aufgaben über die Erkundung schwer zugänglicher Lebensräume (wie beispielsweise der Tiefsee) bis hin zur Assistenz bei medizinischen Operationen am Menschen. Doch auch in der Vermittlung von Werbe-Informationen sollen Roboter künftig Einsatz finden, sind sie doch weit geduldiger und ausdauernder als menschliche Promoter. Spezialisiert hierauf hat sich das russische Unternehmen Promobot aus Perm in Russland, das besondere mediale Aufmerksamkeit erreichte, als eines seiner elektronischen Kreationen im Juni 2016 unerlaubt das Firmengelände verließ und auf der Straße einen Verkehrsstau erzeugte, weil dem neugierigen kleinen Kerl, der auszog, um die Welt zu erkunden, ausgerechnet dort der Strom ausgegangen war (https://www.youtube.com/watch?v=zmzG7kv8DGA).

Deutlich ernster zu nehmen ist natürlich die reale Aussicht, dass Roboter aller Art schon in naher Zukunft Tätigkeiten übernehmen werden, die heute noch Arbeitsplätze für menschliche Kräfte sind. Befasst hat sich mit dieser für manche Leser sicherlich düsteren Thematik beispielsweise die Zeitschrift Der Spiegel in ihrer Ausgabe vom 3.9.2016. Neben Beispielen für Roboter-Einsätze, die schon jetzt vormals menschliche Arbeitskräfte ersetzen, vermittelt die Zeitschrift einen Eindruck davon, welche Berufe in Zukunft ganz besonders von einer maschinellen Automatisierung in Gestalt Computer betriebener Arbeiter betroffen sein können. Als Quelle diente dabei eine Statistik der international agierenden US-Unternehmensberatung A. T. Kearney, derzufolge vor allem in klassischen Arbeiterberufen eine große Wahrscheinlichkeit besteht, dass Menschen durch leistungsfähigere und zugleich billigere Roboter ersetzt werden. In den drei oberen Positionen im Ranking um die meist gefährdeten Tätigkeitsbereiche stehen demnach Büro- und Sekretariatskräfte, gefolgt von Verkäufern und dem Gasronomieservice. Ungleich resistenter gegen eine Verdrängung durch elektronische Arbeitskräfte sind jene Berufe, die eine besondere Komplexität an Handlungsweisen verlangen. Dazu gehören beispielsweise Kinderbetreuung, Kfz-Technik, Sozialarbeit, Altenpflege und Hochschullehre, bzw. -forschung.

Aus meiner Sicht kann solchen Prognosen gerade in Deutschland nur entgegengewirkt werden, indem Regierung und Bildungsministerien das Bildungssystem drastisch umstrukturieren. Mehr Bildung ist erforderlich einhergehend mit nicht immer kürzeren, sondern deutlich längeren Schulzeiten. Bislang geht die Rechnung in Deutschland gut auf, nach dem erweiterten Hauptschulabschluss eine handfeste Arbeiterlehre zu absolvieren, um hernach als Sekretär, Postzusteller, Restaurant-Servicekraft oder Buchhalter ein gutes Auskommen zu finden, das nicht selten zu Gehältern führt, von denen manch ein akademischer Forscher nur träumen kann. Oft wird sogar bestraft, wer nach 13 Jahren Abitur ein naturwissenschaftliches Hochschulstudium absolviert, anschließend promoviert und danach als Forscher mit gelegentlichen Stipendien, Lehraufträgen und befristeten Anstellungen als Überlebenskünstler sein Dasein fristen muss. Der schnellste Weg zum eigenen Gehalt ist in vielen Augen auch heute noch der beste Weg. Und das muss sich dringend ändern. Denn kein Sozialsystem der Welt wird imstande sein, große Teile der Bevölkerung, die in Folge voranschreitender Automatisierungsprozesse im mittleren Alter aus ihren Berufen scheiden, effizient zu unterstützen und zu reintegrieren.

Copyrights für Text und Titelfoto: Stefan F. Wirth November 2016

 

 

 

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